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Wiesbadener Tsgbistt

SO. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Morgen-Ausgabe

Urlier die Weit zerstreut.

Bekanntlich haben die Engländer die im Südafri­kanischen Krieg gefangenen Buren nicht im Kaplande behalten, da die Aufstandsbewegung dortselbst dies nicht rathsam erscheinen ließ. Man hat daher die Gefangenen in große in einzelnen britischen Kolonialgebieten rm At­lantischen und Indischen Oeean errichtete Gefangenenlager

Atlf Ceylon befinden sich 2 Lager, und zwar Tiata- lawa für Buren und Ragama für Ausländer, ^-»sollen hier nach den neuesten illachrichten un Ganzen 51^5 Ge­fangene untergebracht sein. Ueber die Pager auf Ceylor giebt Ernst von Hessen-Wortegg in eurem längeren Feuilleton der „Köln. V." u. A. folgende kurze Ueberstcht.

„Es sind nun beiläufig zwei Jahre, daß etwa drü- hundert deutsche Männer auf der Insel Ceylon gefangen gehalten werden, ohne daß Aussicht vorhanden wäre, ge vor Beendigung des Burenkrieges frei zu bekommen. Alles Möglickse ist für sie versucht worden, nicht ernmal

bertheilt und die gefangenen Buren so gleichsam über die Welt zerstreut. Nun wird bekanntlich weiter auf bri­tischer Seite beabsichtigt, diese Gefangenen dauernd aus Südafrika zu verbannen, sie also selbst nach ihrer Frei­lassung lischt wieder dahin zurückkehren zu lassen.

Unser beistehendes Kartenbild giebt nun eine lieber- licht über die Lage dieser ciiizeliieii Gesangemmlager imd die Schiffahrtswege, auf deiieir die Gefangenen von Kapstadt bzw. von der Delagoabai (mrS Komatipoort) dorthin transportirt worden find.

Tie Zahl der gefangeiien Buren tu den einzelnen Lagern festzustellen, reid>eit die widersprechenden Berichte nicht aus.

die Offiziere wurdeii auf Parole freigelassen iind schmachten noch init ihren einstigen Untergebeiieii tu dem glühend heißen Tropendschungel von Ragama, unwert von Kolombo. Nur einem deirtschen Offizier, Haicht- inann Lorenz, sowie drei französischen Offizieren wurde die Erlaubnitz ertheilt, iri dem kühlercii Kandy, das etwa 600 Meter hoch in den Bergen des mittleren Ceylon liegt, zu wohnen. Viertausend Buren sind m dem befestigten Lager ani Diatalawa. 2000 Meter hoch in deu Bergen, ilnterqebracht, gegen 1400 iverden in ^rrichinopoty, in Südindien, gefangen gehalten, tiiid eine weitere Sendung von tausend Buren wird in den nächsten Tagen m lllladras erwartet.

Die genannteir Gefangenenlager süid unseren Lesern auf unserer Karte registrirt. Außerdem sollen in Vorder- Jndien 2 Lager bei Ahmednagar und bei Vellary sein.

Auf der Insel St. Helena, wo der Haupttrupp von Cronje weilt, ist das alte Deadwoodlager neuerdings ge-

theilt worden. „

Auf den Bermudas-Inseln rm AÜanlrschen Oeean dünsten annähernd 2000 Gefangene untergebracht fern.

Ein neueres Gefangenenlager für die Buren soll m St. Jobns, der Hauptstadt der Insel Antigua, m West- indieii angelegt werden. Die Einwohner von ^guiimca habeti übrigens bei der englischen Regierung darum petitionirt, eilt Gefangenenlager zu erhalten.

Die s. Z. hinter Komatipoort auf portugiesisches Ge­biet übergetretenen rmd dann entwassneten Bnrm stm portugieslschers'eits in Portugal in den Orten: Peniche

'Caldas da Reinha, Alcobayn untergebracht.

o»n Süd-Afrika selbst sind nur die beideii ersten Lager in Simonstadt und ani Green Point bei Kapstadt ge­blieben, gewissermaßen als Sammellager für die größeren Transporte über See.

Ausland.

Feuilleton.

Goethe und dus Deutfchthum.

Zu des Altmeisters 70-jährigem Todestage 22. März.

Von Dr. Paul A. Andorn.

Als Goethe, im 83. Lebensjahre stehend, am 22. Marz B32 seine leuchtenden Augen für immer schloß, über- nte der laute Schmerz über deir unersetzlichen Verlust, m die deutsche Litteratur durch dessen Heimgang erlitten, des weitere Einpfinderr, und erst allmählich ward man me, was man in ihm verloren hatte. Aber auf der aderen Seite wurden nur zu bald atanmen laut, die »gen den Dichtergenius den mchtmigerech-tfertigt scheinen- m Vorwurf erhoben, er W*, obwohl mittm m der ge- Migen Volkserhebung der Jahre 1813—181a stehend, och zum Mindesten sich kühl und ablehnend gegenüber em nafionalen Empfinden fener von ilnn selbst durch- 4ten Tage verhalten, ia, man war drrett m m ~ag , em Dichter eine gewisse Vorliebe, za Schwärmerei für en großen Korsen nachzuweisen, die man mit dem

amer in^Weimar über den, Schreibtisch zwei Medaillon- L beide lltapoleon l. darstellend, und für aber- iubische Gemüther mag es ein bedeutiingsvolles Bör­nchen gewesen fein, daß gerade an dem-rage, an welchem if Leipzigs blutgedüngten Gefildm der Stern e» ge- Mqen Eroberers für immer sank, das eme von ihnen ne erkennbare äußere Veranlassung zu Boden fiel und a unteren Rande zerbrach - . ^"er wollen w.r

cht unerwähnt lassen, daß der Dichter über dre Audienz, e er am 2 Oktober 1808 m Ersirrt vor Napoleon rtte, mit besonderer Ausführlichkeit und Genugthmmg richtet. während aridere, theilweise bedeut,amere Be- wenherten in den Tagebuchblättern mir kurz und bruch­

stückweise gestreift werden. Bei dieser lliiterreduiig sprach der Kaiser, nachdem er anfmei-ksamen Blickes den Dichter vom Scheitel bis zur Sohle gemustert halte, be­kanntlich das vielsagende Wort: „Vons etes un

homine!" Auch auf „Werthers Leiden" brachte 'Napoleon das Gespräch, um einige treffende kritische Bemerkungen daran zu knüpfen. Dann kam man auf die Schicksals, tragödien zu sprechen, über die der Kaiser sich äußerst abfällig äußerte. „Was", rief er «ns, „will man jebtmit dem Schicksal? Me Politik ist das SchicksalWahrend der Kaiser inrterdeß dienstlich beschäftigt war fand der Dichter Mutze, sich im Zimmer nmzublicken. Misichern Schmerze nahm er da die Veränderungen wahr, die hier

einqetreten waren. „Die Portraits an den

Wänden", schreibt er, „waren verschwunden. Hier hatte das Bild der Herzogii, Amalie gehangen, eme schwarze Halbmaske in der Hand, die übrigen Bildnisse von «statt- haltern und Familiengliedern alle" . . . sann wandte sich der Kaiser wieder dem Dichter zil, gewissermaßen töto ä töte den Anderen den Rückei, zukehrend, und be­fragte ihn über persönliche Verhältnisse Daber fiel Goethe die Mannigfaltigkeit der kaiserlichen Bnsalls- äußerungen ans. „Entweder er mckte nachdenklich mit dem Kopfe oder sagte „Om" oder „C’est bien' oder der­gleichen Auch darf ich nicht verges,en, zu bemerken, dasi, wenn er ausgesprochen hatte, er gewöhnlich hmznfugte:

Ou'en dit Mt. Göt?" Soweit die Unterredung. Auf eine Geberdenverständigung mit dem Kammerlierrn ver­abschiedete sich darauf der Dichter dem wemge Tage später gewissermaßen als kaiserliche Censur der Orden der Ehrenlegion zu Theil wurde. Daß mich m Goethes Familie' die Verehrung für Napoleon I. gepflegt wurde, beweist n A. die an Schwärmerei grenzende Begeisterung seines einzigen, in Rom verstorbenen Sohnes August, der in den von ihm bewohnten Mansardenräumen des Goethe- scheu Wohnhauses eine werthvolle Sammlung von Er- innermigsgegenständen an feinen Helden Napoleon aus-

* Vereinigte Staaten. Ein Salomo würde schwanken, wenn er die schwere Frage zu entscheiden hätte vor dre

Präsident Roosevelt sich gegenwärtig gestellt steht. Eme Depesche der „Times" ineldete dieser sage dag Präsident Roosevelt eine Abordnung von hübschen grauen empfangen habe, deren Wortführerin ihn ohne weitere Umschweife also anredete: „Wir sind hier, Mr Präsi­

dent, im Namen einer großen Zahl von H-rauen der Ver­einigten Staaten. Me Angelegenheit, die uns herfuhrt, ist. ernst und dringend: die Verordnungen rchcr dre P>oll- crhebung müssen geändert werden . . - Wenn wrr von Europa zurückkommen, so ist das schrecklich, Mr. Prost dent Man leert die Koffer auf dem Quai, man stellt m.- »erschämte Fragen, man uiiternimmt erniedrigende Iracksi forschungen und geht zu unerträglichen AusgraVmr^Ä über Das ist abschmlich, Mr. Präsident, und das yat die Lüge zur Folge. Man hat nicht Lust, die Wahrheit zu sagen, wenn man mißhandelt wird . . . Abo sie dieses gesagt hatte, ging ein Geräusch von knarrenden Stiefeln und aufgestoßenen Schirmen, das die Wone unterstreichen sollte, durch die versammelte Menge; jede, der Damen schien sich eines Falls zu erinnen, in den, sie übel behandelr worden war. Und der Präsident Theo- dore Roosevelt, der vor den spanischen Batterien von San Juan nicht gezittert batte, fühlte sich bei dresmi An- ssirrm seiner Unterthaninncn nicht sehr behaglich, ec beugte sein Haupt gegen die linke Schulter, was bei ihm immer eine gewisse Verlegenheit andeutet, und endlich versprach er, daß man versuchen würde, die Strenge ge­wisser Maßnahmen zu mildern, und daß man tedenfallo die erhobenen Proteste berücksichtigen wurde. Hochjt be­bewahrte Aus erwähnten Thatsachen wollen Einige den übereilten Schluß ziehen, der Dichterfürst habe für echtes Dentschthiim kein Herz und Verständmsi gehabt, er sei Kosmopolit vom reinsten Wasser gewesen und seine auo- gesprochene Verehrimg für Napoleon L zumal m at» maliger Zeit grenze nahe an Vaterlandsverrath und sei eines guten Deutschen geradezu unwürdig. Hieraus ist Folgendes zu erwidern. Wenn nicht nur Goethe und m,t ihm die meisten universell veranlagten Dichtergroßen der Zeit, sondern auch solche, die in irgendwelche, wenn auch untergeordnete und abhängige, Berührung mit dem großen Korsen kamen, in aufrichtiger Bewunderung für denselben erglühten, so liegt das im Wesen des Gemus selbst der ohne es zu wollen, alle unwillkürlich tn seinen Zauberkreis bannt, lind ein genialer Mamr war Napoleon I. doch, man mag im Uebrigen ichcr seine moralische Qualität deiüen, lvie man will. Die Bewunde- rung aber für das wahrhaft Gmiale kennt lveder nationale noch religiöse Schranken. A!an vergegen- wärtige sich nur unseren Bismarck, dessen einzigartige Größe selbst von seinen ärgsten Todfeinden, wenn auch widerwillig und zähneknirschmd, auerkanut wird! Aehu- lich war es mit Itapoleon I., ,md ich weiß aus cmenr Beispiele in meiner cigmen Familie, mit welcher an Der- qötterung grenzeirden Begeisterung sogar deutsche Sol- daten selbst dann noch an ihm hingen, als der Wmtcr- ieldzug vom Jahre 1812 vor Moskaus Thoren bereits sein Geschick besiegelt hatte. Und blickt nicht auch in obiger Schilderung seiner Audienz bei Napoleon Goethes schmerzliches Empfinden darüber durch, daß em solcher Mann dem geliebten Vaterlaudc so blutige Wunden schlagen mußte? Treten zur Gemalitat, die Napoleou sicher nicht abzustreiten ist und die, um die ihr vorschimchen- dm Aufgaben zu lösen, sich selten nicht mit Harte, GrMr- samkeit und brutaler Willkür Paart, als mildenides Gegengewicht die sittlichen Eigenschasteii ernes echt mensch­lich und dämm auch echt religiös empfindenden Herzen.',