SO. Jahrgang.
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Uo. 172.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Msnlag, den 14. April.
Berlegs-Fernsprechcr No. 2266. 1902.
Abend-Ausgabe.
Air Regelung der Kinderarbeit.
Der am Toimcrstag von: Bmrdesräth genchnügtc Gesetzentwurf, betreffend die Regelung der gewerblichen Kwderarbeit, ist mmmehr veröffentlicht wordp::, und er wird in Bälde den: Reichstag zugehen. Wir würdeir cs als schr wünschenswerth betrachten, wenn die Volksvertretung sich noch in dieser Session mit der hochwichtigm und dringlichen Materie befassen würde, aber wir verkeimen nicht, daß die Hoffnung auf eine Erledigung des ^Gesetzes in dieser ohnehin stark belasteten und ihrem Ende sich zuncigenden Session verschwindend gering ist.
; Der jetzt veröffentlichte Gesetzeirtwurf hat eine lange Vorgeschichte. Im Noveinber des Jahres 1897 hatte der damalige Reichskanzler Fürst Hohenlohe in einem an die verbündeten Regierungen gerichteten Ruirdschreiben die Regelung der Kinderarbeit angeregt. Daraufhin wurde vom Reichsamt des Innern in den ersten drei Monaten des Jahres 1898 eine Enquete über die gewerbliche Kinderarbeit außerhalb der Fabriken veranstaltet, welche das Vorhandensein von 532,283 gewerblich beschäftigten Kindern unter 14 Jahren ergab, wozu noch für einzelne württembergische Bezirke, die in die Zählung nicht einbezogen warm, die schätzrmgsweise ermittelte Anzahl von 12,000 kam.
Auf Grund dieser Enquete, die besonders in dm Großstädten, sowie in der thüringischen und sächsischen Hausindustrie eine hochbedentliche Ausnutzung und zum Thcil Ausbmtung der Kinderarbeit ergab, hat dann das Reichsamt des Jnirern den Gesetzentwurf ausgearbeitet, der jetzt vom Bundesrath genehmigt worden ist. Der Gesetzentwurf beschäftigt sich lediglich mit der gewerblichen Kinderarbeit, sicht also von einer Regelung der Kinderarbeit in der Landwirtbschaft und dem häuslichen Dienst ab. Was die gewerbliche Kinderarbeit betrifft, so bezieht sich der Entwurf nur auf die außerhalb der Fabriken, da die Kinderarbeit in den Fabriken bereits durch § 135 der Gewerbeordnung geregelt ist, wonach Kinder unter 13 Jahren und solche über 13 Jahre, die noch volksschulpflichtig sürd, überhairpt nicht in Fabriken beschäftigt worden dürfen.
An diese Bestimmung lehnt sich der Gssetzmtwurf über die geiverbliche Kinderarbeit an, indem er für Kinder unter 13 Jahrm und volksschulpflichtige Kinder über 13 Jahre die Beschäftigung in aller: Betrieben und Werkstätten verbietet, in dmen eine gesundheitsschädliche
Einwirkung auf die Kiirder zu befürchten ist. In dm Werkstätten, in denen die Beschäftigung nicht verboten ist, ebenso im Handels- m:d Verkchrsgcwerbc, bei theatralischen Vorstellungen und in Gast- und Schankwirth- schaften dürfen fremde Kinder nur vom 12. Lebensjahre an beschäftigt werden. Die Beschäftigung vor: Kindem über 12 Jahre darf nicht länger als drei Stunden täglich (in dm Ferim vier Stunden) wahrer: und nicht zwischen 8 Uhr Abends und 8 Uhr Morgens stattfindm. Beirr: Austragen und beirr: Boterrdicnst ist die rrntcre Altersgrenze m:f 10 Jahre bemessen. Die Beschäfftgung der eigenen Kinder ist in denselben Betrieber: untersagt, in denen die der fremder: Kir:der verböte:: ist. Im
Uebrigm aber ist die untere Altersgrenze nicht wie bei den frmrdm Kindern auf 12, sondern auf 10 Jahre gesetzt, wenn die Beschäftigung rächt für dritte Personen stattfindet. Durch Polizeiverordnungen können im Einzelnen rwch rveitere Beschränkunger: verfügt Werder:, während andererseits durch Übergangsbestimmungen die Einführung des Gesetzes erleichtert iverden soll und der Brmdesrath befugt ist, für die Uebergangszeit noch weitere Erlcichterurrgen eintreten zu lassen.
