so. Jahrgang.
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1^4. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 15. April.
Berlags-Fernsprechcr No. 2266. 1902.
Abend-Ausgabe.
Wir mird's im Reichstag?
(Von unserem Berliner p-Korrespondenten.)
Heute nimmt der Reichstag nach den etwas lang ausgedehnten Osterferien seine Arbeit wieder auf. Wie wird es im Reichstag werden? Wird die Session, wie man jetzt nahezu allgemein armimmt, schon Nor dem Pfingstfest, welches diesmal auf dm 18. und 19. Mai fällt, geschlossen werden? Wird der Rest der Session in demselben Zeichen stehen wie der bisher verflossene Thefl, nämlich im Zeichen der Beschlußunfähigkeit? Was wird der Reichstag in diesem Ziel der Session noch erledigen können? Und was wird endlich aus dem Zolltarif? Das sind die Fragen, die zur Zeit in parlamentarischen Kreisen msi großem Eifer diskutirt iverdm, aber zum Thefl noch der Beontwortimg harren.
Me Vorlagm, deren Erledigung man in parlamentarischen Kreism noch für möglich hält, sind die Seerechtsgesetze, das Süßstoffgesetz, das Schaumweinsteuer- gesctz. das neue Brennsteuergesetz und allenfalls noch das Pahnprojekt Dar-es-Salaam-Mnogoro. Aber auch an , die Erledigrrng dieser Vorlagm oder selbst nur der j meisten von ihnen wäre nur dann zu denkm, wenn die I Volksvertretung sich nach der Oster-Erholung aufrasfte und dein Zustande der chronischen Beschlußunfähigkeit ein Ende machte. In dein bisherigen Sessionsabschnitt war der Reichstag zweimal beschlußfähig. Da aber die entscheidenden Abstimmungen bei wichtigeren Vorlagen ohne ein beschlußfähiges Haus nun einmal nicht vorzunehmen find, so müßte die Volksvertretung sich einen ernstlichen Kuck geben, wenn sie lvenigstms im letztm Sessions- cchschnttt noch einige positive Leistungen vollbringen will.
' Der Reichstag beginnt heute seine Arbeit mit der Seemannsordnung, bei der er im § 34 stecken geblieben ist, während das Gesetz 122 Paragraphen auswcist. Die Seemannsordnung sowohl wie das dazu gehörige Bündel don Seerechtsgesetzm wird noch eine recht langwierige Arbeit erfordern, da die Socialdcmokratcn hierbei einen Großbetrieb von Abänderungsanträgcn eingerichtet haben. Heber das Süßstoffgesetz und das Schaumwein- steuergesctz liegen die Kommissionsberichte vor, aber um sie im Plenum zu erledigm, bedarf es eines beschlußfähigen Hauses. Der Kommissionsbericht über die afttkanische Bahnvorlage ist behufs Abänderungen an die Budgetkonunission zurückgewiesen worden, und die Aus- sichtm auf eine Erledigung der Vorlage sind recht schwach. Stark umstritten ist endlich auch die noch in der Kom-
Am Marktplatz.
Roman von Hermann Heibcrg.
(16. Fortsetzung.)
Noch einmal erklärte er, daß er mit dmi Morde nichts M thun habe!
Er schwöre das mit dem heiligsten Eide! Er verlange, daß man ihn in Ruhe lasse! Es sei eine himmelschreiende Schande, daß der eigene Vater den Sohn verdächtige und ihm hier wie ein Raubthier nachstelle!
Aber g"rade dieses Wart und gerade diese nochmalige Auflehnung gegen die von ihm vertretene obrigkeitliche Gewalt entfachten den Zorn des Alten bis zur Raserei.
Nochmals schoß er auf den Sohn zu und suchte ihn zu fassen, und während dann Robert blitzschnell die Thür öffnete, zum Hofe hinaussprang und in fliegender Hast mit seinem, chn Imstig anrufenden und ihm unwillkürlich folgenden Freunde Felix durch die nach dem Hafen führende Hinterpforte entwich, flog der Alte, von dem Polizisten und den Gästen gefolgt, aus die Gasse und er- öffnete eine Jagd ans die dem Bollwerk zustürmenden Flüchtlinge, als ob ein Wild durch eine losgelassene Meute zu erlegen sei.
