so. Jahrgang«
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Ko. 18S.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 22. April.
Berlags-Fernsprecher No. 2266.
1902.
Worgen«Ausgabe.
Fortbildungsschule und Leben.
; „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!" Das ist ein pädagogischer Grundsatz, welcher vielfach in großen aus Stein gehauenen Buchstaben unsere Schulhäuser ziert, aber wohl von keiner Gattung von Schulen so streng beachtet und durchgeführt wird, als von den gewerblichen Lehranstalten, Fach- und Fort- bildungsschulen. In ihnen werden die Schüler unmrttel- bar für den praktischen Beruf vorgebildet, und Werkstatt und Schule gehen, einander ergänzend, unterstützend und fördernd, miteinander Hand in Hand; denn in diesen Schulen gilt es vor Allem, den Schüler für seinen künf- ügen praktischen Beruf mit den nöthigen Kenntnissen und Fertigkeiten auszurüsten, um ihn möglichst leisümgsfähig gegenüber der erdrückenden Konkurrenz der Großindustrie zu machen.
Zunächst gilt es, in dem jungen Menschen das sittliche Leben zu nähren und zu Pflegen. Der Ernst des Lebens tritt an ihn heran; sein froher Jugendmuth will chn mitunter verlassen: er bedarf eines sicheren Haltes imd der Stützen, die ihn vor sittlichen Verirrungen be- , i wahren. Aus der Lebensgeschichte von Männern, die in ,; Muer Heimath eine geachtete Stellung infolge ihres l Fleißes; chrer Ordnung und Ausdauer einnehmen, lernt er die Tugenden kennen, die auch ihn vorwärts bringen können. Unsere Fortbildungsschul-Lesebücher bieten reichen Stoff und viele Vorbilder für fehl sittliches ßebett und Handeln. Aber zur Tüchtigkeit im Berufe gehört vor Allem auch, daß er die Roh- und Hülfsstoffe, die er verarbeiten soll, kennen lernt in ihren Eigenschaften und besten Bezugsguellen. Mineral-, Pflanzen- und Thier- reich, Heimat!) und Fremde, ja die ganze Welt hat sich das Gewerbe dienstbar gemacht. Tie Verarbeitung der Rohstoffe, die Arbeitsräume und Werkzeuge und Maschinen muß der junge Manu kennen lernen und einen Einblick gewinnen in die geschichüiche Entwickelung der j gewerblichen Betriebsarten der Vergangenheit und | Gegenwart. Aber die Herstellung der Produkte ist nur die eine Hälfte der Arbeit im Gewerbe; um sich einen Absatz der produzirten Waaren zu sichern. muß sich der Gewerbetreibende mit dem Handel, den Absatzgebieten, dem Perkehr und den Verkehrsmitteln vertraut machen; er istruß einen Einblick gewinnen in die geregelte Buch- jführung und die Solidität in der Bedienung der Kunden. Das Alles thut die Fortbildungsschule durch den Unterricht in der Gewerbekunde, in der Buchführung und in der Wirthschaftslehre.
Der künftige Gewerbetreibende ist aber auch ein Glied der menschlichen Gesellschaft. Familienbande verknüpfen den Jüngling mit Vater und Mutter, Bruder und Schwester. An die Gründung eines eigenen Hausstandes denkt er, wenn er zum Manne herangereift ist. Die bc-unilienverbände wiederum bilden die Gemeinde. „Wer das Leben in der politischer Gemeinde denkend und aufmerksam betrachtet, erkennt, daß das Auge des Gesetzes ■ Aachen und daß Friede und Ordnung herrschen muß, wann das Wohl der Gesammtheit und das des Einzelnen gedeihen soll.". Die Liebe, die er seiner Heimath zuwendet, muß sich auch auf sein engeres und weiteres Vaterland erstrecken. Berechtigter Stolz soll ihn erfüllen der dem Gedanken, daß auch er dessen Wohl zu fördern
berufen ist. Das Alles sucht die Fortbildungsschule dem Jünglinge klar zu machen durch den Unterricht in der vaterländischen Geschichte und der Gesetzeskunde, die ihm die Staatseinrichtungen vergegenwärtigt, in die Verwaltung und Gesetzgebung des Staates und des Reiches einführt. Ein zweckentsprechendes Hülfsmittel dazu ist das „Lesebuch für Fortbildungs-, Fach- und Gewerbeschulen, herausgegeben von Leipziger Fortbildungsschul- Direktoren und -Lehrern".
