Der Roman.
i » . ,.3 i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, s -H
^ Nr. 131.
Sreitag» 2. Juli.
1913.
SV
(23. Fortsetzung.)
Um die veute.
Kriminalroman von Neinhold Ortmann.
<NaÄ>ruck verboten.)
„Ich habe ein StädtÄexikoN und die Karte genau durchstudiert", sagte er. „Ich habe dabei gefunden, baß es darin nur einen einzigen Ort gibt, der die betreffenden Buchstaben enthält. Es ist das Städtchen Liebenfelde, das glücklicherweise nur ein paar Meilen von hier entfernt ist. Ich werde, also nicht gar zu Viel kostbare Zeit verlieren, wenn ich dahin fahre, um an Ort und Stelle nach dem Adressaten des geheimnisvollen Briefes zu forschen. Roch in dieser Stunde gedenke ich abzureiisen, und sobald ich etwas ermittelt habe, das für unseren Zweck von Bedeutung ist, werde ich Ihnen telegraphische Nachricht geben."
„Ich bitte Sie darum, und ich wünsche von ganzem Herzen, daß Ihre Bemühungen von Erfolg sein möchten. Aber Sie dürfen mir natürlich nicht hierher in unsere Wohnung telegraphieren. Meine Mutter braucht nichts zu wissen. Richten Sie die Depesche also unter den Anfangsbuchstaben meines Namens postlagernd an baS Haupttelegraphenamt. Ich werde morgen nachmittag dort Sdachfrage halten."
Er versprach, sich nach ihrem Wunsche zu richten, und schon nach einer Viertelstunde war er ans dem Wege nach dem Bahnhofe.
Als Hanna am nächsten Mittag auf dem Tele- graphenamt erschien, um sich nach einer unter der Chiffre H. W. emgelaufenen postlagernden Depesche zu erkundigen, reichte ihr der Beamte ein, wie er sagte, schon vor zwei Stunden eingegangenes Telegramm.
Mit bebenden Fingern löste Hanna den Verschluß und las: „Spur gefunden. Kommen Sie sofort hierher, habe Ihnen wichtige Mitteilungen zu machen. Hartmann."
Hanna wäre am liebsten gefahren, ohne zuvor noch jeinmal nach Hause zurückzukehren. Wer sie war fast ühne Mittel, und da sie jedenfalls nicht mchr an dem-
{ alben Tage hätte zurückkchren können, mußte sie sich »och auch mit etwas Wäsche versehen. Sie fuhr also in die elterliche Wohnung zurück, wo noch immer keine Nachricht von ihrem Vater eingetroffen war, ersann unterwegs irgendein Märchen von der Erkrankung einer Freundin, die sie notwendig besuchen müsse, und bestieg in einem Zustande fieberhafter Erwartung den AbendMg, der sie nach Liebenfelde bringen sollte.
, Neunzehntes Kapitel.
.. „Der Herr Doktor möchten doch sogleich zum Gemeindevorsteher Liebenow nach Hausdorf kommen. Der aramttt ist von einem Pferde geschlagen worden rmd schwer verletzt. Seine Leute fürchten, daß es mit ihm zu Ende geht." ■, _
Es war gegen zehn Uhr abends, als die Haus-
S ln mit dieser Meldung in das Arbeitszimmer rdts trat. Er war sofort bereit, seine ärztliche ; zu erfüllen.
„DSan hat doch einen Wagen mitgeschrckt? fragte er. • Aber die Haushälterin verneinte. „Der Junge, der
die Botschaft brachte, sagte, er sei mit der gerade angehenden Post von Hausdorf hierher gefahren, weil das Anspannnen viel Zeit erfordert hätte."
„Das war sehr töricht, denn mm werden wir dre- selbe Zeit hier verlieren. Gehen Sie also, bitte, zum Fuhrhalter Karstens und sagen Sie ihm, er solle mir so schnell wie möglich die Halbchaise schicken. Inzwischen packe ich mir die Instrumente und das Verbandzeug zusammen."
Es mochten kaum mehr als zwanzig Minuten seit dem Eintreffen der Meldung vergangen sein, als Doktor Ruthardt die mit zwei Pferden bespannte Chaise bestieg und in der Richtung nach Hausdovf abfuhr.
Es war ein dunkler, mondloser Abend, und trotz der pevhältnisnräßig frühen Stunde herrschte in den schlecht beleuchteten Straßen des Städtchens bereits tiefe Stille. Ein Nachtwächter ging bald nach >der Abfahrt des Wagens an dem Hause des Doktors vorüber. Dann regte sich lange Zeit nichts mchr in der Um- gichung des kleinen, unansehnlichen Gebäudes.
Ms aber die Uhr auf denr Turme der nahen Kirche zum Schlage der elften Stunde ausholte, löste sich aus dem Dunkel eines dem Hause gegenüberliegenden Tor- Wegs eine Männergestalt, die lautlos über den Fahr- damm huschte.
Paul Grevenbevg hatte auf seinem sicheren Beobachtungsposten ausgeharrt, bis sich «das letzte erleuchtete Fenster — das Fenster eines Giebelzimmers — verfinstert hatte und bis er annehmen konnte, daß alle Bewohner des Hauses im Schlummer lägen.
Nun verschwand er in dem Gange, der zwischen den beiden Gärten dahinführte, und schwang sich ohne sonderliche Mühe iiber das niedere hölzerne Gitter zu seiner Rechten. Als er vor einigen Tagen die Gelegenheit ausspähte, hatte er die Fenster im Erdgeschoß aus- merksam genug gezählt, lrm zu wissen, welches , von ihnen das des WarteziiUmers war. Noch eine Minute lang blieb er wie in einer Anwandlung von Furcht oder wie in einem der letzten inneren Kämpfe unter demselben stehen, dann begann er an den Latten des Spaliers in die Höhe zu klettern, um die Brüstung zn gewinnen. Seine Glieder waren ungelenk, und seine Muskeln schwach geworden während der langen Gefangenschaft. Was für einen Menschen von, normalen Kräften ein leichtes gewesen wäre, bereitete ihm ziemliche Anstrengung, und seine Brust keuchte, als es ihm endlich gelungen war, sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers aus das breitausladende Gesims des Fensters hinaufzuziehen.
Wer das Schwerere stand chm noch bevor Er mußte eine der Scheiben mit der mitgebrachten Schmier- seife bestreichen und sie vorsichtig eindrücken, um dann von innen den Fensterriegel öffnen zu können. Trotz aller Behutsamkeit ging es dabei nicht ohne ein lejseS Klirren ab, und als er den Arm durch die entstandene Öffnung schob, ritzte ihm ein vorstehender GlasspIMer die Haut. Er spürte >den Schmerz kaum, abe, ,r fühlte,
