perlage nun Wiesdaüener Tagblatt.
Uo. 169. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 12. April.
69. Jahrgang. 1992.
Kein größerer Schmerz
Als sich erinnern glücklich heit'rer Zeit
Im Unglück. Dante.
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(30. Fortsetzung.)
Der Marschallstab.
Roman von Walttzer Schutte vom ILrühf-
„Wie konntest Du nur so Pudeln, wo sie doch so schön bei Dir ausgingen?" rief er ihm ärgerlich zu.
„Aber, Alter, ich habe ja feste in die Bande hinein- gepseffert. Mehr konnte man wahrhaftig doch nicht thun!" entschuldigte sich Felix.
„Hat sich was hinein zu Pfeffern! Nimm künftig ein emzelnes Huhn ordentlich aufs Korn und wenn Du's dunkel vor dem Visir siehst, dann erst reiß Feuer!"
„Das ist ja der reine Mord! Na, es hat wenigstens ordentlich geknallt und das ist imnrerhin schon etwas", mtgegnete der Sohn und belohnte sich mit einern ordentlichen Schluck aus der tapfer in Anspruch genommenen Feldflasche, wahrend dessen auch Herr Kaltenbach seinem Aeltesten einige Lehren gab. Die Hunde begannen nun, die entflohenen und zerstreut eing^allenen Hühner einzeln auszumachen. Besonders der gewissenhafte Hektar mit seiner ruhigen Würde und Kaltblütigkeit erwies sich als braver Finder, während der Setter mit seinem feurigen Temperament mehrfach ein Huhn überlief. Dennoch gelang es den beiden älteren Jägern in ver- hältnißmäßig kurzer Zeit, die Kette fast ganz aufzureiben, imd trübselig baumelten der zähe Patriarch des Volkes, ein bleifüßiger Hahn, und die Hoffnung seiner Familie, sechs liebliche Söhne und Töchter, in den Schlingen des Hühnergalgens an den Taschen der Jäger, während die Mutter dein mörderischen Hagel entkommen war.
„Das wäre nun besorgt", sagte Herr Neuenhaus und duschte sich den Schweiß von der Stirne, denn auch ihn hatte die zähe Ackerscholle müde gemacht. Er klopfte seinen: Hunde den Kopf und belobte ihn: „Hast Deine Sache ziemlich gut gemacht,Mukhtar! Nun zeig auch 'mal, daß Du bei einem Häschen deine Schuldigkeit thust."
„Ich ftau' ihm nicht", meinte der Fabrikant. „Ich hob' ihn im Verdacht, daß er nicht hasenrein ist. Er ist noch so jung und hat viel Feuer."
„Meinst wohl. Dein Hektar könne es allein machen? Ach sage Dir, der Hund ist ausgezeichnet. Ich hab's schriftlich garantirt."
„Na, wir wollen sehen! Ich fürchte nur, daß es hieran Hasen mcht mehr viel zu holen giebt. Es wird gar zu viel geströppt."*)
Ein unebenes Terrain, theils von Heckengebüschen imterbrochen und von einzelnen Bäumen bestairden, sollte noch abgesucht werde::. Tic paar Gebäude des Hofes Kürschhaus lagen zwar in nächster Nähe, aber Herr Kaltenbach meinte, hier könnte doch ein „Krummer" noch gute Deckung finden und ftotz den Kötern des Gehöftes ein stilles Dasein führen. So streifte denn die
*) Mit der Schlinge gefangen.
Schützenlinie wieder über das schwierige Gelände. Die 1 Hunde schienen bald auf einer Fährte zu sein, doch zeigten ' sie zur Beunruhigung des Herrn Neuenhaus plötzlich ein, recht seltsames Gebühren, Dkukhtar stutzte, gab laut Hals und jagte mit klisf — klaff wie besessen davon; Hektar, anfänglich wie :::: Zweifel dastehend, setzte plötzlich, ebenfalls kläffend, hinterdrein.
„Was ist das?" schrie der Besitzer des Setters, dem die Aussicht durch ein kleines Gebüsch verdeckt wurde.
„Siehst'e wohl, er ist nicht hasenrein und hat auch meinen braven Hektar angesteckt", rief Kaltenbach hinüber.
. „Ich schieß' ihn hinter den: Hasen über den Haufen", knirschte Neuenhaus im höchsten Zorn und horchte verzweifelt auf das Treiben der wilden Jagd.
„Sie sind dicht hirfter einem alten, fuchsigen Hasen, Vater. Ich mag nur nicht schießen, sonst könnt' ich die Hunde treffen", rief Felix, der einen volleren Ausblick hatte, und dann schrie er jubelnd: „Hurrah! Jetzt ist das Hafenviech in seiner Angst gar mft einem. Hui auf den Apfelbaum gesprungen! Hat man je so 'was erlebt?"
„Junge, Du bist verrückt oder der Has!" murrte der Eisenwaarenhändler. Der Maler aber sprang im plötzlichen Jagdeifer mit einigen langen Sätzen aus den Baum zu, zielte dann sorglich in die Krone hinauf, wo etwas Bräunliches zwischen dem Laub sich zeigte, und auf seinen Doppelschuß fiel das Wild lautlos aus den Zweigen herab in den Klee. Die Hunde schienen plötzlich wie umgewandelt. Statt zu apporttren, ließen sie einen Augenblick rathlos die Köpfe hängen, schnupperten aus Verlegenheit nach dem armen Opfer des Malers hin, zogen dann die Schwänze ein und der eine schlich sich links, der andere rechts davon, um in einiger Entfernung der Dinge zu harren, die da kommen sollten.
