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so. Jahrgang.

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ISS.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Sonntag, den 6. JljmJ.

Verlags-Fernsprecher No. 2266.

1902 .

Morgen »Ausgabe.

Sorialpolitrsche Umschau.

— Anfang April. —

Das deutsche Handwerk gehört zu den Erwerbs ständen, an denen in den letzten zehn Jahren gesetzgeberisch am meisten herumgedoktort worden ist. Als man die Zwangsinnungen glücklich unter Dach gebracht und dem Kleingewerbe eine Last von Paragraphen, Perordimngeii imd Bestimmungen auf die Brust gewälzt hatte, da hoffte ,nvii bestimmt auf baldige Genesung des angeblich Schwerkranken. Mali vertraute den rettenden Para­graphen und der segenstistendeii behördlichell Verord­nung. In tauserrd imd ..bertausend deutschen Innungs- Versammlungen nmrde scitdeni daran gearbeitet, aus dieser Paragraphenlast ein Körnchen edlen Metalles für den goldenen Boden deS Hamdwerks heraus zu hämmern, aber die Ausbeute war geringer als in einem verlassenen Erzbergwerk. Man soll neuen Wein iiach deni .Wort der Schrift liicht iit alte Schläuckfe füllen. Unsere Zest braucht andere Handwerkerorgmrisatlvnen als Zwangsinnungeu. Soll auch das Kleingewerbe sich einer gesunden Entwickelung dauernd erfreuen, so braucht es nicht Zwang und eiil Gehege von Paragraphen, sonderii der Allem Bewegullgsfreiheit und Bildung.

^ , .Las ist Natürlich schon oft ausgesprochen. Aber ikianche Wahrtjeitetl inüssen tausendmal NnederhWlperden, wenn sie nur von Einigen begriffen werden sollen und so hat man immer wieder daraus bmzuweisen, daß auch die Hcmdwerkersragc ivie die tairdwirthschaftliche Frage großtentheils pine Bildungssrage ist. Ohne eine tüchtige allgemeine Bildung ist es auch dem Handwerker unmög, sich, sich eine den heutigen Airsorderuirgen mtsprechende l'erustiche Bilduiig anzueignerl. Auch der lauge Hülfs- und NothzÄtel. deii eine Kvminission des preußischen Ab- geordnetenhauses zur Förderung des Handwerks misge- aÄeitet hat, wird von diesem nicht iu der gewünschten Weise verstandeii werden, weil es vielen nt lediglich zünstlerischen Anschauungen festgerannten Haiidwerkerir >m Einsicht dafiir fehlt, was ihnen eigentlich mangelt, eene Kommission des preußijclien Abgeordnetenhauses hat eine Reihe von Anträgen zu einem großen Wunsch­zettel zusamniengesaßt, den sie nächsteiis der genanilten Körperschaft und der preußischen Regierung zur'Annahme unterbreiten will. Da soll die Ltaatsregierung in ständiger Fühlung mit den Vertretern des HandweÄs in Innungen, H'andwerkerkammern, Genossenschastm und Vewerbevereinell bleiben, sie soll Ausstellungen von im Kleingewerbe verwendbaren Motoren, Maschinen, Werk­zeugen veranstalten, soll deren Gebrauch lehren lind fördern, geeigneten Falls auch mit Hülfe der Gemeinden, sdll Auskünfte über den Gebrauch, Anschassungskosten und Leistlmgsfähigkeit derartiger Hülssmittcl ertheilen,

soll technische Fortschritte axtf dem Gebiet des Kleinge- lverbes in Lehrkursen vorführeii, die Meisterkurse durch Unterweisung in Buch- und Rechnungsführung erweitern, Stipendien bewilligen, Auskünfte ertheiilen, pränüirte Lehrlingsarbeitm ausstellen, um die Lehrlingsbildung verdiente Meister belohnm, Lehrli'.igSheime errichteir und Handwerksmeister für FortbildungS- und Fachschulen als Praktische Lebrer ausbilden. Wenii das Alles geschehen ist, soll die Regierung sich jedoch lisch keineswegs selbst- zufrieden der-Ruhe erfreuen. Der preußische Staat soll auch das geinerbliche Genossenschaftswesen m seinem ge- saminten Umfange fördern, soll den Absatz der Genossen- schäften heben, ihnen Staatsaufträge z innen den, Unter- richtskurfe ditrch Wanderlehrer über genossenschaftliche Bethqtigung unterstützen, eine Zentralstelle beim Ministerium für Handel und Gewerbe zttr Förderung des Handwerks einrichten, sowie zu demselbeii Zweck Zweigstellen in den Provinzen begründen imd über deii Stand der Gewerbefördernng regelmäßig Teilkschriften vorlegen.

