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1. Beilage }im Wiesbadener Tagblatt.

N-. ISS. M-rsk--A«»r»I>r. S<mut°g. do, 27. Aprils_ SO. Iahrs»»g. 1902.

halb confectionirt.

Entzückende Neuheit!

Das ift der herrlichste Accord,

Den Menschenohr versteht,

Wenn sich in einem kleinen Wort Ein großes Herz verräth.

Ludwig Fulda.

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(43. Fortsetzung.)

Der Marschallstab.

Roman von Walther Schulte vom Mrühk.

„Das ist wieder einmal so eine von Deinen ver­schrobenen Ideen", sagte der Kaufmann mit einiger Miß­billigung. „Ich wundre mich wirklich, daß Du immer noch so leicht Käufer findest."

„Ich sage Mr, es war eine schwierige Sache, diese kleinen Figürchen in die Landschaft hineinzubringen. Sie stellten sich gar zu dumm an. Besonders Er sträubte sich sehr dagegen und erst, als ich ihm seinen kaffee­braunen und irachher seinen schweinfurter-grünen Rock auszog und ihm einen lichtbraunen Frack zu dem gelb- lichen Kleid der Schönen verlieh, war ihr Glück gemacht. Ach glaube kaum, daß cs im Leben so schwer ist, zwei ordentlich zusammen zu bringen, als auf der Leinwand."

„Wie soll ich das wieder verstehen?" fragte Herr Neuenhaus. „Dahinter steckt etwas."

„Erinnerst Du Dich noch, was Du mir damals von Hans und seiner Cousine erzähltest, als wir von der be­rühmten Jagdpartie heimdampften?"

„Freilich, freilich! Ich hoffe, daß aus den Beiden etwas wird. Es hat gerade so allen Anschein."

„Wenn man hier nicht ein bischen den Mephistopheles m der Westentasche spielt oder den berühmten Pipifax den Kleinen, ist Alles fraglich. Das Mädel ist ganz wie auf meinem Bild, willig und gut, ihm aber muß man, glaub' ich, erst einen veilchenfarbenen Frack anziehen und eine rosarothe Brille aufsetzen. Diese Jünglinge vom Lande sind oft schwierig."

„Es wäre den Beiden zu wünschen und dem alten Kaltenbach gleichfalls. — Mr könnt's unter Umständen auch recht gut in den Kram Passen", sagte Neuenhaus sinnend, dann aber kurz: „Ach was, von solchen Dingen lall man die Hände lassen, das muß sich von selbst fügen. Alles, was auch nur entfernt an Kuppelei erinnert, ist einfach scheußlich."

„Oho", ries Fest;, „wenn es mir aber einmal Spaß machte, ein lebendes Bild: „Brautpaar im Grünen" zu komponiren, so soll mich nichts daran hindern. Ich stelle mir so etwas sehr interessant vor. Und wenn man gleich- zeitig noch ein gutes Werk thäte! Die Kleine hat Feuer gefangen, das sieht ja Jeder. Sie thut mir ordentlich leid mit ihrem heimlichen Schmachten. Könnte nun diesem Hans wohl etwas Besseres widerfahren, als eine solche Braut zu finden?"

„Latz' die Sache geh'n, wie sie geht", mahnte der Nie.

Aber als am nächsten Tage der geplante Waldaus- ilug stattfand, wußte es Felix so einzurichten, daß seine Eltern mit dem Mädchen eine Strecke vorauf gingen, mährend er mit Hans etwas zurückblieb. Und nun nahm der Maler, ganz°wie unabsichtlich, die Gelegenheit wahr.

den Einjährigen über seine Stellung zu der Cousine aus­zufragen. Als Hans im Laufe der Unterhaltung ziem­lich gleichmüthig erklärte, Elsbeth sei ein ganz gutes Mädchen und er sei ihr wohl gewogen, meinte der Andre vorwurfsvoll: „Und das sagen Sie so gelassen, als wenn man von den guten Eigenschaften einer Cigarre redete?"

„Ja, warum soll ich mich denn gleich begeistern?"

„Weil Ihre Cousine in jeder Hinsicht ein allerliebster und begehrenswerther kleiner Käfer ist."

„Kleiner Käfer ist gut! — Sie hat meines Erachtens Anlagen zur Fülle — und so außerordentlich hübsch ist sie doch gerade auch nicht. Ich finde Ihre blonden Augenwimpern beispielsweise gar nicht nett."

„Na, Sie sind wirklich naiv, mein Bester. Nichts ist doch schöner in der Natur, als eine behagliche Fülle, die sich durch entsprechende Hülfsmittel der Civilisation plastisch und schön gestalten läßt. Und was die harm­losen blonden Augenwimpern anbelangt, so lassen sich diese leicht schwarz färben. Wenn's weiter Nichts ist! Sie scheinen überhaupt keine Ahnung davon zu haben, daß Sic das Glück fast in der Hand halten. Muß Ihnen denn das ein guter Freund in die Ohren schreien?"

„Wie meinen Sie das?" fragte Hans unsicher.

„Stellen Sie sich doch nicht so unbefangen. Sie brauchen ja nur „papp" zu sagen, dann fällt Ihnen die Kleine glückselig um den Hals in all ihrer frischen Jugend und Schönheit, und mit Ihrem Gelde dazu —, denn reich ist sie doch gewiß auch."

„Allerdings, das ist sie. Aber ich glaube, sie ist auch ziemlich oberflächlich!"

„Himmeldonnerwetter! Verlangen Sie von einer Frau denn gleich ein Meer von Geistestiefe? Sie sind sehr anspruchsvoll, mein Lieber, haben ein marmorkaltes Herz und einen abwägenden Verstand."

