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Seite 4. LS. März 1902.

LSiesdadener Tagblatt (Morgen-Ausgabe). Verlag: rkauggasse 27

50. Jahrgang. No. 139.

^ dm 7 Uhr-Schulbeginn eingewandt wird, daß die Kinder nräst schlaftrunken und möglicher Weise ohne Morgeubrod ge­nossen. zu haben, der ersten Unterrichtsstunde anwohnen, so muß man eben sich selbst hierfür verantwortlich machen. Die Wahr­heit des: .Morgenstunde hat Gold im Munde" ist ärztlicher­seits erwiesen, natürlich kommen dabei gewisse Voraussetzungen in Betracht. Der Mensch hat 6 bis 8 Stunden Schlaf nöthig; man soll deshalb den Beginn der Ruhezeit hiernach cinrichtc», Und zwar ist eine solche Regelung bei Kindern zumeist er­forderlich Wir häufig sieht man jedoch noch spät Abends die Kinder an ihren Schularbeiten sitzen, oder sie befinden sich noch auf der Straße und — was noch viel schlimmer ist — in Gesellschaften. Bei der Sucht nach Vergnügungen scheut man sich heutzutage sogar nicht mehr, der eigenen Unterhaltung wegen „Kinder-Bälle" zu veranstalten. Daß natürlich bei solcher Er­ziehung der 7. Uhr-Schulbeginn viel zu früh ist, versteht sich von selbst. Hier sollte verständiger Weise von den Eltern ein- gogrisfm und dafür Sorge getragen werden, daß spätestens um }JilQ Uhr das schulpflichtige Kind zu Bett kommt. Dann bleiben

Stunden Schlaf; man wird hierbei die Beobachtung machen, daß gesunde Kinder schon in aller Frühe geistig und körperlich frisch erwachen und sofort befähigt sind, ihrer Pflicht in allen Stücken nachzukommen. Leidende und schwache Kinder be- dürfm freilich längerer Ruhe, doch dürfte wohl die Forderung einer Rücksichtnahme auf 3 oder 4 — und hoffentlich nicht mehr — kranke Schüler etwas anspruchsvoll sein.

* Aus Nassau. Wetzlar wird nun bald ein Königliches Seminar, verbunden mit einer Präparanden - Anstalt, _ be­sitzen. Damit werden wir mittm in Nassau ein rheinisches Lehrer-Seminar haben. So ungelegen nun Wetzlar für den Reg.-Bez. Koblenz ist, so gelegen ist es für den Reg.-Bez. Wiesbaden, gelegener als selbst ein einziger nassauischer Seminarort für Nassau. Dazu kommt der Umstand, daß Wetzlar immerhin eine große historische Vergangenheit hat und noch manche Erinnerung an jene Zeit besitzt, was für manchen jungen Menschen von nicht unbedeutendem Interesse ist. Eine unausbleibliche Folge wird es für Nassau sein, daß viele junge Leute, die sich dem Lehrerberufe widmen wollen, in Zukunft statt der excentrisch gelegenen kleinen naffauischen Seminar­orte die größere, an bedeutenden Bahnlinien liegende und daher aus allen naffauischen Gegenden leicht zu erreichende Seminar­stadt Wetzlar wählen, um sich daselbst für den Beruf auszu- bAden. Seither war die Sache umgekehrt, die meisten jungen Leute aus dem Kreise Wetzlar wählten nämlich naffauisch; Schulen. Mit dnn Besuch des Seminars zu Wetzlar wird den Schülern die Garantie gewährt, als Lehrer in der Rheinprovinz angestellt zu werden, einer Provinz also, in die der besseren Gehaltsverhältnissc wegen, die dort vorliegen, selbst sehr viele Lehrer aus Nassau alljährlich austreten. Beziehen doch selbst die weitaus meisten Lehrer im Kreise Wetzlar, bei doch in Nassau liegt, mithin auch naffauische Verhältnisse bat, 1200 Mark Grundgehalt, während den Lehrern der angrenzenden naffauischen Kreis« nur ein solches von 1000, resp. 1050 Mark gewährt wird. Nichts anderes , als die ungenügenden und vor Allem ungleichen Besoldungen in Nassau sind di« Ursache für den stets größer werdenden Lehrermangel in diesem Bezirke, und wahrlich kann man es den naffauischen Eltern nicht ver­argen, wenn sie ihre Söhne auf fremde Seminare schicken. So wird denn Wetzlar, wenn sich die Gehaltsverhältniffe der Lehrer in Nassau nicht bessern, mit Eröffnung des Seminars eine nicht geringe Anzahl junger Leute aus Nassau in Zukunft in seinen Mauern bergen.

* Verehrte Redaktion! Würden Sie die Güte haben und mir für Nachstehendes etwas Raum in Ihrem geschätzten Blatte gewähren. Denn in der ersten Sitzung des neuen Stadtparla- rnents wurde von dem Vertreter der Arbeiterpartei, Herrn Groll, ein Antrag eingebracht zu Gunsten der gesammten städtischen Arbeiterschaft. Dieser Antrag fand auch von anderer Seite Unterstützung, seitdem aber scheint die Sache wie verschwunden. Man hörte und sah nichts mehr davon. Es wäre nun aber an der Zeit, sich energisch diesem Punkte zuzuwenden. Alle Berufszweige führten einen förm­lichen Krieg gegen den Elfstundentag, welcher auch mit dem Siege endigte, nur 10 Stunden zu arbeiten. Sogar schon etliche Fahr«. Bis jetzt aber haben es die Herren Stadtväter iwch nicht eingesehen, für ihr« Arbeiter Gleiches zu thun. Ge­

wiß wäre es gerade hier angebracht, eine derartige Gnade walten zu lassen. Wie weh« thut es dem städtischen Arbeiter, wenn alle Arbeiter des Abends um 6 Uhr ihr Tagewerk vollendet haben und ihren Behausungen zuströmm, um sich noch etwas von ihren mühevollen Anstrengungen erholen zu können. Aber er, für ihn schlägt erst um 7 Uhr Abends di« Feierstunde. Man sollte es auch nicht für möglich halten, daß sich bis heute noch Niemand der Sache angenommen hat. Ferner möchte ich noch erwähnen, daß auch in vorgenannter Sitzung von einer L o h n e r h ö h u n g die Rede war; diese wurde ebenfalls fallen gelassen. Denn hierüber legt« sich auch ein Herr ins Mittel mit der Versicherung, die Leute würden nach chren Leistungen bezahlt. Dieses muß ich nach genauen Informationen ent­schieden in Abrede stillen. Namentlich jetzt, wo von einer Noth- standsarbeit keine Rede mehr sein kann und die Arbeiten, welche von städtischer Seite in Angriff genommen worden sind, auch- beendigt werden müssen. Würde die Stadt nicht auf ein paar Pfennige sehen und das Zehnstundensystem einführen, so würden sich ihre Arbeiten viel rascher und doch billiger fordern lassen. Hoffentlich ist mein Bemühen nicht umsonst und die Herren Stadtväter werden ein Einsehen haben. Einer für Viele.

* Wenn die Kohlenlager an der Mainz er- und Lessing st raße bestohlen werden, so ist das nicht das Schlimmste. Noch schlimmer ist es, daß eine derartige lebhafte, aber unsichere Dreckstraße unmittelbar an den schönen Villen der Mainzer- und Victoriastraße noch länger geduldet wird, trotzdem wiederholt die Bewohner jenes Stadttheils sich be­schwert haben und — dem Vernehmen nach — der „Süd- Verein" sogar dem Stadtbauamt Geld angeboten hat für Herstellung einer anständigen Verbindung des südöstlichen und südwestlichen Stadtviertels. Eine Verbesserung der Goethe- Lessingstraße ist zum Glück vor 2 Jahren ausgeführt, so gut wie es eben bei den jetzigen fatalen Bahngleifen wohl geht, aber an dem kurzen, für Damen und Kinder wegen der Fuhr­werke und der Dunkelheit nicht ungefährlichen schmalen Stück nach der Mainzerstraße geschieht nichts. Wenn dann dort die Lager nicht aufgegeben werden, so kann man doch die Straße in gehöriger Breite und mit guter Beleuchtung im Zwangswege durchführen, dies können aus Rücksichten für Verkehr und Sicher­heit die Anwohner der betreffenden Stadttheil« unserer Meinung nach mit vollem Recht verlangen. Die Zustände dort muß man sehen, besonders bei Regenwetter, dabei ein Verkehr, daß neben den Fuhrwerken die Passanten Gefahr laufen. Wir denken, wenn das Landrathsamt nächstens bezogen wird, dann wird der Behörde wegen wohl endlich das Nöthige geschehen.

* Noch vor Kurzem mußte man die Deutsch-Amerikaner

gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, daß sie ihr Deutschthum allzu schnell und leichtfertig aufgäben, und nun kommt der ent­gegengesetzte Vorwurf, daß sie einseitig Deutsche blieben und niemals gute Amerikaner würden; dadurch gingen sie auch des Einflusses auf die amerikanische Politik verlustig, der ihnen sonst zukäme. Ein englischer Journalist plappert darüber bei Gelegenheit der Ovation, welche die deutschen Ver­eine von New-Pork dem Prinzen Heinrich gebracht hatten, und deutsche Journalisten plappern's ihm nach: „Sie sind Deutsche und keine Amerikaner. Sie sind eine besondere Klaffe. Ein Deutscher bleibt eben immer ein Deutscher. Sie sehen, wie sie heute Abend die Sache selbst gemacht haben. Nun, so machen sie es in Allem. Sie bilden'eine besondere Gemeinde. Sie haben ihre eigenen Klubs, Kirchen, Waarenhäuser und Restau­rants. Sie glauben vielleicht, daß diese Fackelträger heute Abend alles geborene Deutsche sind. Nun, viele von ihnen haben das Vaterland nicht gesehen, sie sind hier geboren und gehören doch nicht hierher. Ich sage Ihnen, erst nach drei Generationen werden aus Deutschen Amerikaner. Darum zählen sie nicht mit. - Wenn es doppelt so viele hier gäbe, würden sie nicht zählen." Und weiter: „Er interessirt sich mehr für bie Ange­legenheiten eines Dörfchens am Rhein als für die Politik des Volkes, dem er sich angeschloffen hat. Sein ganzer Patriotis­mus ist für sein Vaterland. Der Engländer in New-

Iork ist in einem halben Jahr amerikanisirt; den Accent und die charakteristischen Ausdrücke des Slang hat er gewöhnlich schon in der halben Zeit. Der Ire mit seinem Genie für Politik ist von Anfang an Amerikaner. Aber der Deutsche bleibt ein Deutscher. Darum bat er die Zahl für sich, aber kein Gewicht; darum hat er niemals auch nur ein deutsches Mitglied

Liegen Schillers sonstig« Zuschriften an Ramann auch nicht mehr vor, so sind wir doch aus Schillers Kalender über feinen ansehnlichen Weinbedarf hinlänglich unterrichtet. Schiller, der in seinen jungen Jahren nur billigen Neckarwein sich gestatten konnte, legte später viel Werth auf einen wohl- ausgesiatteten Weinkeller. Die gewöhnlichen Tischweine bezog er seit 1796 aus Jena (Weinhändler Zapf), die feineren Weine (Rousillon, Stein- und Leistenwein, Rüster, Burgunder, Froutignac, Champagner, Muscat, Malaga rc.) aus Erfurt. Im Jahre 1803 kaufte er einmal einen ganzen Eimer Malaga. Aus dem Jahre 1804 liegen nicht weniger als 9 Bestellungen an Ramann vor. Der Bestand seines Weinkellers in diesem Jahre ist uns durch folgende Kalender-Eintragung Schillers genau bekannt:

„W einvo-rrath am 3 0. Juny 180 4.

ganze Bout/:ille, halbe.

Malaga

61

Bourgogne

35

Champagner

22

Weißer Portwein

10

Muscaten

4

Leistenwein

2

Rüster

17

Oedenburger

6

Franken wein

34

Falerner

-—

Rum

5

(Dazu gekommen)

am 7. Juli 1 Eimer Burgunder von Ramann, 39 Rhthlr. „ 17. „1 „ desgleichen

„29. „1 „ desgleichen."

Man sieht, der Weinkeller des Herrn Hofrath war gut be­stellt. Am meisten mundeten dem Dichter feuriger Burgunder und Malaga. In sein Blut übergegangen, mögen diese Weine manchen feurigen Gedanken und Vers gezeitigt haben. Auf­fallend ist, daß Schiller und Goethe, die doch beide feine Tropfen hochschätzten, die vortrefflichen Rhein- und Mosel­weine ganz verschmäht zu haben scheinen. Beide huldigten da­gegen dem Grundsätze: „Ein echter deutscher Mann mag keinen .Franzen leiden, doch ihre Weine, trinkt er gern". Besondere Lieder hat zwar Schiller dem Wein nicht gewidmet, wohl aber gelegentlich ihm in seinen Dichtungen feuriges Lob gezollt, z. B. im^.Lird an hie Freude: ' - - “

„Freude sprudelt in Pokalen;

In der Traube goldnem Blut Trinken Sanftmuth Kannibalen,

Die Verzweiflung Heldenmuth!"

Ein guter „klassischer" Kunde von Ramann war aucy Wieland, von dem die Gedenkschrift 7 Briefe in Facsimile enthält. Im ersten klagt Wieland, daß ihm der Wertheimer nicht recht konveniren will, bestellt einen halben Eimer B a r s a c (Bordeaux) und bittet nebenbei um die Adresse eines Kaufmanns in Erfurt, „bcy welchem den Winter über immer frische Austern zu bekommen wären". In einem anderen Brief, datirt Weimar, 18. Oktober 1810, schreibt Wieland an Ramann u. A.:

„Ein berühmter Arzt hat mir „V in de Bergerac“ als einen besonders angenehmen und der Gesundheit vorzüglich zuträglichen Tischwein nachdrücklichit empfohlen. Sollten Sie mir diese Sorte nicht durch Ihren Korrespondenten echt und gut verschaffen können? Es käme freilich vorerst auf eine Probe an. In kurzem werde wieder eine Bestellung auf v i n de Sauterue machen, u. be­harre inzwischen

Dero

dienstergebenster

Hofr. Wieland."

Im nächsten Briefe (vom 16. Juni 1812) bemängelt Wieland die ihm zugesandte Probe von vin de Bergerac: „Wenn es ein Bergerac ist, so muß er von einer anderen Seite sein als derjenige, der mir von dem k. preußischen Leibarzt H u f e l a n d als der angenehmste und gesundeste Tischwein empfohlen wurde und dem ich seitdem vergebens nachgestrebt habe". Auf die nähere Auskunft Ramanns erwiderte dann Wieland am 22. Juni 1812: „Sie gereicht zu meiner gänzlichen Beruhigung und Zufriedenheit" und bestellte „eine Kiste von 20 oder 24 Bouteillen, vor der Hand". Der anfangs beanstandet^ Wein aus der Heimath des in unseren Tagen so viel 8« nannten Cyrano de Bergerac scheint dem Dichter des „Oberon" vorzüglich bekommen zu sein, denn er erneuerte mehrmals feine Bestellungen; ein Brief vom 12. September 1812 enthält sogar die Bitte an Ramann:

„Belieben . . . dafür zu sorgen, daß ich sicher darauf rechnen könne, so lange ich noch.lebe und Wein trrnke, jährlich wenigstens zwey Eimer von dieser Sorte und von gleicher Bonität aus Ihrem Weinkeller beziehen zu können."

des Kabinetts der Bereinigten Staaten durchgesetzt." Da haben

wir die gröbsten Unwahrheiten zwischen halbe Wahrheiten ein­gestreut. Die ganze brutale Engherzigkeit des Engländerthums, die sich jetzt in dem Ausrottungskricge gegen die. holländischen Buren in Süd-Afrika kund giebt, spricht sich auch in der Be­hauptung aus, daß die Deutsch-Amerikaner leinen amerikanischen Patriotismus haben könnten, weil sie an ihrer Muttersprache und den väterlichen Sitten festhielten. Verkörpert sich denn der amerikanische Patriotismus in der englischen Sprache? Als der Rebellionskrieg ausbrach, in welchem es sich um da- Fort­bestehen der Unionsrepublik handelte, meldeten die Deutschen sich überall als Freiwillige. Sie bildeten ganze Regimenter und Brigaden, und sie warcn's fast allein, welche bte wichtige Stadt St. Louis mit ihrem gefüllten Zeughaus für die Union retteten; eine Thai, welche vielleicht das Schicksal des Krieges entschied. Die Engländer dagegen nahmen, auch wenn sie sich vorher als amerikanisch« Bürger gerirt und sogar als solche gestimmt hatten, als di« Freiwilligen nicht mehr genügten und es zur Ziehung kam, in großer Menge als englische Unter- thanen den Schutz der englischen Konsule in Anspruch, der ihnen auch stets gewährt wurde. Sogar die Irländer thaten dies häufig. Wo war da der amerikanische Patriotismus? . Bei den englisch sprechenden Engländern und Iren? Oder de: den deutsch redenden Deutsch-Amerikanern? Daß der Deutsche sich in der amerikanischen Politik nicht in dem Maße geltend machen kann wie der Engländer oder Ire, liegt neben dem Umstande, daß er in seinem Heimathlande nur wenig von einem öffent­lichen Leben kennen lernen konnte, hauptsächlich an der Sprach- schwierigkeit. Verhältnißmäßig nur wenigen Deutschen, die als Erwachsene nach Amerika gekommen sind, gelingt es, der englischen Sprache in dem Maße mächtig zu werden, daß sie auf der Rednerbühne Männern gegenübertreten können, deren Muttersprache das Englische war. Auch bei den Iren ist letzteres der Fall, denn nur ein verschwindend kleiner Theil der­selben hält noch an dem Gälischen fest. — Indessen Pflegt in jedem Kongreß doch eine Anzahl deutscher Mitglieder zu sitzen. Auch ist es nicht richtig, daß „niemals ein Deutscher Mitglied des Kabinetts" gewesen. Karl Schurz war unter Hayes vier Jahre lang Minister des Innern.

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