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Viksbsöew Tsgblck.

so. Jahrgang.

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5| 0 , 194« Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Samstag, den 26. April.

Verlags-Fernsprecher No. 2266.

1902 .

——■M—

Abend-Ausgabe.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 25. April.

Präsident Graf Ballestrem theilt den Eingang eines Telegramms mit, in welchem der Großherzog von Baden seinen Dank für die Beglückwünschung zu seinem Jubiläum in herz­licher Weise ausgesprochen habe. Tagesordnung: dritte Lesung der Seemanns-Ordnung. In der Generaldebatte führt Abg. Frecse (freis. Ver.) aus: Wenn auch die kleinen Rhedereien mit diesem Gesetz schwer zu kämpfen haben würden, so sei doch nicht zu verkennen, daß durch dasselbe außerordentlich viel Gutes für die Seeleute geschaffen werde. Disziplin müsse auf jedem Schiffe herrschen. Ohne dieselbe könne der Kapitän nicht seines Amtes in der gehörigen Weise walten und ohne dieselbe steigere sich die Gefahr für Schiff und Mannschafr. Redner geht hieraus auf die in den letzten 10 Jahren vorgekommencn großen Schiffsunglücke ein, so auf den Untergang der „Elbe", auf den Brand in Hoboken. In. den letzten Jahren seien große Anstrengungen gemacht worden, um die Sicherheit auf den Schiffen zu verstärken. Auf den neuesten Schiffen seien bis zu 22 Schotten angebracht. Der Kapitän könne von seinem Navigationszimmer aus im Augenblick der Gefahr, bei Nebel, bei Befürchtung einer Kollision mit einem einzigen Druck den Befehl zum Schließen der Schotten geben. Die Schließung er­folge in wenigen Sekunden. Dadurch könne großer Gefahr starrer vorgebeugt werden. Wenn Schiffe verschollen seien, so dürfe man nicht so ohne Weiteres, wie dies Seitens der socialdemo­kratischen Redner geschehen sei, auf Fahrlässigkeit schließen. Was die Schiffsladelinic anlange, so könne man nicht nach dem Schema IT. eine beliebige Schiffsladelinie geben. Redner hofft schließlich auf ein Zustandekommen dieses Gesetzes, das jedenfalls viele Verbesserungen bestehender Zustände enthalte. — Abg, Metzger (Soc.) bedauert, daß in der zweiten Lesung sämmt- liche wichtigen Anträge seiner Partei zur Verbesserung der Lage der Seeleute abgelehnt worden seien. Von der Gestaltung der Vorlage in dritter Lesung werde es abhängen, ob seine Fraktion ihr zustimme oder alle Mittel der Geschäftsordnung anwenden würde, um sie zum Fall zu bringen. — Kontreadmiral Schmidt erläutert den Begriff des Seeklarmachens. Ferner hält er seine Behauptung aufrecht, daß es hinsichtlich der See­tüchtigkeit des Schiffes nicht auf das Alter an und für sich an­komme. Wenn alle Schiffe über 30 Jahre kondemnirt werden sollten, dann würde man getrost ein Drittel unserer sämmtlichen Schiffe als Brennholz verkaufen können. — Abg. Semmler (nat.-lib.) verbreitet sich über die Disziplin, die an Bord unbe­dingt herrschen müsse. Die bereits in der zweiten Lesung ge­faßten Beschlüsse legten in jeder Hinsicht den Rhedern spanrsche Stiefel an. — Abg. Barkmann (freis. Volksp.) bedauert, daß es nicht gelungen sei, alle von den Freisinnigen gewünschten Verbesserungen der Lage der Seeleute in das Gesetz hineinzu­bringen, so namentlich in Bezug auf die Gestaltung der See- Schöffengerichte und hinsichtlich der Koalitionsfreiheit. Den

