Verlag: Langgasse 27.
so. Jahrgang.
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N" RedaktionS-Ferusprechcr Ro. 52._ M-Iltag, d-N 7. April. SW«. 1802.
Abend-Ausgabe.
Das DebrrKartell.
Wie imtgetheilt worden ist. hat der Ccntratverband der Industriellen die Begründung eines Kartell- verbandes der Kartelle angeregt. Ob der Plan sich verwirklicht, das bleibt abzuwarten. Zwischen den verschtedenenKartellen bestehen immerhin auch manrlze Interessengegensätze, wenn auch wohl die gemeinsamen Interessen überwicgcn mögen, sodaß der Plan der Begründung dieses „Ueberkartells" keineswegs als unausführbar erscheiist.
Ist die Zunahme des Kartellwesens in Deutschland schon seit längerer Zeit mit steigender Aufmerksamkeit und wachsender Sorge verfolgt worden, so ist cs nur natürlich, daß der jetzt ansgetretene Plan des Zusammen- schlusses dieser Kartelle jene Aufmerksamkeit und jene Bedenken zu verstärken nur zu geeignet ist. Diese Bedenken haben schon wiederholt ihren prägnanten Ausdruck gesunden. Bereits in: vorigclr Jahre brachten im Reichstag die Abgeordneten Freiherr v. Hehl und Genossen den Antrag ein, die Regierung möge dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorlegen, „durch welchen eine sachgemäße Reichsaufsicht für solche Kartelle und Syndikate eingeführt ivird, deren Geschäfrsgebahrungen einen nachweislich monopolistischen Charakter angenommen haben." Ter Zolltarifkonumssion liegt ferner ein Antrag Gothein vor, der eine Enquete über die Kartelle fordert, doch wird dieser Antrag erst nach dem Schluß der ersten Lesung des Tarifs zur Verhandlung kommen. Wann dieser Schluß aber erfolgen wird, das ist bekanntlich noch völlig schleierhaft.
Auch die Regierung verschließt sich nicht mehr den Bedenken, welche das rapide Anwachsen des Kartellwesens Hervorrufen muß. Diese Bedenken sind dadurch zun: Ausdruck gelangt, daß der preußische Handelsminister Herr Möller die Regierungspräsidenten beauftragt hat, über die Kartelle und ihren Einfluß auf die wirthschaft- lichen Verhältnisse zu berichten. Was bei diesen Beuchten herauskommen wird, das kann man sich ungefähr denken. So weit die Kartelle nichts zu verheimlichen und das Licht der Oeffentlichkeit nicht zu scheucu haben, ist man schon jetzt einigermaßen über ihr Wesen orientirt. Was die Kartelle aber verheimlichen wollen, werden sie auch den Regierungspräsidenten nicht verrathen und sich hierbei (wobei uns jede unhöfliche Anspielung sernliegt) auf den Standpunkt Mephistos stellen, der zu Faust spricht: „Das Beste, was Du wisseu kannst, darfst Du den Buben doch nicht sagen!"
Das Kartellwesen hat sich in Deutschland, wie schon betont, in neuerer Zeit rapid entwickelt. In den letzten Jahren sind in Deutschland gegen 300 Syndikate, Kartelle und Ringe entstanden, von denen ungefähr 220 auf die Produktion und 80 aus den Handel entfallen. Allein in der Metallindustrie sind ca. 80, in der chemischen Industrie ca. 30 derartige Ringbtldungcn zu verzeichnen. Wir haben hierbei zwischen Syndikaten, Kartellen und Ringen unterschieden. In der That bestehen hier wesentliche Unterschiede, und die volkswirth- schaftliche Wissenschaft unterscheidet noch mehr derartige Variation«: des Kartellsystems.
Für gewöhnlich noerden hierbei sieben Stufen unterschieden, und zwar wie folgt: l. der bloße Gedanken-Austausch zwischen den Interessenten; 2. die Verabredung zu gleichartigem Handeln ohne Konventionalstrafe für den Bruch der Verabredungen, die sogenannten Ringe; 3. derartige rechtliche Verabredungen mit Konventionalstrafen, die sogenannten Kartelle; 4. vertragsmäßig hergestellte Verbindungen unter der Leitung einer einzigen Geschäftsstelle, die sogenannten Syndikate;. 5. zu jurrstischen Per- soneu verschmolzene, also für den einzelnen Betheiligtcn unauflösliche Verbindungen, die Truste; 6. thatsächliche Privatmonopole und 7. das auf öffentlich rechtlicher Anerkennung beruhende Privatmonopol, wie es früher die Thurn- und Taxis'sche Post hatte, wie es aber heute kaum noch anzutreffen ist.
