Einzelbild herunterladen
 

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. ISO. Donnerstag» I. Juli. 1016.

K27. Fortsetzung.)'

Wllt öfC < Nachdruck verboten.)

Kriminalroman von Neinhold Ortmann.

Achtzehntes Kapitel.

Am zweiten Vormittage nach seiner Mreise kehrte Kartmann in die Wcndrinersche Wohnung zurück. Hanna war es, die ihm auf sein Klingeln öffnete, wie seither jedes Anschlägen der Glocke sie veranlaßt hatte, km die Lür zu eilen.

Sie erschrak, als sie ihn erkannte, und in ihrer ersten Bestürzung konnte sie nichts anderes herausbr:ngen als: .Sie sind wieder da? — Wo ist mein Vater?"

„Darüber werde ich Ihnen Auskunft gelben, Fräu- lein Wendriner", sagte er sehr gemessen, „wenn Sie mir sofort eine Unterredung unter vier Angen ermög­lichen wollen. Ich habe Wichtiges Mit Ihnen zu sprechen."

Hanna zauderte, aber ihre Unentschlossenheit tvar Nilr von kurzer Dauer, denn sie war nicht feige. „Lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen", erwiderte sie. „Ich stehe zu Diensten." Und als sie dann allein mitetn- ander waren, wiederholte sie ihre vorige Frage: „Wo ist mein Vater? Warum sind Sie ohne ihn zurllck- gekommen?"

,Hhr Vater befindet sich als Polizeigefangener im Kreiskrankenhause zu Branideustelin. Nur dem Um­stand, 'daß er seit seiner Einlieferung vernehmungs- iunfähig tvar, -daß er keinerlei Legitimationspapiere bei sich führte nnld sich unter einem falschen Namen in das Fremdenbuch des Hotels eingetragen hatte, haben Sie es zuzuschreiben, daß man Ihnen noch keine amtliche Nachricht davon zukommcn ließ."

Hanna lehnte totenbleich am Tische, aber sie setzte seiner Rücksichtslosigkeit eine trotzige Selbstbeherrschung entgegen.

„Er ist also schwerkrank, trotzdem er doch ganz ge­sund war, als er uns verließ?"

„Die Arzte des Krankenhauses sagen, es sei sin Nervenchok, unter dem er zusammengebrochen fei. Auf Kinen Zustand furchtbarster Aufregung folgte eine voll­ständige Apathie. Er ist anscheinend bei Bewußtsein, über er zeigte keinerlei Interesse für das, was mit ihm geschieht, und antwortet auf keine der ihm vorgelegten Fragen."

„Es ist also genau dasselbe wie damals nach dem Zusammenbruch, als die Anklage wegen betrügerischen Bankerotts gegen ihn erhoben wurde. Damals hatte er es im Verlauf einer Woche überwunden."

„Soviel ich gehört habe, ist die Prognose der Ärzte diesmal weniger günstig. Man hegte zur Zeit meiner Abreise sehr ernste Besorgnisse um sein Leben."

Noch immer veränderte sich in Hannas bleichem, starrem Gesicht keine Linie. Als hätte sie seine letzten Worte gar nicht gehört, fragte sie weiter: „Sie sagen, haß er als Pokzeigefangener im Krankenhause ist? Wgrum das? Er hat während seines kurzen Aufent- ycklts in Brandenstein doch wohl kaum etwas Straf- würdiges getan?"

„Er wurde überrascht, als er zu nächtlicher Stunde auf dem Kirchhofe einen Grabhügel zerstörte. Auf Grabschändung aber sind strenge Strafen gesetzt."

Nun war Hanna doch in Gefahr, ihre Fassung zu verlieren. Der kalte, durchdringende Blick dieses er­barmungslosen Menschen bohrte sich wie ein Dolch­messer in ihre Seele, und für einen Mmnent mußte sie ihre Augen mit der Hand bedecken, .um ihn: zu ent­gehen.

Hartnrann wartete ein paar Sekrinden lang, dann fuhr er ohne die leiseste Regung des Mitleids fort: „Es wundert mich, Fräulein Wendriner, daß Sie gar keime Frage nach der Ausbeute meiner Brandensteiner Reise an mich zu richten haben. Interessiert es Sie denn so wenig, ob es Ihren: Vater uird nrir gelungen ist, die verborgenen Schätze des Herrn Grevenberg zu heben?"

Sie antwortete ihm nicht.

Stach kurzen: Warte:: sprach er weiter: „Oder wußten Sie vielleicht schon vorher, daß wir nichts finden würden? Jetzt, da der Freund, für den Sie sich so heldenmütig geopfert haben, wohl schon in Sicherheit ist, könnten Sie es an: Ende ruhig zugeftehen."

Hanna ließ die Hand sinken und sah ihn an. Ein Ausdruck düsterer Entschlossenheit war auf ihrem Ge­sicht. „Warum spielen Sie mit mir wie die Katze mit der Maus? Wenn ich Sie betrog, hätte ich Ihnen da­mit denn etwas anderes angetan als Sie mir? War denn Ihre angebliche Frenndschast für mich von allem Anbeginn etwas anderes als schändlicher Betrug?"

„Ich habe auch gar nicht die Msicht, Ihnen Vor­würfe zu machen. Jeder nimmt seine Interessen wahr, so gut er kann — das ist sein unzweifelhaftes Recht, und der Dümmere muß sich darein ergeben, wenn in diesem Jnteressenkampfe der Klügere den Sieg behält. Vielleicht nracht cs Ihnen Vergnügen, Fräulein Wen­driner, wem: ich Ihnen ausdrücklich zugeftehe, daß Sie bis zu diesem Augenblick die Klügere gewesen sind."

Da lachte sie schneidend auf. „Die Klügere? —< Wollen Sie mich verhöhnen? Die Klügere — ich? — Die sich von einem Schurken hintevgehen ließ wie ein ahnungsloses Gänschen?"

Hartmann horchte aus. Der Ton, der da an sein Ohr geschlagen war, klang wirklich echt. Aber er hatte gelernt, diesem Mädchen gegenüber auf der Hut zu sein. „Ein neuer Aufzug der Komödie also? Meinet­wegen I — Aber wozu die Anstrengung? Es ist nicht mchr der Mühe wert, mich am Narrenseil herum- zuführen. Ich habe ja ausgehört, einer 'der Mitwirken- den in diesem Possenspiel zu sein. Was jetzt noch zu tun ist, wird die Polizei besorgen, und Sie müssen Ihre Künste deshalb schon an einer anderen Stelle versuchen."

,.O nein, mein Herr! In dieser Sache ist es mit meiner Kunst und mit meinen Künsten zu Ende. Ich wünschte aus tiefstem Herzen, die Kriminalphliizör wäre geschickter als Sie."