Das ist viel verlangt aus eiiiiual. Aber prüft man die einzelnen Forderungen, so läßt sich eigentlich gegen keilte dersÄben etwas Wesentliches einwenden. Alle diese Wünsckw lassen sich erfüllen ohne die Kränkung be­rechtigter Interessen anderer Bevölkerungsgruppen. Kein Billig denkender wird etivas dagegen einzuwendcn haben, ivmni eine Regierung dem nach lasserer Fachbildung und höherer Betriebsmethode hindrängenden Kleingewerbe in der gewünschten Weise heu Weg ebnet, kein Einsichtiger lvird die große wirthschaftliche Bedeutung etuer sich unter sachverständiger und wchlwollender Förderung des Staates leichter vollziehenden Ausdehmmg des Ge- ilossenschastsnteseiis im Handwerk imterschätzeit. Aller­dings giebt es für alle derartigb Fördermtg eine Grenze, die dadurch gezogen wird, daß dis Hienosien-schaften den Charakter der «Lelbschulfe und ihr Selbstbestimmnngs. recht nicht verlieren dürfen.

In Oesterreich gieot e§ seit einer Reihe von Jahren in manchen Städten Gewerbelehrer mit der Ausgabe. die Innungen zil besucheii und diese über die Vortheile de-' Genossenschaftswesens mifzukläreu. In Frankreich bat der Staat die Verpflichtung, den .Handwerkersyndikaten Aufträge zu überweisen. Diese Vereinigungen sind bei derartigen Aufträgen von der Stellung einer Sicherheit befreit und bei gleichen Angeboten muß der Staat sie vor dem Privatunternebmer berücksichtigen.. In Frank­reich werden jährlich - für etwa 4—5,000,000 Francs öffentliche Arbeiten von Handwerkersyndikaten ausge- führt. Das ist nicht viel, aber mit der wachsendeil Aus- dchnung dieser Vereinigungen wird sich auch ihre Leistungsfähigkeit und die Zahl ihrer öffentlichen Aus- träge mehren.

lieber die Hülfe aus eiirem anderen Gebiet der socialen Noch hat das Reichsversicherungsamt jüngst wieder be­richtet. Nach eitler von dieser Behörde bearbeiteten Zu­sammenstellung sind seit dein 1. Januar 1801 bis zum

30. Septeuiber 1901 iu Deutschland 702,135 Inda- liden reuten bewilligt, von denen am 1. Oktober des letztgenmintcu Jahres noch 467,370 in Kraft waren. In demselben Zeitraum wurden 386,479 Alters- r e u teu zugebilligt, von denen mu letzten 1. Oktober noch 181,245 liefen, Renten ltach § 16 des Invaliden- versicherlmgsgesetzes —- Krankenrenten •— wurden seit dem 1. Januar 1900 12,285 bewilligt, von denen am 1, Oktober 1901 noch 8058 iu Kraft waren. Nach einem gleichfalls vom Reichsversicherungsamt dem Reichskanzler lürzlich erstatteten Bericht haben die ll n f a l I v e r - siche m n g e n im Jahre 1901 mehr als 100 Millionen Mark als Entschädigungen bezahlt. Das ist eine erheb­liche Steigerung gegen früher; zum Wesentlichen die Folge der Erweiterung der llnfallversicherungsgesetze, die am 1. Oktober 1900 Gesetzeskraft erlangte.

Bekanntlich finden auch seit einiger Zeit wiederum im Reichsanrt des Jmtern Erörterungen über eine wicky tige A u s d e h n u u g der Arbeiter s ch u tz - b e st i nt tu u tl g e it statt. Es soll nicht nur die ge­werbliche Kinderarbeit erheblich beschränkt lvcrdeil, son­dern man will auch die Heimarbeit Erwachsener allmäh­lich den Forderungen eines vernünftigen Arbeiterschutzes nnterwerfen. Namentlich sollen in dieser Bezichung die Verhältnisse der hausgewerblichen Cigarrenindustrie zu­nächst geregelt werden; auch gegen die Beschäftigung von Arbeiterinnen in gesuitdheitsschädlichen Betrieben will man Vorgehen, und überhaupt voll der Besugniß des Bundesraths, geivisse Arbeiterschutzbestimmtiiigen aiis dem Verordnungswege diirchzirsetzeii, tnehr Gebrauch machen. Tie Reichskommission für Arbeiterstatistik wird bei allen diesen Arbeiten flicht mehr mitlvirken. Sie ist bekaniltlich aufgehoben und all ihre Stelle ist das neue und voraussichtlich bald mit größeren Bcsugiiisseii be­traute « r b e i t s st a t i st i f ch e R e i ch s a m t ge- treleir. Als erste Ailsgabe wird diese iieue Behörde die von der genannten Koiiimissioil bereits in Angriff ge- nonmieiien Erbebungeil über die Arbeitsverhältnisse im Fleisäjer- turd Fuhrwerksgewerbe durchführeii.

