Wiksbsdkner (Eanlilatt.
so. Jahrgang.
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gtd. 111. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Freitag» den 7. Mar;.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1902.
Morgen »fkasgalse.
Me MMkW des pcutfdjcn fjanklstßös an Mulslhlands UslkMotzlstyri non 1861-1901.
Die vierzig Jahre von 1801—1901, in welchen der beutfdjc Handelstag eine umfangreiche Thätigkeit ent- mickelt hat, tvaren für ganz Deritschland eine Zeit des Werdens und Aufsteigens zu einer bei Begründung des Hanbelstags nicht geahnten weltpolitisch«: Stellung. Es Izaben an der Entwickelung Deutschlands nickst ruir verdiente Fürsten, Staatsmänner urrd Feldherren, sondern auä> patriotische bürgerliche Männer inrd Frauen ans Men Volksklassen mitgewirkt, und die Kaufleute und Gewerbetreibenden l>aben im Bunde mit zahlreichen Männern der Wissenschaft sogar eilten recht erheblichen Antheil an der Einigung der deutschen Stämme gehMt. Niemand bestreitet heute mehr, daß die materielle Einigung der deutfchetl Staaten ini Zollverein der politischen Einigung am wirksamsten vorgearbeitet und Preußen an die Spitze Deutschlands gebracht hat. Ter Begründung des volkswirthschaftlichen Kongresses im Jahre 1858 und des deutschen Nationalvereins im Jahre -1859 folgte int Mai 1861 das Zusammentreten des Deutschen Handelstages in Heidelberg. Die Anregung hatte ein Beschluß der Heidelberger Handelskammer vom 15. Mai 1860 gegeben, dahin gehend, „das Zusammentreten eines allgemeinen deutschen Handelstages anzubahnen." Der diesem Vorgehen zu Grrmde liegende Ge- kmfe, „wenigstens in materieller Beziehung ein einiges großes Deutschland zu schassen", hätte mächtig gezündet, und der Präsident des badischeit Handelsministertnms be- grüßte den ersten deutschen Handelstag mit dem Wunsche, daß, nachdem mit großen Schwierigkeiten eine Einigung der deutsch«: Staaten auf vielen Gebiet«: der materiell«: Interessen erreicht fei, „das deutsche Vaterland auch in politische Beziehung zil größerer Einigung gelanget: möge." — In der Thal wurden von dem ersten deutsch«: Handelstag lediglich große nationale Verkehrssrag«: beratheu, nämlich die Einsü brung übereittsümmenden Maßes und Gewichtes in Deutschland, die Herstellung eiirer allgemeinen deutschen Münzeinheit, die Organisation des Zollvereins, Bestellung genteinsamcr Konsular-Ageitten und Annahme einer gemeinsamei: Flagge, Einführung eines Allgemeinen Deittschcit Handelsgesetzbuchs, Orgmüsation von Handelsgerichten, Abschaffung der ttoch bestehenden deutschen Flußzölle u. s. w. Alles, was schon 1861 vor der Begründung eines deutscheit Reiches von dem deutschei: 'Handelstage als dringend erforderlich bezeichnet ivurde, ist mt Laufe von tveuigeit Jahrzehntelt erfüllt Wörde,:.
Die eben erschienene Schrift „Der Deutsche Handels- !tag in seiner Entwickelung und Thätigkeit 1861—1901"
Feuilleton.
Zur modernen Somüligüchkeil in England.
Während in Deutschland in tteuercr Zeit so viel zur Einführung allgemeiner Sonntagsruhe geschehen, ist„wan in England -—- ft>o ja allerdings ganz andere Zustände, rrdrückeitd puritattische Anschauungen herrschten — mehr und inehr in der entgegengesetztem Richtung vorgegangen, sodaß heute eil: deutscher Sonntag einem englische!: schon nicht mehr ganz unähnlich sieht. Der wesentlichste Unterschied besteht jetzt wohl darin, daß in England immer noch keilt Theater am Somüag geöffnet und auch die Wirths- häuser:mr zu bestimmtet: Stunden des Tages offen sind, von eins bis drei und dann wieder von sechs bis elf Uhr.
