so. Jahrgang.
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Hfl, 168. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Freilas» den 11. April.
Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902.
Abend-Ausgabe.
Die NolKslirweguilg in Belgien.
Die auf die Revision der Verfassung und die Erlangung des allgeineinen gleichen Wahlrechts gerichtete Volksbewegung in Belgien hat einen so bedrohlichen Umfang erreicht, daß die Regierung sich bereits zur Einberufung von Milizeir uird zur Mobilisirung der Gendarmerie-Brigaden genöthigt gesehen hat. Die Parole, welche der soeialisttsche Abgeordnete van der Velde in der Lersanrmlung im Brüsseler Vülkshause am Dienstag ausgegeben hat, daß nämlich die Schlußagitation für das allgemeine Stimmrecht begonnen habe und nun die Gewalt den Vernunstgründen zu Hülfe kommen nrüsse, ist schnell in die Thal übersetzt worden. In Brüssel, Gent, Antwerpen, Mons und noch änderet: Jndustrtecentren haben bedenkliche Unruhen stattgefunden. Und in Brüssel ist König Leopold bei seiner Rückkehr von Biarritz am Mittwoch nicht nur mit Hochrusen auf das allgemeine Wahlrecht, fordern auch mit Hochrufen auf die Republik begrüßt worden.
Gerade dieser letztere Umstand bedeutet eine bedenkliche Verschärfung der Beweguilg in Belgien, denn diese richtete sich bisher lediglich gegen die klerikale Regierung und nicht gegen König Leopold. Ist es doch bekannt, daß für die Revision der Verfassimg und das allgemeine Wahlrecht nicht nur die Socialisten und Liberalen, sondern auch König Leopold und ebenso der künftige Thronfolger Prinz Albert sind. Wenn also jetzt die durch den Widerstand der klerikalei: Regierung gegen die Forderungen der überwiegenden Mehrheit des belgischen Volkes hervorgerufene Bewegung sich bereits gegen den König selbst zu richten anfängt, der allgemein für einen Anhänger dieser Forderungei: gilt, so beweist das am besten, welche Siedehitze die Bewegung erreicht hat.
Ter Kampf in Belgien um das allgemeine Stimmrecht und gegen die klerikale Regierung währt schon fast zwei Jahrzehnte. Seit dem Jahre 1884 sind die Klerikale:: in Belgien in ununterbrochenem Besitz der politischen Herrschaft gewesen, die sie zum Unsegen des Landes geführt haben. Die engherzige und verblendete Politik der Klerikalen, welche den unbemittelten Volksklassen !jede politische Mitarbeit unmöglich machten, der Arbeiterbevölkerung jede Besserung ihrer in Belgien ganz besonders ungünstigen Lage versagten, jede politische wie socialvolitische Reform hintertrieben, zeitigte ihre ganz natürlichen Früchte, nämlich das Entstehen und ungeheure Anwachsen einer socialistischen Bewegung, d:e Anfangs :nit einem nmßvollen Programm auftrat, aber allgemach in ein revolutionäres Fahrwasser überging.
Zu Anfang der neunziger. Jahre erreichte diese Bewegung eine solche Schärfe, daß man in Belgien au: Vorabend der Revolution zu stehen glaubte. Damals griff König Leopold, dem um seinen Thron bange werden mußte, in die politische Bewegung ein, und er zwang die klerikale Regierung zu einen: wesentlichen Zugeständniß an die Massen der Bevölkerung. In: Jahre 1894 wurde das allgenwine Stimmrecht, allerdings _ in der abgeschwächter: Form des sogenannten Mehrstimmensystems, eingeführt. Jeder Bürger erhielt eine Wahlstimme, aber der gebstdctexe, der besitzende Bürger erhielt zwei oder drei Wahlstimmen.
Wenn die Socialister: auch bei diesem System in den Großindustriestädten einige Sitze erlangten, so blieb doch auch bei dem neuen Wahlsystem. die Herrschaft in den Händen der Klerikalen. Und diese beuteten ihre Herrschaft gründlich aus. Sie klerikalisirten nicht nur die ganze Verwaltung, die Schute, die Armee und die Justiz, smrdern sie sicherten sich durch eine Reihe neuer reaktionärer Wahlgesetze unter Beschränkung des Stimm- rechtes der Volksmassen ihre Herrschaft in den Kammern, in den Provinzialräthen und dm Gemeinderäthen.