Während in Amerika, dein Dorado dieser monopolistischen Bestrebungen, diese fast durchweg die außerordentlich gefährliche Form der Truste angenommen haben, steht die Kartellbildung bei uns noch ans den 'stufen 2, 3 und 4. Tie Anfchamingen über die Kartellbildungen sind sehr getheilt, und man soll sich jedenfalls vor einseitiger Bemckheilung hüten. ES soll nicht bestritt«: werden,-daß manche Kartelle die Produktion ans einzelnen Gebieten iir geregelte Bahn«: geleitet und sowohl Waarenverschleude- rnngcn: wie Geschästsstockungen. vorgebeugt haben. Aber diesen günstigen Wirkung«: stehen besonders bei d«: Syndikaten viel mehr ungünstige und bedenkliche Wirkungen gegenüber, wobei wir nur an das Spiritussyndikat, an das Papiersyndikat und dos Zuckerkartell zu erinnern brauchen.
Jedenfalls steht eines fest, daß der Staat d:esc Syndi- kate und Kartelle sich nicht frei mrd nach Belieben schrank«:los eirtwickckln lassen darf, fanden: daß er die Verpflichtung hat, ihren Auswüchsen, wo sie sich zeigen, mit aller Entschiedenheit «:tgcg«:zutrelen. Hierzu ist nothwcndig, daß das Kartell- und Syndikatwesen an das Licht der Oeffentlichkeit gebracht wird, damit es so unter die Kontrolle der Ocfsentlichkeit und des Staates gebracht wird. Der Aufgabe, dies herbeizuführen, kann sich die Gesetzgebung aus die Tau«' nicht mehr entziehen.
Deutsches Deich.
„Exccllcnz" Lieber!
* Dem Abgeordneten Dr. Lieber ist nach Durch-- bringung der ersten Flottenvorlage von 1898 die Wahl gestellt worden zwischen einem Oberpräsidium, einem Staatssekretär- Posten und einem Ministerportefeuille. Auch sei ihm ein hoher Orden angebotcn worden. Nun schreibt auch der „Köln. Dolksztg." „ein parlamentarischer Freund des Verstorbenen". d:e Nachricht sei richtig. Lieber habe jene Angebote ausgeschlagen und von den Angeboten auch nur ganz wenigen Vertrauten Mittheilung gemacht, und auch diesen nur unter dem Siegel der Verschnnegenheit. Eine hohe Stelle im Staatsdienst hätte Lieber in Anbetracht seiner sehr zahlreichen Familie auL persönlichen Rücksichten nur erwünscht sein können. Aber Lieber Hab« jene Anerbieten ausgeschlagen, ebenso wie seiner Zeit Abg. Windthorst die sehr hoch dotirie Stelle eines Verwalters des Fürstlich Thurn und Toxischen Vermögens. Für Dr. Lieber sei vom Standpunkt seiner persönlichen Neigungen in erster Linie in Betracht gekommen das Angebot eines Obcrpräsidiums seiner Heimathprovinz Hessen-Nassau. „Der damalige Oberpräsident Brandenburg war in Aussicht genommen als Präsident der Obcrrechnungskammer. Die so eröffnetc Vakanz sollte benutzt werden, um das Oberpräsidium in Cassel für Dr. Lieber frei zu machen." . Die „Deutsche Tagesztg." hält Lieber zwar für bc- fähigi, ein höheres Staatsamt auszufüllen, bezweifelt aber, „ob es zweckmäßig sei, die höchsten Staatsämter gewissermaßen als Belohnung für parlamentarische Leistungen zur Wahl auszubieten".
