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gro.iai. a«. Jahrgang._Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27. S April 1SV2. Seite 8.

schule und der hölternMädchenschulc, sowie den Magistrat

zu gutachtlichen Aeußerungen in dieser Frage aufge­fordert. Ter Magistrat hat die Angelegenheit dein Kuratorium der Oderrealsäiule und der Schuldeputation zur Prüfung überwiesen, wcläze sich dieser Aufgabe in einer gemeinsame:: Sitzung entledigten. Die ’ Schul­direktoren haben das Gesuch, den Unterricht während des ganzen Sommerhalbjahrs un: 8 Uhr beginnm zu lassen, befürioortet, die städtische Schulbehörde dagegen hat sich dahin ausgesprochen, es möge der Beginn des Unterrichts in den höhereir Schulen bis zu den Pfingstferien auf 8 und für die Zeit von Pfingsten bis zu der: große): Ferien aus 7 Uhr festgesetzt werden. Das Kuratorium der Ober­realschule uud die Schuldeputation sind dabei von der Meinung ausgegcmgeir, daß im Hochsonuncr der Schul­beginn um 7 Uhr als nicht zu früh angesehen werden könne und die Stunde von 7 bis 8 der Stunde von 12 bis ,1 Uhr vorzuzichen sei, sowie daß sich die Familien, die nach ihrer ganzen Lebensführung an dein früher: Anfang der Schule Anstoß nähnien, entsäsieden in der Minderzahl befänden. Daraus schließt dasProvinzial-Schulkollegium, >daß die Bedenken, die ärztlicherseits von: hygieinifchen Standpunkte aus gegen den Beginn des Unterrichts um 7 Uhr erhoben Werder:, von der Mehrheit der hiesigen Mtern nicht gctheilt würden, und es hat sich daher zr: feinem Bedauern einstweilen nicht m der Lage gesehen, hem Anträge der Aerzte zu entsprechen. Es giebt der:- -selber: anheinr, für ihre Auffassung weitere Kreise der ^Wiesbadener Bevölkerrrng zu gewinnen: und die städtische Schulbehörde von der Richtigkeit ihrer Ansicht zu über­zeugen. Schließlich theilt das Provinzial-Schul- tollegiun: noch mit, die Direktoren der hiesigen höheren Schulen seien zunächst für dieses Jahr angewiesen worden, de:: Schulunterricht bis P s i n g st e n um 8 und von da ab bis zu den g r o tz e n F c r i e n u m 7 U h r beginne:: zu lassen.

— Dienstbotcn-Ehruug. Der „Vaterländische Frauen­verein" Hierselbst wird am Sonntag, den 13. April, Nach­mittags 3sch Uhr, :n der Turnhalle der Oberrealschule, Oranien- straß: 7, eine Feier veranstalten, um diejenigen Dienstboten zu ehren, welche 10 bezw. 20 Jahre bei einer und derselben Herr­schaft gedient haben. Wer sich dafür interessirt, ist willkommen.

— Die VolkSbibliothcken in den Schulen an der Castellstraßr, in der Blücherschule, in der Schule an der oberen Rheinstraße und Steingasse 9 gaben im März im Ganzen 8923 Bände aus gegen 8314 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Bibliotheken können von Jedermann benutzt werden gegen eine Leihgebühr von 3 Pf. für den Band bei einer Lesezeit von 14 Tagen.