Nach zwei Seiten vertheitten sich die von Petrich angespornten Verfolger, um den von dem Polizeikommissor als des Mordes Verdächtigten zu fassen. Ein Thcil süchte ihm von der östlichen und dort durch Mouenr be- grenzten Hafenseite beizukommen, ein anderer aber, west- lich sich verstreuend nach der Alleeseite den Weg zu verstellen. Viele aber verfolgten die beiden direkt und diese erreichten auch Robert und seinen getreuen Kameraden Felix, als beide gerade athemlos keuchend in ein kleines Einseglerboot hincingespmngen waren.
Schon hatten sie die Ruder angesetzt, um, geradeaus den Kurs nehmend, noch der Selker Uferseite zu fliehen, schon bewegte sich das Fahrzeug vorwärts! Mer in dem- selben Augenblick sprangen vier waghalsige fremde Matrosen von Petrich durch eine in Aussicht gestellte Be- lohnung angefeuert, von der Brüstung des Bollwerks
Mission befindliche Brennsteuervorlage, von der man noch gamicht weiß, wann sie überhaupt an das Plenum kommen wird.
Soll der Reichstag mithin, wie es wahrscheinlich ist, vor Pfingsten geschlossen werden, so werden die gesetzgeberischen Leistungen, welche in den noch zu erwartenden zwei Dutzend Sitzungen zu Stande gebracht werden, nicht gerade sonderlich groß sein. Geradezu konsisch erscheint heute der Optimismus, mit dem zu Beginn der diesmaligen parlamentarischen Campagne vielfach behauptet wurde, die Zolltarisvorlagc werde noch in dieser Session an das Plenum des Reichstags gelangen. Tie Erfüllung dieser Behauptung wäre jetzt nur noch mit Hülse einer getvaltsanren Auslegung zu erledigen, indem man nämlich, wie es vielfach verlangt wird und nicht unwahrscheinlich ist, die Session zu Pfingsten nicht schließt, sondern abermals, wie schon das letzte Mal, vertagt.
Freilich, wenn die Dinge in der Z o l l t a r i s kommt s s i o n so fortgehen wie bisher,dam: wird weder in diesem Jahre noch im nächsten, noch überhaupt im ztvanzigsten Jahrhundert ein positives Ergebniß in der Zolltarissache zu Stande kommen. Denn wenn auch die Verhandlungen in der Kommission jetzt ein schnelleres Ternpo angenommen haben und die Kommission in der vergangenen Woche ihre Arbeit um 60 von dm 946 Posi- tionm des Zolltarifs gefördert hat, so scheint doch die ganze Arbeit am Zolltarif bisher lediglich „zum Vergnügen der Einwohner" geleistet zu werdm. Denn die agrarische Mehrheit saßt unbekümmert uni die Proteste der Regierung Beschlüsse auf Beschlüsse, welche die Regierung für unannehmbar erklärt, und denen sie aus Rücksicht aus die Interessen der Allgemeinheit auch gamicht zustimmen kann.
Unter diesen Umständen gleicht die Arbeit am Zoll- tarif ganz derjenigen am Gewände der Penelope, die bekanntlich Nachts austrennte, was sie am Tage gewebt hatte. Wie hoffnungslos auch bereits die Regierung dm Verhandlungen, über den Zolltarif gegenüberschht, zeigt die Erklärung des Grafen Posadowsky, daß die erste Lesung der Zolltarisvorlage nur dem Mannorblock gleiche, den man roh formt. Die Hoffnung, daß daraus in der zweiten Lesung eine „wundervolle Bildsäule" herauskommen werde, scheint sogar bei dem Grafen Posadowsky sehr gering zu sein. Unter diesm Umständen wird das Interesse an den Verhandlungen der Zolltarifkonnnission, die immer mehr a-uf das tobte Gleise geräth, immer geringer, und das Hauptinteresse wendet sich der Frage zu, welchm llurs Gras Bülow eilt» schlagen wird, um das mit allzu viel Ballast beladene Zollschiff an der Scylla und der Charybdts vorbei in den sicheren Hasen zu steuern.
herab ins Boot und drangen, obschon das kleine Fahrzeug zum Umschlagen schwankte, aus Robert ein. Und sie bändigten ihn auch nach einem verzweifelten Kampf, wäh- rmd er vergeblich gesucht hatte, seine Angreifer ins Wasser und mit sich in die Tiefe zu ziehen, knebelten ihm die Hände, verschlossen ihm dm Mund und zerrteir den in solcher Art Bezwungenen aufs Land herauf.