Antrag zur Sicherung der Koalitionsfreiheit habe feine Partei auch jetzt wieder eingebracht. Sollte die Vorlage noch über die Beschlüsse zweiter Lesung hinaus rückwärts redigirt werden, dann würden seine Freunde sich ihre endgültige Zustimmung zu dem Gesetz sehr überlegen müssen. — Abg. Schw artz (Soc.) polemisirt gegen den Abg. Frcesc. — Abg. Kirsch (Centn) kann nicht begreifen, wie Abg. Metzger Namens der socialdemo­kratischen Partei mit Ablehnung des ganzen Gesetzes habe drohen können. — Abg. Raab (Antis.) bezeichnet das Gesetz als einen Fortschritt, wenn auch nur als einen bescheidenen. Herrn Semmler wolle er sagen, daß die großen. Rhedereien ganz hübsche Dividenden erzielten und deshalb die ihnen durch das Gesetz entstehenden Lasten sehr wohl tragen könnten. Redner behauptet noch, daß bei vielen Schiffen der Untergang haupt­sächlich auf das hohe Alter zurückzuführen sei. — Abg. S t o ck - mann (Reichsp.) betont die Nothwendigkeit, bei aller Rück­sichtnahme auf die Schiffsleüte doch auch die Disziplin zu wahren. Die socialdemokratischen Anträge seien mit der Auf­rechterhaltung der Disziplin unvereinbar. Damit schließt die Generaldebatte. Beim § 4, See-Schöffengerichte, war in zweiter Lesung in die Vorlage die Bestimmung eingefügt worden, daß in den Fällen, wo sich das Verfahren gegen einen Schiffsmann richte, einer der Beisitzer ein Schiffsmann sein soll. — Abg. Semmler (nat.-lib.) beantragt, die ganze, in der zweiten Lesung eingesügte Bestimmung wieder zu streichen. Dieser Antrag wird angenommen. Bei § 32, demzufolge dem Schiffs­mann „nach Beendigung der Rückreise" in einem Hafen des Reichsgebietes in seiner schiffsfreicn Zeit die Erlaubniß zun: Verlassen des Schiffes nicht ohne triftige Gründe verweigert werden darf, werden auf Antrag der Socialdemokraten die Worte gestrichen: „nach Beendigung der Rückreise". § 33

handelt von der zu vergütenden Ueberstundenarbeit. Soweit Arbeit dient zur Verpflegung. Bedienung, Sicherung des Schiffes in dringender Gefahr und zum Seeklarmachen des Schiffes soll sie nicht extra vergütet werden. Dieselbe Bestim­mung ist in § 35, betreffs der Sonn- und Festtagarbeit, getroffen worden, nur mit der einen Abweichung, daß das Seeklarmachen auch Sonntags vcrgütungspflichtig ist. Ein socialistischer An­trag will, daß auch im Falle des § 33 das Seeklarmachen ver- gütungspflichtig sei. Nach ausgedehnter Debatte ergiebt die Abstimmung die Annahme des socialistischen Antrages. Nach § 36 darf auf See an Sonntagsarbeit nur auferlegt werden, soweit sie unbedingt erforderlich ist „zur Sicherung und zur Fahrt des Schiffes, zur Bedienung der Maschinen, zum Segeltrocknen, Bootdienst, Verpflegung und Bedienung". Sonstige Arbeiten nur, wenn „es dringend nothwendig ist" Diese letzten Worte beantragen die Socialdemokraten zu streichen. Der Antrag wird abgelehnt. Nach Erledigung der Paragraphen bis einschließlich 41 erfolgt Vertagung. Morgen 1 Uhr: Fortsetzung. Präsident Graf Balle st rem bemerkt noch ' er gedenke auf die Tagesordnung für Montag die Kommissions-Diäten-Vorlage zu setzen. Schluß 6 Uhr.

Berlin, 25. April. Die Zolltarif-Kommission des Reichstages erledigte heute nach der Regierungsvorlage die Positionen 164 und 165, fette Oele 2 bis 20 Mk., 166, Kakao­

butter 45 Mk., Muskatbuttcr in Fässern 9 Mk., in anderen Behältnissen 20 Mk., 168, Baumwollstearin, für einen Doppel­zentner Rohgewicht 12,50 Mk., 169, Palmöl, zum Genuß mcht geeignet. 2 Mk., sonst 30 Mk.. 170, Oclsäure 4 Mk.,171, Stärke 16 Mk., 172, Stärkegummi 18 Mk., und 173, Pfeil- wurzelmehl, Sago ec. 15 Mk. Damit war die Berathung bis zu dem Unterabschnitt Zucker gediehen. Staatssekretär Thiel- mann empfahl die Berathung über die davon handelnden Positionen 174 und 175 bis zur zweiten Lesung zu vertagen. Die Brüsseler Zucker-Konvention werde binnen einer Woche dem Reichstage zugehen und eingehende Verhandlungen im Plenum Hervorrufen. Abg. Stadthagen bemerkte, er habe die Absicht gehabt, einen Antrag cinzubringen, wonach die betreffenden Positionen bis zum Schluß der Berathung der Zucker-Konferenz im Plenum zurückgestellt werden solle. Die Kommission be­schloß, die Positionen vorläufig zurückzustellcn. Dann wurden die Positionen 176, Branntwein und Likör in Fässern. 240 Mk., anderer Branntwein 160 Mk., und 177, Branntwein in anderen Behältnissen 240 Mk., nach der Regierungsvorlage erledigt. Die Position 178, Wein in Fässern und Kesselwagen, 24 bis 160 Mk., je nach Weingeistgehalt, 179, Schaumwein in anderen Behältnissen 120 Mk., andere Weine und frischer Most, 48 Mk., 180, Most von Trauben 60 Mk., 181, Wcmtrüb 24 Mk., und 182, Wein mit Heilmittel-Zusätzen in Fässern 24 Mk., in anderen Behältnissen 48 Mk., und 183, Obstwein in Fässern 24 Mk., in anderen Behältnissen 48 Mk., wurden nach der Regierungsvorlage angenommen, außer der Position 180, wo nach einem Anträge Blankenhorn statt 60 Mk. ein Zoll von 80 Mk. beschlossen wurde. Darauf wurde die Weiter- berathung auf Dienstag vertagt.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 25. April.

