Proklamationen nicht, ebenso wenig die Briefe, welche Wolseley an verschiedene Führer der Buren richtete. ~a§ Volk widersetzte sich der mit Hinterlist erfolgten Annexion und nachdem wiederholte schriftliche Proteste bei der englischen Regierung keinen Erfolg ~ gehabt, , griff es zu de,: Waffen. Der erste Schutz fiel am il6. Dezember 1880 in Potchefstroom von englischer Seite, und das letzte und bedeutendste Gefecht wurde am Morgen des 27. Februar 1881 auf dem Mojubahügel geliefert. Wolseley war schon 1880. el)e die Buren die Waffen er- griffen hatten, aus Transvaal abgereist.
LandwirlhschastsKammer für den Regierungsbezirk Wiesbaden.
o. Wiesbaden, 18. März.
Die diesjährige Vollversammlung der Landwirthfchafts- kammer für den Regierungsbezirk Wiesbaden, die siebente seit deren Bestehen, wurde heute Vormittag kurz nach 11 Uhr im Bürgersaal des Rathhauses durch den Vorsitzenden, Herrn Landeshauptmann Sartorius von hier, mit einem Kaiserhoch eröffnet. Der Namensaufruf ergab, daß von 38 Mitgliedern der Kammer nur eines fehlte, das durch Krankheit am Erscheinen verhindert war. — Zunächst werden Wahlen erledigt und die Herren Landeshauptmann Sartorius als Vor sitzender, Oberamtmann Staehly-Hof Offenthal bei St. Goars hausen als deffen Stellvertreter, ebenso die übrigen Vorstandsmitglieder: Bartmann-Frankfurt, Eckhardt-Neuhütte, Frühe-
Waldmannshausen, Schön-Netzbach und Wilhelm Stritter Biebrich durch Zuruf wiedergewählt. Das kooptirte Mitglied Herr Stadtrath Eh. Thon von hier hat eines Augenleidens wegen sein Amt niedergelegt. Herr Landeshauptmann Sartorius giebt seinem aufrichtigen Bedauern hierüber Ausdruck, hofft aber, daß er doch den Bestrebungen der Landwirthschaft nach Möglichkeit weiter dienen werde, wie er es so viele Jahre ge- khan. Herr Thon dankt für die freundlichen Worte und versichert, daß er mit schwerem Herzen aus der Mitte der Kamme: scheide, umso mehr, als doch sein ganzes Streben der Landwirth- schaft insbesondere dem kleinen Bauernstände gewidmet gewesen wäre. An seiner Stelle wird das bisherige gewählte aber ausgeschiedene Rammermitglied Herr Lieder-Reesdach, vorher Hof Untergutenau, mit 26 Stimmen gewählt. Je zwe: Stimmen fielen auf Herrn Oberamtmann Güngench-Mechtilds- hausen und Herrn Kgl. Meliorations-Inspektor Tocholte hier und eine Stimme auf Herrn Professor Dr. Fresenms. Die beiden anderen looptirten Mitglieder Herren Landes-Oekononne- rath Goethe-Geisenheim und Verbandsdirektor Schremer- Biebrich wurden wiedergewählt. — Die Wahl der R e f e - reuten wurde durch Zuruf wie folgt vollzogen: Bürger
meister a. D. Fink-Weyer für Bodenbestellung und Dunger- wesen, Gärtnereibesitzer Rumbler-Frankfurt für speziellen Pflanzenbau, Gutspächter Frühe für Wiesenbau und Wasse- runaswesen, Landwirth Merten-Erbenheim für Pferdezucht. Landrath v. Heimburg-Biedenkopf für Rindviehzucht, Landwirth Dahl-Niederhofheim für Schweinezucht, Bürgermeister Guckes-Riedelbach für Schafzucht, Bürgermeister Korner-Wehen kür Ziegenzucht, Gutspächter Lieber für Geflügelzucht, Landrath v. Himburg für landwirthschaftliches Unterrichtswesen, Landrath Dudcrstadt-Diez für Wandervortrage und Kurse, Rentmeister Ott-Rüdesheim für Weinbau, Forstmeister Elze- Königstein für Forstwirthschaft, Landes-Oekonomierath Direktor Goethe-Geisenheim für Obst- und Gartenbau, Bürgermeister Schneider-Steinfischbach für Bienenzucht, Forstmeister L T ur Fischereiwesen, Landwirthschafts-Jnspektor Schneider-Hof Klee- oerg für Molkereiwesen.
Aus Stadl und Kand.
Wiesbaden, 19. März.
< o. Hofnachricht. Ihre Majestät die Königin von Schweden konnte den beabsichtigten Besuch bei ^hrer Kaiserlichen Hoheit der Frau Großfürstin Constantln von Rußland gestern nicht ausführen. Ihre Kgl. Hoheit die Frau Großherzogin von Baden traf daher zu der festgesetzten Zeit, 1 Uhr 39 Min., allein hier em. Zu , ihrem Empfange hatten sich Ihre Durchlaucht Frau Prinzessin Elisabeth von S ch a u m b u r g - L i p p e, der Herr Polizeipräsident, S-. Durchlaucht Prinz v o n Ratrbor, und der
Haushofmeister der Großfürstin, Herr General v. Gireff. auf dem Taunusbahnhofe eingefunden. Im Laufe des Nachmittags machte die Großherzogin einige Besuche, und um 6 Uhr 36 Min. trat sie die Rückreise nach Karlsruhe an. (Die Equipage, deren sich die Großherzogin hier bediente, hatte Herr Hofkutscher H. Christmann gestellt.)
— Kirchliche Volkskonzerte. Es wird uns geschrieben: Dem Charakter der Passionszeit entsprechend verzeichncte das Programm des letzten Konzerts nur Kompositionen ernsterer Art Wir hörten von Herrn Habich die Charfreitags-Musik von' Attenhofer, eine im edlen, altklassischen Stil gehaltene Komposition, die mit inniger Empfindung gesungen, tiefen Eindruck machte. Weiter hörten wir noch von demselben die dramatisch bewegte Arie: „Es ist genug, so nimm nun Herr meine Seele", aus dem Oratorium Elias von Handel, sowie das schwermüthig sanfte Abcndlied „Nun waltet Stille über Flur und Feld" von Schumann, welche er beide m vollendeter Weise zu Gehör brachte, und wurde der tief ernste Charakter dieses letzten Liedes durch den darauf folgenden Choral: „Die Nacht ist kommen, drin wir ruhen sollen; Gott walt s zum Frommen, nach seinem Wohlgefallen, daß wir uns legen in seinem G'leit und Segen, der Ruh zu pflegen , zu einem harmonischen. versöhnenden Abschluß gebracht. Bon Herrn Kuckro hörten wir zwei Cellovorträge, Sarabande von Handel und Andante von Goltermann, welch« er beide m künstlerisch vollendeter Weise ausführtc und war es uns eine Freude, diese melodiös wohlthuende, ruhige Musik zu Horen. Für heute Mittwoch Abend haben sich Fraulein Harry v. d. Harst, Altistin aus Frankfurt a. M., sowie Herr Ernst Schauß von , hier (Violine) gütigst bereit erklärt, in diesem Konzert nntzuwirken Zn Lerrn Schauß begegnen wir einem alten Bekannten aus diesen Konzerten, deflcn Vorträge stets mit Beifall ausgenommen wurden, und bei dem guten Ruf, der Fraulein t>. d. Har., welche eine tiefe Altstimme besitzt, als Konzertsangerm voraus- qehft werden wir aller Voraussicht nach -wem genußreichen Abend entgegensehen. Daß diese Konzerte ^eden Mittwoch Abend 6 Uhr bei vollständig freiem Eintritte für Jedermann m der Marktkirche stattfinden, dürfte bekannt sem.
— Kaufmännische Fortbildungsschule. Die Hände s kammer versendet soeben folgende Umfrage: D'e Unterrichtsstunden der nach Ostern zu eröffnenden st^-hen kaufmännischen Fortbildungsschule für männliche und we bliche Am gestellte unter 18 Jahren sollen an zwei Tagen auf die Vormittagsstunden von 6 bis 8 Uhr und an einem Tage auf die Nachmittagszeit gelegt werden. Die Handelskammer hegt Bm denken gegen diese Unterrichtszeit, abgesehen davon, daß es zweifelhaft ist. ob der Unterricht in di- gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit für Lehrlinge gelegt werden darf. Die Hände s- kammer ist bisher immer dafür eingetieten. daß die Unterrichts stunden in di« Zeit von 2 bis 4 Uhr und soweit noch zulässig in die Abendstunden
von 7 bis 9 Uhr gelegt werden. Da aber
eine Anzahl Kaufleute auch die Morgenstunden, und zwar von gr/> bis 9 Uhr, vorzieht, so bitten wir Sie um gefl. baldige Beantwortung nachstehender Fragen, damit wir in der Lage sind, di- Jntereffen der Mehrheit unserer, H°ndelsw-lt kennen zu lernen. 1. Welche Anzahl von kaufmännischen Angestellten a) männliche, d) weibliche unter 18 Jahren beschäftigen S,e?
2. Sind Sie für die Unterrichtszeit von 6 bis 8 Uhr Morgens-
3. Sind Sie für die Unterrichtszeit von 2 bis 4 Uhr Nachmittags und die Abendstunden? — Diejenigen Kaufleute, welche diese ^Umfrage nicht erhalten haben, weil der Handelskammer nicht bekannt ist, daß sie Lehrlinge halten, werden gut thun, die Anfrage ebenfalls zu beantworten.
— Schulanfang. Die Schulbehörde in Frankfurt a.M. legte das Ergebniß der von ihr angestellten Umfrage über den Schulanfang dar. Die Tabelle zeigt folgende Ziffern.
Schulen Abgegeb. Stimmen 7 Uhr 7% Uhr Höh. Knabensch. 2885 1746
Höh. Mädchensch. 1192 818
Mittelschulen 2205 1386
Bürgerschulen 12945 10031
642
340
291
997
8 Uhr 497 337 558 1917
Zusammen 19227 13648 2270 3309
Man sieht daraus, daß es der Wunsch des weitaus größeren Theiles der intcresstrten Bürgerschaft Frankfurts ist, daß die Schule, wie seither, im Sommer um 7 Uhr beginnen solle. Die Schuld'eputation hat infolge deffen an die Dirigenten der Mittel- und Volksschulen verfügt, daß eine prinzipielle Aenderung im Schulbeginn nicht eintreten werde. Es soll indeß versuchsweise bis zum 3. Mai der Unterricht in allen Klaffen um 8 Uhr
beginnen. - Eine solche „Urabstimmung" der Eltern dürfte sich auch bei uns empfehlen, wo die Frage des 7 Uhr-Schul- beginns von Neuem die Gemüther beschäftigt.
— Postverkehr. Das versuchsweise eingeführte, Verfahren, die Postpackctadreffen nur einmal, und zwar bei Ankunft der zugehörigen Packete, mit dem Ankunftsstempel zu versehen, wird nunmehr dauernd beibehalten. Es ist darnach in Zukunft unmöglich für den Empfänger, fcstzustellen, um wie viel die Postpacketadreffe früher eingegangen ist, «ls das Packet, und ob die Sendung durch Fehllcitung erhebliche Verzögerung erlitten hat oder nicht. Bei Sendungen mit leicht verderblichem Inhalt ist eine solche Feststellung aber immerhin, von Wichtigkeit wegen der eventuellen Ersatzpflicht. Würde eine solche Ver- füqung zur Weihnachtszeit getroffen, so wäre es begreiflich; aber zu anderen Zeiten sollte dem Publikum nicht jegliche Kow trolle entzogen werden.
8. Die Wiesbadener Störche, welche nach der N-eder- lequng des alten ..Storchnestes", Ecke der Schul- und Kirch- gaffe, sich einige Jahre auf einem Schornstein des Conradl scheu Besitzthums in der Kirchgaffe häuslich niedergelaffen hatten, befinden sich offenbar in großer Verlegenheit um einen paffenden Platz für die Errichtung einer neuen, Wohnstätte. Denn so nur ist es zu erklären, daß, sie, jede Rücksicht bei Seite setzend, seit einigen Tagen hartnäckig darauf bestehen, sich aus einem der die höhere Mädchenschule am Schloßplatz zierenden Hunde anzubauen. Aber trotz größter Mühe ist es Adebar noch nicht gelungen, mehr als einige zerzauste Reiser aus dem nach der Museumstraße gerichteten Thiere anzubringen, und diese hängen so lose in der luftigen Höhe, daß sie jedenfalls der erste kräftige Windstoß hinwegfegen wird. Wahrscheinlich jedoch werden dies zuvor schon di« Dohlen besorgen, welch« sich in das Baugeschäft des Storchs mischen und bereits eifrig ihrer Zerstörungslust nachgehen. Wie kann sich aber auch Freund Langbein als Wappcnthier einer Töchterschule aufdrängen wollen?
— Wiesbadener Ortsgcfetze. In dem Verlage „von Herrn Heinrich Staadt, Bahnhofstraße 6 hier, erscheint demnächst in zweiter, bedeutend vermehrter und verbesserter Auflage: Ortsgesetze von Wiesbaden über die direkten und indirekten Gemeinde-Abgaben, Gebühren und Beiträge nebst einem Anhang, enthaltend di- Vorschriften über den Geschäftsbetrieb, der Ver- mittlungsagenten für Jmmobiliarverträgc (Immobilienmakler), den Staatssteuertarif rc. Das Werk enthält außer den bereits erschienenen Bestimmungen über die Gemeinde-, Einkommen-, Grund-, Gebäude-, Gewerbe-, Betriebs-,' Hunde-, Lustbar- keits- und Umsatzsteuer u. A. eine größere Anzahl neuer Gesetze und Verordnungen und ist für jeden Einwohner von
Wichtigkeit. „
— Nationale Huldigung. Die „Deutsche Wochenzeitung in den Niederlanden" berichtet: Kumstfreunde aus dem ganzen Lande haben eine Summe Geldes gesammelt, wofür durch den bekannten Porträtmaler Jan Veth das Bild des weltbekannten Sängers Johannes Messchaert in Wiesbaden gemalt wird. Dieses Bild wird im Reichsmuseum zu Amsterdam einen Platz finden.
— Großgrundbesitz im Rheingau. Der Regent von Braunschweig, Prinz Albrecht von Preußen, hat, wie gemeldet, mit größerem Gefolge in der vorigen Woche seinen Erbacher Besitzungen einen dreitägigen Besuch abgestattet. Dem Prinzen gehört die Westfälische Aue, eine annähernd drei Kilometer lange und über 300 Morgen große Rheininfel. In seinen Weinbergen besichtigte er die Neuanlagen, insbesondere in Markobrunnen und Honigberg. Sein Weingut unter Leitung des Administrators Dein ist nach der königlichen Domäne wohl das größte und werthvollste am ganzen Rheinstrom und befindet sich in ausgezeichnetem Stand. Die Bevölkerung empfindet es, daß der Erbacher Aufenthalt des Prinzen im ganzen Jahre immer nur wenige Tage ausmacht. Der frühere ständige Hofhalt der Mutter des Prinzen, der verstorbenen Prinzessin Marianne der Niederlande, brachte vielen Geschäftsleuten dauernde Arbeit und guten Verdienst.
— Der Vater als Lchrherr. Der Vorstand der Düsseldorfer Handwerkskammer theilt mit: Durch zahlreiche An
fragen aus Handwerkerkreisen veranlaßt, haben wir den Herrn Regierungspräsidenten um Entscheid gebeten, ob in den Fällen, wo der Lehrherr eines Lehrlings zugleich deffen Vater oder Vormund ist, ein schriftlicher Lehrvertrag abzuschließen sei. Die Entscheidung des Herrn Regierungspräsidenten geht nun dahin, daß in solchen Fällen von der Erforderniß der Schriftlichkeit eines Lehrvertrags abzusehen sei. Wie es bisher bei manchen Innungen Sitte war, soll für solche Fälle die Eintragung m die Lehrlingsrolle genügen
Publikum war während des ganzen Abends verständig genug, das Ding abzulehnen, ließ sich aber am Schluß durch das Spiel der Tina di Lorenzo zu spontanem Beifall bestechen. Dre Künstlerin — sie hat in Deutschland schon gastirt — ist ein Temperament von bemerkenswerther Eigenart; die umflorte Stimme mit dem Unterklang des Zerbrochenen befremdet anfangs, fesselt aber dann umso lebhafter durch den schmerzlichen
Seelengrundton. „ ,
Nizza, 8. Februar.
Ob die sonderbare Weisheit, daß man nicht ungestraft unter Palmen wandelt, diesem „xa^s dien" entstammt? Ich bin sehr geneigt, dafür zu stimmen. Kultur, die alle Welt beleckt, hat auf die Strandräuber sich erstreckt. Das moderne Wort für die eigenthümlichen Ufersitten, unter denen schon Odysseus gelegentlich zu leiden hatte, heißt Fremdenindustrie. Unter diesen! Zeichen wird der Hergelaufene abgestraft, der hier unter den vor Zeiten importirten, etwas renommistisch zusammengestellten Palmen lustwandeln will. Mit „paz's bleu ist natürlich mtf)t das .blaue Ländchen" gemeint, sondern der französische Süden mit dem angeblich ewig blauen Himmel, die Provenee und die Riviera di ponente. L’heure bleue, la valse bleue man sieht, das Blau hat es den Franzosen angethan. So lange die größte Malerin, di« Sonne, verschwenderisch Himmelsblau verbraucht, ist dieses Land freilich über die Maßen herrlich. In Nizza selbst gelangt man indessen schwer zu unmittelbarem Naturgenuß. Langweilig, wie ein echt englischer Sonntag, zieht die lange, schattenlose, berühmte „Promenade des Anglais am Meer entlang; ungeschickt hat ein geschmackloses „Palais de la Jetee sich davor über dem Wasser festgelegt. Unendlich nichtssagend ziehen sich drüben die immergleichen, weißen Hotel- faffaden mit den obligaten grünen Läden hin. All das Menschenwerk vergißt man zwar im Anblick der anplätscherndcn, lautrauschenden See, aus deren unendlich bewegtem Spiegel die Himmelsfarbe in tausend neuen Tönungen leuchtet. Aber es spricht nicht sehr für den theuren Strand von Nizza, wenn man ihn vergessen muß, um seine Reize zu genießen.
(Schluß folgt.)
I)r. T. Die Hygicine des Eisenbahnwagens.
Dr. Wright giebt in dem „Medizinischen Journal" der Dale- Universität Anweisungen für die nothwendige Einrichtung der Eisenbahnwagen und das Verhalten der Reisenden mit Rück- sicht auf die Verbreitungsgefahr ansteckender Krankheiten, im Besonderen der Schwindsucht. Der Eisenbahnwagen, der für Stunden oder Tage von einer größeren Zahl von Menschen bewohnt wird und mehr oder weniger weite Strecken zurücklegt, kann leicht ein Mittel zur Uebertragung ansteckender Krankheiten von einer Person auf die andere und von einem Ort, auf den anderen werden. In den gewöhnlichen Schlafwagen, die eigentlich den Reisenden jeden möglichen Komfort darbieten sollen, könnten viele Einzelheiten der Ausstattung garnicht geeignetee für die Aufsammlung und Bewahrung ansteckender Keime sein, wenn sie ausdrücklich für diesen Zweck bestimmt waren. Die Polsterung, die nur aus Leder sein dürfte, besteht gewöhnlich aus Plüsch, und das Holzwerk ist oft so geschnitten, daß es mit seinen vielen Rinnen und Winkeln dem Ansatz von Staub eine reichliche Gelegenheit giebt. Vom hygieinischen Standpunkt, betrachtet, müßten die Polster und Vorhänge möglichst beseitigt werden, und was davon nicht! entbehrt werden kann, müßte so hergestellt sein, daß es leicht gereinigt und erneuert werden kann. Das Holzwerk soll glatt und ohne Verzierungen oder scharfe Winkel hergestellt sein. Vor Allem aber ist — und darin stehen unsere Eisenbahnwagen noch immer am meisten von den Forderungen der Hygieine zurück — für eine genügende Lüftung der Wagen Sorge zu tragen, die nicht dadurch erkauft werden darf, daß gleichzeitig mit der Luft eine Wolke von Rauch und Staub in das Innere eindringt. Der sich dennoch ansammelnde Staub darf nicht aufgewirbelt werden, ehe nicht der Wagen von allen Fahrgästen verlassen ist, oder doch nur mit einem feuchten Lappen ausgenommen werden. Bei langen Eisenbahnfahrten gehen zuweilen Bedienstete mit einem trockenen Wischtuch und einer Bürste umher, um den Staub zu beseitigen, i in Wahrheit aber, um ihn aufs Neue in die Luft und damit in 1
die Athmungsorgane der Reisenden zu bringen. Ueberall sollten Spucknäpfe aufgestellt sein, die mit einer antiseptischen Lösung gefüllt sind. Am Ende jeder Fahrt müßten die Wagen sorgfältig gereinigt und desinficirt werden, und zwar von Leuten, die mil dem praktischen Gebrauch von desinficirenden Stoffen vertraut sind. Diese Art gründlichster Reinigung mutz sich ebenso auf alle Toilettengegrnstände für gemeinsame Gebrauch, wie Kämme, Bürsten re., als auch auf die Trinkgefäße erstrecken. Die Aborte sind selbstverständlich mit besonderer Sorgfalt zu reinigen und mit antiseptischen Lösungen zu waschen. Jede Eisenbahnverwaltung sollte über einen Beamten verfügen, der in der Gesundheitspflege praktische Erfahrung besitzt und für die Ausarbeitung und Ausführung aller nothwendigen Maßnahmen verantwortlich zu machen wäre. Die Beachtung dieser Forderungen ist unendlich viel wichtiger, als die Steigerung des Luxus in der Einrichtung der Eisenbahnwagen, denn über den Wunsch nach einer bequemen Beförderung sollte das Verlangen nach einer gefahrlosen Beförderung auf den Eisenbahnen stehen.
* Schwefelsäure als Gegengift. Ein amerikanischer Arzt, Dr. Henry, macht die Mittheilung, daß Schwefelsäure ein unfehlbares Mittel gegen dm Biß von Giftschlangen sei. Er hat sich darüber folgendermaßen geäußert: Das Gift brr Schlangen und anderen Thieren ist nach seiner chemischen Eigenschaft stark alkalisch. Daher muß eine starke Säure, innerlich genommen oder unter die Haut gespritzt, sei es in reinem oder verdünntem Zustand«, die Wirkung des Giftes sofort aufhebeN. Am wirksamsten ist eine Einspritzung von Schwefelsäure gerade an der Hautstelle, wo der Biß erfolgt ist. Dr. Henry giebt an, auf diese Anwendung der Schwefelsäure durch einen Mann gebracht zu sein, der schon über hundertmal von giftigen Schlangen und Insekten gebissen worden war. Dieses Original machte sich ein Vergnügen daraus, Giftschlangen in seiner Wohnung zu halten und war erst vor kurzer Zeit durch seine große Klapperschlange in den Fuß gebissen worden. Er machte sofort eine Einspritzung mit Schwefelsäure, und es erfolgte nicht einmal eine Schwellung an der Wundstelle. Er behauptete, kein thierisches Gift zu fürchten, wmn er die Säure zur Hand habe.