„Mukhtar, apport!" rief der Maler; als jedoch sein Befehl keine Früchte zeitigte, suchte er selbst zwischen dem hohen russischer: Klee nach der Beute. „Ei verflucht!" brumnfte er vor sich hin, berrgte sich nieder und hielt alsdann einen prächtigen fuchs farbeneu Kater an der Ruthe de:: ::eugierig Herzueilenden entgegen.
„Ein prächtiger Hase", rief er lachend. „Schade, daß es nur ein Dachhase ist."
Die Anderen beglückwünschten ihn spöttisch, doch Kaltenbach meinte tröstend : „Nun, die Sache ist immerhin aller Ehren Werth. Das Katzenvieh wird so manche Rebhuhnbrut verstört und so manchen Satz junger Hasen 'gefressen haben, daß es sein Schicksal wohl verdient hat."
„Ich Hab' nach dieser Jägerthat aber doch für heute genug", erklärte Felix. „Meine Knochen sind müde, nreine Kehle ist durstig und mein Wein alle. Ein Glas Bier könnte u:ir jetzt gut thun."
„Der Vorschlag ist nicht übel", bekräfttgte sein Vater. „Aber ob es dort in den: Gehöft eine leidliche Wirthschaft giebt, ist sehr fraglich."
„Wenn ich nicht irre, giebt es da einen Winkelladei:, wo inan Flaschenbier bekommen kann", sagte Hans. So ginge:: denn die Jäger beschmutzt :md müde, iure sie wäre::, nach dem Hof hinüber :md kehrten bei dem Steine:: Marikestin ein, das erstaunt, den lederne:: Weberschurz vor der Brust, hinter ihren: Webstuhl hervorkam und die Atftommenden scharf bettachtete.
Als sie das bestellte Getränk gebracht hatte, ging sie wieder an ihre Arbeit und machte sich an der Kette zu thun, doch hatte sie für die kleineGesellschast noch manchen forschenden Blick und Hans wiftde sich sicherlich ge- wrmdert haben, hätte er gesehen, mit welch sftllem Zorn gerade er von der Frm: bettachtet wr:rde.
Felix und das Opfer seines Schießgewehrs b:ldeten natürlich der: Mittelpunkt des Gesprächs :md der Maler fand sich n:it Hunror in die fatale Rolle, welck>e er bei der Posse spielte. Dann machten sie sich daran, das getrunkene Bier und eine frische Auflage desselben auszuknobeln. Da hörte man plötzlich vor dem Hause von mehreren Kinderstimmen dm larftm Ruf: „Marikestin, Mvr:-
kefttn!" Ein Schatten fiel auf den Bimtisch und als d:e Jägm aufschauten, sahen sie draußm vor dem Fenster einige Bubm stehen. An einm Bohnmstange trugen 1:0 den erschossenen Kater, der an seiner, obm an dem Stecken befestigte Ruche traurig baumelte.
„Marikestin, dine Mister*) is kaput!" riefm sie wiederum einstimmig. Da sprang die Frau aus !«m Hause und fuhr a::f die Bubm zu.
„Wer hat rneinen Putzi todtgeschmissen?" fragte sie drohend und löste die todte Katze von der Stange. D:e Jungen wichen zurück vor dem Ausdruck des ^Zornes, der sich in ihrem Antlitz m^prägte, und der größte von ihnen erklärte, sie hätten die Katze im Felde gefunden. Die Jäger, die bei ihr in der Stt:be säßm :md Bwr tränkm, hätten dm Mord vollbracht.
Mit dm: Leichnam auf dem Arme eilte sie ms Haus zurück und trat an dm Tisch der Gäste. Ihre Blicks lodertm und sie rang schwer nach Athen,.
„Um Gottes willm, Frau, regt Euch nicht so m:f! Wir wollen Euch das Vieh ja gern bezahlen," sagte der altere Nmeichaus erschrocken, noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte. Da fragte sie.mit heiserer Stimme: „Wer hat:hn
todtgeschossm?" , , „
„Ich hab's besorgt und Ihr sollt meinethalben ern gutes Geschäft dabei umchen," erklärte Felix. „Was wollt Ihr habm für den Kater?" _
Sie warf dm Katzmleichnam mitten auf den daß das Bier aus den Gläsem spritzte und keuchte: „So! Also mit Geld wär's abgemacht, meint Ihr! — Ihr Mordsvolk, Ihr Schufte. Ihr Tagediebe! — Ihr habt mir meinen Putzi todtqeschossen, der keinem etwas getlim: hat. Ihr habt ihn kaput gemacht, lveil'S Euch grad Spaß machte. Lrimpe seid Ihr und Räuber! — Unfern Herrgott will ich mft den Knieen bitten, dag Euch dev Teufel stückweis holt, Er:ch alle miteinander!"
„Mäßigt Euch. Ihr seid ja rein von Summ!" ruft Kerr Neuenhaus, griff schnell in sein Portemoimaw und holte ein Zwawzigmarkstück hervor. „Hier, nehmt das. Dafür könnt Ihr Euch ein ga,Ms halbes Dutzend Katzen
kaufen." . . ^ .....
Sie nahm das Geld und warf es auf dm Tftch.
„Macht doch kein Spektakel weiter! Frau. Die Katze ist Euch gut bezahlt worden und zehn Mark wäre:: cngent. lich schon mehr wie genug." sagte Herr Kaltenbach be> güttgmd.
(Fortsetzung folgt.)
*) Kater.
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