Morgen-Seilage der wir§badr«er Tagblatts. i «~-- m
j nt. 153.
Sonntag, 4. Juli.
»ylS.
(Schluß.»
6lß Beute. {3la4jbcu<f ber&oten.)
Kriminalroman von Neinhold Ortmnn».
Die DieMboVen konnferr mH begreifen, tvarrmr der Oberstleutnant und Las Fräulein sich heute gar nicht zur Ruhe begaben. Schließlich, La rnon ihrer nicht mehr zu {»eMirfen schien, zagen sie sich i» ihre Kammer zurück, und die Mitternachtssiunde mochte Wohl schon vorüber sein, als sie Lurch heutiges Klirrgeln aus Lc»n ersten Schlummer geweckt wurden.
Das Hausmädchen war in wenigen Minuten an der Tür des Wcchnzimrners, als sie von ihrer fassungslosen jungen Herrin mit den in Verzweiflung h«Dor- gestoßenen Worten enrpfengen wurde: „Mein Vater ist krank — sterbenskrank; Laufen Sie schnell zu Doktor Ruthardt und beschwören Sie ihn, aus der Stelle zu kommen. Sagen Sie ihm. ich ließe ihn flehentlich darum bitten."
Das bestürzte Mcckcheu eilte, den Befehl cmszu- führcn. Wer mit einem Ausruf höchsten Erstaunens prallte sie zurück, als sie an der Gartenpforte auf den stieß, den sie hatte holen sollen.
„Man hat also, schon nach Ihnen geschickt, Herr Doktor! Welch ein Glück, daß Sie so schnell gekommen sind!"
„Nrsmand hat noch mir geschickt", klang es ihr merk- würdig ernst zurück. „Mer was ist denn geschehen? Ist jemand krank?"
Das Mädchen machte sich in diesem Augenblick nicht viel Gedanken darüber, was wohl den jungen Arzt veranlaßt haben konnte, den BrSvohnern der Villa mitten in der Nacht aus eigenem Antrieb einen Besuch ab- zustatten. Sie wiederholte ihm, was sie soeben von. Martha über das Befinden des Oberstleutnants gehört hatte.
Ohne weiter ein Wort zu verlieren, folgte Georg Ruthardt ihr in das Haus.
Auch Martha starrte ihn, durch die unerwartete Schnelligkeit feines Kommens anss äußerste überrascht, eine Schinde lang wie eine Gcistererscheinung au. ober sie ließ sich ebensowenig Zeit zu fragen, als er sich Feit zu Erklärungen ließ. Jetzt war er wieder nur der zu einem Kranken gerufene Arzt, und was auch in ihm Vorgehen mochte, er verbarg es hinter einer undurchdringlich ruhigen Miene und hinter jenem gleichmäßig milden Wesen, das ihm trotz seiner Jugend überall das Vertrauen und die Liebe seiner Patienten eingetragen.
Er fand Marthas Sorge durch dm Zustand ihres Vaters diesmal hinlänglich erklärt, und eine Viertelstunde lang befürchtete ec selbst den Eintritt einer Katastrophe. Aber noch einmal bannten die von ihm angewandten Mittel die Gefahr. Die Erstickungsan- sälle verloren ihren unmittelbaren bedrohTchen Charakter, die Brust des alten Herrn begann sich wieder in gleichmäßigen Atemzügen zu heben, und wie innner, wenn die Krisis voriger war, trat eine tiefe Erschlaffung und ein unwiderstehliches Schlafbedürfnis ein.
Ruthardt ordnete an, den Schlrumnernden stk seknem Lehnstuhl zu belassen, und erklärte, daß er zur Beruhigung des gnädigen Fräuleins noch dobleiden werde, obwohl er sicher sei. daß eine Wiederholung des Anfalls im Verlaufe dieser Ihacht nicht inehr zu befurchten stehe.
Er war in das Nebenzimmer getreten, durch dessen offen« Tür er den schlafenden Oberstleutnant be- obachten konnte. Nach einer kleinen Weile gesellte sich Martha zu ihm. Der Anblick ihres lieben, verweinten Gesichts rührte ihn so tief, daß er sich's nicht versagen konnte, tröstend ihre Hand zu ergreifen.
"Fassen Sie Mut, gnädiges Fräulein! Wenn eS diesmal auch schlimmer war als sonst — ich versichere Ihnen, es ist nach menschlichem Ermessen olle Gefahr vorüber."
„Wenn . es so ist. schulde ich nur Ihnen die Erhaltung seines Lebens. Aber wie konnte cs geschehen» daß Sie schon zur Stelle tvaren fast in dein nämlichen Augenblick, als ich das Mädchen fortschickte, Sie zu holen?"
„Ich war herauf,gekommen, um Ihrem Herrn' Vater eine Mitteilung zu machen, die er, wie ich meinte» ohne allen Zeitverlust erhalten mußte", ettviderte Rut- havdt mit eigentümlich beklommener Stimme. „Daß ich so gerade zur rechten Zeit erschien, war nichts als ein Zufall, an dem mir keine Verdienst gebührt."
„And diese Mitteilung —?"
«Ich weiß in der Tat nicht, gnädiges Fräulein, ob ich ein Recht hecke, sie Ihnen vorzuenthalten. Und doch — nach den Aufregungen, die Sie erst soeben überstandeu —"
„Es ist also etwas Schlimmes? Wie könnte es auch etwas anderes sein! Aber Sie brauchen sich darum nicht zu bedenken. Nach allem, was ich honte eckend erleben mutzte, gibt es nichts mehr, das mich nach' schmerzlicher überraschen könnte."
„Vislleicht doch, Fräulein Martha", sagte er voll innigen Mitleids. „Es handelt sich uni Ihren Verlobten, nun einen Unfall, der ihm zugestoben ist — UNd-"
„Um meinen Verlobten? —■ O, nennen Sie ihn nicht mehr so! Ich bin mit niemand verlobt, denn der Manu, dem Sie diesen Namen geben und dem ich mich ans sülsch verstandener Dankbarkeit opfern wollte,.ist ein Betrüger, der uns hinterging — ein gemeiner, eben aus dem Gefängnis entlassener Dieb!"
„Wie? Ist es möglich?"
„Wir erfuhren es au diesem Abend aus dam Munde einer Unglücklichen, die er ebenfalls hinterging."
„Nun, dann darf ich Ihnen allerdings unbedenklich die ganze Wahrheit sagen. Dieser Herbert Lyncker war vor einigen Tagen bei mir, um mir ein abenteuerlich hohes KaiHgcbot auf dir japanische Vase zu machen, die ich von Ihrem Vater zum Geschenk erhielt. Er mußte sich, wie Sie begreifen werden, unverrichteter Sachs entfernen. In dieser Nacht nun, nachdem