Hans blickte sinnend vor sich hin, als hätten die Gras- hälmchen auf dem Waldweg Interesse für ihn gewonnen. „Glauben Sie denn wirklich, daß mich Else so recht innig lieb hat?" fragte er nach einer Weile. „Daß sie es gut mit mir meint, das weiß ich ja längst, aber damit allein ist nichts gethan."

„Ich rede gar nichts mehr mit Ihnen", entgegnete Felix. „Man merkt kaum, daß sie bald dreimal sieben alt werden."

„Ach, lassen Sie mich", rief Hans, als wollte er sich aus einem Gespinnst von Gefühlen und Gedanken frei machen. „Es kann ja sein, daß Else eine gute Frau für mich abgeben würde. Aber wie sollte ich schon an eine Heirath denken? Mein Vater hat allerdings diesen Fall im Auge gehabt."

Felir sah ihm mit großem Ernste ins Gesicht. „Mensch, Kaufmann, Einjähriger!" sagte er feierlich. „Wenn Sie diesen Anschluß verpassen, dann wären Sie werth, daß man Ihnen einen Mühlstein an den Hals hinge und Sie in den Rhein versenkte, wo er am tiefsten, oder daß man Sie. um iuristisch zu reden, an Ihrem eigenen Hals aufhenkte, bis Sie todt wären."

„Sie wissen nicht, was Alles in mir durcheinander wirrt, Vergangenes und Gegenwärtiges, Gutes und Böses. Es ist mir fast wie ein Rausch", sagte Hans und dann lachte er laut auf. — „Aber es ist ja Alles nur ein schlechter Witz von Ihnen!"

„Nein", entgegnete Felix, „mit solchen Dingen spottet meines Vaters' einziger Sohn nicht, sonst wäre ich ja

selbst jenes Mühlsteins werth. Neberlegen Sie- prüfen

Sie. Ich bin es Ihnen als Freund am Ende schuldig, daß ich Sie mit der Nase auf ein Glück stoße, andern Sie wie ein as, adamas oder dephas achtlos vorüber- zulanfen im Stande wären."

Hans blickte ihn zweifelnd an, ÄS wenn er Im nicht traue, darauf meinte er: „Es ist mögluh,daß Sre Recht haben. Sie find älter als ich, und dann ist nur Elsbeth auch immer nur als Coufine erschiene. Na, vielleicht denke ich mal näher über die Sache nach, der neben Aren allerdings augenfällig praktischen Seiten ja vielleicht

auch eine ideale abzugewinnen ist." , _

„Sorgen Sie vor Allem, daß Ihnen kein PraLirep zuvorkommt, Verehrtester", mahnte Felix.

Später fand er Gelegenheit, mit Elsbeth em Stuck- chen Weges allein zu wandern. Sie fragte ihn nach seinem neuesten Bild, llnd nun erzählte er auch ihr ist humoristischer Weise, wie schwer es ihm geworden sei. das Liebespaar zusammen zu bringen. Der ginge Mann sei etwas schüchtern und unentschlossen gewesen, trotzdem die junge Dame ihn sehr gerne gehabt habe. Da wurde wohl niemals der kleine Flügelgott mit dem bekannten Pfeil und Bogen gesiegt haben, wenn die Dame außer ihrem liebenden Herzen nicht auch em kluges Köpfchen gehabt hätte und dem unentschlossenen Seladon m aller Zartheit so weit entgegengekommen wäre, daß er semem Glück nicht mehr entrinnen konnte. ^

Elsbeth hörte sich diese rührende Geschichte mit großem Nutzen an und blickte öfter beklommen von der Seite nach dem Gesicht des Malers, als wolle sie er­forschen, ob er irgend welche Absicht mit seinen Worten verknüpfe. Er schaute jedoch ganz arglos drem.

Beim Nachhauseweg ging die Familie Neuenhaus nt einiger Entfernung hinter Hans und seiner Cousine hew Die Unifonn des jungen Mannes und das Helle Kleid des Mädchens hoben sich wirkungsvoll von dem Dunkel

des Waldes ab. . . >

Felix hielt seinen Vater am Arm zuruck und sagte. „Wenn ich nun einen Scherz machen wollte, Alterchen^ dann würde ich Dir empfehlen. Dich zu bucken und nach Art verzückter Naturschwärmer die Gegend vor uns durch die gebogenen Kniee zu betrachten, welche Umrahmung bekanntlich den Reiz des Bildes erhoben soll. Durch,dm hohle Hand aber könntest Tu doch mal schauen, das giebt auch schon einen bildmäßigen Abschluß." .

„Junge, hast Du doch was angezettelt?" rref der

Kaufmann. . . , , .

Ist mir gar nicht eingefallen, entgegnete der Maler. „Ich habe mir nur die Linien zu meinem leben­den Bilde etwas besser komvonirt. Die Sache hat nun schon mehr Chic und es muß sich doch jeder, Mensch von Geschmack inid Bildung freuen, wie nett die figürchen auf dem hoffnungsvollen Grün des Hintergrundes stehen. Ich glaube fast, dies wird ,neui bestes Gemälde,

das ich je gemacht habe." ,

Am gleichen Abend sandte Felix eiiie Postkarte an Herrn Kaltenbach. Er schrieb, daß er sich emes alten Weidenbaumes in der Wiese hinter der Kaltenbach scheu Besitzung erinnere, den er jetzt sehr gut m, einem Bilde verwerthen könne. Er würde deshalb am nächstfolgenden Tage hinüberkommen, um schnell eine Studie danach zu malen, und lade sich, vorausgesetzt, daß keine Umstande gemacht würden, zum Mittagessen em. — (Forti, folgt.)

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