Seilage Min Wiesbadener Tagblatt.
U-. 101. Morgen-Ausgabe.
Samstag, de« 1. Marz.
50. Jahrgang. 1002.
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D» ftnb’ft in Dir die Rübe nicht.
Den milden Hauch von Gotte« Gnaden,
So lang von Deiner Schuld Gewicht Du willst ein Theil auf Andre laden.
Nicht, wenn Du da», wa« Dich gelenkt.
Bo» dem. war Du gcthan hast, trennest;
Dir ist die Schuld nur ganz geschenkt,
Wenn Du zur ganzen Dich bekennest. Rückcrt.
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<34. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Das Wunder der ßicbe.
Roman von Kngo Alp Ko nie Mevel.
„Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob er es nicht etwa au» den Akten, — vorn Gericht erfahren hat — ?"
..Wieso vom Gericht?" fragte Malvine hocherstaunt.
„Nun, wegen des Einbruchs in Ihrer Wohnung, da- molls — obwohl, — Herr von Drach wird wohl nicht vernommen worden sein. — Damals zitterte ich vor einer
Begegnung mit ihm. — vor Gericht-" Sie bedeckte
schaudernd die Augen mit der rechten Hand.
„Was hatten denn Sie damit zu thun?" fragte Mal- vme aufgeregt, da sie denken, grübeln, den Zusammenhang finden wollte und fühlte, wie wehe ihr das Denken that. - „ .
„Nun. da es doch mein Bruder war. der — Sie kam nicht weiter; sie bemerkte zu spät, daß Malvine nichts ge wußt hatte, doch nun hatte sie bereits Alles errathen.
„Ihr Bruder — Einbruch —" Eine dunkle Rothe überzog ihr blasses Gesicht, und Malvine sank bewußtlos zurück. Marie bemühte sich um sie und rief in ihrer Angst nach der Krcnlkenwärterin. Die Ohnmacht sedoch dauerte an, und der Arzt «rußte gerufen werden. Holger wurde benachrichtigt.
Marie, tief erschüttert, von den furchtbarsten Bor würfen gequält, entfernte sich unbemerkt, als Alles um die Kranke sich bemühte; es ging zu Ende, hieß es.
Malvine stamnrelte wilde, abgerissene Sätze, die Allen unverständlich waren. Die Purpurröthe im Gesicht hielt an. Holger bemühte sich, die wilden Worte zu verstellen, um vielleicht daraus zu eirtnehmen. woher dieser plötzliche Rückfall stammte. Daß er mit Marie in irgend einem Zusammenhang stand, das ivar klar. Auch den,lesen die Namen „Holger" — „Marie", die in ihrem Delirium wiederholt vorkanren, daß die Unterredung diese Ursache war. Sollte Marie von dem Opfer ihrer Lüge gesprochen hoben, womit sie ihn für Malvine gerettet? Oder ivar der Anblick des Knaben daran schuld?
Das war kein Phantasiren mehr, es ivar Tobsucht, wie ein Kampf gegen mrstürmende Geister und Furien. — und das Fieber stieg und stieg. Der Geistliche mm benachrichtigt worden, ihr die letzte Oelmig zu spenden. Die traurige Handlung geschah, ohne daß Malvine das Bewußtsein erlangt hätte. „ B ,
Gegen Mitternacht zeigte der Puls, da,; dm- Lieber aufs Höchste gesfiegen war. Mit einem Mal erwachte sie. vollkommen klar u,n sich blickend und winkte Holger an
ihr Bett heran. Das Zimmer erschien ihr so nneirdlich lang, und ein dumpfes Geräusch, wie viele Stimmen durcheinander, schlug wellenartig an ihr Ohr. Sie flüsterte ihn, heimlich zu, mit angstvoll aufgerissenen Augen, den Blick nickt von seinem Mund gewendet: ..Schicke sie fori. Allein."
Der Arzt hielt es kür das Rathsamste. ihrenrWimsche zu willfahren. Er. der Geistliche und die fromme Schi vaster zogen sich ins Nebenzimmer zurück. Die Gatten blieben allein.
Malvine versuchte sich halb auszurichten und auf den rechten Ellbogen zu stützen, indeß die Linke Holzers Hand ergriff und sie an ihre heißen Lippen führte. Mm, sah ihren herabgesenkten, überhängcnden. schweren Kops bei jedem keuchenden Athemzuge sich heben und senken., wie wenn er jeden Augenblick flach ans das Gesicht nieder salleir müßte. Man konnte sehen, wie sie körperlich kämpfte, Worte herauszubringen; denn die Angst vor Holger war verschwunden, — sie hafte nur eine.Angst, daß der Tod eintreten könnte, ehe sie Alles gesagt.
„Marie war hier", stteß sie hervor, während der da- rauffolgenden Pause heftig ctthmend. indeß ihr Kops noch tiefer sank, ohne daß sie ihn erheben konnte, ohne daß sie ihn ansehen konnte, sondern gezwungen war, auf den Teppich zu starren.
Er wendete sich halb absetts, mit der Linken Mal- vinens Haar berührend; er wollte sprechen. Sie aber ließ ihn nicht zu Worte kommen.