Jetzt hat sich gegen dies engherzige und willkürliche klerikale Parteiregiment wieder ein gewaltiger Zündstoff angesammelt, der gleichsan: _ der Explosion harrt, und die Lage ist nicht minder gespannt, als 'sie es vor einem Jahrzehnt war. Die Massen verlangen d:e Revision der Verfassung urü» das allgemeine, unbeschränkte Wahlrecht. Die Verhandlungen hierüber werden in Kurzem in der Kammer beginnen. Und die Socialisten verfolgen offenbar die Absicht, durch die von ihnen inscenirte Bewegung die klerikale Regierung im Interesse der bevorstehenden Kammerverhandlungen ein- Zuschüchtern.
Daß dies mit so bedei:klichen und verwerfUchen Mitteln geschieht, ist gewiß zu bedauern, aber man darf die Dinge in Belgien nur ans den belgischen Verhältnissen heraus beurtheilen, und da muß allerdings die Hauptschuld an der jetzigen, sich recht bedcnkl:ch revolutionär anlassendcn Bewegung der ebenso engherzigen, wie kurzsichtigen belgischer: Regierung auf das Conto geschrieben werden. Mit angespannten: Interesse wird man dem Fortgang dieser Bewegung und den bevorstehenden Kammerverhandlungen entgegensehen und ab- warten müssen, ob König Leopold abermals, wie schon vor einem Jahrzehnt, seinen Einfluß gegei: die klerikale Rc- gierung und zu Gunsten der Dolksforderungen geltend mache:: wird.
licl. Brüssel, 10. April. Di« Socialisten setzten Mittwoch Abend in Brüffel die Kundgebungen fort. Ein Zug von 12- bis 1500 Demonstranten zog vom Volkshause durch die Stadt
Am Marktplatz.
Roman von Hermann Heiberg,
(13. Fortsetzung.)
Und da flammte es über das bleiche, knochige Angesicht, zugleich aber schlug nun die scharfklmgende Flurglocke an. Jemand trat ins Haus, und derjenige, der sich :wherte — der Sohn kannte den Schritt — war der alte Petrich. . , ..
Da wich die Gluth wieder einer zähen Blasse, und d:e feuchten Hände griffe:: in die Decke.
Jetzt, jetzt, gleich mußte der Alte an der geöffneten Wohnstubenthür vorüberkommen. .
Und als es dann geschah, richtete sich nntmükurlrch das Auge des Mannes mit dem langen Kopf und dein knapp geschnittenen schwarzen Lippenbart :n den Raum, in dem der bleiche Sohn im Lehnstuhl hockte. _
Es trafen sich beider Blicke, in des alten Petmchs Angesicht trat ein unbeugsam gefühlloser Ausdruck, und in des Jungen Miene legte sich, ob dieser kalten Begegnung, ein solcher trotziger Feindseligkeit.
Auch blieb eS dabei! , , , ..
Armer sprach ein Wort. Der Alte öffnete d:e Thur seines Gemaches, und als gleichzeitig Frau Petrich spähenden Augen den Kopf zur,Küchenthür herausstrecktc, ihn sah und animfen wollte, Ivar er bereits verschwunden.
Sic aber eilte trotz Roberts abwinkenden Gebärden ihren: Manne nach, streichelte den sich eben zum Sitzen Riederlassenden und stieß belvegte Worte heraus:
Robert is toi: ersden mal in de Höchd. He :s nern! He sitt in de Wahnstuv, best' cm nich sehn? Ach. doh mi de Leew, min lewe Mann, un gif em de Hand!"
Dabei strich sie ihm mit der Rechtei: abcnnals über die Schultern und bettelte auch durch ihre Mene::, daß er sich ihrem Flehen nicht verschließen möge.
Er aber sagte kurz und hart: .
„<ö c mag hier in't Hus blieven, solang he t nod:g hett. Denn abers nmt he harnt un schall sik ok nich wedder seh'n laten. U. will niks mehr vun em weeten!
Jk hev kcen Söhn n:ehr. Tat schall he sik marken!
