so. Jahrgang.
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loO* Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 1. April.
Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902.
Abend-Ausgabe.
Ein Aderlaß der Mutter Erde.
Soeben trifft aus Tschinragstbeig auf den: Gipfel des Himalaya-Gebirges die Nachricht ein. daß es nach fast vierzigjährigen Bemühungen Herrn Zipmum. dem Bürgermeister der tibetanischen Hauptstadt Lhassa, gelungen ist. eine Metalllegirung herzustellen, welche, Anfangs pflaumenweich und leicht zu bearbeiten, in: Läufe der Zeit unter dem Einfluß der atmosphärischen Luft einen bisher noch bei keinen: Material nachgc- wiesenen Härtegrad erreicht und dann, was noch wichtiger ist. auch bei den höchsten Temperaturgradcn nicht schmilzt. Das Fehlen dieser, allen anderer: bekannten Stoffen beiwohnenden Eigenschaft, der Veränderlichkeit des Aggregatzustandes, macht die neue Entdeckung besonders lverthboll, da sie die Ausführung eines längst gehegten Wunsches der gesammken Ge- lehrtenwelr ermöglicht, welcher dahin geht, die Erdrinde zu durchbohren und die Zusammensetzung des feuerflüssigen Erdinneri: zu erforschen. Tie genaue Kenntrriß des letzteren, dessei: Temperatur zlvischen 8- und 10,000 Grad Celsius liegen dürfte, würde siir die Wissenschaft von allergrößter Bedeutung sein u>:d das Geheimnis; der Entstehungsgeschichte der Erde als Weltkörper entschleiern. Aber ::icht nur der Wissenschaft allein, sondcn: auch der Praxis 's oll der unschmelzbare Stoff dienstbar gemacht werden, indem ein Theil der unter großen: Druck stehenden feurigen Blasse an die Erdoberfläche -befördert und zu Heizzwecken in den Polargegenden verwendet werden soll. Zu diesen: Behuf beabsichtigt der unternehmende geniale: Tibetaner. der sich fa auch als Luftschiffer und Oceanograph bereits einen Namen gemacht und ans astronomischem Gebiete Hervorragendes geleistet hat, auf derNordsPitze vonSpitzbergen, bei Eap Platen (80 Grad 32,5' Nordbreite und 22 Grad 35.2' Ostlänge), mittels der a::s seinem Metall hergestellten Tiefbohrer mit centraler Längsösfnung die Erde anzubohren, derart, daß das Bohrloch in der Meridianebene und un: einen Winkel von 46 Grad zur Horizontalei: geneigt nach unten geführt wird. Bei einer Dicke der Erdrinde von 75 Kilometer wird demnach der schräg gerichtete Bohrer eine Länge von 96 Kilometer erhalten, die durch 960 genau aneinander passe>:de Theil von je 100 Meter Länge erreicht wird. Nach den Berechnungen des Herrn Z:pn::rm wird jedoch schon, sobald das Bohrloch eine Länge von 81 Kilometer erreicht hat, der Durchbruch erfolgen, und die trennende Schicht in Gestalt eines 15 Kilo- lneter langen, cylindrischen Geschosses«durch die centrale Oeffnung des Bohrers hinausgeschleudert werden, gefolgt von einem Strahl der geheimnißvollen Masse, welche die den innersten Kern unserer Erde umgebende, feuerflüssige Mittelschicht bildet. Bei einem im Erdinnere:
vorhanden«: Druck von 62,000 Kilogramm auf den Ouadratcentinietcr, wie er von Sachverständigen angenommen wird, muß bei Zugrundelegung der ballistischen Formeln und unter Berücksichtigung des geringen Luftwiderstandes in den höheren Regionen die Flugbahn der herausgeschleuderten Erdmasse eine nur wenig verkürzte Parabel bilden und genau am Nordpol niederfallen, die hier 20 bis 30 Bieter dicke Eisschicht durchschlagend und die umgebende Wassermasse zum Sieden bringend. Infolge der äußerst heftigen Dampsentwickölung wird die
ganze Eisdecke in weitem Umkreis explosionsartig von unter: nach oben aufgerisscn und zertrümmert werden. Das erhitzte Wasser wird seines geringeren Gewichtes wegen an der Oberfläche vom Pol nach allen Seiten Hin abslicßcn, die gesammken Eisfelder mit sich fortführend. Der Streuungskegel der feuerflüssigen Masse wird durch geeignete Form der Bohröffnung an seinem oberer: Ende auf cii: Minimum reducirt und auf die durch den
89. Breitenparallel umschlossene Polarzone beschränkt bleiben. Die sehr schnell vor sich gehende Veränderung des arktischen Klimas wird eine Auswanderung der Polarthiere (Eisbären, Wallrosse, Polarfüchse, Renn- thiere :c.) nach Süden und umgekehrt eine Ausbreitung der Thierwelt der gemäßigten und heißen Zone nach Norden zur Folge haben. Erstere werden bei uns in Mitteleuropa bald heimisch werden und ihre natürlichen Schutzmittel gegen die Kälte im Laufe der Zeit verlieren, sodaß schon in wenigen Jahrzehnten die Eisbären kahl
und nackt wie australische Hunde und die Walrosse, ihrer enorm dickenSpeckschicht entledigt, schlank wieSalamcmder sich an der deutschen Nordseeküste umhertnmnieln werde::. Die Rennthiere werde:: ihre Rennfähigkeit verlreren, die sie z::r Zeit allein in den Stand setzen, die riesigen Entfernungen von einer zu anderen Futterstelle zurückzulegen, ohne unterwegs zu verhungern. Ihre Beine werden dick und plump wie die eines Flußpferdes werden.
Am Marktplatz.
Roman von Hermann Hcibcrg.
(4. Fortsetzung.)
Gegen fünf Uhr setzte sich vom Wisborger Rathhaus- lnartt aus die Schaar der Puts und ihrer Freunde in Bergung.
Voran schritt der Bürgermeister mit der behaglich behäbigen Miene und der weißen Weste neben Baron fon Put und dem an diesem Tage von Kiel zum Besuch üngetroffenen Referendar Arnold Cholevius, einem schmucken, geschmeidigen jungen Mann. Ihn«: folgten üe Damen, die jugendlich lebhafte Frau Bürgermeisterin, Frau von Put, die korpulente, streng blickende Frau Fustizrath Fres, Gunda und Erna und Betty Cholevius, ein schon älteres,^schlankes, zigeunerhaft dunkles junges Mädchen mit blitzenden Augen und schneeweißen Zähnen. Den Schluß machten die Gymnasiasten Jonas von Put, Felix und Engelbert Fries.
Immer amüfirten sich die Wisborger Familien, wenn der geniale Baron von Put dabei war. Er redete sie häufig an, erkundigte sich nach ihrem Wohlergehen, nach der Schule und Anderem, machte Scherze, über die sie lachten, und schenkte ihnen nicht selten Etwas für ihre Geldbörse. Die Jugend hing mit wahrer Schwärmerei an ihm, weil er ihr volles Verständnis; entgegenbrachte, Nachsicht übte und alle Zeit seine freigebige Hand öffnete.
Auch heute mußten alle Jüngeren auf seine Kosten die Löwe::. Hyänen und Hirsä^e des Hauptkarnssells be- steigen, und einmal setzte er sich gar selbst auf ein Meeres- ungethüm und flog neben Betty Cholevius, die er bei jeder Gelegenheit auszeichnete, dahin. Auf diesem Karussell spielten sich überhaupt allerlei Herzensgeheiin- nisse ab.
Da Felix Fite Knack augenblicklich schon ans Trotz ganz aus seinem Knabenherzen verbannt hatte, machte er sich an feine Freundin Erna mit den sanften Augen und dem mädchenhaften Wesen.
Sein Bruder Arnold hatte sich zu der schönen Gunda gesellt, und man sah's den beiden sich während der Fahrt schwatzend zu einander Neigenden und lustig Neckenden an, daß sie sich nicht gleichgültig waren.
Jonas, der wie sein Vater stets eigene Wege ging, hatte auf keinem der Thiere Platz genommen, sondern stand, ein«: der eisernen Tragpfeiler mit dem rechten Arm umschlingend, in ungezwungener Haltung da. Und weil Engelbert dies äußerst vornehm fand, machte er es ihm sogleich nach, suchte ihn aber noch zu übertrumpfen, indem er sich gar nicht festhielt, vielmehr zwei Finger der behandschuhten Hand zwischen die Jackenknöpfe und die andere in die Hosentasche steckte. Das machte sich umso großartiger, als er keinen Zügen einen äußerst blasirten Ausdruck zu verleihen wußte.
Ziemlich unsanft wurde er freilich seiner Erhabenheit entrückt, da ihm aus dem Kreise der Zuschauer ein laut spöttisches Wort cntgegenschallte:
„Sü Yen, de feine Engelbert! Wo de de Aap nah Buten kehrt!" rief ein Straßenjunge und schnitt ihm Gesichter zu.
Dann aber war der Turnus auch beendigt. Der das Karussell in Bewegung setzende Gaul stoppte, die Männer hemmten den ferneren Lauf, und die Gesellschaft nahm nunmehr den Weg nach den großen Schaubuden.
Während sie dahinschritten, sagte Arnold, der nicht von Gundas Seite gewichen war und nun eben wieder einen bewundernden Blick auf ihre schlanke Gestalt geworfen, infolge einer von ihr zurückgewicsenen Artigkeit:
„Wenn ich die Wahrheit sage, schelten Sie mich einen Komplimentenmacher! Spreche ich ohne Umschweife, er
halte ich — Ivie vorhin — auch Schelte! Wie soll ich's nur machen. Ihnen zu gefallen? Ach, hätte mir doch ein guter Geist vergönnt, in Seelen zu lesen, um daraus eine Richtschnur ftir mein Verhalten zu gewinnen!"
Der junge Mann holte bei diesen Worten einen so tiefen Seufzer aus seiner Brust und schnitt ein so künstlich-trübseliges Gesicht, daß Gunda ein herzliches Lachen nicht unterdrücken tonnte. Ihre weißen Zähne blitzt«: hinter den vollen, schwellenden Lippen, und sie nnrf ihm ein«: jener beifälligen Blicke zu, durch welche Frauen ein tieferes Interesse verrathen.
Aber das feine Gefühl des wohlerzog«:«: Mädchens überlegte auch, daß es Zeit sein möchte, die Ausbrüche platonischer Leidenschaft von Seiten ihres alten Gespielen ein wenig einzudämmen, um sich nicht vom Gebrete unbefangener Kameradschaftlichkeit zu entfernen. Sie wußte daher mit angeborenen: Takt dem Gespräch unter einigen Scherzen eine andere Wendung zu geben. Gleich daraus hatte auch, die Gesellschaft das Ziel ihrer Wanderung, den Cirkus, erreicht und abermals zog trotz des Bürgermeisters heftigen Einwänden Baron von Put die Börse, zahlte und bat die Gesellschaft, in den Zirkus einzutreten.
Ohrenzerreißende Töne entlockte draußen auf d«n Podium ein geschminkter Clown m bauschigem Babh- kostüm der Trompete. Unbeweglich, mit- gesenkten Köpfen, stand«: die herausgezogenen Ponys trotz der fürchterlichen Bimbamlaute, die ein langer Mensch mit Mmaler Brust und mageren, in rosenrothen Trikots steckenden Beinen durch Schläge auf einen: Beck«: hervorrief. Gelangweilt, ohne von dem gaffenden Publikum Notiz zu nehmen, verzog eine an der Kasse sitzende kurz- röckige Schöne den Mund und gähnte, und schreiend lies; ein in einem hoch aufgehängt«: Käfig sitzender grüner Papagei n:it gelbem Hals und rothgesäiimt«: Flügel-
