Wiesbsdkilkr Tsgblstt
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Wie sich die SvrialdemoKrnlie in Frankreich vssenknrl.
Unser Pariser rv.-Korrespondent schreibt uns:
Zu wiederholten Malen habe ich die Gelegenheit ergriffen, um auf da» mehr und mehr anwachsende social- demokratische Element in Frankreich hützuweisen; heute scheinbar eingedämmt' durch „höhere Gewalt", erheben sich die Anhänger der kollektivistischen Idee morgen umso ungezügelter. Tie übrigen europäischst Staaten stehen der französischen Bewegung, die sich von hier aus lawinenartig über die Grenzen . ergießt, machtlos gegenüber. In Barcelona wird augenblicklich eine Stichprobe geniacht, inwieweit das Kapital voit der produktive Arbeit erzeugenden Masse abhängig ist. Frankreich darf diesem Trauerspiel nicht ruhig zusehen und Paris, die aiterkaitntc Ltadt der -freiesten Ideen, sieht sich verpflichtet, mitzuthun. Der Draht hat bereits die Kunde von den Vorgängen, welche sich gesterit innerhalb und außerhalb der ganz in socialisti- schcn Händen befindlichen Arbeitsbörse abspielten, mit dürren Worten in die Welt getragen. Das Resultat der socialistischcn und anarchistischen Hetzreden bestand in der Verwundung von nicht weniger als zweiundzwanzig Lerxennts de la paix und in neunzehn Verhaftungell. Keine Revolution, aber ciiw Evolution, das ist der Wahlspruch der heutigen französischen Socialdemokratie. Wie sie diese Entwickelung vornimmt, das beweist die oben angedeutete revolutionär-anarchistische Versammlung. Die Partei leugnet mit größter Entschiedenheit, dem Prin- zipe des Anarchismus anzuhängcn, der Beweis bcx Unrichtigkeit dieser Behauptung ist wieder einmal ohne jeden Zweifel erbracht. Anarchistische Redner,Unter denen sich der berüchtigte Libcrtad in so hervorragender Weise bemerkbar machte, forderten frei und offen zu jeder Art des Verbrechens auf. Der französischen Polizei muß der Vorwurf gemacht weroen, nicht schon bei dieser Gelegenheit thatkräftig eingeschrittcn zu sein, sie sah sich erst veranlaßt, einzugreifen, als sich die Schaaren auf die Straße ergossen und ihren Befehlen Widerstand entgegensetzten. Tw: Aufgebot der geheinnen und uniformirten Agenten war ein viel zu schwaches; jetzt jagt man den Anarchisten nach, welche ittcm damals auf einem Punkte beisammen hatte. Ausweisungen der Angehörigen dieser Partei sollen vorgenommen werden, so hat cs der Herr Polizei-Präfekt Läpine verordnet. Befehl und Ausführung sind jedoch zwei verschiedene Tinge und den gewarnten Vertretern der Propaganda der That bleibt Zeit genug, sich irr Sicherheit zu bringen.
Victor Hugo, der nurr einnral int BAmde von ganz Europa ist. äußerte sich über die sociale Aufgabe, indenr er den Hunger als das öffentliche Verbrcchcrr bczcichirete.
Dieser Ausspruch ist nicht neu und noch weniger zutreffend. Tie Streiks der sich im Lohn und Brod befindlichen Arbeiter haben das Gcgeritheil bewiesen, indem diese einfach das sichere Brod wegwarfen und sich mit vollster ll eberzeugurig dein Hunger in die Arme stürzten. Die Verbrechen, welche heutzutage aus Hunger begangen werden, sind verschwindend klein im Verhältniß zu denen, welche aus Arbeitsscheu hervorgegangcn.
Was hat die Socialdemokratie nrit der heutigen Republik eigentlich noch zu schassen? Sie arbeitet nur auf deren Verfall hin, um ihren Ideen endlich Geltung zu verschaffen. Sie kennt kciirc Duldsamkeit, in ihrem Egoismus sieht sie nur das Heil in ihrer Lehre. Sre, die die individuelle Freiheit mit den grellsten Farben auf rhre rotheFahne geschrieben, ist diellnterdrückerni jeder anderen Idee. In den politischen Versammlungen, zu welchen die Genossen Zutritt erlangen, geberden sie sich wie die Herren der Situation, schreien die Gegenredner einfach nieder, wenn sie nicht stärkere Mittel anwenden, nnd wo sie keinen Zutritt haben, dringen sie eiiifach mit Gewalt ein; die „Car'magnole" wird zum Schlachtgesang, und das Alles sind'die Vorbereitungen für die versprochene Freiheit, das Alles giebt einen Vorgeschmack für das zukünftige Regime, das nur der Anarchie als Vorläufer dient.
