SeUllge ]\m Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 113. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 8. Marz.
60. Jahrgang. 1902.
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«f Erziehung flieht dem Menschen nicht«, was er nicht auch L aus sich selbst haben könnte, nur geschwinder und leichter L Lessing.
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(2. Fortsetzung.)
Der Marschallstab.
Roman von Walther Schulte vom Arühl.
„Wahrhaftig, sie rappeln dein Beckers Pitter", rief Hans. Man sprach ja in diesen Tagen mit Entrüstung überall davon, lvie der wohlhabende alte Federmesserreider, der drei Häuser und zehn Halfen*) hatte, sich so schändlich aufführte. Der Wittwe des wackeren Schusters, der fünf Jahre bei ihm wohnte, stellte der hagere Juitg- geftlle nach, und als sie ihn trotz ihrer Miethsschulden entrüstet zurückwies, da setzte er sic mit ihren drei Kindern aus und pfändete ihr obendrein die Ziege und einige Hausgeräthe. Daß man ihm für diese arge Missethat „rappeln" würde, das war vorauszusehen. Und gerade dieser Abend war sehr geeignet zu solchem Beginnen. Wer hätte in der Dunkelheit die überdies mit Papiermasken, falschen Nasen, Bärten und anderer Mummerei versehenen Rächer auch erkennen können!
Wieder tönten die Blechdeckel: klapp, klapp. — Tru, tru! klang ein ungefüges Knhhorn dazwischen, und alle Hunde des aus etwa einem Dutzend kleiner Häuser bestehenden Hofes schlugen an. Hans sprang ans dem Bette und eilte aiis Fenster. Dieses Volksgericht, dieses bergische Haberfeldtreiben, obgleich oft gehört, brachte ihn aufs Neue in Erregung. Und nun vernahm er, etivaS gedämpft zwar durch die Entfernung, aber doch deutlich, eine einzelne Stimme, die pathetisch deklamirte:
„Peter Becker, — Beckers Pitter,
Hier stehen guter Leute viel.
Sperr' die Ohren auf und höre,
O, Tu schlechter Donnerkiehl."**)
Darauf erscholl eiir lautes Geheul. Klapp, klapp! tönten die Blechdeckel, tru tru! das Knhhorn, und noch eiir zweites Blasinstrument, wahrscheinlich eine — Gießkanne, machte sich geltend. Auf einem Kamme wurde nüt auffälliger Virtuosität und Deutlichkeit die Weise des Liedes: „Drunten im Bettchen liegt Haferstroh" gespielt und eine Trommel, wenn es nicht etwa ein hohles Füßchen war, schien auch mit bei der Katzenmusik zu sein. So ging es, nach dem bald stärkeren, bald leiseren Getön zu schließen, um das Haus des Sünders herum. Dann wurde es wieder still und die Stimme Hub an, den zweiten Vers des Spottgedichtes aufzusagen.
Hans schloß eilig das Fenster, tastete am Vogelkäfig herum und machte das Thürchen wieder zu. Ein häßliches Echo aus jener großen, bewegten Welt, in die er nun nach der Schulzeit eintreten sollte, hatte seine Fassung und den Frieden, der über ihn gekommen war, ver-
*) Miether.
**) Donnerkeil, Generalschimpfwort und Fluch im Bergffchen.
scheucht. Wohl vergrub er den Kopf in den Kissen, um nichts mehr zu hören, aber es dmlerte lange, bis er den ersehnten Schlummer fand.
2.
Als Hans am nächsten Morgen zu der vom Vater 'estgesetzten Zeit das Comptoir betrat, wollte es ihn be- diinken, als habe der muffige Geruch, der ans Pulten, Regalen und Schränken strönrte, eine verzweifelte Aehn- lichkeit mit dem einer Schulstube. Dazu kam, daß Ferdinand, der Hausbursche, mit dem Kehren des Bodens noch nicht fertig war und einen unerquicklichen Staub auf- wirbelte.
„Ich dachte, mir halb acht Uhr ginge hier die Arbeit los. .Der Vater hat mir wenigstens gesagt, daß ich dann hier sein miißte", meinte Hans und Ferdinand ent- gegnete: „So pünktlich geht's nun doch nicht. Erst
kommt Herr Küllenberg und der Packer, gegen dreiviertel kommen dann die Herren Müller und Reimerts und gegen acht walzt Herr Plümacher heran. Wenn dann um halber neun der Alte — ich mehrte der Herr Kaltenbach — erscheint, dann ist schon Alles im bestell Zuge."
