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so. Jahrga«-

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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nachsterscheiuenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. B ‘ 4 a 4

N- 155* Redaktions-Fernsprecher No. 52. dkN 4 * ApkN.

Verlags-Fernsprecher No. 2266.

190S.

Horgen»Ausgahe.

Zur FunKenlelezraphie.

Heber dis Priorität der Erfindung der drahtlosen Telegraphie nach Marconi bezw. über die spätere Aus- gestaitung und namentlich über die geschäftliche AuS- Nutzung des Marconi-Systems hat sich ein öffentlicher Streit entspannen, der einestheils in der Be­streitung nichtmareonischer Depeschen seitens der

Stationen der englischen Marconi - Gesellschaft, an­dererseits in einem An- griff Mprconis gegen Slaby, dem erfolgreichen Erfinder und Förderer eines eigenen, in der deutscher: Marine zur An­nahme gekommeneit Systems, seinen äußeren Ausdruck fand. Es in- terefsirt daher gewiß ge- genwärtig, über die

Funkelt - Telegraphie uitd ihre Einrichtung sich

Einiges zu vergegen­wärtigen.

In beistehender Ab­bildung geben wir unseren Lesern eine Ansicht der Station Cuxhaven der

deutschen Funken - Leie- graphie, für welche be­kanntlich bereits mehrere Stationen an der: Küsten der lstondsee und auf den Inseln (Helgoland ec.) er- richtet rurd inst größtem Erfolge thätig sind. Die Station ist mit einen: auS mehreren Theilen bestehen­den hohen Mast versehen, der durch Drahtseile ge- basten wird. Unmittelbar in seiner Nähe, auf un­serem Bttde rechts von dem Mast, befindet sich das Ge­bäude, welches die Telegraphenstatton darstellt. Dieser Mast tauscht mit ähnlichen Masten auf dei: anderen §tattonen bezw. den vorüberfahrendm Schiffen die elek­trischen Signale, Telegrmmne aus, welche unsichtbar hoch durch die Luft entsendet werden.

Von der Spitze des Mastes geht ein Draht zur Erde herab und wird durch eine Scheibe in das Zimmer der

Enipfangsstation geführt, welche mit den Aufnahme- und Gebe-Apparaten des Systems versehen ist und nach Art einer Telegraphenstation bedient wird. Hierzu wird ein Morse-Apparat benutzt, auf den: durch Striche und Punkte auf einem Papierstreifen die Depesche sichtbar ge­rnacht wird. Zu allen Zeiten, gleichgültig ob richige oder stürmische See ist, ob Windstille oder Sturm herrscht, ob eS durchsichtige Lirft oder undurchsichtiger Nebel ist, lassen sich die telegraphischen Wellen durch die Luft über­tragen. Ter Apparat arbeitet unter allen llmständen

sicher und Zuverlässig, auch wenn sich fremde Gegenstände, beispielsweise große Schiffe oder Segler, in der Luft­linie zwischen den telegraphischen Masten befinden.

In Deutschland sind, wie neuerdings durch kaiserliche Kabinetsordre befohlen, nicht nur sämmtliche Kriegs­schiffe mit den Einrichtungen für drahtlose Telegraphie versehen, auch ans den Inseln Borkum und Helgoland sind Stationen errichtet. Tie Airwendbarkeit der draht­losen Telegraphie, besonders für maritime Zwecke, ist in

der letzte,: Zeit durch die vielfach angestellten 2Serfud]e aufs Glänzendste erwiese:: worden. Bei der Reise des Prinzen Heinrich nach Nordamerika konnte beispielsweise die Ankunft des „Kronprinz Wilhelm" vor New-Iork lange vorher bekannt gegeber: werden. Man hofft, daß sich durch die Errichtung von Stattonen für drahtlose Telegraphie an den Meeresküsten die Zahl der Schiffs­unfälle bedeutend herabsetzen läßt, da es nützlich' sein wird, voi: den Statioiren auf den Schiffe,: — die auch mit den nöthigen Apparaten ausgestaltet sein müssen — Warnungssignale auf ,130—150 Kilometer Entfernung zu übermitteln.

Deutsches Deich.