Fan res schwimint bekanntlich iit Millerands Fahrwasser. Er weiß sich mit bewundernswerther Geschicklichkeit in alle Lagen zu finden und behutsam lavirt er zwischeii dein bürgerlichen Kabinett und der Partei, äußerlich iniiner der strenge Socialist. Ist er einmal gar 31 t frei für seinen lieben Freund iind Genossen Millerand eiii- getreten, so versöhnt er feine Getreuen wieder auf aiidere Art. Babeuf niußtc ihm vor einiger Zeit wieder dafür herhalten, den er iiach allen Regeln der Kunst verherrlichte, lind was waren die Prinzipe dieses Mannes? llnter- drückung des individuellen Besitzthunis, Unterdrückurig der freie,i Arbeit, kurz das Programm des reinstenKollektivis- mus Uiid doch welch ein Unterschied zwischen jener Zeit, wo Babeuf seine Lehren der Welt ausdrängen wollte, und beute? — Damals hatte das Direktorium einen anderen Geschmack, denn die Laute-Eour, welche zu jener Zeit schon ihre Thätigkeit ausübte, vcrrirthcilte deri Apostel zum Tode, seine Anhänger zur Deportation. Und heute? — Einträchtig sehen wir Regierungsvertreter Hand in Hand gehen mit Denen, die jenes Programm aus uralten Zeiten zur Durchführung bringen wollen.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 6. März.
Die Berathung des Etats der Schutzgebiete wird fortgesetzt bei den einmaligen Ausgaben für Ostafrika. Zur Herstellung einer Telegraphenlinie von Mpuapua nach Tabora (als Fortsetzung der Telegraphenlinie von Dar-cs-Salaam nach Mpuapua) sind 802,000 Mk. gefordert. Die Kommission beantragt, hiervon einstweilen nur 300,000 Mk. als erste Rate zu bewilligen.
Abg. Bassermann (nat.-lib.) als Referent, begründet die Herabsetzung der Summe mit der gegenwärtigen Finanzlage.
— Abg. Müller- Sagan (freis. Voltsp.) führt aus, die ungünstige Finanzlage sollte doch gebieten, eine solche Kulturaufgabe für Ostafrika ganz abzulehnen, da die Finanzlage nicht einmal die wichtigsten Kulturaufgaben im Inland zuläßt. Er beantrage deshalb Ablehnung der Position. — Staatssekretär K r ä t t e erklärt die Linie für nothwendig. Aus Verkehrs- und politischen Rücksichten sei es geboten, Anschluß von dem Innern Ostafrikas nach Europa und zu dem Behufe Anschluß an die Tclegraphenlinie Cap-Kairo zu erlangen. Uebrigcns seien die Vorarbeiten für die Tclegraphenlinie schon getroffen, und dann müsse man doch auch an die dort von der Heimath abgeschlossenen Missionare denken. — Abg. Frese (freis. Ver.) bittet dringend um Bewilligung der Linie. — Abg. Dasbach (Centr.) wünscht Ablehnung 'derselben. Eigenthümlich sei, daß man stets, wenn eS sich um Kolonial-Ausgaden handle,' die Missionare Vorschübe.
