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i. Beilage mm Wiesbaüener TagblM

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Mo. 141. Morgen-Ausgabe.

Dienstag» beu 23. Miirr.

60. Jahrgang. 1902.

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* Die Zeit ist eine Glocke,

« Sie tönt bald froh, bald bang,

5 Man muß nur richtig ziehen

Am schweren Glockenstrang.

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Wenn man zu lässig läutet,

Stets tönt sie Einerlei,

Doch wenn zu grob man zerret,

So reißt der Strang entzwei.

Georg Knaner.

(16. Fortsetzung.)

Der Marschallstair.

Ronian von Walther Schulte vom Mrühl.

Auf dem Heimweg ließ ihm der Gedanke an den Kummer des Mädchens keine Ruhe. Er zergrübelte sein Hirn, wie er das arme Ding vor der Arbeit im Kotten retten könne. Schließlich tauchte eine Rettcrgestalt Var seinem Geiste auf, der Pastor Mespelmann aus dem nahen Kirchflecken Mörscheid. Der Herr war allgemein als ein wackerer Seelsorger und echter Menschenfreurid geachtet: ob man ihn nun wegen seiner leidigen Gewohnheit mit den Augen zu blinzeln „Kniffei-August" nannte oder ihn als „der Pfaff" bezeichnete. oder respektirlicher als „der Herr Paschtur". Für diesei: Mann nun trug Hans noch am selben Abend ehr mit verstellter Handschrift ge­schriebenes Briefchen auf die Post, welches folgenden In­halt hatte:

„Ehrwürdiger und verehrter Herr Pastor!

Ein gut geartetes, braves Mädchen Ihrer Gerneinde. das vermuthlich zu Ostern vorigen Jahres oder vor zwei Jahren von Ihnen konfirinirt wurde, soll demnächst in den Kotten zum Schleifen gehen.

Sie wissen, was dies unter Umständen besagen will. Dazu kommt, daß cs nicht stark in der Gesundheit ist. Das Kind ist fast verzweifelt bei dem Gedanken. in der scheußlichen Tracht unter die rohen Mannsleute zu müssen, kann aber nicht gegen den Willen der Mutter an- kämpfen, die eine harte Frau zu sein scheint. Vielleicht erbarmen Sie sich, verehrter Herr Pastor, der armen ge- guälten Seele und reden der Mutter — es könnte ja wie absichtslos geschehen —' von dem Vorhaben ab. Ihr Wort gilt ja Vieles, da cs aus so ehrlichem rmd menschen­freundlichem Herzen kommt.

TaL Mädchen heißt Hulda Stein zu Kürschhaus.

Ein treues Mitglied der Gemeinde.

(Der Name thrrt nichts zur Sache.)"

..Der Alte kommt!"

7 .

Donnerwetter schleuderte ^ der Packer Herberts in größter: Aufregung aus der Packstube in das Comptoir hinab, in den: eben die Cominis und die beiden Lehrlinge enträchtig um euren auf einen Korb gelegten Kistendeckel vereinigt saßen, um die Zeit mit einigen Partieen Sechsundsechzig todtzuschlagen.

Plümacher ivar in einer geschäftlichen Angelegenheit nach Solingen gewandert und Hans verurochte das harm­

lose Vergnügen nicht als einen Rmib anr väterlichen Erbe zu erkennen, zumal bei ähnlichen Gelegenheiten die ver- pleniParte Zeit immer durch gesteigerte Thatigkeu An­gebracht wurde. In einem Nu waren Korb und Kisten­deckel verschwundeir, die Commis flogen an dre Pulte, Hans und Küllenberg an den Packtisch, und klopfenden Herzens erwartete man das Nahen des, wie er es liebte, urplötzlich von seiner Frühjahrsreise zurückkehrenden Herrn Kaltenbach, In der nächsteir Minute fuhr dann auch der Hauderer Schmidt peitschenknallend in den Hof, dicht vor dem Packstubenfenster die magerenRosse zügelnd. Im Wagen saß in strahlender Würde der Fabrikant, neben ihm eine junge, hochblonde Dame, rosig, wohl­genährt und blauäugig.

„Teufel, wen hat der Alte denn da mftgebracht? Die sieht ja so sauber aus wie ein ftisch geschrapptes Schwem- chen". sagte Küllenberg, und Hans, den das Treffende des Vergleichs stutzig machte, mehrte zweifelnd: „Das komrte am Eirde die Cousine Bettchen aus Westfalen sein.

Er warf seftre Arbeitsschürze ab und beeilte sich, die Angekonnnenen zu begrüßen, zugleich mit der von allen Seiten herbeistürmenden Geschwisterschaar und der Mutter, die in freudiger Aufregung aus dem Wohn- hause kam.

„Da bist Du ja wieder. Alter. Mein Gott, wie bist Tu stark geworden!" rief sie und bot dem bedächtig aus den: Wagen Steigenden den Willkommskuß, woraus der Fabrikant seine gesammten Kinder vom ältesten bis zum jüngsten küßte und alsdann die junge Dame, die noch keiner so recht beachtet hatte, an der Hand nahm.

„Kennt Ihr denn das Bettchen noch. Ihr Rangm?" fragte er. Währcird sich die Kleinsten hinzudrängten und in scheuer Ehrfurcht die Mäuler aufsperrten, umarmte Frau Kalteickach das junge Mädchen, betheucrte, daß der Onkel keine bessere Ueberraschung von der Rerse hatte mitbringen können und daß sic groß und schön geworden sei in den drei Jahren, während deren sie in der belgischen Pension weilte.

„Wahrhaftig, Tn bist eine förmliche Dame gewor den", sagte mich Hans. „Als Du zuletzt bei uns zu Be such weiltest, warst Tu noch ein sperriges D:ng und strecktest mir immer d-ie Zunge heraus. Weistt Tu noch.'

Das Mädchen lachte. „Du warst auch ein ekliger Bengel und hattest so etwas von einem tappigen, fungen Jagdhunde an Dir." . ^

„Dann haben wir uns beide zu unseren: Vortheil sehr verändert", entgegnete Hans und Herr Kaltenbach siel ein: „Ja, das Bettchen ist inzwischen: eine junge Dame und der Hans ein junger Herr und Lehrling in meinem Geschäft geworden. Vertragt Euch nur Me gut mit- einander, damit unser Besuch nicht kopfscheu wrrd und gar zu bald zurück will."

Ich Hab' Dich gen:", sagte das kleine Lrcschen und hing sich halb schlichten: an das Kleid der jungen Dame, aber der um fünf Vierteljahre ältere Hermann suchte sie wegzudrängen und behauptete: „Ich habe Dich noch

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Karl hatte sich inzwischen der Reisetasche des Vaters bemächtigt und schleppte diesen Gegenstand der Reugeer und der kindlichen Hoffnung ins Haus.

Me folgten, nur Hans, der einen Augenblick uneins

mft sich selber war, ob er sich rmbeschadet seiner Würde anschließen dürfe, ging in die Packstube zurück rmd machte sich eifrig an die Arbeit. Küllenberg begehrte naturlul, zu wissen, wer die funge Dame sei, und Hans befriedigte mft einem gewissen Stolz seine Neugier und war bemüht, die Verwandtschaft in ein glänzendes Licht zu setzen.

„Elsbeth oder Bettchen, wie sie kurzweg genannt wird, ist die Tochter einer Cousine meiner Mutter. Sie war mft dem Ohm Dietrich Schulte im Karnp zu Roßbcrgeu im Münsterländischen verheirathet, einem bedeutenden Oekonomen."

„Sie meinen wohl so etwas, wie einen großen Bauen: , warf Küllenberg ein, und Hans entgegnete spitzig: „Der Schultenhof ist seit mehr als einem Dierteljahrtausend in der Familie und er hat eigene Jagd, wozu mindesten^ dreihundert Morgen zusammenhängenden Landes ge­hören."

„Alle Achtung, das läßt sich hören; dann dürfen S:e den Bauen: nieinetwegen Ockonom oder ^andwirth oder gar Gutsbesitzer nennen", sagte der Lehrlmg belusügt und stieß dei: Kopf eines Packeis, um ihn zu glatten, gegci: die Tischplatte.

„Lassen Sie doch diese dummen Witze", eNviderte Hans unnnilhig, rmd als ihn der Andere besänftigt hatte, erzählte er weiter, daß Bettchnrs Mutter schon Var einem halben Jahrzehnt gestorben sei. Sie habe, tmc btm’ Westfälinnen, ihre zweieinhalb Centner gewogen und ler an Herzverfettung gestorben.

„Dazu hat Ihr Besuch auch Anlagen", warf, Krülcn- berq sachkundig ein. „Die Kleine ist ja ganz hübsch, wein: ich auch diese rosige Art mit der: weißblonden Haaren und den hellen Augenwinrpcrn nicht reckst verputzen kann; aber sic ist von der richtigen westfälischen Rasse. S:e strrbt auch einmal an Herzverfettung."

Auf diese Bemerkung wurde es dem spottlustigen junge,: Manne schon schwerer, den Unmuth s» Prinzipalsohnes zu bannen, aber Hans, erzählte doch schließlich weiter, daß der Ohm Schulte rm Kamp ferner Gattin bald in: Tode folgte, daß Bettchen , dre allermge Erbin des Schultenhöfes lvare, und best wn ^ater und der Ohm Schulzc-Kradepohl die Vormundschaft über da-o verwaiste Mädchen hätten, dessen Gut man ernstwerler: ver­pachtet und das inan während der letzten >;ahrc m emer belgischer: Pension untergebcacht habe.

' Tarn ist sie glücklich zr-m Bestich hier und Sie körmen sich miss Bequemste im Frai:zösischspreck,en „üben ^be­merkte Küllenberg und 'ragte, ob Hans der altesleVetter der- jungen Dame sei. Als der Andere be,alste, schiwlfte Küllerrberg mit der Zunge rmd menfte tuest agerw. „Jn Stelle würde ich dem alter: Plümacher eme Nasa dreh«: rmd lieber Landwirthschaft Mrdiren "

Der Einttitt KalterrbackO, der ferne Angestellten be­grüßen und nach dem Stand der Geschäfte fcben woM, unterbrach das Gespräch der, beiden rmrgcn Leute dos den Geist des iüngstcn Letzrlrngs noch eine ganze Werle zum lebhaften Nachdenken über das angeschlagene Thema

erfüllte. (Fortsetzung folgt.)

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