.Laß mich! — Jetzt will ich — reden. — Habe lang genug geschwiegen. — verbrecherisch geschwiegen", kam es in kurzen Msätzen hervor. „Ich will nicht ohne Deine Verzeihung — sterben. — Ich war die Schuld alles Unglücks. — ich liebte Dich zu sehr, — wollte Dich besitzen — um Alles-. — jeden Preis. — Ich war damals bei Marne. — als Du verreist warst — nach der Scene — Dich suchen. — Da sagte sie mtt Alles." — Sie athnrcte schwer, ein dumpfes Brausen im Gehirn; das .Kinn ruhte beinahe auf den, weißen Bettlaken. Sie fühlte, daß es gleich vorbei sein mußte. Nur noch so viel Kraft, wenige Sekunden noch.
Holger war zurückgetainnett, todtenblaß. auf die Beichtende starrend, mit erstickter Stimme ftagcnd. mtt Angst vor der Frage: „Was hat sie Dir gesagt? _
„Alles". keuchteMalvine weiter, ihre abgerissenenSätze überftürzeiid. „Daß sie Dich noch liebte — treu war, daß sie Dir vorgelogeii, sie hätte einen Geliebten — tan Bruder — damit Dl von selbst gingst — leichtere Trennung — Dich zu retten — und ich --" Malvine hob
mühsam den schiveren Kopf, nach oben starrend, wie um einen Höheren um Vergebung zu flehen, ihn bittend, ihr noch etwas Kraft zu verleihen; der ganze Körper hob und senkte sich unter ihrem schweren Athem. der Kopf wiegte sich nach rückivärts. die Augen schlossen sich und die we,- tereii Worte waren nur mehr geflüstert, röchelnd beraus gestoßen, kaum vernehmbar.
Holger mit irrsinnigen Blicken hing an tan Lippen bei- Sterbenden, die sich noch fest auf tau Ellbogen stutzte, indeß der Kops weit nach hinten überfiel. Seine Fäuste wareil geballt, sein Körper gekrümmt, wie zum Sprunge
bereit. Er sah die Sterbende nicht mehr, er sah nur
Marie, sein verlassenes Lieb, das sich geopfert - -
„Und Du? — Was thatest Du?" Die Worte waren drol)eud, furchtbar. „
„Ich bat sic. Dich mir zu lasseii — die Lüge nicht zu entdecken — sie war ja stark — konnte Duh tireffen — die Stärkere — aber ich wäre gestorben — ich liebte Dich — liebte Dich — und diese Oual — das Gewissen die Furcht vor Eutdeckuug — zehrte an meinem Leben. — Wenn Du unglücklich gewortari bist — bin ich schuld — ich litt ja auch — unsagbar —"
Holger schlug die Hände vor das Gesicht, und um wildem Aufschrei, die Schuldlose zu rächen, mit geballten, hocherhobenen Fäusten stürzte er auf ihr Lager los.
Da richtete sich die Sterbende noch einnial^auf. blickt« Um mit großen, unirdischen Augen. seinen schlag lahmend, an, einige Augenblicke sahen sie sich regungslos w die Augen; sie gefttitzt auf die Arme, erstarrt. — er. »u Fäuste erhoben, erstarrt, bleich, verzerrt, gebend, ^aaw sank sie zurück, der angstvolle Blick ihrer Todesfurcht verwandelte sich in einen Blick unendlicher Bitte um Vergebung und Liebe, und die Finger verflochten sich wie z, einem Gebet, als sagte sie: „Thu' mir nichts: «ch fehl ' aus Liebe. Ich bin ohnedies bestraft. Thu mir nicht»!
Seine Fäuste schlugen seine eigene Stirn, und in en erschütterndes Weinen ausbrechend, erlösend, befreiend, stürzte er vor dem Bette nieder, in das Lager, schluchzen»
und bebend. „ r .
Er fühlte eine Hand auf seinein Haupt, leise, dann immer schwerer. Die Hand blieb liegen. Als er tta er hob und er fein Weib ansah, lag es mit geschlonenen Augen, einen schmerzvollen Zeig um den Mund, aber voll Frieden.
Malvine war todt.
X.
Als Marie in ihr einfaches Heim zurückgÄommm war. so sämmcklos. kahl und kalt, war es chr. ms fühlte sie sich neu geboren, von eüiem furchtbaren Alp befreil. den sie in der reichen, üppigeir Drach'schen Wohnung em° pfmrtair. wo nichts herrschte als Schmerz und tar Vod lautlos seine Fttttche spannte. Dort stand das Unglück, die Seelenverzweiflung Malvrnens m grellen Kontra: mit tar Behaglichkeit und Eleganz der Wohmmg; hwr wenigstens stimmte Alles so recht uberem. Was Anderes sollte in diesem kahlen Zimmerchen denn leben al» da.- Unglück? Hier empfand maii es welliger, well gleichmäßiger als dort in tarn Hause, von dem em Fremder sagen würde: „Gott, wie fchon die wolmen! Ja. dre smd
^^T^r Tod!! Würde sie denn sterben? Und dann? “ Mit "wahnsinnig erschreckten Augen, als horte Schritte a'.lf der Treppe, ettte sie an die Stubentchir imL schloß sie ab. an derselben mtt zuruckgehaltenen. Mhmf lauschend. Wie l,m ein Phantom zu »eriagen Itnch sie sich über die Stirn, ein — zwei Mal. ihr Blick flog auf das schlafende Kind. Eine innere Sttmme spmch. bist eine schlechte Mutter. Du tanku cm ta n .Kmd mctp
1 (Fortsetzung folgt.)
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