Wenn aber der Gewerbetreibende später als selbstständiger Handwerker vorwärts kommen will, so muß er auch im Stande sein, die in seinem Berufe nöthigen schriftlichen Arbeiten selbständig anzufertigen, damit er auch die nöthige Achtung im schriftlichen Verkehr mit seinen Kunden behält. Dazu dient der Unterricht im Geschäftsaussatz. Zahlreiche Hülfsmittel stehen dem Fort- bstdungsschullehrer hierbei zur Seite. Es seien nur hervorgehoben: ^„Rasche, Musterhefte für den schriftlichen Verkehr", „Tischendorf, Aus der Schule für das Leben. Ein Ärbeits- und Formularheft", „Nitzsche, Formular- und Musterheft für den llnterricht im Geschäftsaufsatz an gewerblichen Lehranstalten, Fach- und Fortbildungsschulen", „L-charf und Hänse, Geschäftsformulare für den Unterricht in gewerblichen Fortbildungsschulen", ferner die „Arbeitshefte" von Weise und Messien. Diese Hefte wollen „ein Rathgeber für den gewerblichen Geschäftsverkehr, ein Berather in einfachen Rechtsfragen, ein Nach- schlagebuch auch über die Schulzeit hinaus" sein.
Die Rechenfertigkeit, die die verschiedenen Geschäftsvorgänge vomGewerbetreibenden fordern, sucht die Fortbildungsschule zu erreichen, indem sie in den Mittelpunkt ihrer Unterweisung die Rechenaufgaben stellt, die der jeweilige Beruf des Einzelnen mit sich bringt. Es bestcht vn sachverständigen Kreisen kein Zweifel darüber, daß es eine große Anzahl von Gewerbetreibenden giebl, die zwar fleißig und geschickt sind, auch vollauf zu thuu vaben. keine Mühe scheuen, um redlich vorwärts zu kommen, dabei bescheiden leben, und die trotzdem von Jahr zu Jahr in größere Bedrängniß gerathen. ja, schließlich den völligen Zusammenbruch ihres Geschäfts nicht verhindern können. Der Grund ihres Unterganges ist der, daß sie aus Un- kenntniß unterlassen haben, zu kalkulireu. Die Fach- und Fortbildungsschule sucht diesen Uebelstand dadurch zu beseitigeu, daß sie im Rechenunterrichte anleitet, den Selbstkostenpreis der hergestellten Produkte und darnach den Verkaufspreis zu berechnen. Auch hierin wird die Schule unterstützt durch zahlreiche Rechenbücher, in denen Kalkillationsaufgaben Aufnahme gefunden haben. Als ein höchst willkommenes und zweckentsprechendes Hülfsmittel aber muß bezeichnet werden: „Karl Grosse, die Kalkulation, Leitfaden zum Unterrichte an Handwerkerund Gewerbeschulen, ein Hülfsbuch für den selbständigen Handwerker."
Allein der Handwerker muß oft nach gelieferten Zeich- nungen und Skizzen Gegenstände anfertigen. Da ist es nöthig. daß er diese Zeichnungen und Skizzen versteht und darnach arbeiten kann: ja, er muß wohl selbst solche Zeichnungen entwerfen. Das erfordert aber eine voll- ständige Beherrschung des Stiftes mrd der Art der Dar- stellung, die nicht von selbst erworben wird, sondern erlernt werden muß. Die Fortbildungsschule dient auch hierin den praktischen Bedürfnissen, indem sie ihre Schiller anleitet, graphische Darstellungen nicht nur zu verstehen, sondern auch selbständig anzufertigen.
So lehrt uns also ein Blick auf den Betrieb des Unterrichts in der Fach- und Fortbildungsschule, wie der
Unterricht überall das praktische Leben berücksichtigt und diesem sich dienstbar macht. Ist dies aber der Fall, so kann man den Widerwillen mancher Handwerksmeister nicht begreifen, mit dem sie ihren Lehrlingen die nöthige Zeit zum Besuche der Fortbildungsschule geben; noch viel weniger aber ist es zu verstehen, daß in vielen deutschen Bundesstaaten der obligatorische Besuch der Fort- bildungsschule noch nicht jeden: aus derSchulc entlassenen Jünglinge zur Pflicht gemacht worden ist. c. r.
(teil üloöfs lind Knthlllnn WlimII.
