2» Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. S» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
28,OOO Abonnenten.
Anzeigen-Preis:
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfa. — Reklamen die Pelitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 1 Mk.
Ameigrn-Annahme LL2LNL L «»
Äll. 1o3. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Donnerstag, den 3. April.
Berlags-Fernsprecher No. 2266.
1902.
Morgen-Ausgabe.
Ar NcgeliW Des stuzUjisihei WHIreWs.
Unser Pariser w-Korrespondem schreibt uns Ustterm 29. v. M.:
Durch die französische Presse geht augenblicklich mit ausnahmsweiser Einhelligteit ein Ausdruck der Genug, chuung über das demnächstige Ableben der Kammer. Wie aber wird sich die neue gestatte::, das ist die bange Frage, welche in verschleierter Weise durch all das Lärmei: und Losen der Wahlschlacht dringt. „Fort mit der verderblichen Regierung!" schreit die Opposition. „Was wir haben, wissen wir, was wir bekommen werden, wissen wir nicht", heißt es in der regierungsfreundlichen Presse, und dazwischen werden die Wähler bearbeitet ltach allen Regeln der Kunst. Jules Lemaitre und Cavmgnac habm ihren Zug beendet, aber die Sache der beiden Führer der Nationalisten steht doch irur recht schwach in den Deports- ments, ein schlechtes Zeichen sür die Ueberlebendei: des Boillcmgismus. In allen Parteien, nrit Ausnahme der von der Regierung abhängigen, inacht sich augenblicklich das Bedürfniß nach einer Umgestaltung des Wahlrechts geltend. Es werden gegen die heickigeir Machthaber in Betreff der Verderbtheit desselbeii Vorwürfe erhoben, die zum größten Theil riicht unberechtigt sind, die aber ihren Grund im bestehenden System haben. WelchesWcihl- recht in dm europäischen Staaten könnte wohl deii Anspruch ailfVollkoimnenlf eit aus sich beziehen? — JnFrank- reich aber scheint man geivillt zu sein, mit den altenFormen zu brechen,weim nur erst ein neues brauchbares Projekt ans Tageslicht gekommen wäre. Als ein Fortschritt auf diesem Gebiet kann rmmerhin der Beschluß der Depu- sittenkammer vom 25. v. Bits, gelten, welcher Personeir, denen die öffentlichen Ehrenrechte anerkannt sind, oder die einer der früheren Herrscherfamilien Frankreichs angeboren, die Erklärung als Kandidaten verbietet; ferner sollen die vom Staatsgerichtshofc Derurthettten nicht Wählbar sein.
Was aber die neuen Pläne für ein anderes Wahlsystem anbelangt, so sind hierüber bisher durchaus ungenügende Resuttate erzielt. Was soll man wohl dazu sagen, wmnMänner, wie der frühere Abgeordnete Roquet ihren Mitbürgern mit den: in der Zurückgezogenheit aus- garbetteten Entwurf kommen, der nicht tutr lückenhaft ist, sondern die Kandidaten ügar zu Wählen: macht? Roquet stellt sich die Sache ziemlich einfach vor, so ährttich wie das Ei des Kolumbus, aber die Aufnahme seiner Idee in der Oesfentlichkeit wird ihn wohl eines Anderen belehrt habm. Die Basis seiner Klügeleien beruht auf einer proportionalen Vertretung, das heißt, jedes Departement würde einm Wahlbezirk bilden, in welchem mehrere Deputtrte gewählt werdm sollen. Ter Wähler würde
Feuilleton.
Sabel und Mel.
Der Vorttag über das obige Thema wurde, wie bekannt, am 13. Januar cr. von Dr. Delitzsch, Professor der Assyriologie an der Berliner Universität, in der dortigen Singakademie im Beisein Sr. Majestät des Kaisers für die deutsche Orientgesellschaft gehalten und am 1. Februar auf Allerhöchsten Wunsch ' Königlichen Schlöffe wiederholt. Derselbe ist nun im Verlage von I. C. Heinrich (Leipzig) in einem elegant ausgestatteten und mit 50 instruktiven Abbildungen von babylonischen und assyrischen Funden versehenen Buche erschienen und dadurch dem größeren Publikum zugänglich geworden.