Hier wurde er von der ihn als Mörder betrachtenden Menge cinpsangen, und während Felix, zitternd an allen Gliedern und mit angstvoll pulsirmdem Herzen durch die Dunkelheit dem elterlichen Hause und dem allmählich immer lauter ihm entgegentönenden Jahrmarktsgeräusch zustrebte, brachte Petrich init seinem Anhang den widerstandslos gemachten Tclrnquentm in das Gesängnitz des Rathhauscs.
Während der nächsten, dein aufrcgendm Vorfall folgenden Tage wurde von den Bewohnern in Wisborg und vornehmlich von denen amMarktplatz kaimr von etwas Anderem gesprochen als von dmi Raubmord. Man erörterte immer wieder die Thatsache selbst und die durch den eigenen Vater erfolgte Verhaftung des Sohnes.
Eine solche Angst und ein solcher Schrecken hatten sich der gesammtm Bevölkerung bemächtigt, daß die Frauen nur mit Zittern und Zagen sich Abends allein zur Ruhe begabm, und die Männer mit doppelter Sorgfalt die Thüren und Thore ihrer Häuser verwahrten. Jeden beherrschte die Furcht, daß auch bei ihm ciu Einbruch geschehen, daß sein Leben bedroht sein könne.
Daß es der Thäter von vornherein ans Raub abgesehen hatte, war aus der näheren Untersuchung hervorgegangen. Tie in des Vcrstorbeiien Besitz befindlich ge- wesmen Werthpapiere und kostbare Münzensammlung warm verschwunden, die Schublade des Schreibsekretärs, in der er diese aufbewahrt hatte, stand offen, auch Haares Geld schien entwendet.
Durch Erwürgen und einige Schläge auf deu Kopf mit einem schweren Gegmstand hatte sich der Raubgesellc seines Opfers entledigt.
Und Alles deutete darauf hin, daß Robert der Ur-
Preußi scher Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 14. April.
In der heutigen Sitzung wird der Eisenbähnetat weit:r berathen. Es kommen hauptsächlich lokale Wünsch: zum Ausdruck, welche für Ihre Gegend nur vereinzelt von Interesse sind. Abg. Göschen (nat.-lib.) regt die Besserstellung der Eisenbahnsekretäre, namentlich durch eine schnellere und feste Anstellung, sowie eine Zulagegewährung für Schaffner an. — Ein R egie- r u n g s k o m m i s s a r erwidert, die Zahl der Eistnbahn- sekretärstellen habe sich seit 7 Jahren um über 100 pCt. veo mehrt. Die Lage der Schaffner sei nicht so schlecht; man müsse auch die Kilometergelder mitberechnen. — Abg. Crüger (freist Bolksp.) wünscht größere Berücksichtigung früherer Privatbeamten als Eisenbahnangestellt: und GLterexpedienten, Beffer- stellung der Bahnmeister und Erleichterung des Uebergangs- Examens vom Betriebssekretär zum Eisenbahnsekretär. — Ministerialdirektor Wehrmann erwidert, die früheren Privatbeamten würden nicht hinter den anderen Anwärtern zurückgestellt. Die Stellung der Bahnmeister sei verbessert worden. — Abg. Sattler (nat.-lib.) erhebt Widerspruch gegen eine frühereAeußerungWillisins, • wodurch die Civilanwärter gegenüber den Militäranwärtern herabgemindert werden. — Abg. Dr. Lotichius (nat.