Wo is't mit Middag-Etcn? Js't somit?" schloß er, griff unempfindlich nach seinen Schriftstücke::, schlug eine blm:e Mappe auf und studirte darin. ^
„Du wist di nich wedder mit dinen eegncn Söhn ver- drägen, Petrich? Is din Hart vun Stoen? Hest Tn keene Pligt gegen dinc Nebenminschen? Heft Du nich ok Fehler, un wist, dat di vergebe:: ward ?"
„Wenn ik en Predigt hör'n will, kann ik in de Dom- kark Pastor Pcseldörp hör'n! Tu brukst mi keene to Hollen! Wat ik seggt hev, dat blivt!"
„Wat is denn we'n? Was hett di so vertünü, Petrich! Dillichd büst Du up'n falschen Weg. Du büst sekcr np cn falsche:: Weg. He heit drunken, he wär nicht solide. Dat wär Unrecht! He weet, wo Du övcr sine Schwäche denken deihst. Abers ik weet: He is cn anner tmrr'n. De Krank- heit hett em to Besinnung bröcht.
Jk fleh di an:
Süh em dat noch ecnmal nah! Jk hev d: in unser Eh niks anners bahn as Gudes, min gude Mann. So denk, dat Du mi en Leev de:hst!"
Diesfnal sagte der Mann nichts. Er bewegte nur den Kopf-mit 'einen: unschlüssigen Ausdruck in den Miene::. Es geschah, da sie ihn erinnerte, was sie ihm gewesen seit den fünfunddreißig Jahren ihres Zn- sammenlebens. Endlich sprach er:
„Wenn he kumm un mi afbidden decht, wat he dahn hett, wenn he en anner Minsch ward, ik davun ini övcr- tügen kann, nich nu, aber später, wenn he von fine nächste Reis' torüg küinmt, denn so will ik överleggen, Wat Tu mi seggt hest. Tat is mi lcdses Wurd!
He is er: Riinsch, de keen Ehrgefölsi int Liev hett. Dein: wenn he davun wat lnxar, de::,: wär he nich jeden Tag besahen :ves'n, sitdem he torüg is. Ilu he hett sik, gegen mi uplehnt, he hett n:i anfat, sik an nt: vergrepen! De Söhn an sin cegen Vaddcr! Ik abers" — hier wandte sich der Mann un: und sah seine Fra>: mit einem so drohenden Blick an, daß sic davor zurückschrak — „bim und blieb de Herr, un willst blieven bit an min Lcbcns-
Enn!
und begab sich vor das Redaktionslokal des katholischen Blattes
„20. Jahrhundert". Sämmtliche Fensterscheiben des Gebäudes wurden zertrümmert. Von dort begaben sich die Kundgeber nach dem katholischen Institut der Missionen, wo ebenfalls die Fensterscheiben cingeworfen wurden. Alsdann kam es zu einem Zusammenstoß mir der Polizei, wobei sechs Personen durch Säbelhiebe schwer und etwa 20 leichter verletzt wurden. Ein Polizeiagent erlitt schwere Verletzungen am Kopfe. Die Demonstranten zogen nun nach dem Nordbahnhofe. Drei sich ihnen entgegenstellende Polizeiagenten wurden umringt und verwundet und alsdann ihrer Waffen beraubt. Ein Polizist wurde durch den Mund geschossen, ein anderer erhielt einen Schuß in dir Lunge. Drei Polizeiagenien flohen in ein Haus. Die Menge setzte ihnen nach und als sie die Flüchtigen nicht finden konnten, steckten sie das Haus in Brand.
ück. Brüssel, 10. April. Anläßlich der Einberufung der Miliz-Klassen von 1898/99 herrscht auf sämmtlichen Bahnhöfen, die größte Aufregung. Die meist in betrunkenem Zustande sich befindlichen Reservisten singen revolutionäre Lieder. Infolge der gestrigen Ereignisse sind die strengsten Maßregeln getroffen worden und man erwartet für heute einen Erlaß des Bürgermeisters, welcher Zusammenroitungen von mehr als 5 Personen verbietet.