Eecil Rhodos ist todt, er hat aber nicht nur seine Millionen und Schenkungen hinterlassen, auf der Schwelle seines Grabes erscheint auch ein - lebendes Räthsel, ein Weib, das mit der Geschichte der letzten Jahre des Oolvsse de Rliodes verknüpft ist. Es ist die Prinzessin Katharina Radziwill. von der im Pariser „Matin" Folgendes erzählt wird: Die Prinzessin Katharina Radziwill ist polnischer Abkunft. Sie ist eine geborene Gräfin Rzewuski, Tochter der Gräfin gleichen Namens, die eine geborene Daschkow war. Ihre Mutter hatte sich im Alter von löYz Jahren in den 60-jährigen Grafen Rzewuski verliebt und ihn gegen den Willen ihrer Eltern geheirathet. Aus dieser Ehe stammt die spätere Prinzessin Katharina. In jugendlichem Alter hatte sie den Prinzen Wilhelm Radziwill von der preußischen Linie der Radziwill geheirathet. Sie gebar ihm drei Kinder, deren eines die Fürstin Blücher ist. Später trennte sich die Prinzessin von ihrem Gatten und ging erst nach Petersburg und dann nach London, Inzwischen aber hatte sich folgender Ryman abgespielt. Zur Zeit^ als Fräulein Daschkow den Grafen Rzewuski heirachete« lebte bei Poltawa ein reicher Bojar Namens Paschkow, der die Führung seiner Geschäfte einem Leibeigenen, über- lassen hatte. _ Dieser hatte einen Sohn, der Bojar eine Tochler. Beide wurden zusammen erzogen. Um dem Jungen den Eintritt ins Kadettencorps zu erleichtern^ befreite der Bojar den Vater, der Poltawzew genannt wurde, d. h. der von Poltawa. Ter junge Poltawzew hatte eine glänzende Laufbahn und wurde bald Haupt- mann. Eines schönen Tages kehrte er heim, kurz vor einem Feste, das Paschkow 50 adligen Familien der Nachbarschaft geben wollte. Ter junge Poltawzew er- öffnete seinem Vater, daß er diesem Fest nicht beiwohnen, sondern abreisen werde, da er die Tochter des Bojaren liebe, was ja doch aussichtslos sei. „Du sollst sic zur Frau haben", sagte der Vater, zog seinen Rock an. ging zu dem Bojaren und eröffnete ihm, daß er, der sich nie hätte Rechnung ablegen lassen, vor dem Ruin stände. Do er stets das Doppelte seiner Einnahmen ausgegeben habe, habe der ehemalige Leibeigene Geld vorschießen müssen und dafür Güter empfangen, mit denen er glück- lich spckulirt habe, sodaß nun der eigentliche Herr aller Besitzthümer der ehemalige Leibeigene sei. Nachdem dis Wuthausbrüche des Bojaren sich gelegt hatten, sagte Poltawzew: „Ich werde Euch Alles zurückerstattcn, wenn Ihr meinem Sohne Eure Tochter gebt," Das geschah, und aus der Ehe entsprossen 6 Kinder. Eine Tochter heirathete den General Skobelew, dessen Sohn der be- rühmte General wurde, der Bruder der bewunderungS- würdigen Sina Skobelew, Herzogin von Leuchtenburg. Ein Enkel Poltawzews nun verliebte sich sterblich in die Prmzesstn Wilhelm Radziwill und gab sich, als er nicht erhört wurde, selbst den Tod. Die Prinzessin fiel dar- über in große Verzweiflung und ging, wie bereits gesägt.
Feuilleton.
Modekrankheilen.
Daß cS wie in den Kleidern, in den Sitten und Gebräuchen >fuch eine Mode in den Krankheiten giebt, klingt zwar etwas ngenthümlich, entspricht aber nichts desto weniger den That- sichen. Man heilt die betreffenden Leidenden mit Mlltel, die ebenfalls gewöhnlich nur für eine bestimmte Zeit modern sind, sidaß Skeptiker manchmal sagen, man möge sich beeilen, diese Medizinen anzuwenden, solange sie noch nützen.
‘ Die jetzige Modekrankheit dürfte wohl nach der Meinung
brr Meisten die Influenza sein, in Wirklichkeit ist es indeß die Neurasthenie, denn diese hat nicht nur eine weit größere Verbreitung, sie ist an keine Jahreszeit gebunden, sondern herrscht ununterbrochen.