— Ausstellung in der Gewerbeschule. III. Im großen Vortragssaal sind die Arbeit-.n der kunstgewerblichen Fach­schule ausgestellt. De. Unterricht findet hier an den Wochen­tagen statt und ist die Anstalt bfftrebt, die jungen Leute gründ­lich für ihren Beruf und für den späteren Besuch weiter gehen­der Anstalten vorzubereiten. Die Schülerzahl war auch im abgelaufencn Semester eine entsprechend große und in erfreu­licher Weise machen unsere großen, umliegenden Orte von der dargebotenen Gelegenheit reichlichen Gebrauch und schicken ihre Söhne zur Ausbildung in die hiesige Fachschule. Die Zeich­nungen sind stufenweise geordnet (von den Freihandzcichnungen war schon an anderer Stelle die Rede) und ist links vom Saat­eingang mit dem geometrischen Zeichnen der Anfang gemach:. Hier ist zu bemerken, daß einige Konstruktionen zu groß aus­gefallen sind und daß Tangenten nicht im Berührungspunkte aufhören, sondern gewöhnlich wntergezogen werden. Auch hätte man nicht 20 Zeichnungen von einem Schüler aushängen sollen, da die Anderen dadurch etwas hintenangesctzt sind. Die Pro- jektionslehre ist sehr reich vertreten. Die Methode, dieselbe mehr anschaulich an paffenden Modellen zu lehren, ist entschieden der rein mathematischen Entwicklung vorzuziehen. Auch die

Durchdringungen sind praktisch gewählt. Die isometrisch: Pro­jektion — für den Bauhandwerker von großem Werth — ist tüchtig gepflegt worden, was di: ausgelegten Zeichnungen be­weisen. Nicht minder verdienen die Dachflächenausmittelungen hervorgehoben zu werden; sie sind recht weitgehend und ist mancher schwierige Fall berücksichtigt. Auch in der Licht- unv Schattcnlehre und in der Lehre vom Steinschnitt sind die Auf­gaben ganz entsprechend gestellt und ausgeführt. In der ge­bundenen Perspektive sind einige Darstellungen etwas zu klein gewählt. In der Darstellung der Holzverbindungen, der Mauerverbände und der GcwölbekonstruktioneN hat die Schule ganz hervorragend: Leistungen, aufzuweisen.— 1 Leider fehlt auf der rechten Seite der stufenmäßige Fortgang. Zwar ist d:e Formenlehre ziemlich reichhaltig vertreten, aber jetzt ist auf ein­mal eine Lücke, es fehlt etwas, man findet keine Anwendung der Säulcnordnungen. Statt dessen sind einige ganze Fassaden dargestellt, welche die Schüler wohl copirt haben, um ein Bildchen für die Ausstellung zu liefern. Auch die Ordnung läßt hier zu wünschen übrig, denn wie kommen Freihandzeichnungcn unter das gebundene Zeichnen? Was hat z. B. die Landschaft hier zu suchen? — Aber einen recht befriedigenden Abschluß wachen die außerordentlich vielen und gut ausgeführten Zeich­nungen der Abtheilung für Maschinenbauer — eine Klasse, die erst vor einem Jahre neu gebildet wurde und sich eines guten Besuches erfreut. In der Mitte des Saales sind auf Tischen di: Hefte für die schriftlichen Arbeiten der Gewerbetreibenden, für Kalkulation, für die Buchführung und die Rundschrifthefte zur Besichtigung ausgelcgt. Die Modellirschule hat ihre Arbeiten in ihrem Unterrichtssaal — Parterre — ausgestellt. Vorherrschend ist das ornamentale Modelliren, auch sind vom figürlichen Modelliren einige Reliefs da. Die Uebertragung vom Modell auf Sandstein ist an drei wohlgelung-.nen Beispielen gezeigt; überhaupt hat die Modellirschule gut gearbeitet. Und nun zum Schluß sei auch die Ausstellung der Mal- und Zeichenschule für Damen mit einigen Worten erwähnt. Die Schule bietet den jungen Damen Gelegenheit gegen mäßiges Honorar, sich im Zeichnen und Malen gründlich auszubilden. Die Anstalt ist mit reichlichen Lehrmitteln versehen, hat wöchentlich 8 Stunden Unterricht und ist der Saal täglich zur freien Benutzung der Schülerinnen geöffnet. Die ausgestellten Zeichnungen nach dem Gipsmodell, die Thierstudien nach Spechts Vorlagen, sowie die Oclmalereien nach Vorlagen und nach der Natur geben beredtes Zeugniß von der Leistungsfähigkeit der Schule.

— Bezirksverein Altstadt. Die Mitglieder des Bezirks- Vereins Altstadt werden auf die heute Abend 9 Uhr im „Deutschen Hofe" stattfindende ordentliche General­versammlung des Vereins auch hierdurch mit dem Be­merken aufmerksam gemacht, daß die Tagesordnung eine sehr wichtige und deshalb das vollzählige Erscheinen der Mitglieder recht erwünscht ist.

— Kontroll-Vcrsammlungcn. Zu denselben haben zu erscheinen: Freitag, den 4. April 1902, Vormittags 9 Uhr,

die Mannschaften der Garde und der Provinzial-Jnfanterie des Jahrgangs 1894. Nachmittags 3*4 Uhr der Jahrgang 1895. Die Kontrollversammlungen finden im oberen Hofe der alten Infanterie-Kaserne, Schwalbachcrstraße, statt.

— Wafferleitungsschmcrzen. Aus R a m b a ch,

1. April, wird uns geschrieben: In dcm Wasserstollen, der von der Stadt Wiesbaden von hier aus nach den Höhenwaldungen gebaut wird, mußten die Arbeiten am Ende des Stollens bis auf Weiteres eingestellt werden. Der Stollen hat bereits eine Länge von 1800 Meter. Am Ende des Stollens kommen nämlich seit einiger Zeit ganz gewaltige Wassermassen aus dem Gebirge her­vor, und zwar ist dies Wasser ganz roth gefärbt. Man nimmt an, daß das Wasser aus Eisensteinfeldern kommt, denn in der Nähe des jetzigen Endstollens soll sich die Eistnsteingrube „Ehren­fels" befinden, di- früher der Gewerkschaft „Germania" in Kalk bei Köln gehörte und worin Vvr Jahren viel gearbeitet wurde. So viel uns b-kannt, befinden sich in „Ehrcnfcls" ein Schacht und auch ein Stollen. Es wäre möglich, daß das in dem Stollen befindliche rothe Wasser aus der genannten Grub: käme. Wenn dcm so ist, müßte der Wiesbadcncr Wasserstollen hier be­

endet werden, oder eine andere Richtung annehmcn. Es ist aber auch möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß das im Gebirge vor­handene Wasser sich verläuft, und dann können die Arbeiten im Stollen wieder ausgenommen werden. Zu Besorgnissen zieht das hier fließende rothe Wasser keine Veranlassung. Auf der Grube „Stolzenfels", in der Nähe der Hohen Kanzel, traten einmal aus einem Schacht auch solch: rothe Waffermassen zu Tage, die sich bald wieder verliefen.

— Unwetter int Taunus. Wer sich am ersten Feiertag zu einer Tour in den Taunus ausgemacht hatte, der ist von seinem Ausflug nicht sehr entzückt heimgekehrt. An vielen Orten herrschte Hagelsturm; der Aufenthalt auf dem Plateau des Feldbcrgs war unmöglich. In d-r Nacht vorher war der Sturm von einer ungemein starken Heftigkeit. Hunderte von Bäumen sind in den Wäldern entwurzelt worden. Im Ham­burger Kurpark fielen 10 große, starke Bäume dem Unwetter zum Opfer. Ein Taunide berichtet, in Königstein sei das Unwetter so heftig gewesen, daß manche Leute in ihrer Besorg- niß garnicht zu B:tt gingen.

H. Frankfurt a. M. Man schreibt uns aus Frank­furt a. M.: Sowohl im Palmen- als im Zoologi­schen Garten, beides Etablissements von hervorragendem Interesse und großer Schönheit, war der Besuch während der Feiertage ein ganz kolossaler. Die Frühjahrsarbeiten sind an beiden Orten nunmehr beendet und sieht cs in allen Theilen schon recht anheimelnd sommermäßig aus. Im Palmengarten, dessen Blüthengallerie eben im vollem Rosenflor steht und ein: Sehenswürdigkeit von bezwingender Schönheit bietet, zeigen sich auch schon im Freien die ersten Blumen. Weiß blühende Mandeln, Corneltirschen, Seidelbast und andere b:leben das be­reits grünlich schimmernde Gehölz. Zu allen Tageszeiten sind die Anlagen, besonders der durch seine erfrischende Taunusluft bevorzugte Hcugarten von Besuchern b:lebt. — Im Zoologen- garten, dessen reiche Thiersammlung nur von jenen in Berlin und London übertroffen wird, schmückt sich gleichfalls der Park in lcnzesfrohcr Weise. Sehr gut ist den Thieren der milde Winter bekommen, der ihnen häufigen Aufenthalt im Freien gestattet:. Das Raubthierhaus enthält eine prächtige Samm­lung wilder Thiere. Sehr amüsant sind die drei im Garten geborenen Jaguare, di: mit der Mutter zusammen ein fried- liches Bild einmüthigen Familienlebens bilden. Auch der kleine Elephant gedeiht vortrefflich und ist d-r besondere Liebling der Kinderwelt. Aber mehr noch wie er interessirt der oll: ehrliche „Seemann", ein großer, höchst possirlichcr Orang-Utang, der hinter Glaswänden sein munteres Wesen treibt. Dieser Platz ist stets der meist belag-.rtste des Gartens.

— Mündliche MiethSverträge. Betreffs der münd­lichen Abreden bei Miethsverträgen wurde von der letzten Instanz für alle Interessenten eine höchst bedeutende Ent­scheidung erlassen. Bei Bermiethung eines Ladens versprach der Miether, gewisse Toilette-Artikel nicht zu führen. Nach einigen Tagen wurde der Miethsvertrag abgeschlossen und dabei übersehen, die mündliche Vereinbarung darin aufzunehmen. Es kam darüber, weil von der einen. Seite das Ilebereinkomuwn nicht beachtet wurde, zum Prozeß, in welchem die vordere Instanz entschied, daß die mündliche Vereinbarung neben dem schriftlichen Vertrage rechtsgültig sei; die oberste Instanz hob dies Urthcil auf und erklärte, daß alle mündlichen Verein­barungen, wenn sie nicht in dem schriftlichen Vertrage Auf­nahme gefunden, nicht zu Recht bestünden.

— TaS Gcsindewcfen im Gebiete des vormaligen Herzogthum Nassau, eine Zusammenstellung aller auf dasselbe sich beziehenden gesetzlichen und Verwaltungsvorschriften unter besonderer Berücksichtigung der Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuchs und seine Nebengesctze, ist vor Kurzem im Selbst­verläge des Herausgebers, des Amtsgerichtssekrctärs Lang in Nastätten, in zweiter erheblich verbesserter und vermehrter Auf­lage erschienen. Das Merkchen verdient umso mehr Beachtmuz, weil es die durch die neuere Gesetzgebung theilweise geänderten älteren Bestimmungen in übersichtlicher Weise geordnet widergiebt und überhaupt alle auf dasGesindewesen Bezug habenden und da­mit, in Verbindung stehenden Gesetze und Verordnungen enthält.

Feuilleton.

Der Mmtt-de-Prele in Paris.

(Von unserem Pariser Korrespondenten.)

Die schwere Krisis, welche gleich einer düsteren Wolke in fast ollen europäischen Ländern auf Handel und Gewerbe lastete und sich auch in Frankreich so stark fühlbar machte, weicht endlick, die Sonne besserer Zeiten durchbricht das Gewölk, und ein freudigerer, hoffnungsvollerer Zug ist im Verkehr bemerkbar. Vertrauen und Regsamkeit tritt an die Stelle bisheriger Ge­drücktheit. Auch in einer Anstalt macht sich dies fühlbar, d:c der allgemeinen Annahme nach gerade dann die größte Thätig- ieit entfaltet, wenn das Elend am höchsten gestiegen ist, in dem Pariser großen Leihhause, dem Mont-ds-Pists, welche aber in Wirklichkeit dann am meisten in Anspruch genommen wird, wenn die Geschäfte gut gehen. Wir haben es aber hier mit einem so eigenartigen Institute zu thun, dessen Wirksamkeit noch so wenig bekannt ist, daß es sich wohl verlohnt, Aufilärung darüber zu verbreiten.

Ein Leihhaus ist im Allgemeinen nichts weniger als ein romantisches Institut, da es eigentlich nichts Prosaischeres giebt, als das Elend und das Verborgen von Geld jedes poetischen Schimmers entkleidet zu sein pflegt. Wenn sich aber doch um den Pariser Mont-ds-Pists eine Art Nimbus gewoben, so ist dies hauptsächlich den französischen Schriftstellern, zum großen Theil dem Verfasser der „Vis äs Bobsius", Murger, zuzu­schreiben, die es mit den Schilderungen des Lebens, wie es in Wahrheit ist, ja aber niemals genau nehmen. Immerhin muß zugegeben werden, daß die Pariser Leihanstalt es ein wenig mehr als all« anderen verdient, mit einigem Zauber umgeben zu werden, denn nicht ganz mit Unrecht wird sie hier unter die Wohlthätigkeitsanstalten gerechnet. Der verhältnißmäßig sehr niedere Zinssatz, welchen sie erhebt, rnacht sic gewissermaßen zu einer Art Volksbank, die nicht nur der momentanen Ver­legenheit abhilft, sondern gar manchen kleinen Gewerbetreibenden gestattet, etwas zu beginnen oder den drohenden Ruin zu be­schwören. Daher macht also diese Leihanstalt nicht die be­deutendsten Umsätze, wenn das Elend ein großes ist, es gilt im Gegentheil als ein erfreuliches Zeichen, wenn die Zahl der um­fangreicheren Darlehen eine bedeutende wird. Gehen die Ge­schäfte lebhaft, so wenden sich die klemm Händler und Fabri­kanten sehr häufig an das Lechhaus, un: sich dort das nöthige Betriebskapital zu verschaffen, das sie anderswo so billig nicht

erhalten können. Bringt dagegen eine Krisis einen Stillstand in der Produktion hervor wie im ganzen verflossenen Jahre, so macht sich dies im Mont-ds-Pists sofort bemerkbar; Industrie- und Handeltreibende entnehmen weniger häufig und geringere Summen. Dagegen findet dann der Arbeiter, de: nicht borgt, um zu produciren, sondern um zu konsumiren. desto öfter seinen Weg dorthin. Versetzt der „Patron" sein Silber­zeug, dann löst der Angestellte seine Betten aus und umgekehrt.

Die Büreaus in der Ilue des Francs-Bourgeois zählen also ebensogut die verhältnißmäßig Wohlhabenden zu ihren ständigen Kunden, wie die Enterbten des Lebens, und elfterer Umstand kommt letzteren zu Gute. Der Zinssatz von 7 pCt., der auf den ersten Blick recht hoch erscheint, würde doch in Bezug auf die Hälfte der Darlehen einen Verlust bedeuten, wenn ni.hr die andere Hälfte diesen deckte. Die allgemeinen Kosten sind ja natürlich ziemlich dieselben, ob eine große oder kleine Summe entnommen wird. Eine Nähmaschine nimmt viel mehr Raum fort, als z^B. ein Dutzend silberne Messer und Gabeln, und ein wollener Shawl ist dem Verderben weit leichter ausgesetzt, als ein paar Diamantringe. Für die wirklich werthvollen Artikel, für Kleinodien, als welche durchschnittlich 46 Millionen Francs jährlich geliehen werden, könnte der Mönt-de-Piete sich denn auch mit einem Zinssätze von 4 bis 5 pCt. begnügen, aber unter der Bedingung, daß er für die auf ärmliche Pfänder gegebene Summen 10 bis 15 pCt. nähme, und dies würde dem Charakter des Instituts vollständig widersprechen. Das Institut gilt, wie gesagt, für eine Wohlthätigkeitsanstalt, und der Ueberschuß aus dem Verkauf nicht eingelöster Pfandobjekte, welcher sich durchschnittlich auf 70,000 bis 80,000 Francs beläuft, fließt dann auch den Bureaux de Bienfaisance zu. Es ist übrigens ganz erstaunlich, wie lange manchmal die Zinsen für Gegen­stände entrichtet werden, weil der betreffende Besitzer sie nicht verfallen lassen will. So sind z. B. kürzlich ein Dutzend Servietten verkauft worden, die im Jahre 1853 für 8 Francs versetzt worden waren; ein Darlehen von 30 Francs wurde länger als ein halbes Jahrhundert erneuert, und noch jetzt be­findet sich im Lagerräume des Leihinstituts ein Regenschirm der der 'Enkelin eines Ministers unter Louis Philipp gehörst die seit mehr als 30 Jahren die Zinsen dafür entrichtet.

Die Absicht der Begründer der Monts-de-piete (nach den, italienischen „Monte di pietä" so genannt, die anfänglich aus­schließlich Wohlthätigkeitsanstalten waren), den Aermsten unter den Armen hauptsächlich zu Hülfe zu kommen, wird häufig dadurch vereitelt, daß die Darlehensnehmer, durch die Noch ge­zwungen, sich der auf den Inhaber ausgestellten Pfandscheine '

für eine Kleinigkeit eniäußcrn. Es hat sich dies in Paris zu einem ganz regen Geschäftszweige entwickelt, sodaß 650 bis 700 „Handelshäuser" sich ausschließlich diesem widmen. Diese kaufen den Pfandschein nicht, sondern leihen zu einem Satze von 120 pCt. noch etwas auf denselben, der ihnen aber gewöhn­lich, nachdem sie noch so und so viel aus den Elenden, die ihre Kundschaft bilden, herausgepreßt, ganz und gar verbleibt. Um dagegen anzukämpfen, war im Jahre 1861 ein Gesetz erlassen worden, wonach der Darlehensnehmer nach drei Moiwten den Verkauf des gegebenen Pfandes verlangen kann, aber dieses Ge­setz hat sich als unzureichend erwiesen, weil cs den Armen oft darum zu thun ist, sofort etwas mehr Geld in die Hände zu bekommen. So trat denn vor einiger Zeit der Direktor des Mont-de-Piete mit einem anderen Vorschläge hervor, der, wenn er angenommen würde, allerdings dem elenden, oben be­schriebenen Handel, durch den von den 2,400,000 Scheine::, welche das Leihhaus jährlich ausgiebt, die Hälfte in die Hände der Wucherer gelangt, ein Ende bereiten würde. Derselbe besteht darin, daß das Institut in Zukunft nicht chehr wie bisher */: oder die Hälfte, sondern neun Zehntel des Werthes der Geaen- stände leihen sollte. Die Pfandscheine dürften dann nicht ver­kauft werden, und es hätte auch Niemand mehr ein Interesse daran, sie zu erwerben. Allerdings würden dem Mont-de-Piete so manche Verluste erwachsen, aber dies« sollten durch eine speziell zu schaffende Kasse gedeckt werden, der ein gewisser Prozentsatz der aus den Verkäufen entstehenden und nicht rekla- mirten Ueberschllsse zuflösse. Erst wenn dieser Vorschlag Gesetz geworden, wird das Pariser Leihhaus vollauf seinen Zweck er­füllen, indem es nicht nur den Armen Hülfe gewährt, sondern diejenigen beseitigt, die sie um die Wohlthat derselben wieder bringen.

Morte Christi.

Ein ganzes Buch wäre zu schreiben, wenn man von d-n unzähligen Mißverständnissen und frommen Umdeutungen reden wollt:, durch die das Tiefste, was je ein von Gott und echtem Menschenthum erfülltes Gemüth offenbarte, entstellt und zu geheimnißvoller Formel umgcprägt wurde. Wissentlich oder unwissentlich zitirt der Geistliche von der Kanzel nur zu oft die Worte Christi in einem Sinne, der ihnen nie und nimmer zulommen konnte; was die gewissenhafteste und pietätvollste Forschung zugleich frommer und wahrheitsliebender Theologen über die geistige Entwickelung Jesu, über seine Weltanschauung ergründete, ist in das christliche Leben noch lange nicht überge-