Im klebrigen rüttelt und regt sich's auf allenseiten, den puritanischen Geist abzuschütteln, der England so lange gefangen gehaltett. Die Gesellschaft, welche die Eröffnung der Museen am Sonntag aitstrebt, hat ivenigstens in Bezug aus einige Gemälde-Ausstellungen, die sich in Privathänden befinden, bereits mancherlei Erfolg aufzn- weisen. Atidere Gesellschaften veranstaltetet: auch bereits Sonntags-Konzerte in den Parks und selbst in mancherlei öffentlichen Lokal«:. Natürlich darf dafür kein Eintrittsgeld erhoben werden, da sie sonst sofort mit dem Gesetze m Konflikt gerathen würden. Ja, es wird auch Sonntags jetzt viel auf der Themse gerudert und an zahlreichen Ortet: auch bereits Lawn-Teimis gespielt.
Ich kenne eine liebenswürdige Fainilie auf^d«n Lande, bei der ich seit einigelt Jahren häufig von Lamsiag bis Montag Morgen zu Gaste gewesen. Am Samstag komtte man sich stets lwch Herzenslust amüsir«: Es wurde
Nachmittags gewöhnlichTymis gespielt und AbendsWhpt, aber nie werde ich vergessen, wie die charmante Wtrthm, als wir eines Abends ungewöhnlich lange am Kartentisch verweiltet: und die Uhr gar die Mitternachtsstunde verkündete, plötzlich aufsprang und die Kartet: von sich warf-und sie verlor nicht ein.mal!
(Berlin, Carl Heymanns Verlag 1902) bietet eine gedrängte und inhaltreiche Geschichte der mannigfaltigen Bestrebung«: der deutsch«: Kausleute und Fabrikanten, um die Interessen von Handel und Industrie krästtg zu fördern und die gesummte Volkswohlfahrt Deutschlands auf eilte höhere Stufe emvorznheben. Der Verfasser der Schrift, Df. Julius Gensel, hat als früherer Syndikus der Leipziger Handelskammer vom Frühjahr 1866_ bis zum Herbst 1900 allen Verhandlungen des deutschen Handelstages mit einer Ausnahme von: Anfang bis znm Ende beiqcwohnt und war daber ganz vorzugsweise be- rufen mid befähigt, die Geschichte der ersten vier Jahr- zehnte des Deutschen Handelstages zu schreiben. — Die Schrift ist auch für die gegeiüvärtigcn Verhandlung«: des Reichstages über die Zoll- und Hcmdelsvertragsfrage von Bedeuttliig, weil der Handelstag mehrfach, „insbesondere bereits in: Jahre 1886 Stellung genommen hat zu dei: agrarische:: Bestrebungen ntit besonderer Berück- sickstigung der Angriffe auf die Währung, der Verstaatlichung bezlv. Kommunalisirung der Feuerversicherung und der agrarische:: Zollattsprüche." Ganz besonders hervorragend sittd die Verdienste, lvelchc sich der Deutsche Handelstag tim die Annahme und Aufrechterhaltung der Goldwerthe erworben hat. Auf dem 14. Handelstage erklärten sich im März 1886 von 78 Abstimmenden 75 für die Goldwährung, nur die Handelskammern Bochum, Erfurt und Münster dagegen. — Wir können die Schrift allen öffentlich wirkend«: Mannen: nur warm empfehlen, da sie über fast alle bolkswirthschaftlichen Tagessragen reiche Belchrung bietet.
Deutsches Deich.
* Das Reichspatcntamt blickt ebenso wie das Reichsjustizamt mis 25 Jahre seines Bestehens zurück. Aeußerlich spiegelt sich das Anwachsen des Geschäftskreiscs des Patentanüs am besten in der außerordenüich«: Ver- mehnmg der Arbeitskräfte unb den Einnahmen des Amts. Das Patentantt begann im Jahre 1877 seine Thätigkeit mit 22 Mitgliedern, die nur nebenamtlich thätig war«:; geg«:wärtiq beträgt die Zahl der Mitglieder 117; die Gesammtzahl der beschäftigten Person«: ist von 40 im Jahre 1877 anf 729 im Jahre 1901 gestiegen. Die Einnahmen ivuchsen von 400,000 Mk. im Jahre 18 <8 auf 6 Millionen Mark im Jahre 1900.