Schrecken wie einst die Pest und jetzt noch manchmal die Eholera verbreitet die Neurasthenie allerdings nicht, aber sie ist Ulsofem eine fast noch größere Plage, als das davon befallene Individuum nur sehr langsam und oft auch garnicht davon geeilt wird. Dazu kommt, daß die Neurastheniker ihre ganze Umgebung in Mitleidenschaft ziehen, da sie mehr oder weniger ksicnthümlich sind, nicht recht wissen, was sie wollen, unschlüssig sin- und herschwanken.
Es handelt sich ja auch um eine Krankheit, die eigentlich "Me ist und gegen welche die darunter Leidenden nicht an- ^Mpfen können. Sie wird durch Ueberarbeitung hcrvorgerufen, «ruh den Mißbrauch geistiger Getränke, durch zu starkes
Rauchen, durch das Sündigen gegen eine Menge Vorschriften die man beobachten sollte und doch nicht hält. Es giebt zahlreich« Mittel gegen die Nervenkrankheiten, doch heilt sie kein einziges, schon deshalb nicht, weil der Nervöse nie recht weiß was ihm eigentlich fehlt. Thut ihm der Magen weh, so meint er, es sei der Kopf, schmerzt ihn dieser, so hält er sich für lungenleidend und schließlich pflegt er zu erklären, daß Alles und Jedes ihn quäle und leiden laste.
Wie schon bemerkt, sind derartige Kranke für die Umgebung meist eine große Plage, doch äußern sich manchmal Nervenleiden auch in einer weniger unangenehmen Weise. So sind z. B. die. Personen ganz erheiternd, welche von plötzlicher Schlafsucht befallen werden und außerhalb der Zeit, in der man das moralische Recht dazu besitzt, in Morpheus Arme sinken. Seit circa eurem Jahrzehnt beobachtet man diese Fälle. Es giebt Leute, die sofort entschlummern, wenn sie sich niederlaffen, andere schlafen mehrere Male während der Mittags- oder Abendmahlzeit ein, man erzählt selbst von einigen, die auf der Straße cin- nicken, sobald sie zu gehen aufhören, oder während sie sprechen rc. Schrecklich wäre es zu denken, daß ein Roffclenker, der Führer eines Eisenbahnzuges oder einer „Elektrischen" während seiner Arbeit von der Schlafsucht befallen werden könnte!
Eine höchst merkwürdige nervöse Krankheit ist auch die Astasie. Sonst ganz gesunde Personen sind nicht im Stande zu stehen oder überhaupt aufrecht zu bleiben, während sie im Sitzen und Liegen keinerlei Unbequemlichkeit empfinden und aus ihrem sonstigen Zustande absolut dieses Unvermögen sich nicht erklären läßt. Häufig können sich die so natürlich auch zum Gehen unfähigen Kranken dadurch ganz gut fortbe
wegen, daß sie auf allen Vieren kriechen. Heftige Gemüths- erschütterungen oder eine Verletzung wird oft als Ursache der Astasie angegeben, unter der besonders jugendliche Personen leiden.
Als ein Gegenstück zu dieser Krankheit ist die „Mathisie" zu betrachten, deren Opfer wohl gut stehen und gehen, aber nicht sitzen können. Man hat einige beobachtet, die, wenn sie den Versuch zum Niedersitzen machten, wieder emporschnellten, als wenn sie sich auf einer glühenden Eisenplatte niedergelassen hätten und sich eine Zeitlang ganz unwohl befanden. Natürlich vermögen diese Leidenden nicht immer aufrecht zu bleiben und so legen sie sich hin, um sich auszuruhen.
Viele Berufe sind derartig Nervösen selbstverständlich unter, sagt und die Auswahl noch geringer für die von Astasie, als die von Akathisie Befallenen. Denn wenn auch mit weniger Aus- nahmen im Sitzen gearbeitet wird, so liegt kein Grund vor, daß die meisten Beschäftigungen nicht auch im Stehen geübt werden können und wird sich dies gewöhnlich leicht bewcrkstclliqen lasten, aber ein Individuum, das stets sitzen oder liegen muß. findet sein Fortkommen in der Welt, wenn diese Bezeichnung überhaupt auf dasselbe zur Anwendung gebracht werden darf, sicher nur mit größter Mühe.
Derartige Krankheiten pflegen nicht ansteckend zu sein, da« gegen sind es andere nervöse, wie z. B. wenn Jemand von der Lachsucht befallen wird oder von der Manie, unarttkulirte Töne auszustoßen ec., was sich dann manchmal gleich einer Epidemie ganzen Gemeinden mittheilt. Ein energisches, ja direkt gewaltsames Vorgehen dagegen pflegt dann das einzige Heilmittel
