Wiesbadener
so. Jahrgang.
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U«. 113.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Samstag» den 8. Marx.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1902.
Morgen ■Ausga be.
Kiautschou und seine Hafen-Anlagen.
Für die Entwickelung der deutschen Kolonie Kiautschou ist die Verbindung mit dein Hinterland Schantung, weichein Zweck die nach den Kohlenrevieren dieser Provinz geführte Eisenbahn dient, die wirthschaftliche Erschließung Schantuugs durch Gewährung von Bergwerksrechten rc. und die Verbindung Kiautschou mit der Außenwelt auf dein Seewege vermittelst Kabeln und Dampfschiffahrt von hoher Bedeutung.
Es ergeben sich daraus Anforderungen örtlicher Art an die lokale Ausgestaltung der Bahn- und Hafenanlagen, sowie an den Bebauungsplan der Stadfi denen die Reichsregierung in zielbewußter und systenmtischer Weise Rechnung trägt, dementsprechend schm wir denn eine sehr lebhafte Thätigkeit auf den einschlägigen Gebiete::, und über den gegenwärtigen Stand derselben nach Maßgabe des amtlichen Berichts über die Verwaltung der Kolonie Kiautschou giebt unsere beistchende Karte Aufschluß. ,
Dieselbe umfaßt den südlichen Theil der östlichen Halbinsel des Kiautschou-Gebietes, welche die große natürliche Bucht von Kiautschou begrenzt. Auf diesen: Theile liegt Tsingtau, die Hauptstadt des Gouvernements Kiautschou nebst den an dieselbe anschließenden Bahn- und Hafenanlagen. Letztere zerfallen in den große,: und den kleinen Hafen, die, beide neugeschaffen, an der Innenseite der Halbinsel in vorziiglich geschützter Lage durch Herstellung großer umfassmder Dammschüttungen erbaut und mit der Eiserrbahn in Geleiseverbindung gesetzt sind. Die Bahn selbst beginnt am Westrande von Tsingtau, zieht sich in: Bogen an der Bucht entlang und führt über Kiant- schou ins Innere. . . r .
Tie Arbeite,: für die Hasenanlage:: zeuge,: nut Schluß des Berichtsjahres die gänzliche Vollendung der Dänin« aus Steinschüttung, die den großen Hafen bogenförmig sceseittg abschließei: und derjenigen der Dämme auf der LandsÄte, welche das Hafengelände einfassen sollen. Gänzlich volleiwet sind ferner die Dämme des kleinen Hafens, soweit sie für einen anfänglichen Ausbau in Aussicht genommen tvarcn. Baggerungen wurden ausgeführt sowohl zur Vertiefung des kleinen Hafens als auch als Vorarbeit für den Bau der Kohlenmole und der Handelsmole und fiir den Liegequai des Schwimmdocks im große,: Hafen. Außerdem wurden Probebaggerungen, zahlreiche Grundbohrungen und Bodenuntersuchungen vorgenommen.
Die Arbeiten zur Herstellung des kleinen Hafens :n der Tapautau-Bucht sind in den: vorläufig zur Ausführung bestimmten Umfange nahezu vollendet. Das Fcchrivasser gestattet Schiffen mit 6 Mtr. T:efgang das Anlegen an der Brücke bei Niedrigwasser. Veit Schluß ves Berichtjahres ist der kleine Hasen für dm allgc
Feuilleton.
Pariser Brief.
(Von unserem Korrespondenten.)
Paris, 4. März.
In die lustige Faschingszeit fiel das große Ereigniß, welches nicht nur Paris, nicht nur ganz Frankreich, sondern d:e ganze gebildete Welt bewegte, die Hundertjahrfeier des Geburtstages Viktor Hugos. Mit dem gestrigen Tage haben die sechstagrgen Festlichkeiten der Municipalität von Paris ihr Ende errncht. Und wie Paris feierte! An Bildungs- und Erholungsstätten, ,n offr- ciellen Ballsälen und auf der Straße, überall schwebte der Name des unter die Götter des Olymps Emporgehobenen auf den Lippen. Die fremden, litterarischcn und gelehrten Abordnungen sahen, wie man in Frankreich das Genie feiert, und ste werden einen überwältigenden Eindruck davon mit nach Hause nehmen; man wird noch lange von den herrlichen Erinnerungen zehren und oas hohe Lied französischer Liebenswürdigkeit verkünden. Warum auch nicht! Alle haben nur die glänzende Seite des Parrser Lebens kennen gelernt, um die Rückseite wird sich wohl kaum Jemand in all dem Trubel gekümmert haben.
