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Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 143. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, de« 26. März.

50. Jahrgang. 1902.

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« Die Lüge ist eine der Seuchen, welche desto leichter eut- Z stehen, je dichter die Menschen beisammen wodnen.

Paul Nikolaus Coßmann.

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(17. Fortsetzung.)

Der Marschallstab.

Roman von Walther Schutte vom Itrüht.

Es lag in dev illotur der Sache, daß er in seinen freien Stunden sich der Cousine vielfach widmen mußte, da unter seinen Geschwistern noch keines für „vernünftig" galt und die Kinderschuhe ausgezogen hatte. So erwuchs ihm eine ritterliche Pflicht, die ihm nicht läsüg diinkte. Es war wohl ein gut Theil Kinderei und Scherz bei der Sache, aber es erfüllte ihn doch mit eurem gewissenSelbst- bewußtsein, wenn sich ihm das Fräulein beim Spazier- gang durch den Garten an den Arm hing und ihm in ihrer geraden, westfälischen Weise öfter versicherte, daß er ein '„netter Junge" sei und daß ihm das sprossende Bärtchen schr hübsch zu Gesicht stehe. _

Ihm erschien sie mft ihren Pensionsmanieren als eine vollendete, junge Dame, zumal sie auch stets elegant und leidlich geschmackvoll gekleidet war. Einige Mal irrußte er sie, Abends aus dem benachbarten Orte abholen, wenn sie zu Freundinnen eingeladen war, die sie von ihrem früheren, längeren Aufenthalt her noch kannte und die inzwischen mich zu ordentlichen Backftschen herangewachsen waren. Daß mehrere dieser Fräulein als Tanz­schülerinnen sich der Verehrung ihres Vetters erfreut hatten, wußte die Kleine Wohl, und als sie ihn einst bei einem solchen Nachhausewege über die Verhältnisse ver­gangener Tage im Drange ihrer weiblichen Neugier ernst­lich ausholen wollte, erklärte er deutlich, das käme chm nun Alles längst vergangen vor und eigentlich feien seine ehemaligen Tanzstundenschätze doch immer ein wenig gänsig gewesen. „Du bist ganz anders als sie, Else", schloß er und drückte ihrer Arm.

Sch seufzt leise imd fragte: „Wanrm nennst Du mich nicht mehr Bettchen?"

„Aus Elsbeth kann man sowohl ein Bettchen, als eine Else machen: Bettchen ist eigentlich zu kindisch und Else, das klingt so süß ins Ohr und hat so etwas Vor­nehmeres, Fräuleinhafteres."

„Ja es klingt viel, viel 'chöner. und Du kannst es so lieb aussprechen", flüstert sie. „Wenn Du nur der Else so gut blechst wie dem Bettchen!"

„Das Bettchen ist nur meine Cousine, aber die Else habe ich viel, viel lieber." Plötzlich umschlang er sie und küßte sie auf dm Mund.

„Du Böser!" hauchte sie. „Merk Dir's nur, ich bin keine Tanzstundenflamme." Dann blickte sie sich scheu um. „Mein Gott! das ist schlecht. Aui offener Straße hast

Du inich geküßt und es ist noch nicht einmal ganz dunkel. Fast kann man uns noch vom Hause ms sehen.

„War es wirklich so schlecht?" fragte er und druckte - wieder ihrm runden, rosigen Arni, und sie sah ihn neckisch an und meinte: „Ja. schlecht war's schon, aber mrderer- seits war es muh recht lieb von Dir. Nun, zwischen Verwmrdtm komint es ja nicht so sehr darauf an.'

Dieses Wort gab ihm Dftlth, von mm ab öfter, bei passmder oder unpassender Gelegenheit, seine verwandt­schaftliche Neigung in solcher Art junt Ausdruck zu bringen, und auch die Vorliebe des Fräuleins für ihren Vetter prägte sich so deistlich aus, daß sie Keinem ver­borgen bleibm konnte. Fran Kaltmbach nahm mehr­fach Veranlassung, ihrm Sohii inütterlich zu vernwhnm. die „dicke Freundschaft" für die Cousine nicht allzu auf- fällig zu zeigeii. Wenn auch nichts Schlimmes dabei sei. so müsse man doch den Schein wahrer:; auch seien er und Bettchm noch viel zu grün zu einem ernstlicheren Ver- häliniß, aber doch schon zu alt zu einer Kinderei.

Derartige Redeii sielen natürlich auf keinen sruchb barm Boden, wie denn auch weder der Fabrikant, noch seine Gattin gesonnm ivaren, dieser Neigung ernstlich cntgegenzutretm. dmn daß das schöne Schulten gut, oder wenigstens das Geld dafür, am besten in der Familie auf- gehoben sei, davon waren sie beide überzeugt. Zwar war Hmrs kaum ein Jahr älter als die Cousine, und das Ver- hältniß der Jahre zu einer Verbindung demnach nicht sehr günstig; aber Hans war der älteste Vetter und ihm mußte es doch vorbehalteir bleiben, dies „Glück zu machen". Die oft wie unabsichtlich von der Mutter geäußerte Bemerkung über den Reichthum Bfttchens siel hei ihm zwar wenig irr die Waagschale, aber das „Scharmuziren und Schar- mirm", vor dem er gewarnt worden war, gefiel ihm sehr gut und des Mädchen wegen freute er sich, wenn seine Arbeitsstunden vorbei waren. Längst hatte er sich in ihrem Poesiealbum als das erste mämfliche Wesen neben einerSchaar vonPensionsfrenndinnen einschreiben müssen und das Bergißmenmichtzweiglein, das er zierlich um seinen Vers malte, war mit Liebe eirtstanden, ebenso der Vers selber, der folgenden zartsinnigen Wortlaut hatte:

„An Else.

Ich brauch' es Dir zu sagen nicht,

Was dies gemalte Blümlein spricht.

O, schlug es seine Wurzeln fein Recht tief Dir in das Herz hinein.

Bei Sonnenschein, bei Sturm und Wette,

Treu liebt Dich stets der

Hans, Dein Vetter."

Diese. Poesie fand bei dm: Fräulein ein freudiges Verständniß, weniger aber die von Hans ausgewählten Liebeslieder aus den „Blüthen und Perlen deutscher Dichtung", dem poetischen Hausschatz seiner Mutter. Er suchte sie dem Besuch mit vielem Gefühl vorzulesen, die Cousine meinte jedoch, l as sei nur Schnickschnack und eine rechte Liebesgeschichte, bei der sie sich kriegten, sei ihr viel lieber als solche Süßholzraspelei.

Die Verständntßlosigkeit für lyrische Poesie betrübte den jungen Mann und verstimnfte ihn öfter, wozu allerer. Spötteleien seines Genossen Kullenberg auch aas beitrugen. Dieser zog Hans hin und wieber gutmuthrg auf, suchte die „wohlgenährte, westfälische Schulzen- tochter" in eine nüchterne Beleuchtungen rücken und em> psahl ihm, sie unter Berücksichtigung ihres Dialektes bei Gelegenheit zu fragen: „FräuleinS—Pulte, j— chwarmeu Sie mehr fiir den. Dichter S—chiller oder für euren dicken« weftfälis—chen S—chiuken?"

Solcher Spott traf schmerzlich und knickte Hans im ticssteir Gemüth. Dauii mied er die Cousine wohl einen halben Tag, schlich einsam umher imd kalte, kritische Geister wirrden Herr über ihn. Ja. es stand außer Zweifel, Elfe ivar jetzt schon ein lnenig stark. Sie hatte keine schöiic Taille und keine Poesie und gewiß wurde sie mit der Zeit so unförnilich wie fast alle die westfalischen Tanten, deren er sich erimierte. Auch ihr hellgewim. Portes Auge verdroß ihrr in solchen Stunde!: des Zweifels/ imd danii geschah es wohl, daß ihm Plötzlich im Geiste ein arrderes, ausdrucksvolleres Auge iir die Erinnerung kam., ein tiefblaues, glänzendes Auge, nüt dunklen Wimperm und fein geschwungener Braue, ein trotziges und doch leidvolles Auge. Und dazu ein feines, bleiches Gesicht, umrahmt voii eurer Fülle seidenglanzenden/ aschblonden Haares, ganz andres Haar als das weiß­liche, strohfarbene der Cousine. Und dies eigenaRigS/ träumerische Gesichtcheii hatte er ja auch schoii gerußt.. Hulda stand inr Geiste vor ihn: in ihrem gedruckten, ärm­lichen Kleide mrd ließ sich nicht bannen. jo, sie drängte das Mid der schön gekleideten, der gebildeten Cousine m den Schatten. Und Hans gedachte, welchen Kummer das arme Ding habe, iuid es giiälte ihn die Frage, ob imr Schreiben an den Kniffel-August wohl von Erfolg ge- weseii sei Auch er erümerte sich, daß ihm Hulda auf dem Wege nach Hause erzählt hatte, ihr einziges Vergnügen sei C« Liedchen zu singen oder Gedichte und Geschichten zu lesen, doch käme sie selten dazu, ein Buch zu leihen/ weil die meisten Naöbarn nur Bibel und Gesangbuch f,e< säßm Die Geschichte von den sieben HaimonskmderN/ die auch mit dem Hof umging, könne sie fast auswendig.

Hans beschloß, am nächsten Sonntag Nachmittag den Versuch zu rnacheu. ob er das Mädchen nicht hennlich trefseir könne. Er hatte der Biicher genug; davon wollte er ihr eine Anzahl mitnehmen. Und wenn er dann viel­leicht von Hrflda erfahre, daß sie nicht in den Kotten brauche, oder wenn er ihr im anderen Falle nochma.lv .zu­geredet habe, nicht zu verzage,: und das Unabandcrliche zu trage,:, dann wollte er den: armen Mädchen guten Weg wünschen und Alles sei in Ordnung.

Dieser Gedanke verscherrchte alle Geister des Zweifels und des inneren Mßmuths. und als er später mit de« Cousine zusammentraf, freute sie sich über seine narrischen Einfälle und seine muthwillige Lustigkeit.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Aufklärung.

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