Der Gesetzentwurf greift mit Entschicdmheit nicht nur ir: das gcrverbliche Leber:, sondern auch in das Bestimmungsrecht der Eltern ein, während der Arbeitcr- schutz bisher vor der Thürschivelle des eigcrwn Hauses Halt gemacht hat. Trotzdem billigm wir diesen geplanten socialpolitischen Schritt rückhaltlos und bezeichnen ihr: als erfieulicher: Fortschritt. Die Kiirder gehöre:: nicht nur den Eltern, sorärern auch sich selbst ur:d errdlich auch dm: Staate, der irr: eigmsterr berechtigten Interesse für ihre Gesundheit, Erziehung und Leistungsfähigkeit Sorge .tragen muß. Wir betrachten die Regelung der Kinderarbeit als die logische Konsequenz des Schulzwanges, der ja auch einm Eingriff, aber einm vollberechtigten, in die elterlichen Rechte bedeutet.
lieber einzelne Besttmmungcr: des Entwurfes werdm selbstverständlich Meinungsverschiedenheiten geltmd gemacht werdm, und hier und da. besonders >vo dm: Ermessen der Polizeibehörder: eine unseres Erachtens zu rveit geherrde Befugniß an Stelle der gesetzliche:: Regelung eingeräumt wird, dürfte der Entwurf noch Ab- änderunger: in: Reichstag erfahre::. Allen karn: es eir: so einschneidendes Gesetz selbstverständlich nicht recht Macher:. Die Einm werden vom „Polizeistaat", die Anderen von „Halben Maßregeln" sprechen. Das wird uns nicht von der Meinung abbringen, daß der Entwurf eine verstärrdige Mittellinie einhält, auf die sich der Reichstag auch zum Schluß im Große:: und Ganzen einigen dürfte.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 12. April.
Im Abgeordnctenhause wurde heute der Gesetzentwurf, betreffend di: Erweiterung dcs Hafens von Ruhrort (es handelt sich um 7 Millionen Mark), nach kurzer Debatte an die Budget- Kommission verwiesen. Hierauf wurde die Berathung über den Etat der Eisenbahnverwaltung fortgesetzt. — Abgeordneter Goldschmidt (freisinnige Volkspartei) wünscht Wochenkarten für die Arbeiterfrauen, damit sie ihren Männern das Essen nachbringen können, und bedauert die übergroße Sparsamkeit der Verwaltung, die den Nebenverdienst, den di: Arbeiter durch Uebcrstundcn hätten, mehr und mehr beschneide. Alle Werkstätten Berlins hätten den 9-stundigcn Arbeitstag, nur die Werkstätten d:r Staatsbahn einen 10-stündrgcn, obwohl das doch Musteranstalten sein sollten. Weshalb höre man nicht auf die Rathschlägc der Arbätcrausschüsse? Redner bringt eine Reihe Beschwerden der Arbeiter über stellenweise Verkürzung der Arbeitszeit und des Lohnes vor, was alles Folgen des Spar- systcms seien. — Minister v. Thielen erwidert, Goldschmidt irre; seit 1892 sei der Durchschnittsarbeitslohn der Bahnarbeiter von Mk. 701,3 auf 881,7, also um 25,7 pCt. gestiegen. Jener Sparsamkeitserlaß war die Folge der gewaltigen Einnahmerückgänge im September 1901. Wir konnten doch nicht überflüssig: Arbeiten ausführen lassen. Da gab es nur die Wahl, Feierschichten einzuführen oder eine allgemeine Lohnreduktion eintreten zu lassen. Durch einen besonderen Erlaß, der auch von Zeitungen abgedruckt wurde, auch vom „Vorwärts", freilich mit Weglassung der für die Arbeiter günstigen Stellen, ist äußerste Milde für jeden Fall angeordnet worden. Redner widerlegt dann an der Hand eines Mtenmatenals Goldschmidts Ausführungen im Einzelnen und verweist namentlich auf das gute Verhältniß der Verwaltung zu den Arbeiterausschüffen. Freilich könne man diesen keine Beschlußfassung Über die Vorgesetzten zugestehen. Der Nachtdienst läßt sich bei der Eisenbahn nicht vermeiden, wohl aber die Ueberbürdung des einzelnen Mannes. Danach handeln wir auch und Klagen sind auch kaum mehr erhoben worden. Mit den Arbeitervereinen sind wir sehr einverstanden, weil M darau s ein erfreulicher CorpsgList all Gegengewicht gegen M'''S'Kiä1demokratie ergab. Wir haben aber auch sonst auf socialem Gebiet, beispielsweise in der Wohnungsfrage, so viel für die Arbeiter gethan, daß wir auch vor den kritischsten Augen bestchen können. (Beifall.) — Die weitere Debatte betrifft die Wünsche nach Einführung von Sonntags- karten. — Abg. v. Savigny (Centn) bittet für di: am Altenbekener Unglück betheiligten Beamten um Vermittelung der Begnadigung. — Der Rest der Generaldebatte gilt nur lokalen Wünschen. —• Alsdann werden die Einnahmen bewilligt. —• Zum Titel: „Miniftergehalt" beantragt Abg. Werner (Reformp.) den Beschwerden der aus den Supernumerarm hervorgegangenen Beamten, so weit sie vom Landtag 1899 und
Am Marktplatz.