Die Tschechen waren bekanntlich vornehmlich Gegenstand oer liebevollsten Zuvorkommenheit Seitens der Franzosen, welche sie offen als ihre Brüder erklärten. Di- Verherrlichung von Seiten der Nationalisten stieg ihnen dermaßen zu Kopf, daß sie es sich in ihren harten Schädel setzten, vom Präsidenten der Republik empfangen zu werden. Sonst wäre ihnen der österreichisch-ungarische Botschafter, Graf v. Wolkenstein, sicher eine Null geblieben, er ist ja Deutscher und kein Tscheche, unter diesen Umständen glaubten sie aber sich nichts zu vergeben, wenn sie seine Dienste in Anspruch nähmen. Seit ihrer Ankunft lagen sie deshalb dem Botschafter in den Ohren, sie dem Präsidenten Loubet vorzustellen. Der Botschafter aber war mit einem Male schwerhörig geworden und erfüllte den ehrgeizigen Wunsch nicht. Diese Schlechtigkeit erregte die edlen Herren nicht wenig, und als erst gar bekannt wurde, daß der Graf kürzlich ckoch den Chef-
,„einen Verkehr eröffnet worden, nachdem schon vorher gelegentlich Dampfer in denselben eingclaufen sind und an der Brücke angelegt haben. Hier konnten und können die Maaren von: Dampfer direkt auf Eisenbahnwagen gelegt werden. Es sind schon Stücke von 22 Tonnen Gewicht auf diese Weise dort ausgeladen. Der Verkehr
mit einem elektrischen Gruppenblitzfeuer erster Ordnung
ausgestattet. Die Leuchtweite beträgt 16 Seemeücn. Ten Schiffen ist damit die Möglichkeit gegeben, die Rhede von Tsingtau auch bei Nacht gefahrlos anzustenern. Die Auf. stellung eines zuverlässige,: Nebelsignalapparates an dieser wichtigen Stelle ist projektirt. Mit dem Baue des
in: kleinen Hafen ist so rege, daß Bestimmungen für d:e Benutzung der auf der Brücke befindliche:: Dampf- und Handkrahne schon nicht nwhr zu umgehen waren.
Am 1. Dezember 1900 wurde der Leuchtthurm Nuniiisan in Betrieb genommen. Derselbe steht auf der südwestlichen Spitze der gleichnamigen Halbinsel und ist
Redakteur des „Neuen Wiener Tagblatts", Singer, vorgestellt habe, da kannte die Wuth der Wenzelssöhne keine Grenzen. Smger hat sich auch keine geringen Verdienste um die Republik erworben, denn seiner Zeit ließ er die Dreyfusfahne lustig im Winde flattern. Talent, Verdienst und Leistung mußten anerkannt werden, und deswegen ersah ihn Herr Delcassv auch für das rothe Bändchen der Ehrenlegion aus. Aber noch mehr. Der Botschafter hatte es sogar gewagt, vor Kurzem beiß früher aus Paris ausgewiesenen Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse". Frischauer, Herrn Loubet vorzustellen, dadurch hat er das Maß seiner Verbrechen voll gemacht, und es ist nicht daran zu zweifeln, daß ihm dies und sein Verhalten gegen die Tschechen bei der nächsten sich darbietenden Gelegenheit von diesen cingetränkt iverden wird.