Bei dem hochinteressanten Inhalt der Schrift wird es Vielen willkommen sein, sich durch eine Angabe des reichen und überzeugenden Materials derselben für die eigentliche Lektüre vor- zuberciten. Die uns aus der Bibellektüre unserer Jugend geläufigen Namen Ninive und Babylon, die Erzählungen von Belsazar und den Weisen aus dem Morgenlande, sowie die langen Herrscherreihen, die uns durch die Grabungen in Babylonien-Assyrien neuerdings so interessant geworden sind und unter denen wir die uns längst bekannten Namen eines Sanherib und Nebukadnezar wicderfinden, führen uns wieder mit zwingender Macht hin zur Bibel, in erster Linie zum Alten Testament, das in der neuesten Zeit in den drei Bibelländern Deutschland, England und Amerika wieder zum Gegenstände «indringendster Forschung geworden ist. So wenig aber diese Geistesarbeit sich bereits 'dem Leben und den Völkern in ihren Resultaten fühlbar gemacht hat, — immer allgemeiner bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß obenan die großartigen Ergebnisse der babylonisch-assyrischen Ausgrabungen eine neue Epoche, wie im Verständniß, so in der Beurtheilung des Alten Testaments herbeiführen werden, und daß für alle Zeit eng verbunden bleiben Babel und Bibell
Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. David, Salomo 1000 v. Ehr.. Moses gar 1400, und noch 8 Jahrhunderte früher Abraham, und von allen diesen Männern eingehende Nochrich! — das erschien so wunderbar, so übernatürlich, daß man auch Erzählungen aus den Anfängen der Welt und der Menschheit
nur das Recht besitzen, für einen einzigen Namen zu tvählen. ^ Um gewählt zu sein, sollten für jeden Kandidaten 16,000 Stimmen genügen. Alle Diejenigen, welche diese Zahl nicht erreicht, sollten die Befugniß haben, ihre Stimmen aus denjenigen Kandidaten, welchen sie gewählt sehen wollten, zu übertragen. Wie wohl eine auf solche Weise zu Stande gekommene Volksvertretung aussehen müßte! —
Anders verhält es sich mit einen: Antrag des Abgeordneten Georges Berry, welcher mehr die Bekämpfung der Korruption bei den Wahlen zum Gegenstände hat.
Es kann nicht geleugnet werden, daß je länger die Republik besteht, sie sich mehr und mehr von dem Wesen einer fachen ab- und den in Monarchiem herrschenden Einrichtungen zuwendet. Dies nahm besonders in jener Zeit zu, als sich die Allianz mit Rußland vollzogen. Dem Absolutismus mußten von der Republik Zugeständnisse gemacht werden. Je mehr die freiheitlichen Ideen aber eingedämmt, je mehr Monopole errichtet werden, umso mehr erttsernt man sich voi: der Erklärung der Menschenrechte, durch welche Taleitt und Tugend in die Höhe gebracht werden sollte::. Me Zeiten des Kaiserreichs aber scheinen, was die Wahlen anbetrifft, wieder cmbrechen zu wollen, denn heute greift die Regierung zu demselben schon damals erprobten Mittel, sich durch die Staatsange, ftellten günstige Wahlen zu sichern, llnd diese suchen aus der sich ihnen darbietenden Gelegenheit natürlich so viel als möglich Kapital zu schlagen. Gesuche um Befürdcrrmg oder Verbesserung des Gehaltes werden in weitgehendster Weise berücksichtigt, ob sich die Münster dadurch aber wirklich ergebene Personei: schaffen? Versprechungen
wären hier wohl eher am Platze gewesen, denn schon in der Hoffnung auf die Zukunft hätte:: sich die Staatsan- gestelltm williger gezecht. Schon Ludwig XIV. sagte in der rechten Erkenntniß der Undankbarkeit für empfangene Wohlthaten: „Wenn ich Jemandem einen
Poster: verleibe, so nmche ich nmnundnmnzig Unzufriedene und einen Undankbaren." Der jetzige Präsident des Staatsrathes, Georges Coalon, verdarmnte unter dein Kaiserreiche derarüge Manipulationen der Regierung. Seine Broschüre erschien in Tausenden von Exemplaren mrd heute? . . . Berrys Anttag ging dahin, daß es der Regierung untersagt werdm solle, irgend eine Ernennung von Beamten oder Richtern vor- zunehnien, oder Orden, Medaillen und Unterstützungen zu vertheilen, und zwar während dreier Monate vor den Neuwahlen. Dies aber würde seinen Zweck wohl kann: erreichen, da dann Versprechungen um so sicherer wirke:: würde,:. Weim ein derarttges Gesetz wirklichen Erfolg haben soll, so müßte vor allen Dingen den Deputirten verboten werden, sich währ er: d der ganzen Zeit der Ausübung ihres Mandats jeden Ansuchens bein: Mnisteriun: wegen Verleihung von Be günstigungm irgend welcher Form zu enthalten.