Es geht zu Ende ... Das Halbleere Haus folgt zerstreut der Debatte, die sich wieder um die bekannten Wünsche dreht — um die 10,000 Mk. für die Vorarbeiten zur Breslauer Hoch­schule, um 60,000'Mk. für Kreisphysiker, um die berühmte Plesch'ener Badegeschichte und um die Zulassung der Real­abiturienten zum Studium der Medizin. Keiner von den Rednern, weder aus dem Hause noch von der Regierungsbank, findet eine sonderlich achtungsvolle Aufmerksamkeit, selbst die lange und gelehrte Auseinandersetzung des Ministerialdirektors Althoff über die Nothwendigkeit des klassischen Griechisch geht Angesichts der leeren Bänke wirkungslos vorüber. Gegen, die 50,000 Mk. für die Kreisphysikcr spricht sich der Kultus­minister persönlich aus und fein Eingreifen bewirkt, daß der Antrag von seinen eigenen Vätern fallen gelassen wird. Am interessantesten und lebendigsten war noch die kurze Auseinander- ■ setzung über die Pleschener Badegeschichte und den Kreisfchul- inspektor Neundorf. — Ein Regierungskommissar bezeichnet die Berichte, auf welche sich Abg. v. Czarlinski stützte, als erlogen und übertrieben. Die badenden Damen waren achtjährige Kinder, die der Inspektor aus der Anstalt verwies.

Am Marktplatz.

Roman von Hermann Heiberg.

(26. Fortsetzung.)

Bei Frau Doktor Gleis hatte Frau Cholevius sehr leichtes Spiel. Diese Tome gehörte zu jenen Brelvcr- breiteten, die nicht nein zu sagen vermögen, die stets furchten, daß sie es mit ihren Nebenmenschen verderben

möchten.

Aus diesem Grunde gab sie nur allzuhäufig unüber­legte, sie später gereuende Zusagen, die ihre Zeit und ehre ^felbBörfe überaus stark belasteten mrd zu deren Be­seitigung sie dann zu Entschuldigungen rhre Zuflucht nehmen mußte, die sie wegen ihrer häufigen Wiederkehr 'U ihrem Ansehen schädigten.

, Auch in diesem Fall war sic, ohne der Nothwendigkeit ^sner Zustimmung der Frau Cholevius zu gedenken, der Initiative der Frau Fries unterlegen, die ste benutzt hatte, ihre ehrgeizigen Pläne durchzusetzen.

Sie wollte, daß nur die Vornehiuen eine Gavotte im Kostüm tanzten, und auch das wiederum nur, wen sw dadurch ihren Engelbert in die Schaar dieser Auser- ^ähltcn cinreiheir und somit sich selbst erhöhen konnte!

Nachdem Frau Cholevius in -ziemlich entschiedener Aeise ihre Wünsche dargelcgt, schloß sie sich sofort deren Ansicht an, pflichtete bei? daß es höchst ungerecht fei, rn so emseitiger Weise zu verfahren, und schritt mit gewohn- wni, rückgratloscm Enthusiasmus in das neue Lager hinüber. Ja, sie ging in ihrem Ilebereifer noch weiter. Sie meinte, daß Allen die Theilnahme an der Gavotte jm Kostüm freistehen niüjse, wenir nicht, aber eine solche Überhaupt nicht getanzt werden solle.