Aus deni weitetl Gebiet der W o h n li u g s r c f o r m ist nntzutbeileti, daß iu Hamburg ein besonderer Aus­schuß der Stadtvertretuiig feststellte, es müßtetz.eigellt'lich etwa 14,000 kleine Wohnungen gebaut werden, wenn der augenblickliche Bedarf all derartigetl Räumen gedeckt werden sollte. Derselbe Ausschuß der Hamburger Bürgerschaft will gegen die Anwendung des Erbban- rechts zur Liilderuilg der Wohimngsnoth nichts eünveil- den; doch er verspricht sich nicht viel von diesem Recht. Er wollte für die in Erbpacht gegebenen Bmiplätze eine Höchstmiethe für Wohnungen festsetzen, hat das jedoch auf Vorstellungen des Senats unterlassen, da dieser be- toilte, daß eilte solche Bestimmung eine Prämie auf schlechtes Bauen setzen werde. Jtt einer Gesetzesvorlage, mit der sich der Senat nächstens beschäftigen wird, hat man dagegen jetzt bestimmte Anforderungen an die Größe der Wohnungen gestellt. Eine gewisse Größe der

Feuilleton.

M den dentslhen Knegsschngenen ans Ceylvn.

In einem Ende Februar geschriebenen Bericht an die „Köln. Bolksztg." schildert Ernst v. Hesse-Wartegg ausführlich das Schicksal dcr deutschen Landsleute unter den Burengefangenen. Seinen bemerkenswerthen Mittheilungen entnehmen wir das Folgende: Es sind nun beiläufig zwei Jahre, daß etwa drei­hundert deutsche Männer auf der Insel Ceylon gefangen gehalten werden, ohne daß Aussicht vorhanden wäre, sie vor Beendigung

Burenkrieges frei zu bekommen. Alles Mögliche ist für sie versucht worden, nicht einmal die Offiziere wurden auf Parole freigelaffcn und schmachten noch mit ihren einstigen Unter­gebenen in dem glühend heißen Tropendschungel von Ramaga, unweit von Colombo. Nur einem deutschen Offizier, Hauptmann Lorenz, sowie drei französischen Offizieren wurde die Erlaub- suß «rtheilt, in dem kühleren Kandy, das etwa 500 Meter hoch den Bergen des mittleren Ceylon liegt, zu wohnen. Vier­tausend Buren sind in dcm befestigten Lager am Diyatalawa, 2000 Meter hoch in den Bergen, untergebracht, gegen 1400 thardm in Trichinopoly,' in Südindien, gefangen gehalten, und uns weitere Sendung von 1000 Buren wird in den nächsten Sagen in Madras erwartet.

Warum diese Strenge in dcr Gefangenhaltung der Buren- iämpfer auf Ceylon? Warum werden sie nicht ähnlich unter­gebracht wie die Kriegsgefangenen in dem deutsch-französischen Kriege? Man erzählte mir darüber in Ceylon kuriose Dinge. Anfänglich waren alle Kriegsgefangenen ohne Unterschied der Nationalität in dem großen Lager von Diyatalawa unterge­bracht, ober ihre erhebliche Zahl mochte bei den Behörden von Ceylon Bedenken erweckt haben. Sind doch auf ganz Ceylon u»r etwa 2000 Europäer, davon di« Hälfte Frauen und Kinder. Es standen also drei kriegsgefangene Soldaten einem weißen Einwohner gegenüber. Dazu wurde auch noch in dcr ersten Zeit ein von den heißblütigen Franzosen ausgel^eckter Plan entdeckt,

die schwache Garnison zu überwältigen, Ceylon zu erobern und dort «ine holländische Republik einzurichten. So aussichtslos ja unsinnig dieser Traum auch sein mochte, di- Engländer trafen ihre Vorsichtsmaßregeln, verlegten das Lager der fremden Legionäre, darunter hauptsächlich die Deutschen, nach Ragama in die Näh- von Colombo und verschärften die Sicherheits­maßregeln gegen Ausbruchsversuche derart, daß man das Lager am Ragama mit seinen Gittcrwerken und Alarm-Vorrichtungen mit einer großen Menagerie für wilde Thiere verglichen hat. Und doch ist es wiederholt Kriegsgefangenen gelungen, aus Ramaga zu entspringen, freilich in der Regel nur, um wieder eingebracht zu werden.