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Zu dieser seltsam«: Angelegenheit schreibt uns unser Berliner D-Korrespondent: Mit Den allcrpeinlichsten Empfindungen erfährt man, daß Herrn Lieber nach Durchdringung der Flottenvorlage im Jahre 1898 an- geboten wurde, zwischen «nein Oberpräsidium, einem Staatssekretär-Posten und eisten: Ministerposten zu wachen. Auch einci: hohen Order: sollte er, wenn er wollte, erhalten: aber der kluge Mann lehnlc alle diese Angebote ab. Die Sache wirkt zunächst dermaßen verblüffend, daß man die Glaubwürdigkeit der Mittheilung bezweifeln möchte, wenn sie nickst vor: der „Kölnischen Volkszeitung" unter Berufung auf Lieber selber bestätigt würde. Trotzdem aber wird ciue authentische Aufklärung erforderlich fein. Bis dahin möchte inan immer noch hoffen, daß der Verlauf nicht ganz so amerikanisch geschäftsmäßig gewesen sei. Eine ärgere Taktlosigkeit jedenfalls, als wie sie in dern nicht zmÄusflihrung gekommenen Vorhaben von -- man weiß nicht recht, wen: begangen worden ist, läßt sich schwer vorstellen. Man hat (immer vorausgesetzt, daß die betreffenden Angaben stimmen) nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten : Entweder wollte die Regierung mit der Aufnahme des Herrn Lieber
Am Marktplatz.
Roman von Hermann Hcibcrg.
(9. Fortsetzung.)
„Also Tu denkst nicht an Scheidung, Vater?"
Der Sohn sprach's, durch aufkeimende Hoffnungen Schoben, und schlang' freudig bewegt den Arm um die Schulter feines Vaters.
M. „Doch! Ich denke, wenn sie sich nicht fügen will, an I Scheidung, Emmerich. Ich will klare Verhältnisse", fiel | der Baron, den jungen Mann sanft von sich lösend, ein. f _ Emmerich ließ nach dieser Erklärung den Kops sinken. Er stand in völliger Zerknirschung. Die ungeheure Leichtfertigkeit, deren er sich schuldig gemacht: aus die Hoffnungen, auf die Mittel eines Dritten Geldverpflichtungen fi>Mgehen, drang abermals auf ihn ein, mackste sein Herz unruhig schlagen m:d beschwerte sein Inneres zum Er- l liegen.
Stumm drückte er seinen: Vater die Hand, und von der Bedeutung des Gehörten überwältigt, verließ er bald darauf das HauS und eilte ins Freie.
[ Kaum eine Stunde später, an demselben Tage, wurde j draußen an der Etagenthür der Prst'schen Wohnung geklingelt, und als Madwig, der gerade Silberzeug im i Speisezimmer cinschloß, eilfertig öffnete, staud Betty Eholevius vor ihm und fragte nach der Baronin.
1 „Ich möchte die gnädige Frau gern weg«: der Näh- ; schule sprechen. Bitte, fragen Sie! Jch'wünsche nur einen - Augenblick zu stören."
k Auf diese Anfrage nickteMadwig rasch und ehrerbietig,
! ließ Betty gleich zur Link«: ins Wohnzimmer treten und ! erklärte, daß er der Frau Baronin unverzüglich Meldung Machen werde.
Es währte aber eine Zeit lang, bevor die Frau des f.: Hauses kau:, und während dannBetty unter starkem Herz- klopfen dasaß, gingen ihre Gedanken zu dem, was sie ! hierher geführt, was sie sich ii: langen Stunden unter ' schwersten Kämpfen abgerungen hatte.
Sie wollte auf Frau von Put einwirken, ihr«n
I Manne zu Will«: zu sei::, sie bitten, sich wieder mit ihm auszusöhnen; sie wollte sich dadurch selbst von Gedanken und Vorstellungen befreien, uistcr denen sic nach der Scene in: Kropholzer Park und einem inzwischen erfolgt«: Briefwechsel schier erstickte.
Aber sie wünschte sich auch einen Einblick in das Innere der Frau zu verschaffen, um sich die Bedeutung und die Folgen d« ganzen Angelegenheit klar vor Augen zu stell«:.
Bei aller Entschiedenheit, des Barons Werbung zurückzuweisen, erfüllte sie doch ein heftiger Drang, ihrem Herzen diese Klarheit zu verschaffen.
Sie vermochte nicht zu verzichten, ohne vorher Alles zu prüfen, was ein Nein in ihr verstärken mußte.
