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Beilage mm Wiesüaüener Tagblatt.

Wo. 173. Morgen Ansgade.

Mittwoch, de» 16. April.

5V. Jahrgang. 1902.

3been attdtt entzünden fein nachhaltiges Feuer im Herzen des Volkes, sie bedürfen der Männer.

H. v. Treitschke.

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^„Spotte nur", entgegnete Neuenhaus etwas verletzt. „Niein Plan ist reell und gut: — es kommt jetzt nur noch darauf an, ihn mit der nöthigen Schläue heimlich zu fördern. Dafür laß nur Deinen Alten sorgen!"

15 .

(33. Fortsetzung.)

Der Marschallstal».

Roman von Walther Schulte vom ZZrüfl.

' „Ist überlegt!" — Herr Neuenhaus streckte, da er sich mit dem Sohne allein in dem Wagenabtheil befand, öie Füße auf das andere Polster und lächÄte eine Weile selbstgefällig vor sich hin. „Weißt Tu, Flir", sagte er, „hier thu' ich 'mal wieder zwei gute Werke in' eins. Ein­mal helf ich dein jungen Manne aus der Patsche und zum anderen thue ich mir vermuthlich selbst einen Gefallen. Ich hob' Dir's schon oft gesagt, daß ich üaran denke, mch mit der Zeit vom Geschäft zurückzuzieheir. Da Du meiri Krämchen — ich Hab' mich heinstich genug darüber geärgert — io stolz verschmähtest und lieber ein F ar b en- klexer wurdest. Hab' ich nicht mehr die alte Freude d'ran, aber es ist mir doch noch zu lieb, als daß ich es deni erstcii Besten, der zahlen kann, an den Hals hänge."

„Und da willst Du dem jungen Kaltenbach Appetit machen? Unsinn! Er ist noch sehr jung, sein Alter wird sich hüten, selbst weiin er's dazu hätte, ihm das thenreGe- schüft zu kaufen: zudem wird er doch wieder ins väter­liche Geschäft übergehen."

„Damit derselbe Zustand eintritt wie bisher? Nein, Kaltenbach hat der Kinder noch mehrere, und ehe er sich mit seiner Tyrannei bei Seite drücken läßt, gehen noch fünfzehn bis zwanzig Jahre hin. Der Hans ist ein tüch­tiger Kerl und er gefällt mir. Wenn er Geschmack an meinem Geschäft findet und wenn ihm die Stadt ge­fällt

"Nun kopfscheu braucht man ihn ja nicht zu machen: — aber Dein Geschäft kostet Geld —- viel Geld."

Herr Neuenhaus tippte seinen: Sohne mit den Fingern gegen die Brust, lächelte pfiffig und sagte: „Er ist der einzig beirathsfähige Cousin einer reiche,: Cousine, einer westfälischen Hosschulzentochter, die ihre viertel Million wiegt."

„Na, das sind aber doch noch sehr fernliegende Ans-

fichten."

„Das Mädel ist vcniarrt in ihn, und sie stehen in leb­hafter Korrespondenz. Kaltenbach hat's mir verratben und er meinte, wenn er den Jungen bei dessen selbst- stärchigem Charakter nicht gar zu dumm mit der Nase auf die Sache gestoßen hätte, dann dürste Hans in An­betracht der Verhältnisse jetzt wohl Landwirthschaft studiren. — Nun kann Hans ja die Geldsäcke seiner zu- künftigen Frau cininal in mein Geschäft stecken."

„Du bist doch der geborene Spekulant, Vater! Na, meinen Segen hast Du!" rief Felix lachend und brannte eine frische Cigarette an.

Seit mehrere:: Tagen schon bcfmid sich Hans im Hause seines neuen Prinzipals, und wenngleich, ihn: der Abschied von daheim schwer geworden war und er sich vorkam wie ein Baum, der dem vertraute:: Erdreich ent­rissen wurde, um in fremden Boden verpflanzt zu werden, dies srostigwehmüthige Gefühl hatte nicht lange vorge- halten, und er fand sich sehr schnell in die neuen Ver­hältnisse.

Ein geräumiges Giebelstübchen, freundlich und nett in der Einrichtung, das auf den Garten hinter dem Hanse hinausging, war ihm angewiesen worden. In den: kleinen Haushalte wurde er nicht als fremdes Ele­ment angesehen, und. wenn ihm Herr Nenenhans und Felix mit jovialer Freundlichkeit entgegenkamen, so be­gegnete ihm die rundliche Frau des Hauses mit einem wohlthuenden, behaglichen Wesen, einer fast mütterliche:: Zuthunlichkeit. Das feine Gefühl des jungen Mannes baute sich aber selbst sogleich die richtige Schranke, und als Felix sich an: ersten Togo gleich beim Eintreffen des neuen Hausgenossen anbot, ihn vorab mit den Herrlich- keitei: der Stadt bekannt zu niachen und ihm auch sein Atelier zu zeigen — denn das Geschäft lerne er doch früh genug kennen — bat .Hans darum, daß alles dieses auf den nächsten freien Sonntag verschoben werde:: möge und daß ihn Herr Nenenhau? vielmehr sogleich inS Comptoir einführe.