* Heber die Krankheit Liebers theilt die „Köln. Dolksztg." mst: Lieber tvar eigentlich niemals ein ge- smüder Mann. Schon als junger Mann von 20 Jahren hatte er von dem Hebel, welches ihn in seinen letzten Lebensjahren so entsetzlich heimsuchte, zu leiden, und als er, in de,: ersten Jahren seiner parlanientarischen Lauf­bahn, seine Frau heimführte, plagte es ihn schon manches Btal. Doch waren die Anfälle verhältnißlnäßig nicht schwer. Sie traten auf mit heftiger: Schmerzen in, Unterleib, zu deiren sich tranststhaftes Erbreche:: gesellte. Länger als zwei bis höchstens drei Tage pflegten sie aber nicht zu dauern. In späteren Jahren wurden sie heftiger, und der Leidende komtte dann des lindernde:: Morphiums nicht mehr entrathen. Doch ist er nie, wie zuweilen ange- dentet worden ist, „Morphinist" gewesen. Mit großer Willenskraft enthielt er sich vollständig dieses gefähr­lichen Mittels, sobald die rasenden Schmerzen nachge­lassen hatten. Als später die Anfälle immer häufiger, länger und heftiger wurden, mußte das Morphium seinen Gesundheitszustand ungünstig beeinflussen. Er war sich besser: auch selbst bewußt, und nicht selten anüvortete er, wenn er nach wenigen Tagen uitter seinen Kollege,: wieder erschien und diese an seinem fahlen Aussetzer, erkannten, was er wieder durchgemacht hatte, seinen theilnahms- vollen Freunden: „Ich I)abe wieder Morphium nehmen müssen." Wenn man ihm zum Haushalten mit seinen Kräfte,: mahnte, konnte er recht unwirsch werden. Oft hat er monatelang für jeden Sonntag eine Rede über- nommen. Sonnabend Nacht reiste er hin, hielt Somttag seine Rede und fuhr Sonntag Nachts nach Berlin zurück, um Montags mit gewohnten: Eifer sich an den Arbeite,: der Parlamente z:, betheilrgen. In den späteren Jahren trat sein Hebel ganz regelmäßig mif nach besonders großen Anstrengrmgen bei schwierigen parlameittarischen Aktionen. Lange Jahre waren diese Anfälle durchaus nicht lebensgefährlich. Selbst der erste gm:z schwere An­fall, welcher ihn im Frühjahr 1898 nach der parlamen­tarischen Erledigung des Flottengesetzes traf, brachte noch keine unmittelbare Lebensgefahr. Als nach Ostern der

Feuilleton.

Eine Krise nach Ostrowo und Kali sch.

Diel genannt sind sie in der letzten Zeit, die beiden Städt­chen Ostrowo und Kalisch, zu welchen mich in den letzten Kälte­tagen des März Geschäfte führten: ihre Namen werden uns noch geläufiger werden, wenn erst die Schnellzüge von Berlin in nicht zu ferner Zeit über diese beiden Orte nach Warschau eilen werden.

Todtmüde kam ich um 10 Uhr an einem Märzabendc aus Breslau in Ostrowo an: am nächsten Morgen jedoch, als ich um Ich Uhr mit einer elenden Klingeldahn nach Skalmierzyce fuhr, war ich ganz frisch; von Skalmierzyce wollte ich noch Kaüsch in Rußland hinüber auf einen Halbpaß, der mir die Erlaubmß gab, 3 Meilen ins heilige Rußland zu wandern. Dü Gegend fand ich absolut ohne Reiz, traurige Dörfer logen am Weg« mit noch traurigeren Gehöften, die Mitreisenden im Bahn­wagen waren fast sämmtlich Polen. Nur polnische Laute drangen an das Ohr, es war, als reiste man nicht in Deutsch­land, sondern im Auslände. Die Bahn endet etwa Isis Kilo­meter von der Grenze, vor dem Bahnhof findet man Droschken, die für «inen Rubel, aber auch schon für 50 Kopeken nach dem etwa eine Meile entfernten Kalisch fahren, je nachdem man zu handeln versteht. Die Kaiserlich Russische Post macht cS noch billiger, sie befördert schon für 60 Pf. oder 30 Kopeken von Skalmierzyce den Fahrgast nach Kalisch. Aber sic ist auch da­nach! Ein alter, entsetzlich klapperiger Kasten war cs, mit einem zerbrochenen Schiebefenster in der einen Seitentbllr und einem in der anderen, das jeden Augenblick hcruntcrfm, der uns — »inen jüdischen Kaufmann aus Kalisch und meine Wenigkeit —. aufnahm; man kann sich denken, wie wunderbar uns zu Muthe war, b-^ einer Temperatur von — 4 Grad und einem ziemlich schneidenden Ostwind. Bespannt war dies Gefährt mit einem langhaarigen, schmutzigen Klepper, der für sein Alter aber noch recht gut lief; er legte die etwa 8 Kilometer betragende Strecke in 1% Stunden zurück.

Die Paßvisitation an der Grenze und dann di- Abfertigung ruf dem russischen Zollamt fand ich garnicht so arg. Zwar wußte der Kaufmann ein Büchschen Kasern, das er als Probe

mitgenommen hatte, ohne Widerrede versteuern; mir stempelte man dagegen lediglich meinen Halbpaß ab und ließ mich laufen. Im Weiteren verlief die Fahrt bis Kalisch bedeutungslos, nur daß uns abscheulich fror; zum Glück sprach mein Reisegefährte gut deutsch; sodaß wir uns in unserem Groll über das elend: Postgefährt gut verständigen konnten.