* Tic Dcscrtioucn der Seeleute in der Handelsflotte steigern sich von Jahr zu Jahr. Aus dm Berichten der Seemannsämter in Hamburg und Bremen geht hervor, daß allein von Hamburger und Bremer Schiffm im Jahre 1901 2704 Personen deserttrtm. In dm letztm fünf Jahren hat sich die Zahl der Desertionen verdoppelt. Die überwiegende Zahl der Deserttonm mtsällt auf die als Aufwärter, Kohlmziehe r und Heizer angmmstertm Per-
„It is Sunday \“ — sagte sie mit allen Anzeichm eines schuldbeladenen Gewissens im Antlitz; und am Sonntag werden — oder wurden wenigstens damals!! — keine Karten angerührt.
„Was ist denn so Sündhaftes daran", fragte ich menten Freund Smith, „am Sonntag Kart«: zu spiel«:? Es braucht ja nicht einmal untGeld zu geschehen. Oder warum wollen Sie nicht wenigstms T«:nis spielen?"
„Ich persönlich habe eigentlich nichts dagegm , antwortete er ausweichend, „aber meine Frau —"
„Ich auch nicht!" unterbrach Mrs. Smith, „aber was würde unser Nachbar Robinson dazu sagen!" „
Das ist der wunde Punkt! Die „beschauliche Ruhe und Unthätigkeit des Sonntags bringt es ganz vor: selbst mit sich, daß man dem lieben Nachbar gerade an d:e,«n Tage mehr als gewöhnlich über die Gartenmauer schaut, und da die beschauiliche Ruhe nicht gerade auch Süll- schweigen muferlegt, so ist eine der vornehmsten Beschäftigungen für den Sonntag diejenige geworden: — to talk scandal (zu klatschen). . .
Ter Zufall wollte es, daß ich einige Zeit spater auch mit Mr. Robinson bekannt wurde. Ich legte ihm eines Tages dieselbe Frage in Bezug auf das Tmmssptel vor.
, Ich persönlich habe nichts dagegen", antwortete er, „aber was würde wohl Ihr Freund Smith zu so etwas sagen!"'
Dieses eine Beispiel ist höchst charakteristisch für die in England vielfach herrschend«: Ansickst«: über diese Dinge. Smith und Robinson verstehen jetzt emander und haben jüngst sogar schon zusannnen an: Somüag Tennis
gespielt So brechen bei tausmd anderm Smiths und Robinsons ähnliche Anschauungen, die einer neueren Generation längst sich aufgedrängt, bei d«: nun «nmal bestehend«: Verhältnissen indessen nicht plötzlich zur Geltung gelang«: tön::«:, allmählich, aber sicher stchBahn.
Das zeigt sich auch ganz insbesotwere in der modemen Entwickelung des Restaurationswesms in England und des darin herrschendm Lebens gerade an: Sonntag. In früheren Zeit«:, lvo es allerdings mit den Restaurationen
so::«:, die sich scheinbar nur deshalb verheuern, um ach billige Weise nach Amerika, oder, wenn ihnen das Glüc dort nicht gelächelt hat, wieder nach Deutschland zr komm«' und sofort nach der Ankunft des Schisses dcser tir«:. Unter den 2704 Deserteuren waren nur 720 wirk liche Seeleute, nämlich Mattos«:, Leichttnatros«: und Schiffsjungen, also noch lücht einmal der vierte Theil. Am größt«: ist die Zahl der Desertion«: in New-Nort, dem Endpunkt viel«' deutscher Linien. Tort desertiren allein 1264 Personen, nänüich 590 von Hamburger und 674 von Bremer Dampfern. An zweiter Stelle stand mit 244 Deserttonen Baltimore. Ein wirksames Mittel gegen die Desertionen hat man bisher nickst gefunden, und ebenso wenig ist es gelungen, d«: verderblichen Einfluß der Heuer- und Schlafbaase in den Seestädten zu brechen. Die seemännischen Korporationen werden sich wohl noch lange mit der Frage einer Verminderung beider Nebel- stände beschäftig«:.
Der Freiheitskrieg der Buren.