„Ein gewisses Pflichtgefühl hat der Junge ja, das muß ich ihn: Nachlassen", sagte Herr Kaltenbach, der den Sohn seinem Freunde selbst überbracht hatte, und Herr Neuenhaus klopfte Hans auf die Schulter und ineinte: „Vielleicht hat er noch andere Tugenden. Wir werden schon miteinander fertig werden."

Er führte den Besuch zunächst in den Lader: hinab, ein geräumiges Gewölbe, in dein alles, was m: Eisen- und Ndetaüwaarcn nur denkbar war, in Gefachei:, Schieb­laden, Glaskästen und Schränken sauber aufgestapelt und ausgebreitet lag. Vom Drahtstift bis zur schwersten Eisenklammer, von: feinsten Laubsägeblättchen bis zur , großzahnigen Kreissäge, von: zierlichsten Tamenfeder- rnessec bis zim: großen Zimmermannsbeile war hier alles vorhanden, und hunderterlei Gegenstäiidc, viele, deren Gebrauch Hans gar nicht ahnte, sahen aus den Fächer:: hervor, wo sie den große:: oder kleinen Packeten als Vorband dienten. In zwei mächtigen Schaufenstern .mit schweren Krystallscheiben war eine Fülle von Maaren verlockend zur Schau gestellt: in dem einen Erker Ge- brauchsgegenstände vielerlei Art, Petröleumöfchen, Bügeleisen, Grabscheite, Hacken, Hobel, eine Karte mit aufgeschnürten Drahtstiftmustern, einige Ringe von Eisen und Messingdraht und dergleichen Dinge mehr, während die andere Erkerauslage förmlich blitzte von Solinger Schneidewaaren, als Scheeren, Tafel- :md Taschen­messern, Gemcksängern, einigen Rapieren, schön ge­

schäfteten und gravirten Revolvern und mehreren billigen Teschings und anderen Waffen.

Hans sah sich mit unverhohlenem Erstaunen in dieser Fülle von Waaren um. Selbst die Decke hatte Raum zu ihrer Unterkunft gewähren müssen, denn dort hingen große Gebunde von Kuhketten, an starkm Bindfäden waren Beile aufgereiht, und friedlich daneben baumelten an einigen Eisenhake:: eine Anzahl eisenverzinnter

Vogelbauer und mehrere Blechermer.

„Das Krämchen,'das Sie hier sehen, braucht Sic nicht kopfscheu zu machen. Sie sollen init dem Detailgeschäft nur so weit in Berührung kommen, als es Ihnen Freude macht und zur allgemeinen Waarenkenntnitz nothwendig ist", sagte der Kaufmann.

„Es schadet ihm gar nichts, ivenn er etwas hinter der Theke herumspringen miißte", meinte Herr Kaltenbach, doch HerrNeueicha:^ entgegnete gedäinpft, daß die in dein Raun: beschäftigte Ladnerin :md einige Verkäirfer es nicht verstehen konnten: .Plein, den ehrsamen Berus des

Ladenschwengels braucht er hier nicht auszuüben, dafür haben wir niiderc Leute."

Gerade war ein biederer Tischler, der i:ach viertel­stündigem Herumsuchen glücklich den gewünschten Centrumsbohrer erwischte, hinausgegangei: und hatte außer der Entschädigung von neunzehn Pfennigs: einen fürchterlichen Kanastergeruch aus seiner Pfeife zurück- gelassen, der sich harmonisch nsit dem Geruch der Eisen- waarei: und des Oels, womit sie gegen dei: Rost gefeit ivaren, zu einem eigenthünstichm Drift vermischte. Herr . Neiienhaus benutzte die kirrze Pause in: Geschäftsgänge, Hans den Angestellten vorzustellen, indem er sagte: „Dieser junge Mann, Herr Kaltenbach, wird in meinem Conchtoir seine karrfmännischen Kenntnisse noch weiter ausbilden, und ich bitte Sic insgcsamint, ihm in allen Dingen freundlich, wie Sie es ja im Verkehr mit der vor­ehelichen Kundschaft gewohnt sind, Red' ui:d Antwort zu stehen, — Diese Dame", fuhr er mit einer Hand« bewegung gegen die Verkäuferin fort, „ist Fräulein Well- fiepen, bereits vier Jahre in meinein Geschäft. In: ver- gangenen kalten Winter hat sie sich ii: meinem Dienste die Hände erfroren, die früher schlohweiß waren und nun­mehr leider blauroth sind, trotzdem aber vollauf ihre Schuldigkeit thun, wie ich dankbar anerkenne."

Hans, der die rothen Hände der sonst recht hübschen jiiirgen Dame schon erschaut hatte, inachte eine verlegene ' Verbeugung, worauf ihm der Prinzipal die Commis mit den Worten vorstellte: „Hier Herr Schneider und Herr Schulder, wackere Leute, die von Morgens acht bis Abends acht unverdrossen wie die Eichkätzchen umherspringen :n:d mit der gleichen Bereitwilligkeit eine Holzschraube zu zwei Pfennigen, wie ein Dutzend Tafelmesser und Gabelst zu dreißig Mark verkaufen, welche Gelder dann Herr Tückmantel hier in seinem Kassenhäuschen neben der Thür in Empfang zu nehmen die Giitc hat. Alles wackere Leute in meinem Geschäft, andere kann ich nicht ge» brauchen."

(Fortsetzung folgt.)

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