— Staatssekretär Krätke stellt noch fest, daß schon bei d-r ersten Etatsforderung für die Linie Dar-es-Salaam nach Mpuapua auf die Nothwrndigkeit, die Linie bis zum Tanganika- See ausznbauen, ausdrücklich hingewiesen worden sei. Kolo- nialdirektor Stübel erklärt gleichfalls die Linie für dringend erforderlich. — Hierauf wird der Kommissionsantrag angenommen. — Beim Etat für „Kamerun" erinnert Abg. Schrempf (kons.) daran, daß in Kamerun, speziell Nord- Kamerun, anfänglich zu große Landkonzessionen ertheilt und den Eingeborenen zu kleine Mservate verblieben seien. Zu seiner Genngthnung habe in neuerer Zeit ein Erlaß diesen >m Interesse der Eingeborenen laut gewordenen Beschwerden abgeholfen. Redner betont weiter, daß dort vielfach die Arbeiter noch schwer mißhandelt würden und verlangt schließlich ein Schnaps-Einfuhrverbot. — Abg. Prinz Urenberg (C-ntr.) stimmt dem rllckhaltslos zu. — Abg. Hasse (nat.-lib.) beschwert sich darüber, daß die Schutztruppe in Kamerun sich zu wenig als Schutz für die Weißen, geschweige denn für die eingeborene Bevölkerung betrachte, dagegen vielmehr als Schlachttruppe. Di- Scbuhtrüvpe sei zu sehr eine Polizeitruppe. — Kolonialdircktor St übe! bemerkt, gegen die Verfehlungen gegenüber Eingeborenen sei geschehen, was geschehen könne, und wie ihm von richterlicher Seite gesagt worden sei, habe das Einschreiten infolge bekannter einzelner Verfehlungen bereits einen heilsamen Einfluß geübt. Die Schutztrupp- sei ja allerdings unter Umständen auch eine Schlachttruvpe, aber die kommandirenden Offiziere der Schutztruppe seien jeder Zeit bestrebt, auch ihren Verpflichtungen gerade zum Schutz der Bevölkerung in gerechter Weise nach- zukommen. — Abg. Cahensly (Centr.) verlangt Enl- schädigung für eine zerstörte Missionsstation in Krebi. — Kolonialdirektor' S t L b c l erwidert, Mittel hierzu seien nicht vorhanden. Man könne aber den betreffenden Stamm zwingen, Arbeiter zum Wiederaufbau zu stellen oder Land-Entschädigung zu geben. — Abg. L e d e b 0 u r (Soc.) fordert amtliche Aus- tnnst über die ' bekannten schweren Mißhandlungsfälle in Kamerun, Pfählung eines Negers auf Geheiß eines weißen Händlers. — Kolonialdirektor S t ü b e l meint, er habe geglaubt, das Haus würde wünschen, nicht alle Einzelheiten solcher unmenschlicher Handlungen hier vorgeführt zu erhalten. Das Gerücht von der Pfählung habe sich übrigens als Uebertreibung herausgestellt. — Der Etat wird genehmigt. — Es folgt der Etat für Togo. — Abg. Hasse (nat.-lib.) regt an, in unseren
15. Fortsetzung.
Lin Familiengeheimniß.
Roman von A. Foorc.
Berechtigte Uebersetzung aus dem Holländischen
von Hermann Koppel.
Edmund behauptet in einem fort, daß ich dadurch, daß ich ihn unterstütze, eine mir thenere Person vor Schande und Schmerz bewahre; wenn sic es doch wäre, wenn ich durch Aufopferung des Wenigen doch Laura glücklicher machte!. Ach, wciiii ich das wüßte, wissen-könnte, wie gern thäte ich es! Welch eine Freude, denken zu können, daß ich doch für sie gewirkt und gespart habe!"
Am Abend des Sechzehnten, eben nachdem es dunkel geworden, klopft Georg an Edmunds Zimmerthür, und bevor dieser hat ausspringen können, in der Absicht, jedeii ungebetenen Besucher abzuwehren, stehen sich beide Brüder einander gegenüber.
„Nuii, Edmund, wie geht's?" sagt der ältere, inbetrt er versucht, möglichst unbesorgt anszusehen, niid Edmund
die Hand drückt. „Tu siehst, ich komme selbst.
Gott! was ist das?" Mit erstauntem Blick starrt Georg nach der Ecke des Gemachs, wo eine Frau steht, die ihrerseits ihre Augeii unverwandt aus ihn gerichtet hält. Nach Georgs flüchtiger Berechnung kanii sie nicht viel älter als 25 Jahre sein und hat in ihrem ganzcii Wesen etwas sehr Nettes, obwohl sie gaiiz die Schlankheit und Biegsamkeit vermissen läßt, die eine schöne Frau zur Dame machen; das schwarze Haar ist aus eine zwar zierliche, aber sehr künstliche Weise aufgekämmt, das grobe Gesicht ist regelmäßig und geröthet; die dunklen Augen aber glühen so feurig und unverschämt und der Ausdruck des Mundes ist so frech, daß Georg, in dem das Gefühl für das Schöne mit demjenigen für das Gute und Reine in eins verschmolzen ist, sich mit Abscheu von ihr wendet. Das ist also das Mädchen, dessen Porträt Edmund bei sich trägt,
das die Frau, die der arglose Knabe sittsam und gut genannt hat.