Ein Bilrcnkommandant über die Kriegslage. Aus
der Unterhaltung mit einem voni Kriegsschauplatz soeben in Holland eingetroffenen Buren-Kommandant«: theill die Korrepondenz „Nederland" folgende allgemein nüeres- sireiwe Einzelheiten mit. Auf die Frage über die Lage antwortete er: Sttmmung und Geist mttcr den Burgern sind überall äußerst zuversichtlich. Die Leute im Felde sirw fester als je entschlossen, dm Kampf fortzusetzen und in Gefahr und Entbehrung arwzuharr«: bis zum Ende — bis zmn glücklich«: Ende, ergänzte er mit nachdrücklicher Betommg. Sie Alle halt«:, wenn es nöthtg s«n sollte, noch 10 Jahre mtt! Bon Ergebung :st nirgends mehr die Rede. Es hat allerdings einmal cme Zeit ge- geben, wo sie als Mensch«: mit einem Herzen noch an Frau und Kindern, an ihrem schönen Besitzthum :md deswegen auch an ihrem Leben mü der stark«: Letdensäpft hingen, die sie an die Erhatttmg ihrer höchsten irdischen Güter und damit an eine Uebergabe denken ließ; der- gleich«: von rein menschlich«:: Fühlen ausgehende Er- Wägungen sind jedoch längst oeuschwunden und haben dort, wo die Lieben, Hab und Gut ein Opfer des Unmensch- lickf«: Krieges geworden, nur einer nach gerechter Ber- gelttmg schreimden Erbttterung Platz gemacht und sind in dem feierlich«: Schwur aufgegangen, nicht zu ruhen und zu rastm, bis Land und Volk ihrer Freih«t imeder froh sein können. Wie Nimmnd mehr etwas von Ergebung wissen will, so hat man sich auch gegmüber d«n Ausbleiben einer J:üerv«ttion längst i:w Unvermeidliche geschickt. Nicht, daß sie nicht mit Freuden begrüßt wurde, lvem: sie trotzdem und alledem käme. Die Buren hat die Noch auf die eigmen Füße gestellt, und daraus woll«: sie auch in alle Zukunft stehen. Prokl amation«: KttchmmS ,
in Englatch recht kläglich bestellt war, speiste die vomehlne Welt uberhalcht nicht in solchen. Tie Herren lurhmen wohl ihr Mahl in den lange schon mit verschwenderrschec Pracht ausgestattet«: Klubs ein, die Damen aber nur :n Privatkreisen oder nöthigensalls im Hotckl. ^ Heute aber, wo man in einzelnen Restaurants der englischen Metto- pvle, welche die besten französischm Chefs auswets«:, ebenso gut speist wie in Paris oder irgendwo, sind d:e Restaurants sehr in Mode gekommen, insbesondere eben am Sonntag, und cs würde auch dem Arttländer der Besuch an solchen Stätter: nicht nur das Bild einer n«:er«: Richtung englischer Sonntäglichkeit, sondern auch ein Einblick in die vornehme und tonangebende Welt diesesLandes überhaupt gewähreu, die lvohl nirgends an irg«:d einem für Jedermann zugänglichen Ort in so reichhalttger Vertretung anzuttefsen ist, wie am Sonntag Abend in den Reswurationsräumen des neuesten und eblesensten Asyl» für Millionäre, des Earlton-Hotels, wo man Abends überhaupt nur in voller Toilette zugelass«: wird, Herren :me im Frack oder doch wenigstens im dinner-jacket, oder tote wir das auf deutsch »ernten: „smoking". Ein Herr hatte sich neulich in einfachem schwarzem Rock eingestellt, um hier zu speisen, wurde aber zurückgewiesen, da ein solcher Anzug am Abend Wider die Regeln des Hauses sei. Er wurde dariwer so ausgebracht, daß er an die Zeittmgen schrieb und mit gerichtlicher Klage droht, da nach englischem Gesetz doch kein Gasthaus ein«: anstmüng gekleideten und anständig sich aufführenden Gast von der Thür weisen darf, ohne ihm — sofern er dafür bezahlen kann Speise und Trank zu verabreichen. Allein» was wir auch von einen: solch«: ToilettelMiang halten mögen, es muß doch auch ein eig«:thümliches Vmgnugen sein, in Räumen, wo alle ander«: Herren Frack tragen, wo Frack mlsdrücklich gewünscht wird, als der Einzige ii: anderer Kleidung sitzen, sich den Eintritt zu deltselb«: mü Gewalt erzwingen zu woll«:. Und so wurden ja auch die Leiter des Carfton-Hotels trotz aller An- serlftungen leicht g«mg ihr«: Willen durchsetzen köimen, ohne demmch wider den BuchstMen des