Im Queens-Hotel in Kandy lernte ich die vorerwähnten, auf Parole frcigelaffcnen Offiziere kennen, und ihr- Erzäh­lungen bestärkten mich in dem Wunsche, das Lager selbst zu besuchen. Sie waren glücklich, wenigstens aus dem Lager los­gekommen zu sein, obschon sie mit den Kameraden anderer Natio­nalitäten im freundschaftlichsten Einvernehmen gelebt haben."

E. v. Hesse-Wartegg erhielt diese Erlaubniß und wurde von einem englischen Offizier, der den Auftrag dazu erhalten hatte aufs Liebenswürdigste hcrumgeführt. Er schildert nun zunächst di- höchst primitive englische Offiziersmeffe, dann den doppelte., Stacheldraht, das Gefängniß für Wid:rspenstige und fährt dann fort:

„Vor einer großen, mit Wellblech gedeckten Hütte stand eine Grupp- von Männern, die ich ihrem Aussehen nach für Deut­sche halten mußte. Auf meinen deutschen „Guten Morgen"- Gruß antwortetm sie mir erfreut in gleicher Weise, und aus der Art, wie di- nun folgenden Gespräche geführt wurden, wie sie üb:r ihr Leben sprachen und klagten, konnte ich entnehmen, daß deutsche Besucher in diesem einsamen Lager nicht allzu häufig waren. Gewiß wann im Laufe ihrer langen Gefangenschaft verschicdene gekommen, darunter vor Allem die deutschen Lands­leute von Colombo, und auch der hochverdient- deutsche Konsul Freudenberg hatte das Lager besichtigt, um sich über die Be­rechtigung vielfacher nach D:utschland gelangter Klagen zu über­zeugen. Ja noch mehr, man denkt im Ausland an sie, sendet ihnen Briefe, Zeitungen, Geld, und für di- vergangene Weih­

nachtsfeier hatten die Deutschen von Colombo auf Veranlassung des Herrn Hagenbeck, des Bruders des bekannten Hamburger Thierhändlers, den Gefangenen Christbäumchen und allerhand Gesch:nke zukommen lassen. Dcr Lagerkommandant hatte be­reitwilligst die Erlaubniß ertheilt, daß sic am heiligen Abend auch das langentbehrte Bier trinken durften. Man ist in einer Menge Einzelheiten mit den Gefangenen recht nachsichtig. Schon die Thatsache bew.ist dies, daß der mich begleitende Offizier mir gestattete, in der ihm fremden deutschen Sprache mit ihnen länger: Zeit zu sprechen. D.r Kommandant gestattet ihnen den Brief­wechsel mit ihren Bekannten und Verwandten, selbstverständlich, wi: er meinte, unter der nöthigen Beaufsichtigung; die Zeit ge­hört ihnen, sie können thun, was sie wollen. Der eine hat sich eine Tischlerwerkstätt: eingerichtet, der zweite ein Photograph'- sches Atelier, ein dritter schnitzt Tabakpfeifen, ein vierter malt Postkarten, ja, es ist eine ganze Reihe von kleinen Läden ent­standen, in denen sich verschiedene Gefangene mit allerhand nütz­lichen Ding- beschäftigen."

Trotz dieser in vieler Hinsicht humanen Behandlung beklagt v. Hesse-Wartegg doch, daß die Kriegsgefangenen gleich Sträf­lingen gehalten werden. Und noch etwas Anderes macht er de- Engländern zum Vorwurf, indem er schreibt: „Natürlich ist ein Hospital vorhanden mit Aerzten und Wärtern; aber war -s nöthig, die Kriegsgefangenen aus den kühlen Bergen im Herzen der Insel nach der ungesunden, sumpfigen Tiefebene zu versetzen« Der flüchtige Besucher spürt dies nicht und weiß es nicht, und selbst, wenn ihm die Gefangenen, darunter viele gesetzte Männer im Alter von 30 und 40 Jahren, Familienväter, ihr Leid klage-, hält er drese Klagen vielleicht für übertrieben. Er kann di-' Wahrhe'.t nicht beurtheilen, weil er dazu ein paar Wochen oder Monate m dieser schrecklichen Eintönigkeit selbst zubringen müßte Und die Gefangenen fitzen hier schon seit 2 Jahr.n. Der Sträf­ling ist auf eine bestimmte Zeit verurtheilt und kann die Taa- zahlen bis zu seiner Freiheit! Wer zählt die Tage der Ge fangenen von Ragama? Ein Tag folgt dem anderen in ewigem Einerlei, in ewiger Ungewißheit darüber, wann ihrer univürssigen Gefangenschaft ein Ende bereitet werde, wann sic ihre Heimath ihre Lieben Wiedersehen sollen!"