üä. Brüssel, 10. April. Der Generalrath der socialisttschen Partei hielt heute eine längere Sitzung ab. Die Debatte war sehr erregt. Man befaßte sich mit den Agitationsmitteln und besonders mit dem Generalausstand. Die Mitglieder leisteten den Schwur, über die Beschlüsse vollständiges Stillschweigen zu beobachten. Es verlautet jedoch, der Generalrath habe den Ausbruch des Generalausstandes auf nächsten Montag festgesetzt. — Wie die Blätter melden, ist ein Polizeiagent, welcher gestern schwer verwundet wurde, heute seinen Wunden im Hospital erlegen. — Der Führer des socialisttschen Jugendbundes, Volkaert, wird steckbrieflich verfolgt. Die Verfolgung steht mit den gestrigen Vorkommnissen in Zusammenhang.
hd. Berlin, 10. April. Zu den gestern Abend und Nachts in Belgien stattgefundenen socialistischen Kundgebungen wird noch gemeldet, daß in Gent, Antwerpen und Lüttich, sowie im ganzen Kohlenrevier bei der Heimkehr der Abgeordneten bedenkliche Ausschreitungen vorkamen. In Lüttich wurde der socia- listische Abgeordnete Troclet von Polizisten verwundet. Wi- verlautet, haben dre^soeialistische und drei liberale Abgeordnete eine Audienz beim Könige nachgesucht, um diesen zum Einschreiten zu bewegen, ehe es zum Aeußersten kommt.
üä. Brüssel, 10. April. Aus der Provinz werden wieder zwei weitere Attentate berichtet, eins in Houdeng Aimeries, wo in einer Fabrik zwei Dynamitpatronen explodirten und ganz bedeutenden Schaden anrichtetcn. Das andere fand in Morlanwelz statt und war gegen einen Pfarrhof gerichtet. Die Dynamiipatrone explodirte, ohne besonderen Schaden anzurichten. Die Untersuchung bezüglich dieser beiden Attentate ist eingeleitei. — Die Ausstaudsbewegung in der Provinz gewinnt immer mehr an Ausdehnung. In St. Louvier sind neuerdings mehrere hundert Arbeiter in den Ausstand getreten.
Eeenmal hett hc't versöcht, ton twetcnmal slah ick cm dod!"
„A — h—h!" ging's aus dem Mmrde der ^rait. «re sank nieder auf einen Stuhl und flüsterte, die Augen zur Decke erhebend, wie zum Gebet:
„O lieber, chuter Gott in: Hin:me!l. Was Hab ich Dich chethan, daß Tn: mir in meine alten Djahre so fürchterlich prüfen thun thnst! Du hast mich einen Mann checheben, der sein Herz oben inner: Himmel chelasscn hat. Binnenin is allens Stein und Marmor. Tu Imst mich einen Sohn geschenkt mit das weichste und beste Herz, was man finden kann, einen Sohn, der seine Eltern lieb habe:: thut wie Keiner. Abers die Hand, die er aus- strcckcn thut, bleibt leer, und ich, ich weine rnich in d:c Nächte die Augen wund.
Er, der Mann, denkt blots an sich, immer nur an sich und will ein Christ sein.
Lieber Chott! Nimm mir bald zu Dir! Ich habe keine Freude mehr ans Leben. Aber meine:: lieben^Soh:: laß glücklich werden und hiilf ihn, daß er die Fehler abschüttelt, was er hat. Tn wirst ihn um einen Fehler nich aus Dein Hinunelreich stoßen. Der Vater, der sich mehr dünken thut als der allmächtige Chott über die Wolken, will ihn nicht mehr kennen. Weil er Dir nicht lieb und keine Ehrfurcht vor Dir hat, so wagt er es, Dein Ehe- geschöpf, noch dazu seinen Sohn, inißzuachten.
Er sieht die Splitter, aber nicht die Balken in sein cichne An — "
„So! Nu is nog!" schrie der Mann, sprang empor und' streckte unter funkel-blitzendcn Augen den Arm aus,
„Un nmrk di! So is mi nich bi to käme::!" Und, wie sic, plötzlich'ins Hochdeutsche übergehend und nur halb zu ihr, fast inehr zu sich sprechend, schloß er:
„Ich war hart gegen urich mein Lebelang. Ich habe nur nichts nachgesehen. Gehörte ich nicht zu den Weichen, so doch zu den Männern und zu denen, die wissen, was Ehre und Pflicht und Sitte fordern.
Deshalb habe ich ein Recht, zu verlangen, daß der eigene Sohn an sich arbeitet, sich selbst beherrschen lernt, sonst ist er Spreu, das der Wind besser verweht.