Roman von Hermann Heibcrg.
(15. Fortsetzung.)
Und als sie dann vor: Neuem den Blick auf das Fledcr'sche Haus vrorfen, sahen sic etwas, das zmrächst ihre Aufmerksamkeit im höchsten Grade fesselte, dann aber mit satchen: r:nruhevoller: schrecken erfüllte, daß ihrem Munde Laute des Entsetzens etttglitten.
„Ein Ueberfall! Um Güttes willen, was ist das?" drängte sich über beider Lippe,:.
Sie sahen, daß drüber: Robert Petrich mit einem beilartigen Messer vor dem zitternden Fleder stand.
Unter drohender: Gebärden forderte er etwas, das Fleder, man scch's an feinen Gesten, nicht erfülle:: konnte oder wollte. Noch eine kurze Weile verhandelten sie, 'borm endlich packte ihn Robert und warf ihn aufs Sopha nieder.
Und darauf saher: die beiden Beobachter, denen vor Schrecken schier der Athen: stocke:: wollte, daß ein heftiges Ringen stattfand, und zuletzt hörten sic einen kurz ver- hallender: markerschütternden Aufschrei, so fürchterlich, so laut, daß es durch die Wände drang. Aber nur für Sekunden; gleich darauf verlosch drüben das- Licht, und wo noch cbm: Hülferufei: erscholl, da lag nun Alles wieder in einm: unheimlich lautlosen Schweigen.
Aber nebenan irn Sitzungssaal härter: die beider: un- freiwilligen Zeuger: dieses schreckliche:: Ereignisses lautes Geräusch von hastigen Schritten. Jemand eilte in fliegender Hast, es war der Bürgermeister, durch den Raum, und "hinter ihm siel scharf auftönend die Thür ins Schloß.
Unwillkürlich fuhren. Emmerich und Bettp zusammer:, ober auch ebenso instinktiv strebten ihre Blicke wieder hinaus.
Und dann schossen Plötzlich auch d:c Menschen drunten gleichsan: aus dein Erdboden ernpor. Männer, Weiber ur:d Kinder drängten sich in Hauser: zusammen. Man stand und gestikulirte in ungeheurer Aufregung. Und Einige schauten hinauf zu Fleders Fenster und Andere stürmten ins Haus und unter ihnen befcnw sich Bfier. der alte Petrich und ein Polizist.
„Bitte, zurück! Zurück, Fräulein Betty! Eben blickt auch Jemand zu uns empor!" flüsterte Emmerich erschrocken und zog seincBegleiterin tiefer in das Bibliothekzimmer.
Zitternd, befangen, d:rrch das Geschehene in einen ungeheuren irmeren Aufruhr versetzt, standen sie da und beobachteten, zu Seiten der Fenster sich ausstellend, was nun drüben vor sich gehen werde.
Sie sahen, daß n:an Fleder, rvic cs schien, als blutende Leiche einporhob, und bald flog arrs die Weisung des Bürgermeisters der Polizist davor:, sicher um ärztliche Hülse, um rasch dm: Doktor Gleis zu holen.