Viktor Hugo zu kritisiren, heißt noch nicht, ihn verkleinern. Naturgemäß erinnerten sich di- Franzosen nur seiner universellen Größe, weniger seiner Schwächen, noch weniger aber seiner Fehler, oder sagen wir lieber, seiner vielen Widersprüche, die sein Geist während seines langen Lebens zeitigte. Doch wo viel Licht, da ist bekanntlich auch viel Schatten, und da große Geister nun einmal zu den Sterblichen gehören, so schließt dieser Umstand auch die Fehler derselben nicht aus. Bei den Geisteshelden werden die kleinen Schwächen nur mehr bemerkt wie bei einem Müller oder Schulz, weswegen sie auch in höherem Grade der Lächerlichkeit zum Opfer fallen als diese. Was so vielen hervorragenden Menschen den Spott ihrer Zeitgenossen und der Nachwelt eingetragen, das sollte auch einem Viktor Hugo nicht erspart bleiben. Ein gewisser Grad von Eitelkeit und die Vorliebe für die „Pose" waren die schwachen Seiten Hugos. So liebte er cs, sich von väterlicher Seite immer als aus edler und alter Familie abstammend zu bezeichnen, und man findet auch heute noch hie und da diese Meinung vertreten; und doch ist dies nichts weiter als eine Legende. Wie die väterlichen Vorfahren beschaffen waren, davon legt eine Broncetafel Zeugniß ab, welche in Nancy zur Feier des Gedächtnisses Hugos an dem Hause Nr. 27 der Rue des Marschaux angebracht werden sollte. Die Inschrift der Tafel lautet in deutscher U-b-rsetzung: „In diesem Hause sind geboren der General Josef Leopold Sigisbert Hugo und der General Josef
massiven Unterbaues fiir die Laterne des Leuchtfeuers Tschalientau und des im Zusammenhänge knermck auf- zuführenden massiven Wohnhauses für die Leuchtfeuer- Wärter ist begonnen worden.
Die Bebauung und der Ausbau des Straßennetzes von Tsingtau und Tapautau haben im Berichtsjahr weitere
Hugo, Vater und Onkel des Dichters Viktor Hugo. Alle beide Söhne des Josef Hugo, Bürgers von Nancy und Tfichler- meisters". Die Register des Civilstandes ergaben ferner, daß der Vater und Großvater Josef Hugos Bauern waren, und daß der bescheidene Handwerker, nachdem er im Jahre 1755 Fräulein Bechet, die Tochter eines Schuhmachers, geheirathet, nach dem Tode derselben eine neue Ehe mit Frl. Michwud, einer Kindererzieherin, einging. Aus der letzteren Verbindung stammt- Viktor Hugos Vater.
Die Schwäche des Dichters, seinen Ursprung in die Reihen der Edellcute zu verlegen, und von Georges Hugo, einem im Jahre 1535 in den Adelstand erhobenen Capitain der Garden des Herzogs Rena von Lothringen, herleiten zu wollen, macht einem großen Herzen wenig Ehre, weniger jedenfalls, als wenn es freimüthig seinen Stolz in dem Bekenntniß gefunden, sich aus niederen Kreisen zur lichten Höhe emporgeschwungen zu haben.
Ein so großer Held auf geistigem Gebiete Hugo war, als ein so großer Meister zeigte er sich auch auf dem Gebiet der würdevollen Haltung. Ein köstliches Bild davon entwarf mir der Doyen der hiesigen deutschen Schriftstellergarde, der bekannte Schriftsteller Gustav Schneider, bei meinem letzten Besuch. Wie konnte es anders kommen, als daß wir das aktuellste Thema, die Hundertjahrfeier zum Gegenstand unserer Unterhaltung wählten.
„Sie möchten wissen, wie ich Viktor Hugo fand?"
Ein sarkastisches Lächeln flog bei diesen Worten über seine scharfgeschnittenen Züge, ein Zeichen, daß ich das Richttge getroffen".
„Einer meiner Besuche bei dem Gewaltigen, der :n das Jahr 1869 fällt, wird Ihnen die beste Aufklärung darüber geben, lieber Freund".
„Ein Besucher meldet sich an, man führt ihn in den Salon; er wartet, bis sich eine Anzahl anderer eingestellt, gerade so, wre wenn man in Saint-Denis die Königsgräber oder in Versailles das kaiserliche Schloß in Augenschein nehmen will, und wo der Führer wartet, bis die Gruppe der Neugierigen bis zur entsprechenden Zahl gewachsen. Sobald der Wartesalon drei Viertel gefüllt, guckt Herr Viktor Hugo aus einem Nebenzimmer schnell durch das Thürfensterchen. Er steht an der WuLoanomie und