Hans schritt die paar Stufen, welche voll der Schreibstube in das Packzimmer führten, hinauf, und ließ sich, einigermaßen angeödet voll der Nüchternheit der Geschäftsräume, auf einem der hölzernen Böcke nieder, welche die Stühle vertrateir. Das Comptoir mit denr Lager bildete eiir besorrderes Gebäude, wenige Schritte vom Wohnhause entfernt. Er hatte es bisher fast gänzlich gemieden, denn Plümacher sowohl, wie Herr Kaltenbach spracheir es oft genug aus, daß Kinder dort irichts zu suchen hätten. Als Junge hatte sich Hans auch nur in die ihn bedrückende Atmosphäre nüchternster Geschäfts- thätigkeit hinenlgewagt, wenn er den Papierkorb unter des Vaters Pult nach ausländischen Briefinarken durchstöbern wollte. Später besirchte er jene Räume noch seltener, woraus der Fabrikant mangelnden Geschäftsgeist erkennen wollte: jetzt kamen sie denr jungen Manne erst reck,t unwirthlick vor und er blickte ziemlich trostlos in die Schreibstube hinunter, in der sich eben der Staub senkte so daß Ferdinand das Abwischen der Pulte vornehmen konnte. Inzwischen trat der Lehrling Kullcu- berg eiir, frisch uird blühend von dein Gang durch die Morgenluft, und begrüßte den Sohn seines Prinzipals mit wohlgemeinter Herzlichkeit als Kollege. Hans hatte sich imnrer schon zu ihnr hingezogen gesuhlt denn der junge Mensch hatte ein angenehmes Gesicht und ein flottes Wesen. Er ivar aus gutem Hause und besaß eine gute Schulbildung. Vor Allem hatte .er nichts von einem Duckmäuser an sich und machte den Eindruck, als könne er für Hans dem es mm an gleichaltrigen Kameraden fehlte ein guter Genosse werden. Ter Lehrling setzte sich auf einen Holzblock ihm gegenüber, schlenkerte mit den Füßen und meinte: „Na. für den Anfang wird Ihnen die Sache etwas spanisch Vorkommen, Hans, aber Sie sind doch besser daran als ich."
„Wieso?" fragte Hans neugierig.
"Nun, erstens habeir Sie als Sohn des Hauses von den "Anderen vielleicht weniger auszustetzen, wenn Sie einmal das Tintenfaß übers Pillt gießeii oder einen Bnes in ein falsches Couvert stecken und fortschicken, und was
dergleichen Vorkommnisse mehr sind, nnd dann werde ich
voii nun ab wohl mehr an die Bücher mtissen, während Sie als jüngster Lehrling jetzt in der schönsten Jahres-' zeit jede Woche ein paarmal bei den Arbeitern M den Wupperbergen herumlaufen können."
„Richtig, daran hatte ich noch gar nicht gedackfl * sagte Hans erfreut und Küllenberg befleißigte sich, ihm sogleich einige nützliche Winke über diese Besuchs zu geben.
„Wissen Sie", sprach er nüt gedämpfter Stimnie. da- nüt der inzwischen eingetretene Packer diese Rachschlag« nicht vernehme, „auf einer Stunde im Umkreis, bawertz der Plümacher ebenso wie Ihr Alter genau Bescheid., Da müssen Sie sich stets beeilen, rechtzeitig zuruck zu kommen. Wer was iveiter ist, jenseits der Wupper ms Remscheidische hinein, da können Sie eklich bummeln, da weiß keiner was Rechts. Nur müssen Sie etwas Phantasie entfalten, über die weitenWege schimpfen, darüber klagen, daß sie deii und jenen nicht gleich getroffen und ihn lange gesucht hätten. Nim, Sie werden das bald los haben.
Ich habe dem Vater versprochen, ein ordentlicher Lehrling zu werdeii und ihn so viel wie möglich zufrieden ul stellen", entgegnete Hans, und einigermaßen verlegen lenkte Küllenberg ein: „Nun, ich meinte auch nur, soweit als recht ist. Es ist recht gut. wenn Sie sich die Fabrikation recht ordentlich anschatten, imd ivenn sie etiva-o bei den Arbeiten verweilen, Mit ihnen schwatzen und da- bei sehen, wie hier in der Schmiede nn Patenttropf ans Messer geschmiedet, dort im Schleifkotteneine Klinge gepliestert, wie eine Scheere genietet und em Häppchen gereidct wird. Sie werden schon Freude an der Sache
^Hans horchte auf. „Das muß allerdings interessant sein/h meinte er, und Küllenberg^fuhr eifrig fort. ^ sage Ihnen, interessanter, wie Sie sich denken, bergische Stahlwaarenfabrikation ist ungemANvwlseillg und verzweigt, und dadurch, daß Mr sein meist zu Hause auf den zerstreuten Höfen macht, dadurch, >.aß. meinetwegen an einem Messer, ein d°lb nutzend ve - schiedene Handwerker schaffen, kommt das bunwste Leb in die Sache. Das hämmert, das feilt, das schleift, das klopft allenthalben, daß es eine Lust ist.
In diesein Augenblick hörte man ein trockenes Hüsteln, imh Vlümackier der alte Prokurist, kam nut fernem schleppenden Gange durch das Conrptoir und chen hinan Er wünschte giitm Morgen, ohne das spitzige lederartige Antlitz mit den kalten Augen zri verziehen, und putlediate sich gemächlich des Rockes, dm er mit einem ab- aeschabteren der hinter der Thür hing, vertauschte. Dann
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leinene Schutzärmel über die Arme, ^m Begriff, den neuen Lehrling näher in Augenschein zu nehmen, stürzten eilig die noch fehlenden beiden Komnns herbn.
Eutschnldiaen Sie, Herr Plümacher, es M fünf Minuten über die Zeit", sagte der Jüngste. Herr,Miller, üiit leisem Spott und der andere. Reimerts, fugte der Erllschuldigung hinzu: „Der alte Eselsfischer konnte nut seinem Fuhrwerk nicht über den Bergrnmd da haben vnr ihm aus gutem Herzen etwas nachgeschoben.
(Fortsetzung folgt.)
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