-lib.): Ich bitte den Minister, dafür Sorge tragen zu wollen, daß der Winterfahrplan für die rechtsrheini- sche Staatsbahnstreck: etwas besser gestaltet werden möge, als es gegenwärtig der Fall ist. Die rechtsrhttmsche Staatsbahnlinie ist eine der wichtigsten und verkehrsreichsten Linien, welche wir überhaupt haben, und es dürfte daher wohl berechtigt sein, daß die Wünsche der betreffenden Gemeinden möglichst berücksichtigt werden. Ganz besonders bitte ich, zu veranlassen, daß der Frühzug von Wiesbaden nach Koblenz-Köln, welcher nach dem Sommerfahrplan um 5 Uhr Morgens abfährt, auch im Winter beibehalten wird, oder, wenn dies nicht möglich ist, von Rüdesheim aus ein besonderer Zug eingestellt wird, der etwa um 14,7 Uhr Rüdesheim verläßt und von dort aus nach Koblenz fährt. Gegenwärtig kann man von Rüdesheim erst gegen 149 Uhr nach-Gtzoblenz fahren, von St. Goarshausen erst um 1410 Uhr, sodaß zahlreiche Geschäftsleute, die in Koblenz zu thun haben, ihre Geschäfte kaum an einem Tage erledige?, können. Aucki das Gymnasium in Oberlahnstein wird von vielen Schülern der Nachbarort- besucht, und auch dies« können nicht frühzeitig genug nach Oberlahnstein kommen, um die Schule zu besuchen, sie müssen also in Oberlahnstein übernachten, was für die Eltern sehr kostspielig ist. Dann bitte ich noch zu veranlassen, daß der Schnellzug, der Morgens um 10 Uhr etwa an St. Goarshausen vorbeifährt, dort anhült. Endlich bitte ich, daß Seitens des Ministers Alles geschehen möge, damit die Kleinbahnen in den Kreisen St. Goarshausen und Diez, welch: zum größten Theil vollendet sind, fertiggestellt werden. Dies: Sache spielt ja gegenwärtig auch im Naffauischen Kommunal- Landtag, und ich hoffe, daß ein: Verständigung erzielt wird, da die betheiligten Kreise bedeutend: Opfer gebracht haben, und
Heber sei. Ihn hatten sowohl die Justizräthin Fries, die um diese Zeit die Rathhausstraße passirt tvar, sowie auch zwei alte im Stift wohnende Frauen gesehen. Letztere sagten aus, daß sie angstvolles Schreien gehört und, während sie noch beunruhigt dastanden, Robert erblickt hätten, der sich ohne Umschau sortbewegt und rasch um die Ecke der «traße gebogen sei. Sie warm gleich nach dem Morde zum Bürgermeister gegangen und hatten solches bekundet. Auch von anderer Seite wurde darauf hingewiesen, daß Robert sich allezeit sehr viel bei Fleder zu schaffen gemacht, daß er wiederholt von dessen Geld und Münzschätzen erzählt habe.
Daraufhin hatte es, wenn auch mit schwerem Herzen, das Oberhaupt der Stadt für seine Pflicht gehalten, Petrich mit der Jnhaftirung des Sohnes zu beauftragen, und er, der Vater hatte sich, seiner pflichttteum Art entsprechend, ohne zu zucken, dieser seiner Obliegenheit ent« lcdigt.
Einige Tage nach diesen Vorgängen fwrd das Be- gräbniß von Fleder uitter sehr großer Betheiligung de? Publikums statt. Fast alle Bewohner des Marktplatzes hatten sich eingefunden, und auch Felix Cholevius folgte seinem Freunde Onkel Fleder mitErlaubniß seiner Eltern. Und als oberhalb der Stadt auf dem Kirchhof der Sarg in das Grab gesenkt worden war, als cs dmi Knaben zum stärkeren Bewußtsein gelangte, daß nun für immer der treue, warmherzige alte Mann für ihn dahin sei, da rieselte ein Schauer frommer Einkehr, eine Ahnung von des Lebens furchtbarem Emst und ein wehmuths- voller Schmerz durch seine junge Seele, und unaufhaltsam strömten die Thränen über seine Wangen.
Nachdem er stumm neben seinem Vater in die Stadt znrückgeschritten war und sich die Leidtragenden, ans dem Marktplatz angelangt, voneinander verabschiedet hatten, drängte er sich an den Bürgermeister heran und sagte:
„Bitte, bitte, lieber Papa! Erlaube mir, daß ich Robert Petrich heute Nachmittag besuchen darf. Gc> ftzngnißwärter Loos sagte gestcm, Robert hätte ihn dämm gebeten. Und ganz gewiß, Papa: er ist es nicht gewesm!