gläubig mit hinnahm; selbst die größten Geister standen, ja stehen noch zum Theil unter dem Bann des das 1. Buch Mosis umgebenden Mysteriums. Jetzt, da die assyrischen Paläste sich aufgethan, erscheint das Volk Israel und sein Schriftthum als der jüngsten eines unter den Nachbarn. Bis in di« letzten Jahrzehnte bildete das Alte Testament eine Welt für sich; es sprach von Zeiten, an deren jüngsten Grenzen das klassische Alterthum noch gerade heranreicht und von Völkern, deren bei Griechen und Römern gar keine oder nur flüchtige Erwähnung geschieht. Die Bibel war für die vorderasiatische Welt von etwa 650 v. Ehr. ab aufwärts die einzige Quelle, und da ihr Gesichtskreis sich ausdehnt über das ganze große Quadrat zwischen Mittelmeer und Persischem Golf und von Arrarat bis Aethiopien, so ist sie voll von Räthseln, deren Lösung vielleicht niemals geglückt wäre. Jetzt auf einmal fallen die den alttestamentlichen Schauplatz besonders nach rückwärts abschließenden Wände, und ein frischer, belebender Wind aus dem Osten, gepaart mit einer Fülle von Licht, durchweht und durchleuchtet das ganze ehrwürdige Buch, und zwar umso intensiver, als das hebräische Alterthum von Anfang bis zu Ende gerade mit Babylon und Assyrien eng verkettet ist. Nicht nur eine große Anzahl von Oertlichkeiten, sondern auch viele in der Bibel genannte Persönlichkeiten gewinnen jetzt neue Farbe und Leben. Das Buch des Propheten Jesaias (20, 1) erwähnt z. B. einen assyrischen König Saigon, der seinen Feldmarschall gegen Asdod geschickt, und als der französische Konsul Emile Botta 1843 auf dem unweit von Mosul gelegenen Trümmerhügcl Chorhabad zu graben begann und damit — auf eines deutschen Gelehrten Rath — die archäologischen Forschungen auf mesopotamischem Boden inaugurirte, war gleich der erste gefundene assyrische Palast der Palast dieses Sargon, des Eroberers von Samarien. ja auf einem der prächtigen Alabasterreliefs, mit welchen, die Wände der prächtigen Gemächer geschmückt waren, tritt uns in eigenster Person dieser gewaltige Kriegsheld im Gespräch mit seinem Feldmarschall entgegen. Das biblische KönigSbuch (2. Kön. 18, 14) erzählt, daß der König Sanherib in der süd- palästinensischen Stadt L a k i s ch den Tribut des Königs Hiskia von Jerusalem empfangen habe — ein Relief auS Sanheribs Palast zu Ninive (Delitzsch schreibt N i n e v c) zeigt den assyrischen Großkönig thronend vor seinem Zelt angesichts
ArrsLmrd.
* Schweiz. Aus B e r n, 30. März, schreibt man u:w: Hier wird eine sonderbare Maßnahme der Genfer Polizei in ziemlich erregter Weise diskutirt. Durch Maueranschlag war in Genf bekannt gemacht worden, daß ein vollständiges Namensverzeichniß der Mitglieder genferischer Freimaurerlogen erscheinen werde. Kurz vor der Veröffentlichung der Broschüre wurde jedoch das Verzeichniß und der Satz in der Druckerei polizeilich beschlagnahmt, angeblich auf Ersuche:: des Großmeisters der „Alpina", der den Herausgeber des Verzeichnisses wegen Nachdruckes verklagt hat, in Wirklichiftit dürften jedoch politische Griinde in Frage kommen, und deshalb vermuthet nur:: nicht mit Unrecht, daß die Affaire noch viel L-ta-ub aufwirbel:: wird. Das betreffende polizeftiche Vorgehen verstößt nämlich gegen die bisher in der Schweiz bei solchen Anlässen geübten Gepflogenheiten
* Spanien. Me Exkönigin I s a b e l I a wird während der Krönungsfeierlichkeiten in Madrid anwesend sein. — Das sozialistische Comitä richtete an die Fabrik- und Feldarbeiter die Aufforderung, sie sollten den ersten Mai diesmal noch mehr feiern als in früheren Jahren
* Rußland. Wie der „N. Fr. Pr." zu entnehmen sich
