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Beilage mm Wiesdadener Tagblntt.

zw. 163. MorgeN-Ausgabe.

Mittwoch, den 9. April.

50. Jahrgang. 1902.

Wer sonder Zwang gern gerechten Wandel geht. Bleibt nicht nngcsegnet.

Wird nimmer ganz und gar untergebn.

Doch wo der Uebcrtrcter snnd'gen FrcvelmuthS

ä n wüstem Taumel jede Schranke bricht, \

tahrlich, einst noch in letzten Aengsten Streicht er die Segel, wann die Roth Fast die brechenden Raae.

Acschylor, übersetzt von A. Oldenberg.

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(27. Fortsetzung.)

Der MarschaÜstad.

Aomcn von Walther Schulte vom ZZrühl.

> JuPP aber «npfmg einen furchtbaren Schlag gegen die Stirn, eine «lerne Faust faßte ihn an der Kehle und zugleich bohrten sich die scharfer: Zähne des Hundes in seine Schenkel. Er siel nieder, doch behielt er, während er mit der Linken mechanisch der: über ihm liegenden Gegper abzuwehrcn trachtete, so viel Besinnung, mit der freien Hand nach - seinem Messer zu greisen. Der Andre merkte die Absicht, entriß ihm die Waffe, ließ seine Kehle los ur:d stieß ihr: mit voller Wucht die Faust gegen den llntcrkieser und auf das Nasenbein.

„Laßt mich los!" heulte der Ueberwundene in Angst, Zorn :nü> Schmerz.

Da erhob sich Hans, holte schwer Athem und sagte: „Steh auf. Tu Lump, und mach', daß Du weiter kommst. Und wenn Du wieder eirunal ein wehrloses Mädchen vergewaltigen willst, danr: denk' an dies erste Mal."

Jupp schaute, die Harrd vor das zerschlagene Gesicht haltend, lvie irre ürr: sich, sprang auf und rannte, als sei der Teufel hinter ihm, querfeldein davon. Hektar wollte ihm nachsetzen, doch Hans rief ihn durch einen Pfiff zurück. Dam: wandte sich der junge Mann dem Mädchen zu, das sich mühsam erhob. Noch mangelte:: Hulda die Worte und sie reichte ihm nur stumn: die Hand. Er legte den Arm um ihre Hüfte und stützte sie.

„Komm nur zu Dir, Kind," sagte er leise und strich ihr sanft über die Stirn. Sie lehi:te, noch ganz fassungs­los. mit dem Kopf an seiner Brust und schluchzte heftig. Endlich ergriff sie seine Hand, preßte sie an ihre Lippen und sprach leise unter Thränen: „Ihr habt mich gerettet."

„Gott sei Dank, daß ich der Sache nicht getraut Hab', und heimlich hinter Dir drein gegangen bin. Ich hätt' Dich nicht alleii: gehen lassen könne::, seitdem ich Dein Singen gehört Hab'. — Eigentlich ist's schade, daß ich den Schuft,' der Dich angriff, nicht für immer unschädlich machte," meinte er und neuer Ingrimm stieg in ihm auf.

„Er hat sein Theil und ich kann nun ruhig gehen.

Jetzt wird mir nichts mehr geschehen.-War' ich

doch nur von dem Seultabend fortgeblieben, wie ich es erst gewollt Hab'. Aber die Mina ließ mir keine Ruh'."

„Und waruin hättest Tu nicht kommen wollen?" fragte er und sah ihr ins Auge.

„Das blecht sich gleich. Anders Watts besser ge­wesen. Und nun laßt nüch gehen."

„Du glaubst doch nicht, ich würde es dulden, daß Du

nach diesem Vorgang den Weg noch weiter' allein nrachtest."

„Laßt mich nur gehen; es hat nichts mehr auf sich", flehte sie dringend.

Da zog er ihre Hai:d durch seinen Arm, hielt sie mit der Linken fest umschlossen und sagte bestimmt: „Ich gehe nrit Dir, Hulda. Davon hält mich Keiner ab."

„Es paßt sich nicht. Man wird darüber sprechen. Ich — ich will es nicht", entgegnete sie und suchte sich los zu reißen, doch er hielt ihren Arm fest an sich gepreßt: „Wir gehen zusammen, ob's paßt oder nicht, ist ganz gleich. Und gewahr wird's Keiner. Der Schuft von Jupp soll wohl den Mund halten. — Schlimmes ist doch auch nicht dabei, wenn ich mit Dir geh'."

„Nein, gewißlich nicht", bestätigte sie und ließ sich nun ruhig von ihm führen. So gingen sie über die Felder und sprachen nichts mehr. Er sah öfter besorgt zu ihr nieder, denn ab und zu hob ein krampfhaftes Schluchzen ihre Brust und es war ihm, als sehe er bei dem schwachen Mondlicht, das ihr Gesicht und ihr blondes Haar sanft erleuchtete, mach vereinzelte Thränen über ihre Wm:gm rollen..

„Sei nur still. Du armes Ding. Es ist ja noch gut abgegangen", sagte er. nun ruft dem Tone innigsten Mit­gefühls und klopfte leise ihre Hand.

Als sie dann in der Nähe des Hofes angekommen waren, machte sie sich plötzlich los von ihm, drückte ihm dankbar die Hand und sprach hastig: „Jetzt dürft Ihr nicht weiter mitgeh«:. Gute Nacht!"