„Versuchen Sie, bitte, einmal^, hob Betty, mitten in diese:: Beobachtungci: wieder an die eigene Lage erinnert, an, „ob das Thürschloß nach dem Sitzungssaal nicht mit Gewalt nachgiebt? Aus ein bischen mehr oder wciüger Auffallendes kommt's jetzt nicht an. Wir müssen fort!
Meitze Mutter wird sich schon schwer ängstigen, wo ich bleibe. Felix kann gar etwas ausplaudern, und Alles wird verrathen."
„Ja, ich will's versuchen", erklärte Emmerich, stemmte sich mit aller Kraft gegen die hölzerne Thür und suchte so das Schloß zum Weichen zu bringen.
Allein vergeblich! Sie saß fest wie eine Plauer. Das zähe Eichenholz, aus den: die Wand hergesteüt war, gab nicht in: Geringsten nach.
Abermals schaute:: beide nach diesem vergeblichen Versuch, sich zu befreien, hinaus. Und gleichzeitig erörterte:: sie die stattgehabten, entsetzlichen Vorgänge drüben, sprachen über Robert als den Mordgesellen. über den dadurch betroffenen Alte,: und die arme Mutter. Und später erhob Betty hesttge Vorwürfe gegen sich. Sie habe Emmerich durch ihren Vorschlag in solche Lage gebracht; sie ttage überhaupt die Schuld an den Wirren, da sic nicht genügend entschiede:: seine::: Vater gleich
ausgewichen sei.
Sie weinte, sie schluchzte so reuevoll, daß der Mann im Dunkel vor ihr niederkniete, ihre Hände berührte und sie beschwor, sich zu beruhige,:.
Lange sprach er oirf sie ein, zuletzt ergriff er auch noch für sich selbst das Wort:
Sic solle ihn nicht ganz ohne Hoffnung lassenl
^ „Sind Sie mir denn gar nicht ein bischen gut, Fräulein Betty, theure, liebe Betty?"
„O bitte, bitte, lieber Freund, wenigstens nicht jetzt, nicht heute! Ich beschwöre teie! .Haben Sie Mitleid!"
Und zum Fenster hinausblickend:
„Mein Vater ist sicher fort, ich sehe ihn nicht mehr drüben, auch unten nicht. Und jetzt, jetzt werden bei Fleder die Vorhänge zugezogen. Die Menschen verziehen sich. Und da ist ja Felix! Gottlob! Ich erkenne ihn.
Warten Sie! Jetzt wag' ich es."
_ Nach diesen rasch und entschieden gesprochenen Worten öffnete sie, währerw Emmerich zurückwich, voffichtig das Fenster und rief mit gedämpfter Sttmme:
„Felix! Felix!"
Erst schaute sich der Junge, der sich gerade fortbegeben wollte, überrascht um. Er wußte nicht, woher der Ruf kan:. Als sie aber seinen Namen lauter wiederholte, blickte er empor und rief arglos zurück:
„Was? Du bist oben? Was soll ich?"
„Komm schnell mal hinauf. Ich habe von hier aus zu Fleder hineingeguckt. Aber Jemand hat abgeschlossen. Du mußt mir die Bibliothekthür wieder aufmachen. Hol Dir im Restaurant ein paar Schwefelhölzchen."
Er nickte und lies ii: den Rathskeller. Und dann, bald darauf, hörte,: sie, wie er sich rasch durch den Saal tastete, und jetzt, daß das Schloß sich umdrehte.
„Tanke rnein bester Junge. Ja, ja, ich erzähle Dir gleich! Laß uns nur erst unten sein!" stieß das junge Mädchen befreit Athem holend, heraus und zog den gnt- müthig nickenden Knaben mit sich fort.
Und einige Zeit später verließ dann auch Estmncrich das Gemach, schlich sich leise aus den Flur, horchte, ob Jeniand unten erschien, und schlüpfte, als er zu seiner Beruhigung Niemand bemerkte, unhörbar wie eine Katze die Treppe hinab.
Als Felix mit Betty die große Treppe zun: Chole- viusschen Hause hinaufschritt, sagte er, und es tvar die Antwort auf das, was seine Schwester ihn: mitgetheilt:
Ja, ja, Betty, ich geb' Dir mein Ehrenwort, daß ich Alles so machen will, wie Tu cs willst! let lhu mir auch den Gefallen, drinnen zu bitten, daß ich noch ein bischen draußen bleiben darf. Pulperkopf ist eben mit einen:
