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154. Redaktions-Fernsprecher No. 52. DsttNerstng. de» 3. April. BerlagS-Ferufprecher No. 2266. 1902.
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Tripolis und Weiteres.
L. Berlin, 2. April.
Unsere italienischen Verbündeten lzabeir nicht erst seit heute und gestern ein Auge aufLripolis geworfen. sondern seit langer Zeit gehört es zu den sehnsüchtigsten Wünschen Italiens, an der Idordküste Afrikas festen Fuß zu fassen. Die Spannung zwischen Italien und Frankreich tvar ja wesentlich mst dadurch erzeugt worden, daß sich die Franzosen tn Tunis häuslich niedergelassen halten. Die Ge- heimgeschichte der Diplomatie wird später einmal ergeben, daß dies nur geschehen konnte, weit es in das damalige System des Fürsten Bismarck paßte, die Staatsmänner der Republik besonders freundlich zu behandeln und dem stanzösischen Thatendrange einen Ausweg mif einem außereuropäischen Schauplatz zu eröffnen. So ging Jules Ferry nach Tonftir mrd auch iraü) Tunis. Tie Italiener konnten damals auf diese Weise erfahren, was es bedeutet, Deutschland zum Freunde oder aber nicht zum Freunde zu haben. Hätte der Dreibund zu jener Zeit schon bestanden, so wäre Tunis schwerlich französisches Schutzgebiet geworden. Wenn nmrmehr Italien in Tripolis Fuß fassen möchte, y, war es nach Lage der Verhältnisse allerdings daraus ungewiesen, sich der französischen Zustimmung zu versichern. Die offenbar beträchtliche Besse- nmg der Beziehungen zwischen dem Quirinal und Paris, oon der man noch nicht recht weiß, welchen Vortheil sie dm Franzosen bringen soll, kommt den Italienern jedenfalls in der Weise zu Gute, daß sie ihr Augenmerk jetzt bestimmter auf Tripolis richten können. Nach den. Mit- thestungen über dieErgebnisse der jüngsten Besprechungen von Venedig hat Graf Bülow dem Minister Prinetti zu- gesichert, es würden der italienischen Regierung von deutscher Seite keine Schwierigkeiten bereitet werden, falls die tripolitanische Frage in Zukunft reif werden sollte. Nachdem schon vorher eine italienisch-französische Verständigung über Tripolis gemeldet worden war, bedeutet also jeneZuficherung, daß Prinetti gewisse Wünsche geäußert hat, deren Berücksichtigung oder Nichtberücksichtigung vonSeftenTeutfchlands einigen Einfluß auf die künftige Beschaffenheit des Dreibundverhältnisses haben müßte, und daß einer dieser Wünsche, der auf Tripolis bezügliche. vom Grafen Bülow zugestanden worden ist. So fern uns dieser iwrdafrtkanische Küstenstrich polftisch wie wirtschaftlich liegt, so leicht es also scheinen könnte, nach dieser Seite hin dem Verbündeten Königreiche steundliche Gewährung zu versprechen, so bekommt die Sache ein sehr viel ernsteres Gesicht, wenn man bedenkt,
daß der Suüan sich als Qberherrn von Tripolis betrachtet und dort mindestens soviel Hoheitsrechte ausübt wie in irgendwelchen entlegeneren Gebieten Syriens und Mesopotamiens. Was wird aus dem doch keineswegs lockeren Verhältniß zwischen Deutschland und der Pforte, wenn wir den Italienern erlauben, unter Umständen mit Waffengewalt Tripolis von der. Türkei loszureißen? Die angenehme Stimmung, in die der Sultan uns gegenüber versetzt werden konnte, hat uns unzweifelhaft Nutzen ein- gebracht, besonders in wirthschaftspolttischer Hinsicht. Man darf ftagen, ob dies Verhaltnitz wird fortdauern könnet:, wenn der cmitort sich eines Tages ohne Beistmrd gegenüber etwaigen heftigen An'pnichen Italiens sehen sollte. Jedenfalls bekommt mmr den Eindruck, daß Italien in Venedig kein übles Geschäft geinacht hat. Wir freuen uns der Erneuerung des Dreibundes. Auch ist Deutschland poteist gerrug, um seinen Freunden dieses oder jenes Zugeständniß ohne unmittelbare, sichtbare Gegenleistuiig zu machen. Aber wissen möchte man doch, ob Graf Bülow bei Hern: Prinetti soviel erreicht hat, ivie dieser bei ihm. In einer Beziehung scheiiit der Reichskanzler zum Glück soviel erreicht zu haben, nänstich in der Frage der Erneuerung^ des Handelsvertrages. Es ist eine Verkehrung des Sachverhalts, wenn es immer so dargestellt wird, als habe Italien air der Verlängerimg des Tarifvertrages das Hauptinteresse. So groß das italienische Interesse an der Erhaltung des deutschen Marktes für seine edeln Bodenfrüchte ist, so groß, wenn nicht größer, ist unser Interesse daran, der: italienischen Markt für unsere Jndustrieerzeugnisse zu behalten. Die erzielte Verständigung bedeutet also greifbaren Nutzen fist beide Theile, und jeder mag den anderen dazri beglückwünschen, daß er die Einsicht gezeigt hat, die das bisherige Verhältniß entsprechend hoch bewerthet, um vor den Gefahren eines wirthschaftlichen Zerwürfnisses zurückzuschrecken. Wenn die Bündler den Graf Bülow ärgerlich darüber belehren möchten, daß er Herrn Prinetti keine Versprechungen hätte machen dürfen, von denen er nicht sicher sei, ob sie der Reichstag gutheißeri werde, so sind das natürlich nur Redensarten für ein unkundiges Agrarier- Publikum. Graf Bülow braucht nicht zu fürchten, daß ein neuer deutsch-italienischer .Handelsvertrag vom Reichstag abgelehnt werden wird.
Deutsches Deich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser wird sich bei den Krönungsfeierlichkeitm in England, nach einer Mel- duirg der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", durch den Prinzen Heinrich vertreten lassen. In der Begleitung desselben werden sich außer dem Hofmarschall Freiherrn von Seckendorfs und einem Adjutanten als persönliches Ge
folge Generalfeldmarschall Graf Waldersee, Admiral v. Köster, der Oberhofmarschall der verstorbenen Kaiserin Friedrich, Graf v. Seckendorfs, und Flngeladjutant Oberst Graf v. Hohenau befinden. Auch die Prinzessin Heinrich wird sich, einer Einladung des Königs von England _ folgend, zu der Feier nach London begeben. — Die Kaiserin wird, wie verlautet, mit ihren jüngsten Kindern im Laufe des Sommers einen längeren Aufenthalt in Baden- weilcr nehmen.
* Berlin, 3. April. Bei den Unterredungen, di« der deutsche Reichskanzler mit dem italienischen Minister des Auswärtigen in Venedig hatte, kam auch, wie die „National- Zeitung" von unterrichteter Seite erfährt, die tripolita-- irische Angelegenheit zur Sprache. Graf Bülow ließ keinen Zweifel darüber bestehen, daß von deutscher Seite der italienischen Regierung keine Schwierigkeiten bereitet werden würden, falls diese Frage in Zukunft akut werden sollte.
Der L a n d wi r t h s ch a f t s m i n i st er hat zum 8. d. M. die Direktoren, sowie zwei Aufsichtsrathsmitglieder der preußischen Hypothekenbank zu einer Konferenz eingeladen. Es soll in der Hauptsache darüber berathen werden, ob es sich empfiehlt, für jede Hypothekenbank einen Staatskommissar zu bestellen: weiter soll die Frage der Taxen und die Regelung der Provisionen zur Besprechung kommen.
* Dr. Lieber +. Der Witwe des Abg. Di-. Lieber sind zahlreiche Beileidstelegramme von hohen Reichs- und Staatsbeamten zugegangen, u. A. auch aus Venedig vom Grafen Bülow. Der „Germania" zufolge beklagte der Papst dem Centtumsabgeordneten Dr. Schwartze gegenüber, den er gestern in Privat-Andienz empfing, das Hinscheiden des Abgeordnckn Dr. Lieber, indem er anknüpftird daran der Hoffnung Ausdruck gab, daß die „ruhmreiche Institution des Centrums" sich unter der jetzigen Leitung weiter entwickele. Graf Bülow betont in seinem Beileidstelegramm die Lauterkeit und Selbstlosigkeit des Charakters, Ueberzeugungstreue und hingebende Thätigkrü im Dienste des Vaterlandes, um dessen Wehrkraft er sich hohe Verdienste erworben habe, sicherten dem verstorbenen Dr. Lieber ein dauerndes Andenken. Auch Staatssekretär Graf Posa- dowsky anerkannte in einer Kondolenzdepesche Webers Selbstlosigkeit und seine großen Verdienste um das deutsche Vaterland.
* Ein neues Defizit kommt laut d-.r „Freis. Zig." zu Tag- in der soeben dem Reichstag zugegangenen Ueberficht über die Einnahmen und Ausgaben des o st a f r i k a n i s chen Schutzgebietes für 1899. Diese Uebersichten kommen aus den Schutzgebieten stets ein oder zwei Jahre später wie nach den sonstigen Uebersichten der Reichsressorts. In dem soeben vom Reichstag festgestellten Etat für 1902 ist die Deckung eines Defizits von Deutsch-Qstafrika von 1898 im Betrag von 1,470,692 Mk. vorgesehen. Jetzt kommt also noch hinzu ein Defizit aus dem Jahre 1899 im Betrag von 566,396 Mk., für welches eine Deckung nirgends vorhanden ist. Man hat 183S, wie man sagt, zur Behebung eines drückenden Mangels an Dienstwohnungen fünf Grundstück« für 204,582 Mk. angekauft,
Am Marktplatz.
Roman von Hermann Heibcra.
(6. Fortsetzung.)
Endlich saß Frau Justtzrath Fries wie alle Zeit, steif abgeschlossen, in ihren Staatsgemächern. oder guckte mit scharf spähender Miene auf den Marktplatz, imd Baron don Put hockte nachdenklich im Hause, studirte ernste Bücher oder machte einsame Spaziergänge.
Am Schluß der Woche, am Sonntagvormittag, begab kr sich, wie immer tadellos gekleidet, aus seinem von dem Rauch des Varinaskanasters erfülltem und tnit vielm schönen altm MöbÄn imd werthvollen Kunstsachm ge- ichmücklm Arbestsgemach ins Freie, schritt über den Marktplatz und nahm dm Weg durch die Klosterstiftstraße nach dem vor der stadt liegmden Dorfe St. Peter.
Er empfand das lebhafte Verlmrgen, einen Blick in bw Natur zu werfen, in ihr eine Besänftigung seines Innern zu suchen, völlige Klarheit über das zu ge- chmnm, was seit der letzten Unterredung mit der Baronin leinen Geist stündlich beschäfttgte.
, Nichts war geändert. Aber seine Frau war nach picht abgereist, sie erwartete Antwort auf Briefe, die sie an ihre Familie über die Vorgänge geschriebm hatte.
Sie wolltm sich jödoch tvennm. Das stand fest! Aber vb es gerecht, ob es weise mar?
Würde er. Put, seine Frau nicht doch schwer entbehren? Liebte er sic nicht?
Sie hatte ihm als junges Mädchen den Hof genmcht. Äuf dmr Gut ihres Vaters hatte er gelegentlich eines Besuches vor ihreir Augen ein Pferd bestiegen und gebändigt, an dmi sich Anderer Kunst und Kraft vergebens versucht.
Am Abend dessclbm Tages hatte daselbst ein Ball stattgefunden, und er, der junge, allbegehrtc und bc- wunderte Leutnant Baron von Pitt von den dänischm Dragonern war von ihrem Vater gebeten wordm, die Honneurs zu machen. Er sollte den Tanz letten.
Und da hatte die erste Annäherung zwischen ihnm ' stattgefunden.
j Sie war hübsch, zierlich, und lebhaft; sie war eine j Dame; sie hatte vornehme Allüren. Ihr Vater besaß i ein großes Verniögen nnd ebenso großen Einfluß bei Hofe.
Nach acht Tagen war Put schon von Kopenhagen wieder auf Gut Köge eingetrofsen, und am folgenden hatten sic sich bereits verlobt.
Er war ein in Südschleswig geborener Deutscher, hatte gleich nach der KoniimNation feinen Vater verloren und >mr als eitern- und vermögenslose Waise von seinem einzigen Onkel mütterlicherseits, einem General von Obrö in Kopenhagen, an Kindesstatt angenommen worden.
Aber obschon er dort als Kadett eingetretm war und später viele Jahre in der dänischm Armee gedient hatte, auch das ihm von seinem Onkel nach dessen Ableben überkommene Fideikommiß in diesem Lande fundirt lvar, hatte er doch nach seinem Abschied von der Armee Dänemark verlassen und war nach seinem Geburtsland übergesiedelt.
Während Baron voll Put so simrend durch das Dorf nüt seinen weitläufig vertheilten Gehöftm inrd Erbsitzen dahinwanderte, die Vögel über sich singen»hörte, hin und wieder einen Gruß, der ihm, dem Städter, gezollt wurde, erwiderte, und nun eben beim Airsgang mrS dein Torfe den Blick in ein reizendes kleines Thal lvarf, aus dcssm grünem Wiesengrund sich ein von Eichen und Lindengebüsch umgebenes weißes Bauernhaus.malerisch emporhob, tauchte unerwartet eine junge Dame aus der Stadt vor ihm auf, und als Baron von Put hinschaute, erkannte er — Betty Cholevius.
„Wie? Sie, Fräulein Betty? Welch« Ueberraschung!"
„Ich war bei Ecks draußen. Ich fand den Morgen so himmlisch, daß ich nickst im Hause bleiben konnte. Eben wollte ich zurück."
Betty sprach lebhaft, mit begeisterten Angm.
Baron voir Put aber umfing die Gestalt des , Mädchens mit vollen Blicken und sagte stark betonend:
„Es gürg mir wie Ihnen! Mich zog die Natur cm. Und ich möchte auch noch drüben die Aussichtskanzel besteigen. Wollen Sie mich begleiten? Wir kehren damr. wem:'s Ihnen recht ist, zusammen zurück!"
Einen Moment zögerte Betty. Dann stimmte sie zu und nahm mit dem Baron die Richtung zur Linken.
„Wie steht's in den: Bürgermeisterhmise?" Hotz Put an.
„Vortrefflich! Nur die Rcäusejagd ist nicht aus< gwbig."
„Die Mäusejagd? Ah so! Sie haben Mäuse! Wie stellen Sie den liebenswürdigen Geschöpfm nach?"
„Durch Katzen, Falken. Fallerr mrd fromme Gebete, die wir wegm ihrer Vertilgung allabends gen Himmel senderr."
„Hm, das, sollte man meinen, müßte helfen! Und Falkeir haben Sie auch dafür abgerichtet?"
. „Nur einen! Falken heißt nämlich unser foienft* Mädchen, eine Friesin. Die ist nicht glücklich, wenn sie nicht täglich eine mordmr kann!"
„Ah, so ist die Sache zu verstehen. Falken! Ein seltener, aber nicht übler Name."
„Ja, wenigstens hübscher als Betty! Betty, Betty! Wie kann mmr Betty heißen. Alte Klofterfrmrlem und Erbtmrten heißen Betty, aber ein junges sechsund- zwanzigjähriges Mädckicn ziert das nicht."
„Sie sind sechSmtdzwanzig? Schon?! Ich hätte glauberr mögen, Sie. wäreir eben erst langsam aus tar, zwanzigsten herausspaziert."
„Ach, tiern, ich fliege sogar mit Sturmflügeln ins siebemmdzwanzigste. sstächstens kaufe ich mir den Mops, den Strickbeutel- den dicken gelben Kanarienvogel und eine Brille!"
„Immer werden Sie bezaubernd aussehen, Fräulein Betty!"
Betty zuckte die Achseln nnd verzog den Mund.
Ebeir lvaren sie an der Kanzel uugelanat. Baron Put nahm den Vortritt auf der langerr steilen Treppe, die zur Plattform hinaufführte, imd bald stand da§ junge Mädchen tief aufathmcnd neben ihm.