Es herrscht eine peinliche Stille im Zimmer. Edmund ist in seinen Stuhl niedergefunken und drückt die Hände vor fein glühendes Gesicht, um den Blick schmerzlichen Erstaunens nicht zu sehen, den sein Bruder il)m zuwirst.
„Edmund, sage mir, wer ist das Frauenzimmer?" fragt Georg endlich halb flüsternd. Keine Antwort.
„Edmund, ich frage Dich, was thnt sie vier?" fährt er dringender fort.
Ein funkelnder Blick .risst ihn aus den schwarzen Augen, und das bis jetzt unbewegliche Standbild kommt einige Schritte näher.
„Wer giebt Ihnen das Recht, mein Herr", fragt sie in rauhem Ton, „von mir in solcher WeijFzu sprechen?"
„Nehmen Sie es mir nicht übel, Fräulein", sagt Georg höflich, „wenn ich Sie beleidigt habe; aber wie können Sie verlangen, daß ich mit Achtung von einem Mädchen spreche, das ich des Abends, allein, auf dem Zimmer eines Studenten antresfe?"
Sie bricht in ein rauhes und gehässiges Lachen ans.
„Machen Sic sich keine Kopfschmerzen, mein Herr, ich komme zu keineni anderen Zweck hierher, als nnt Geld zu holen — und das werde ich auch bekommen."
„Vielleicht", sagt Georg, der jetzt begreift, mit wem er es zu thun hat.
„Sie wissen nicht, mein Herr, mit wem Sie es zu thun haben, das merke ich schon. Wissen Sie wohl, mein Freund, daß ich keine zehn Worte zu sprechen brauche, um Ihrer ganzen Familie die größten Unannehmlichkeiten zu bereiten?"
„Na, na", sagt Georg, unter eineni ungläubigen Lachen seine ängstliche Furcht verbergend, „das glaube ich noch nicht so ohne Weiteres."
„Anna", fällt Edmund ein und springt hastig auf von seinem Stuhl, „sprich kein Wort mehr, ich will nicht, daß er es erfahren soll."
„Wollen? Herr Edmund, Sie sprechen noch von nicht
wollen? Wer das Geld giebt, hat mir zu befehlen; ein armer Schlucker, der nicht mal ein paar Hundert Gulden anschafsen kann, nicht."
„Sei ruhig, Edmund", sagt Georg, indem er einen kräftigen Anlauf nimmt, um selbst nicht die geringste- Bewegung merken zu lassen, „und laß das Fräulein erzählen, was sie weiß. Du begreifst", fügt er leiser hinzu, aber doch so, daß jene es verstehen kann, „es wird nicht viel sein. Nun, Fräulein, bekommen wir das wichtige Geheimniß bald zu hören?"
Das Mädchen geräth vor Wuth über eine solche Ruhe außer sich selbst.
„Thun Sie nur so, mein Herr, als ob Sie nichts davon glauben; Ihre Haare werden Ihnen doch zu Berge stehen."
Ein kalter Schauer fährt Georg durch die Glieder. Er wird von den Lippen dieser Frau ein Geheimniß vernehmen, das seine theuersten Beziehungen, vielleicht sogar Laura betrifft, ein Geheimniß, das Schmerz und Schande
über ihr geliebtes Haupt bringen wird -. und er wird
vielleicht nicht im Stande sein, sie gegen die Folgen davon zu schirmen, er wird die Gefahr von ihr vielleicht nicht abwenden können.
Tie Lampe bescheint da» dunkle, unheilverkündende Gesicht der Besucherin, wie sic, beide Arme über einander geschlagen, ihren dämonischenBlick aus den beiden Brüdern ruhen läßt, und als Georg in die unbarmherzigen Gesichtszüge schaut, beginnt ec die Entdeckung des Geheini- nisses als sein Todesnrtheil zu fürchten. Nur mit Mühe überwindet er sich selbst genug, um mit scheinbarer Gleichgültigkeit zu fragen: „Nun, Fräulein, wird es bald?"
„Georg, ich bitte Dich, frage nicht weiter", ruft Edmund aus, „es wird Dich . . . ."
„Ich lütte Sie, zu sprechen, Fräulein", sagt Georg in gebietendem Tone.
Und sie spricht. Mit der schmucklosen Oftercherz