Kalisch .nachte einen recht bedeutenden Eindruck; ich hatte es gut getroffen, da gerade Markt im Städtchen war. In den engen Straßen wimmelte viel Volk, zu 40 pCt. Juden, wie mir schien, dos übrige waren polnische Arbeiter, russische Bauern und Schüler der höheren Schulen, die in ihren Uniformen einen besonderen Eindruck auf d:n solchen Anblicks llngewohntcn machten. Auf dem Markte, auf dem sich ein ganz stattliches Rathhaus erhebt, drängten sich die kleinen Korbwagen der russischen Bauern; sie waren zumeist unter der Aufsicht halb­wüchsiger Jungen, welche, stumpfer noch wie die Pferde vor den Wagen, auf den Wagen kauerten, während die Eltern in den Läden einkauften. Kleine Läden Alles, richtige Kramläden; von einem Großhandel, der in Kalisch doch auch vertreten sein muß, habe ich nicht viel gemerkt.

Noch stand ich, betäubt von der Fülle des Neuen, als mich Jemand am Mantel zupfte:

„Soll ich Ihnen führen, schöner Herr?"

Nachdem ich mich gewendet, schaute ich in das pfiffige Ge­sicht eines zehnjährigen Judenjungcn, das so treuherzig in diesem Augenblick ausschautc, daß ich nicht anders konnte, als das An­gebot annehmen. Der erste Weg war natürlich der zu einem Händler mit Ansichtspostkarien; die Karten waren nicht zu theuer; für 3 Kopeken das Stück erstand ich % Dutzend, worauf d:r Ladeninhaber so gütig war, mir Tinte und Feder zum un­entgeltlichen Gebrauch zu überlassen. „Es wcrd nischt extra kosten," sagte er.

Während ich schrieb, sammelte sich ein gutes Dutzend halb­wüchsiger Judcnjünglinge um mich, die Adressen auf den Karten wurden eifrig studirt, und gab es ein großes Wundern dabei!

„Berlin, Köln, Hamburg!" las einer vor, und mit einer Art ehrfürchtigen Schauers wiederholte der Chorus diese Worte, als seien sie Wünsche, voller Sehnsucht tief im Herzen getragen.

Nach Erledigung meiner Korrespondenz bracht: mich mein kleiner Führer weiter zur russischen Kirche, die mit ihren weißen

Mauern und dem blauen Kuppeldach einen wunderschönen Ein­druck macht; unscheinbarer sehen die deutsche und die polnische Kirche aus, während die Synagoge sich ganz stattlich präsentirt. Die Stadt gefiel mir beim Durchwandern so gut, daß ich gern einige gute Photographieen gehabt hätte, leider konnte ich mit dem „Photographister", wie mein kleiner Führer den Photographen nannte, nicht einig werden. Auf dem Wege zu diesem Herrn kamen wir übrigens auch am Strafgefängniß vorüber, das recht malerisch auf einer langsam ansteigenden Höhe gelegen ist; von derselben schaut man weit über den Kalischer Stadtpark, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Weit bin ich in denselben — er soll recht groß sein — nicht vorgcdrungen; aber ohne Besinnen gäbe ich den Berliner Thiergarten für ihn hin, weil er von einer breiten, lang sich hinziehenden Wasserfläche durchschnitten ist, einem herrlichen See. Das Theater liegt am Eingänge zu diesem Park, es ist vollständig in Weiß gehalten, nicht groß, macht aber einen recht vornehmen Eindruck.

Bor dem Theater verließ mich übrigens mein kleiner Führer, nachdem der Spitzbube 50 deutsche Reichspfennigc aus mir herausgeschlagen hatte, auf eine ebenso verschmitzte, als amüsante Art. .

Nu, Se werden mcr doch was schenken," begann er, als wir auf das Theater zustrebten, mit seinem süßesten Lächeln, indem er mich, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, er­wartungsvoll ansah.

„Nu, was soll ich Dir schenken?"

„Nu, Sc werden mer vielleicht schenken ainc Marka?"

Ein noch süßeres Lächeln begleitete diese mit einem heim­lichen Beben vorgebrachicn Worte.

„Junge, was wirst Du dann mit einer ganzen Matt machen?"

„Nu, ich werd' — ich werd' mer kaufen c' scheenes Buch — e' daitsches Buch," fügte der Spitzbube schlau hinzu.

„Du wirst aber nicht können deutsch lesen."

„Gott der Gerechte, werd' ich nicht können lesen daitsch! Ich werd' können daitsch und polnisch und russisch; ich werd' auch können französisch und englisch."

„So, so, auch englisch?"

„Nu, wenn ich werd' sagen: Will you cöms' in die garden? Das werd' haißen, ob Se willen kimmcn in di: