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Wiesbadener Tag

so. Jahrgang.

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Morgen-Ausgabe.

England hofft und harrt.

Unser Londoner n-Korrespondenl schreibt mrs unterm 8. d. M., also vor Eintauf der Kitchener'fchen Hiobsbotschaften: Während der letzten Tage kehrte an

der hiesigen, im Allgemeinen so arg verstimmten Börse eine ungenrein hoffnungsfreudige Srimmmig ein, die in einem Aufschwünge in südafrikanischen Minen znrn Ausdruck kam. Ln beiden Fällen bildeten Friedens- geriichte die Veranlassung. Das Bemerkenswerthe fit dabei, daß man sich fortgesetzt eine nachgerade kindliche Hoffnungsfreudigkeit bewahrt liird die mehr als fonder- bareti Berichte über die angeblichen englischen Waffen­erfolgs stets als höchst befriedigend betrachtet. Niemand scheint sich auch nur im Geringsten darüber zu wundern, daß mit den vielen Gefangenen immer mir wenige Waffen erbeutet werden, rnid die beiden Burenrepublilen niemals annälienid so viele Männer aller Altersstufen ge­habt haben, als während der letzten dreißig Monate ge­fangen und getödtet worden sein sollen. All das erörtern wohl die Paar liberalen Blätter, die deii Krieg miß­billigen, aber die liest ja längst, ihrer „vaterlandsver- rätherischen" Tendenzen ivegeir, kein „anstäirdrger Mensch mehr. Gelegentlick) laßt sich wohl einmal em über der andere aus Südafrika heüngekehrte Offizier, dessen Unabhängigkeit ihn: etwas Derartiges gestattet, über die wahre Situation aus, doch kann das ebenfalls nur ül jenen Zeitungen gefcheheii. Einige sehr ilüeressante Aeußerungen voii einem dieser Herren, der soeben, nach zweieiichalbjährigec Abwesenheit, voiii Kriegsschaiivlatz heimkehrte rnid also reichlich Gelegen- lieit hatte, sich geiwu zu ürformiren brachte soeben Truth" das Blatt des bekannten radikalen Parlmnents- mügliedeS Mr. Labouchere. Danach halten sich die englischen Soldaten und die Buren gegenseitig für brave Kerle. Beide haben eine ausgesprochene Abneigung gegen Lord Miner und betrachten ihn wie Mr. Chamberlmii als die alleinigen Hindernisse des Friedens. Für die ,u^ afrikanischen Irregulären, eine Soldnerbande, die sich mehr durch ihre Pliniderungsgeluste als durch Muth m>s- zeichnet, Haber: üe nur Verachtung, und auch die neueren Freiwilligen aus Australien und Kanada stehen der ihnen nicht in sonderlichein Ansehen. Was die Block- Häuser anbetrifst, so bestehen berat Besatzungen zur Hälfte at-s Schwarzen., die eineii Tagessolo von Nicht weniger als 3% Schilling erhalten. Wenn das Block- haussystem auch seinen Zweck zum Theil enullt so durfte es bei der ungeheueren Atisdehnung des Landes ftch doch nicht als das geeigitete Mittel zur Beendigung des Krieges erweisen. Dieser durfte vielmehr nach Ansicht jenes Offiziers noch wer weiß wie lange wahren, zumal

es deii Bureii weder an Waffeii und Munition, iioch an Proviant gebricht. Dabei ist die Bevölkerung alletithalben im innersten Herzen auf ihrer Seite, und die Engländer halten irgend einen Distrikt nur so lange, als er von einer bedeutenden Triippenmacht okkupirt ist. Diejenigen Buren, die inzwifcheii in englische Dteiiste getreten sind, werden von beiden Seiten als Lumpeii betrachtet, die sich gegen klingenden Lohn jeden Augenblick bereit finden ließen, ihre neuen Brodherren zu verratheii. Was aber die allgenieine Abneigung der Buren gegen den eng­lischen Civilisten anbetrifft, so erachtet jener Offizier dieselbe als leicht begreiflich. Vor deni Kriege besand sich meist nur der Abschaunl Englands in deii Goldgegen- deti ein, Leute, die sich mit Vorliebe in den Bier- und Schnapst, äufern herirmtrieben. Viele davoii, deren glasen iingleich größer als ihr Skrupel in Geldangelegen­heiten zu sein pflegten, tvaren zudem voii sehr zweifel- Hafter Nationalität. Die Hinrichtung Scheepers soll ilii englischen Heere namentlich aber , unter den Offizieren allgemein gemißbilligt worden sein, und Kitchener be­trachtet maii als eiiieii besseren Administrator denn General. __

Der Freiheitskrieg der Buren.

London, 10. März. Der „Daily Mail" wird aus Kapstadt brieflich über die cun 12. Februar abgehaltene Versammlung der Derüscksen berichtet, die zusammen- berusen wordeii war, um gegeii die Beschuldigungeil zu protestiren, welche gegeii die englischen Truppeii erhoben wordeii sind. Die Versammlung, sagt der Korrespondent, endete mit einem traurigen Fiasko. Voii deni Augen- blicke an, da der Inhalt der Resolutionen mitgetheilt wurde, begami die tollste Verwirriutg. Weniger als ein Viertel der Anivesenden uiiterstützte die Resolutioiten, die übrigeii drei Viertel der Anwesen.den, meist Kellner, Schreiber, kleiite Ladenbesitzer inte Arbeiter, warm da- gegeii Die Uiizufriedenen siegtm numerisch, die Ver­anstalter der Versammlung glaubteii aber, daß die Minderheit das dmtsche Empfinden geiiugsam zum Ausdruck bringe und sie daher berechtigt fetcn,_ die Reso­lutionen dem Premierminister vorzulegen. Es wurde schon früher mitgetheilt, daß voii etwa 400 Anwe)ende>i nur 72 fite die Resolutionen gestimmt habm.

Ans die Kriegslage in Südafrika wirst folgender Brief aus Südafrika, deii der „Scotsman" veröffentlicht, ein seltsames Licht. Es heißt da: Obwohl die offiziellm Telegramme stets versichern, daß das Land um Johannes bürg und Pretoria frei von Burm sei — dank der Block Hauslinie — werden die nächsten Äkachbarn jener Orte doch noch von Zeit zu Zeit durch Bureii bmnruhigt. In der letzten Zeit ist die Umgebung von Johannesburg und Pretoria voll von Buren getvesm. Vor eiiügen Tagm kam ein Trupp von dreißig bewaffneten Buren nach

Vkanyhe und nahm Besitz von Zwartkoppiis, einer Außen- besitzuiig von Sam Dtarks. Der Herr Marks war mit Farnstie gerade abwesend und nur das Dimstpersonal im Gehöft. Tie Buren betrugm sich übrigens recht manier­lich. Sie nähmen nur Kleidungsstücke, dann Decken, Leinmzeug und Eßwaren, also alles Sachen, die dem Krieger im Bedarfsfälle zu nehmen erlaubt inte. Kost­barkeiten u. f. iv. blieben unberührt. Muthwillige Zer- störung fand rlichl statt. Als der Tug graute,ritten ste schwer'beladen mit ihrer Beute davon. — Das Haus liegt auf Gewehrschußweste von einem englischen Milstar- posten entfernt. Schon wiederholt hatte Herr Marks gebeten, sein Gehöft unter militärischen schütz ou nehmen, doch bisher immer vergebens. Dieselben Buren besuchten noch ein zweites Gehöft, welches direkt unter den Kanonen vom Fort Wondeboom liegt. Am hellen Tage drangen sie dort ein, nahmen alles Brauchbare an sich, so auch Pferde und Vieh, iind gingen wieder von dannen. Es ist be- trübmd, ivmn lMiii all das mit aiisehen mutz. Unsere Offiziere und Soldaten besitzen fein Pflichtgefühl, sonst könnte dergleichen iücht Vorkommen. Was rnutz dagegen. gethaii werden? Ich weiß es nicht. Doch soviel ist sicher, lveiin es so weiter geht, wie es jetzt der Fall ist, wird noch lange der Friede auf sich warten lassen.

Scheepers Hinrichtung. Die Frau eiiies englischen Soldaten schreibt an Reynolds Newspaper^ folgenden Brief, datirt 24. Jan., aus Graaf Reinei: soamstag drei Uhr ging ich mte die Execution des Kommandantm Scheepers anfehen. Er wurde in einem Ainbulancewagen gebracht mit Musik voraus; hinter deni Wagen folgte bliö Feuev-Pelüton. Wie MMQ nbcin t 'csd)ce.peTx> qc* bracht war, war sem Grab schon gegraben, er but, stchw!> dem Tod mtgegeusehm zu dürfen; er wurde aber auf einen Stuhl gesetzt tute die Augen wurden verbiinden. Fünfzehn Mannschaften der Coldstrearn-Guards fme^n aiif 10 Schritt Eiltferrmng, iind gratlick, zerschmMert fmik der Körper des Kommandanten zu Boden. Ohne Erblassen oder auch iuir mit einer Muskel zu zucken, ging Scheepers, der ein sehr tapferer Mann gewesen sein soll, in dm Tod. Ter Leichnam wurde, so wie er war, ms Grab geworfm, urte die Ssticke vom Stuhl, worauf er gesesleii hatte, chm nachgeschnüssen. Ein Brief des Pfarrers Drew aus der Kapkolonie meldet u. A.: >?u

feiner (des Kommandanten Scheepers) Bagage wiirden gestinden, ^ und wie ich hörte, dein Kriegsgerichte über­geben mehrere Briefe urrd Telegramme von englischen Offizierm, welche bem Kommandanten ihrm tiefeii Dank aussprackjm für feine menschenfreundliche Be- Ijandlung, als sie sti seine Kriegsgesangeuschaft gercsthm waren! Diese Offiziere thäten ihr Möglichstes, den Konmiandantm zu rettm, aber . . . Scheepers chatte während dieses Feldzugs mte 200 Wann 1300 nwminies gefangen und ein paar Koffern erschießen lassm, und so etwas mutzte exemplarisch bestraft werden! England

Feuilleton.

Wem Lalterielms.

Humoristische Skizze von Max ^hlge.

Da ich auf möglichst einfache und schnelle Weste zu recht viel Geld kommen wollte, hielt ich es für das s^ste und probateste Mittel, zu diesem Zwecke ra der Lotterie zu spielen Deshalb erkundigte ich mich eingehend, wie man es anfangen muffe, um unter allen Umstanden zu gewinnen. Da wurden mir dann die verschiedenen Zauberregeln verrathm d:e ich auch, wie Sie sehen werden, gewissenhaft zur Anwendung brackte

Fch hatte mich für eine Lotterie entschndery m der das Loos drei Mark und sechzig Pfennige kostete. geborgtem

Gilde habe man das meiste Glück, war mir gesagt worden, und was den Pfennigbetrag betrifft, muffe man ihn finden oder zu. sammen betteln. Zuerst begab ich mich also «ns Borgen Du Folge davon war. weil ich doch nicht sagen durfte. wofür ich

das" Geld gebrauchte, daß ich acht meinet ^ wnu^ten ^ me ne lor die sich von mir zuruckzogen, weil sie glaubten, meine

Finanzen wären so miserable geworden, daß 'ch nicht einmal mebr Üter drei Mark zu verfügen hatte. - Schließlich warm Ir dteft bckfammm und nur die 60 Pst fehlten noch. Da mir das Finden bequemer schien, wollte ich sie zusammensuchen Drs war aber gar nicht so leicht; nach vier Wochen hatte ich erst dn^ Pfennig und die Leute glaubten, ich sn tiefsinnig oder kurzsichtig geworden, weil ich auf der Straß.- Niemanden mehr zu keimen schien, sondern meine Augen beständig auf den Bodm

geheftet h ^ ^in, mit der Sucher«: wurte zu viel Zeit vergeten und der Ziehungstag vorüber sem. bis ich, den nothigen Betrag zusammen gefunden hätte daher vnlegte iq mich aufs Vetteln Mein« Bekannten machten ganz merkwürdige, Ge­sichter. als ich sie jetzt plötzlich wieder anredete und ihre Mienen wurden noch verdutzter, wenn ich schließlich mit meiner nn- motivirtm Bitte um einen Pfennig^°usruckte um mehr

als einen bat ich nie, weck das vielleicht das Gluck hatte ver- schnupfen können, wenn ich mir so wenig Muhe gab, es für mich zu gewimien. Man fühlt« sich jetzt m dem Verdacht bestärkt.

daß mit mir 'etwas nicht ganz richtig sei und wich mir aite. Ich merkte das und beschloß, mich auf eine andere Art des Bettelns zu verlegen, die mich sogar noch viel sicherer zu meinenr Glucke bringen mußte. Für einige Mark verschaffte ich mir von einem Lumpensammler einen alten, schmierigen Anzug, lrgn den Abends an und schnorrte in dieser Verkleidung auf den Land­straßen wie ein richtiger Bruder Straubinger., 2>a§ dauerte nur nicht lange, bloß bis auf zwanzig Pfmnige brachte ich cs auf diese Weift, da wurde ich von einem Landgendarmen abge­faßt und der Polizei eingeliefert, wo ich vorerst die Nacht in sicherem Gewahrsam zubrachtc. , Ms ich am anderen Morgen meine Personalien angab und nicht davon abwich, ich hatte iuir zu meinem Vergnügen gebettelt, gerieth der Schutzmann, der mich verhörte, in grenzenlose Wuth, wurde furchtbar grob und sperrte mich wegen Beamtenverhöhnung noch 24 Stunden em. rft dann bequemte man sich dazu, meine Wirthin zu holen, damit dies« mich rekoguoscire. Weinend kam die gute Frau der mein verändertes Wesen schon langst aufgefallen war und di- sich die ganze Zeit wegen meines Verschwinden» geang,tig. hast sah mich in den Lumpen meiner Verkleidung und rack, in ncne Thränen ans. Dann flüstert-sie dem Kommiflar etwas zu, worauf dieser mich mitleidigen Blicks unter vielen Ent­schuldigungen entließ. . „ , , _ ,

Von dieser Stunde an fühlte ich mich beobachtet. Dennoch gelang es mir, meine Aufpaffer verschiedene Mate zu tauschen, um weiter zu betteln. Beim zweiunddreißigsten Pfennig wurde ich ftdoch wiederum, diesmal auf Antrag memer Verwandten abqefaßt und einer Irrenanstalt zur Beobachtung ubergeben. Weil ich aber um die Welt nicht verrieth was mich zu der bei mir vermutheten fixen Idee veranlaßt-, sondern den Direktor der Anstalt die Aerzte und Wärter nur immer um Pfenu.ge an- bettelte, hielt mau mich wirklich für verrückt.. Das war mein Glück, denn alle die guten Menschen, gaten imr, um auf meine vermeintliche Wahrheit einzugehen, in den meisten Fallen die gewünschte Kupfermünze. Dort machte meine Sammlung die besten Fortschritte und ich konnte nur bedauern, nicht früher intcrnirt worden zu sein, da ich auf teeft Wnft die nothigen 60 Pf am schnellsten zusammenfocht. Als ich sie hatte und an Niemand mehr eine diesbezügliche Bitte stellte, erklärte mich der Direktor für geheilt, er konstatirte außerdem, daß es nur

ein stiller Wahnsinn sei, an dem ich litte und ich nicht zu den gefährlichen Kranken gehöre, also frei herumlanfen lönne. — Mein erster Gang war nun mit meinen drei Mark sechzig Pfennig zum Kollekteur. — Die Nummer 77,777 wollte, ich kaufen das stand fest, tvei! die sieben eine Glückszahl ist. Leider begegnete mir gleich zu Anfang ein altes Weib und am nächsten Tage sprang eine schwarze Katze über den Weg, weshalb ich den Kauf immer wieder verschob. Endlich kam mir nichts mehr von übler Vorbedeutung in die Quere und ich ging zu dem Mann, vor dessen Fenster eine Unmenge Telegramme ange­schlagen waren, die alle meldeten, auf ivrlche Nummern die Haupttreffer in den von ihm vertretenen Lotteriem gefallm nmren. Selbstverständlich glaubte ich, die Gewinne seien alle in einer Kollekte gemacht worden und faßt- zu ihm ganz be­sonderes Vertrauen. Bedauerlicher Weise besaß er die ge­wünschte Nummer nicht und verwies mich an die General- lotteriedrrektimi. Sofort reiste ich dahin und von dort Wecker nach Glücksberg, wohin Nr. 77,777 verschickt worden war.

Inzwischen hatte ich noch von mancherlei Brauchen gehört, die man beim Looskauf handhaben müffe, um unfehlbar zu ge­winnen. — In der Näh- des Glücksberger Lotteriegeschaftcs suchte ich mir deshalb einen armen Jungen — Kinder habm erne glücklichere Hand — der sollte mir das Loos ziehen. Aber auch da erfuhr ich, daß Nr. 77,777 nicht mehr vorhanden, sondern nach einem Nest in der Nähe gesandt war. Darum gab ich dem Beuget zwanzig Pfmnig für seine Nichtbemühungm, nahm mit einen Zweispänner und fuhr hinaus, dem Dorfe konnte ich »ein geeignetes Kind finden, denn die größeren warm m kr Schule oder auf dem Felde und die ganz kleinen, dmm ich auseinander zu setzen suchte, um was es sich handelte, verstanden mich nicht, folglich konnte ich sie nicht ziehen lassem Aber ich kam nicht in Verlegenheit, ich war ja mit guten Rachschlagen bis obenhin vollgepfropft: Man soll das b-trefiend- GZchafte- lokal mit dem rechten Fuß betreten und vmlaffen, heißt es da unter Anderem. Der Sicherheit halber stellt- ich mich also gleich nur auf das rechte Bein und hupfte, so m dm -aden. Das zog mir nun allerdings dieAnfmerksamkeitrmigerWeikr und ein bedenkliches Kopfschütteln meines Droschkenkutscher» zu, aber ich kehrte mich' nicht daran, , sondern hopste richlg vor,kn - Ladentisch des Gemischtwaarmhändlers, der vor Sch.eck »ber