Dazu aber schüttelte Frau Cholevius den Kopf. Für eine solche Handhabung der Dinge war es jetzt zu spat.

Andere Mütter hatten auch ihren Ehrgeiz, und den lstibemittcltcn dürfte man zu allen Lasten nicht rroch drese neuen nicht unbedeutenden aufbürdcn.

Endlich aber wollte sie die Lortheile, die sie aus

diesem Zwischenfalle für sich ziehen konnte, nicht prci§-

gebeu. r r

Im klebrigen sah sic nach nochmalrgcr Uebcrlegung

von emer Verhandlung mit der Frau Justizrath ab. Sie erfüllte vielmehr die Doktorin Gleis, der Juftizrathm zu c'-klären, daß aus deren Plänen nichts werden könne. Hatte Frau Gleis unbesonnen gehandelt, so lag eä jetzt au ihr, drüben die Tinge zu glätten!

'Nach solchen Abmachungen trennten fick, die Damen. Frau Doktor Gleis hochbefriedigt, daß noch Alles so gut obgclaufen war, und wie gewöhnlich zunächst unbesorgt wegen der Mission, die ihr von der besonnenen Frau Ebolevius zugeschobeu war, und letztere mit der ge- t ebenen Empfindung, nicht nur Ueblem die Spitze noch rechtzeitig abgebrochen, sondern ihrem Manne diesmal wllvrhaft genützt zu haben. ^

linb wiederum vergingen die Tage und an einem du- kurz vor dem Abtanzball und dem dann bald Wenden Weihnachtsfeste, saß Felix Cholevius oben in h'ien Arbeitszimmer und beschäftigte sich einerseits-mit nein Schreiben an seinen Freund Robert Pctrich, von -ui er einen langen Brief empfangen, und andererseits it eiiiem für Erna bestimmten Gedicht.

Jenes erste hatte er ihr damals trotz ihrer Bitte nicht ^erreicht Er empfand doch eine furchtsame Scheu, in scher unumwundenen Weise seinen Empfindungen u?,druck zu verleihen. Es sei nicht gut geworden, es i nicht schön genug für sie! hatte er erklärt

Wann denn das neue fertig sei?" hatte sic mit mftem Augcnaufschlag gefragt und: „Margen, morgen, af dem Eise, spätestens auf dem Ball, geb' ich cs Dir", vite er erwidert niid wichtig hiiizugcfugt.

,Es ist aus einem Cyklus von Ritterliedern, die ich

>ir "widmen will." . „ ^ „

11 „d nun galt'S, etwas zu dichten, daS zwar emen all- emcinen Inhalt befaß, aber ebensogut persönlich ge- eutet werden konnte. _ „ ,

Endlich, nach langem und schwerem Fleiß hatte er ic Arbeit beendet. Das Gedicht lautete:

„Einst gab cs ein niedliches Städtchen, Drin stand inmitten ein Haus.

Aus diesem schritt fast alltäglich Ein Mägdelein schmuck heraus.

Es trug viel Silber im Haare, Obschon's wie ein Knösplein noch jung. So süß war es anzuschauen,

Daß Alte sich wandten und Jung.

Es hatte tiefblaue Augen,

Es halt' einen feinen Mund.

Und zu allem so zatte Farben,

Daß des Ritters Herze ward wund.

Er zog dem Mägdelein zu Seiten, Stieß auf die Fenster zumal:

„O, Margreth, süße Margrethe,

Ich sterbe vor Liebesqual."

Einst hat er sie angesprochen:

„Sagt an, lieb Fräulein Margrethr Wie kommt's, daß ein silbernes Bändchen Euer blondes Köpfchen durchweht!?"

„Ich Hab' so vielen bitt'ren Kummer! Das ist's, o Herr Ritter mein!

Geht's fürder, so legt man mich balde Hinein in den Todtenschrein."

„Und was zerschmilzt Euer Herze?" Forscht zagend der Rittersmann.

„Wer ist unter den feindlichen Menschen, Der Euch etwas Böses gethan?"

Erst schaut sie ihn an so traurig,

Auch senkt sie zitternd den Blick.

Dann will sie ihm still entweichen,

Er aber häit sie zurück.

Heiß glühend tritt er ihr näher,

Es flüstert stürmisch sein Mund:

„Ist's üm mich, daß Dein Herze in Wehe, So gicb's durch ein Zeichen mir kund!"

Da hat sie ihn sanfte umschlungen, Dann fester und fester im Glück,

Und als er wollte entweichen,

Da hielt ihn Margreth zurück!"