1. MIllgr mm Mesbaüenrr Tagdlatl.
Uo. 139. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, de« 23. März.
60. Jahrgang. 1V0L.
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* Warum Dn wider alles Hoffen “
•jjpdj niemals mitten ins Schwarze getroffen?
Weil Du'« nicht lassen konntest, beim Zielen Immer ins Publikum zu schielen. -
Emanuel Geibel.
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(15, Fortsetzung.)
Der MarschE-»,.
Roman von Watther Schutte uom ZLrübk.
„Ihr habt ja einen Laden?" fragte Hans und sic mt- lttgnete: „Nur einige Winkelswaare. Auch verschenkt die Mutter Bier rn Flaschen. Klaren und Anis, aber es ist nur so nebenbei. Sie arbeitet am Webstuhl. Ich muß ihr spulen helfen und nähe Griffe.*)
„Also Flaschenbier giebt's bei Euch", rief Hans wie erleichtert. „Das ist gut. Verstehst Du wohl, dann sag' ich Deiner Rkutter. ich hätte doch hier im Vorbeigehen noch einen Schluck Bier trinken wollen, und da wären wir zusammeir gegaitgen, nachdem ich Dich mtt den: Loch iin Kopf gefunden."
„Ja, das ist das Gescheitste", sagte sie gepreßt, als sei sie in größter Angst vor der Mutter, und sie traten ein.
Huldas Mutter, eine saubere Frau mit strengen, aber nicht unangenetMieir Zügen, saß am Tische und strickte, während ein fuchsfarbener Kater zu ihren Füßen in großer Behaglichkeit spann. Besuch schien sie nicht erwartet zu haben, und mit einigein Erstaunen schaute sie auf. als Hans rnit kurzem Abendgruß in das niedere Stübchen trat, das zum guten Theil vom Webstuhl eingenommen wurde. Kaum aber bemerkte sie ihre Tochter, die sich scheu hinter chrein Beschützer hineindrückte, als sie ihr mit den zornigen Worten entgegenfuhr: „Wo hast Dn Dich fest drei Stund«: Herumgetrieben?"
„Beruhig«: Sie fick. Frau Stoiu, da§ ist eine besondere Geschichte und ich kann Ihnen das geimn erklären. Machen Sie nur keinen Spektakel; wenn die Hulda was gethan hat, was sie nicht sollte, dann hat sie mit ihrem Loch im Kopf schon Strafe genug", eirtgeg- nete Hans statt des Mädchens.
Die Frau packte Hulda an der Schulter, beznerkte die berklebte Wunde an der Stirn und fragte rauh: „Wer hat Dir die Fratze so verhauen? Sag! Mit we'lchem Pack hast Du Dich berumgctrieben?"
„Ich bin sa nur gefallen", schluchzte die gänzlich Eingeschüchterke und fiihrte die Schürze an die Augen. „Das Anketrin ist schuld dran.". .
„Nehmen Sie's, nicht so scharf", begüffgte Hans. Da sah ihn die Frau herausfordernd von unten bis oben an und nef: „Was kümmert Euch die Sache? Und wenn ich
*) Fischhäute für Säbelgriffe.
die Krade (Kröte) todffchlag', so habt Ihr nichts drein z» reden!"
„Sprecht Ihr immer in diesem Ton mit den Leuten, die bei Euch Etwas verzehren wollen?" fragte er. Da mäßigte sie sich in ihren: Zorn :md meinte: „Ihr glaubt ja nicht, ivas man für Aerger auszustehen hat. — Was wollt Ihr denn haben, junger Herr?"
„Ziemlich viel, wenn Jhffs mir bieten könnt", entgegnest er und überlegte, daß er sie vielleicht durch eine gute Zeche milder stimm«: könne. „Ich war beim Lauter- jung, mir das B latschen laufe:: m:zuscherr. Die Hulda war auch dabei und hat sich ehrlich geguält, Er:ch die Gans mit nack, Hause zu bringen. Aber die rothhaarige Anketrin, die das .Kind auch angesüstet hat, mitzmnachen, hat's in die Blut«: gestoßen, well sie fürchtete, es kmne ihr zuvor. Da hat es denn das Loch in die Stirn gegeben. Keiner hat sich darum gekürmnert, Alles ist weiter gerannt. Da Hab' ich mich ihrer denn angenommen, ihr ein Pflaster aufgelegt und bin mit ihr gegangen. Sie sagte mir nämlich, daß Ihr einen Winkelsladen und Flaschenbier hättet und so dachte ich, statt bei dem Trubel am Linkeserhof dem Lauterjung das schlechte Zeug zu vertilgen, könnte man das hier gerade so gut und ge- tnüthlicher Hab«:."
Diese Rede besänftigte die jähzormg veranlagte Wittwe zwar etwas, doch wandte sie sich wieder Icanen- ffrend an ihre Tochter: „Wichse hättest Dn gründlich verdient, und Dein Vater selig thät sich im Grabe herumdrehen, wüßte er, daß Du beim Blotschenlaufen dabei gewesen wärst. Schämst Du Dich nicht der Schand'! — Hättest Du statt des Lochs im Kopf wenigstens noch die Gans mttgebracht!"
„Laßt die Sache begraben sein. Zum zwetten Mal läuft die Hulda ganz gewiß nicht mehr n:it. Den richtigen Denkzettel hat sie ja nun erhall«:", begütigte Hans, worauf sie Raths pflogen, wie bei: Bedürfnissen seines Allagens Rechnung getragen werden könne. Die Auswahl war keineswegs groß, aber die Frau war sehr zufrieden, als ihr ein Eierkuchen mit Speck in Auftrag gegeben ivurde.
Während sie sich anschickte, diesen in einer Pfamre ans den: klein«: blankgescheuert«: Ofen, der selbstbewußt auf dem dreibeimg«: Tack«: stand, zu berellen, ging ihr Hulda fleißig zur Hand, und als dann später Hm:s das einfache Gericht verzehrte und sein Bier dazu ttank, setzt«: sich Blutter und Tochter strickend in seine Nähe. Das Steinen Marikestin verfügte über ein gutes Mundwerk, und bald schon halle sie den Namen ihres Gastes herausgeholt. Es schnwichelst ihr augenscheinlich, daß der Sohn eines angesehen«: Fabrikant«: bei ihr ein- gekehrt war und sie befleißigte sich, erbauliche Red«: über die Armuth der arm«: Leute und den Reichthim: der Reichen zu halten, und tost die Einen zu kämpfen und zu sorg«: hätt«: und die Anderen doch weit besser
dran seien. Sie kam auch bald dara uf zu sprechen, daK Hulda nächstens in den Kotten sollte um das Schlüte» zu erlernen.
Das arme Kind hörte dem zu, tSS ob dn JEofiÄ* urthell über es gesprochen wurde, wagte aber keine Ein» Wendung zu machen. Hans sich, wie das Mädchen »och bleicher wurde, wie es vor Schreck einige Maschen falle» ließ, und das stumme Leid seiner großen flehenden Auge» erfüllten ihn mll neuem Mitleiden. So forde rte er den» die Frau aus, doch auch ein Gläschen Bier mitzutrinken. und als sie sich erfreut ein kleines Glas aus seiner Flasche hallo füllen lassen, begann er, so gut er es vermochte, seine Bedenken gegen jene Berufswahl zu äußern. Er führte die Gesundhettsschädlichkett ins Gefecht, die sittliche Verwilderung und mancherlei anderes, aber die Wittwe meinte: „Sie haben gut red«:, Herr Kaltenbach. Bei der Hulda muß es ans Verdienen gehen; zur Prinzessin ist sie nicht geboren. Das Gusken, ihre Schwester, war auch im Koüen und ist nicht daran gestorben. Nun ist sie seit zwei Jahren verhettathet an einen Schleffer und sie braucht sich grad' nicht zu beklagen."
„Aber muß es denn gerade die Schleiferei sein?" wandte er ein. „Kann sie nicht anderswie ihr Geld verdienen?"
Die Frau schüttelte den Kopf. „Das dürste hier schwer halten. In Solingen kömtte sie am Ende Musterkarten kleb«:, in Wald Regenschirmgesstlle lackiren, hier bleibt nichts Anderes übrig als der Kotten, denn mst dem. Griff-Nähen ist nichts zu verdien«: imd für den Webstuhl ist sie zu schwach auf der Brust."
„Und wie wäre es d«m, wenn sie in Menst ginge?"
Das Steinen Marllestin lachte höhnisch aus. „Bei d«: Schleifern im Kotten", rief sie, „da konnnt sie mir nickst aus der Fuchtel und ich Hab' sic Abends im Hause. Aber bei besser gestellten Leut«: im Dienst, vielleicht gar bei einem Kaufmann wie Euer Vater, daS ist schlimmer wie in der Fabrik. Und wenn der Herr nicht selber Schlechtes in: Sinne hat, nachher sind doch die Commis in der Nähe oder gar ein junges Herrchen von Sohn, Ich kenn' die Gesellschaft", schloß sie hart und brüsk.
„Ihr scheust: mir verbittert, Frau Steiu. Vielleicht überlegt Ihr Euch die Sache:wch einmal", sagte Hans, der wohl einsah, daß er nichts gegen den Entschluß der Frau ausz:n-ichteu vermochte. Er zahlte seine Zeche und führte. da es bereits stark dunkelte, das Mädchen ans Fenster, als inolle er noch einmal :mch der Wunde schen.
„Verlier' nur den Muth nicht. Melleicht kommbs doch anders", flüsterte er ihr leise zu und verabschiedete sich, nachdem er der Frau noch versichert hatte, daß ihn: das Bi«' und der Eierkuch«: wohl gemundet hätten und daß er wieder einmal ein«: Trunk bei ihr nehuwn würde, wenn er zufällig des Weges käme.
(Fortsetzung folgt.)
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