Mittei: unter solchen Ueüerlegungen trat Frau von Put aus einem der an das Wohnzimmer anstoßenden Nebengemächer, begrüßte Betty mit gewohnter zuvorkommender Liebenswürdigkeit, bat sie, sich selbst setzend, Platz zu nehmen und fragte, während die Mundwinkel zuckten und sich aus ihrer weißen, von einer einfachen Leinenmorgenmütze umschlossenen Stirn fortwährend Falt«: bildeten, was ihr die Freude eines Besuches verschaffte.
Und als nun Betty die ältere Frau vor sich sah, die mit all den sie umgebenden vornehm«: Bequemlichkeiten, den schönen- Möbeln und kostbaren Gegenständen gleichsam verwachsen schien, als sie sie auch ohne jegliche Gc- inüthsbedrückung fand, dünkte ihr plötzlich alles Gehörte als eine bloße Vorstellung, und ein Eingreifen in die intimen Verhältnisse der Familie ohne Aufforderung als eine so unentschuldbare Unzarthcit, daß ihr völlig der Muth schwand.
Aber da sie doch etwas sagen mußte, nahm sie den ohnehin von ihr als Vorwand gewählt«! Gegenstand auf, sprach von einig«: Armen und zuletzt von der Wisborger Kinderwarteschule, für die neuerdings andere Räume in Aussicht g«:ommen waren. Sie fragte, ob die Baronin die Freundlichkeit haben wollte, sie demnächst zur Be- I sichtigung eines ander«: Hauses zu begleiten.
Und da kam ihr die Gelegenheit zu Hülfe. Frau von Put erklärte unter plötzlicher heffiger Bewegung, daß sie
in dieser Woche verhindert sei, da sie — da sie — anderweitige Tinge sehr beschäftigten. Und dann verlor sie die Fassung und die Sprache und brach in Thränen aus,
Nun beugte sich Betty, diesen Zwischenfall nützend, in sanfter Ehrerbietung zu ihr und sprach, wie ihr ums Herz ivar.
Sie erklärte, daß sie wisse, weshalb Frau von Put weine, sie erörterte, daß sie gerade um desselben Gegenstandes wstlen, lediglich von Unruhe und Sorge fiir die Familie getrieben, heute Morg«: vor ihr erschienen sei.
„Zürnen Sic mir nicht, gnädige Frau, w«:n ich ohne Anlaß von Ihrer Seite rede, wenn ich, — auch ohne Wissen ihres Herrn Gemahls — mich in ihre Angelegenheiten zu mischen tvage. Aber die Verehrung, die ich Ihnen entgegentrage, die Liebe, die ich sür Gunda empfinde, das Interesse, das ich für Alles hege, was d«: Namen Put trägt, hat mich nicht ruhen lassen, hat niich zu diesem Schritt getrieben."
Sic erzählte sodann, daß sie den: Baron zufällig vor der Stadt begegnet sei, und daß er ihr, unter dem Druck seiner Gemüthsbeschwerung, sein Herz ausgeschüttet habe.
„Bitte, bitte, gnädige Frau, geben Sie Ihrem Herrn Gemahl nach, wenden Sie dadurch auch Anderes ab, was er vorhat, mit dem er sich jetzt in der augenblicklichen Stimmung trägt —"
„Er vorhat noch etwas Anderes?" stieß Frau von Put, die BettyS Worten mit einer starken Rührung zn- gehört, die jedenfalls an den Tag gelegt hatte, daß sie der Sprecherin durchaus nicht zürne, jetzt stark erregt Henaus.
„Ja, gnädige Frau, etwas, worüber ich nicht sprechen, kann und werde, lveil es nicht mein Geheimniß ist, wodurch aber die Angelegenheit einen noch weit ernsteren Charakter annimmt. Begnügen Sie sich mit diesen: Hinweis, aber lassen Sie sein Gewicht bei Ihren Entschließungen mit ii: die Wagschale fallen."
„Ja, sa, ich kann niich denken, was der Baron will. Er umgeht damit, einer anderen Frau su heirathen! Nicht wahr, das ist es?"
„Denken Sie wcnigstens, daß die Konsequenzen dessen, was er wägt, gleich bedeutungsvolle sind, und er-