läßt sich das Lentberger polnische Blatt „Dziennik Polski" a:is Warschau melden, daß die russischen Behörden durch die Entdeckung der Spionage des Oberstleutnants Gri:nm völlig überrascht worden seien. Die Entdeckung sei in folgeitt>er Weise erfolgt: „Der Generalstabs-Chef
Herschelmam: ließ sich unlängst aus den: Warschauer Militär-Archiv, :velches Grimn: zu beaufsichtigen hatte, mehrere Dokmneitte rmd Pläne vorlegeiu Bei den: Aus- einanderlegen der einzelnen Karten fand er zwischen denselben plötzlich die Photograplsie einer unbekannten jungen und hübsaM: Frau im Cabinefformat. Me Photographie trug auf der Rücksefte die Firma eines photographische:: Ateliers „ in Charkow. Der Generalstabschef konnte es sich nicht erkläre::, wie die Photographie in das Geheftnfascikel gerachen war; er über- n:ittelte daher die Photographie der Eharkoiver Polizei, welche ermittette, daß die Dame die Frau des ehenmligen Obersten B. sei, von der nur:: in Warschau wußte, daß sie häufig Exkursionei: in das Ausland zu unternelime:: pflegte. Man prüfte nun in eingehender Weise die Doku- mente und Plane des Archivs und entdeckte m:f denselben verschiede::« Flecke, welche von gewissen chemischen Manipulationen herzurühren schienen. Es wurde nun eine Hausdurchsuchrrng bei der erwähnten Dame vorge- nonnnen, und nur,: fand in ihrer Wohnung ihre in der Residenzstadt eines Nachbarstaates hergestellte Photographie, welck^ eine Vergrößerung der zwischen Planen des Archivs entdeckten kleineren Photographie bildete. Me hierauf eingeleitete Untersuchung ergab, daß Obersi-
einer eroberten Stadt und die begleitende Inschrift besagt: „Sanherib, der König des Alls, König von Affur, setzte sich auf seinen Thron und musterte die Leute von Lakisch." So stehen alle die Männer, welche drei Jahrtausende hindurch die Weltgeschichte gemacht, lebendig wieder auf und die kostbarsten Reliquien sind uns von ihnen geblieben, so ein Siegel des Königs Darms, des Hystaspis Sohn, der König auf der Löwenjagd, daneben die dreisprachige Inschrift: „Ich bin Darius, der große König," ein bedeutender Schatz des britischen Museums.
Aber auch die ganzen Völker werden wieder lebendig. Mehrere Abbildungen zeigen irns die verschiedensten Typen: einen Judäer aus Lakisch, einen Israeliten aus der Zeit Jehus, einen elamitischeu Häuptling, einei: arabischen Reiter, einen babylonischen Kaufmann. Besonders die Assyrer, welche noch vor 60 Jahren sammt ihrer Geschichte und Kultur unter- gegangen zu sein schienen im Strome der Zeiten, sind uns jetzt durch die Grabungen in Ninive bis ins Kleinste bekannt und viele Stellen der prophetffchen Bücher finden farbenprächtige Jllustrirung:
„Siehe, eilend und schnell kommen sie daher. Und ist keiner unter ihnen müde oder schwach, keiner schlummert noch schläfi, keinem geht der Gürtel auf von seinen Lenden oder reißt der Riemen seiner Schuhe. Ihre Pfeile sind geschärft Mid ihre Bogen gespannt. Ihrer Rosse Huf ist wie ein Kiesel geachtet und ihre Wagenräder gleich dem Sturmwind. Sie brüllen wie ein Löwe und erhaschen den Raub, daß Niemand erretten kann."
So schildert mit beredten Worten der Prophet Jesaias die assyrischen Truppen. Und jetzt sehen wir auf den W- bildungen diese Truppen zum Kampf rüstig aufbrechen, sehen sic ihre Geschosse werfen nach der feindlichen Festung und einen von feindlichen Bogenschützen vertheidigten Hügel stürmen. Sie ziehen sich an den Aesten der Bäume empor oder klimmen mit Bergstöcken hinauf, während andere trtumphirend die abgeschlagenen Häupter der Feinde ins Thal tragen. Ebenso erwähnt der genannte Prophet (Jesaias 46, 1) Götterprozessionen der Assyrer, jetzt sehen wir diesejben sorgfältig ausgeführt, wie des Propheten Geistesaug« sie erschaute.
Eines der denkwürdigsten Ergebnisse archäologischer