Ehe er sich recht besann, war sie seinen Blicken im Dämmer der Nacht entschwunden.

Hektar stieß die Nase gegen das .Knie seines jungen Herrn, als wolle er seiner Verwunderung über diesen schnellen Abschied Ausdruck geben. Und Hmw. wandte sich kurz um und schritt langsam nach Hause.

12 .

Wenige Tage nach diesem Vorgänge gab es bei Kaltenbachs viel zu thun. In der Küche wurde auf Vor­rath gebacken, das Fremdenzimmer in Stand gesetzt und Herr Kaltenbach brachte sein Jagdgeräth in Ordnung und beging öfter die Jagd, die er in der Nähe gepachtet hatte. Früher ein eifriger Jäger, war er mit der Zeit bequemer geworden. Hätte nicht sein alter Jugendfreund, der Eisenwaarengroßhändler Fritz Neuenhaus aus der mehrere Meilen entfernten Regierungsstadt, einen Jagd- authcil gehabt, und wäre er nicht alljährlich cinigerunl zum Jagen herübergekommen, so hätte der Fabrikant die Sache Wohl schon aufgegeben. So aber durfte er dies Lockmittel nicht fehlen , lassen, das den Freund mächtig anzog.

Herr Neuenhaus war zur selben Zeit Lehrling ge­wesen wie Herr Kalteichach und beide hatten in benach­barten Geschäften ihre kaufmämüsche Ausbildung er­halten. Die Erinnerungei: an geineinsmne Thorheiten, genreinsanie Streiche und gemeinsame Freuden und Leid«: knüpfte im Verein mit d«: sich gegenseitig er­gänzenden Charakter«: ein dauerndes Band zwisch«: den

beiden Männern. Was aber die freundschaftliche Zm neigung in dem sonst ziemlich nüchtern empfindenden Fabrikmtten noch ganz bchonders befestigte, war seine Be­wunderung für die kaufmännische Befähigung seines ehe­maligen Genossen, der sich aus geringen Ansängen ohne Mittel z:: einem bedeutenden und reich«: Handelsherrn enchorgeschwungen hatte und ein großes Ansehen genoß. Dazu kam, daß Herr Nenenhaus einen großen Theil seiner Maaren durch die Firma Kaltenbach fabriziren ließ, und so fanden sich ideale und prakttsche Umstände zu- sanimen, um diese Freundschaft zu einer so dmicrnden zu machen.

Es war immer ein Fest, wenn der „Ohm Fritz" im Hause Kaltenbach zum Besuche erschien. . Stets heiter und fröhlich, brachte er einen frischen Geist in das streng ge­haltene Hauswesen. Jedem Pflegte er hübsche Geschenke mitzubringen, der Frau Kältenbach Spitzen oderSchmucft den Kindern Spielsach«:, und wenn er nach mehrtägigem Aufenthalte wieder abzog, ernteten die Mägde ein reich­liches Trinkgeld. Diesmal hatte nun Herr Neuenhaus auch seinen Sohn mit angesagt, seinen einzigen Fel:x, kurzweg Flix genannt. Felix konnte zum heimttchen Krimmer des Urhebers seiner Tage dem väterlichen be­rufe keinen Geschmack abgewimren: er war Maler ge­

worden und.hatte bereits ein erkleckliches Geld verstudut und auf andere Weise angenehm verthan. Das aber kümmerte Herr:: Neuenhaus weniger! d«m Felix ver­stand es meisterhaft, seinen „?llten zu,nehmen", dem er übrigens in der heiteren und liebenswürdigen Charakter - anla'ge sehr ähnelte. Der Vater war stolz auf ihn, umso nwhr, da der Sohn seit einiger Zeit Glück m:t dem Ver- kauf seiner Landschaften batte und in der Presse stets e:n vollgehäufelt Maß von Lob erntete.

„Der Junge ist erst vierundzwanzig Jahre alt, und er könnte sich mit Glanz schon allein ernähr«:, w«m er s nöthig hätte," pflegte der Kaufmann öfter den Bekannten zu erklären, die ihm Artigkeiten über die Kunst des Sohnes sagten.

Dieses Paar rückte bei Kaltenbachs ein, der Alte klein, beweglich und stets freundlich lächelnd, der Sohn etwas schlanker, mit kleinen Teufelchen in d«: blauen, lebhaften Augen und mit spöttischen Fältchen in den Mundwinkeln unter dem keck empor gewirbelten, blonden Cchnurr- bärtch«:. Als Dritten.hatten sie einen prächtigen Gordon- Setter, glänzend schwarz mit brandgelben Läufen, mit­gebracht. Er war frisch von einen: berühmten Hunde- Züchter bezogen, sollte ein Muster von Dressur und Tem- pemment fern und fyctttc ein tiicfyttcjcS ©tiief @elb gefoitet.

Es war Nachmittag, als der Besuch erschi«:. , Herr Kaltenbach führte den Freund zunächst in, den Geschäfts- räuinen umher ::nd zeigte ihm dieses und jenes, Felix sah sich Hof und Garten an, scherzte nüt den Kindern, die den vornehm und mit einen: künstlerischen „Chic" gekleidet«: jungen Mann erst wie ein Wunder anstaunten, und machte sich zutraulich, indem er ihnen eine. wunderbare Mär zum Besten gab von den.krummen Eiern,'welche bis Hahnen legten, und warum sie dies thäten.

(Fortsetzung folgt.)

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