Seite 2. 18. Februar IN«» Wiesbadener Tagvlatr (Morgen-Äusgade). Berlag: Langgafte 87. a«. Jahrgang. 9(v, 78»
t«iß Sie ins Schloß gegangen sind ..„Ich bin nicht ms Schloß gegangen ..." Der Ton läßt keine Wider- jseöe zu. Ich beharre nicht weiter ... Ich danke, grüße und ziehe mich zurück." Der eifrige Franzose, der dem Gehesinniß durchaus auf die Spur kommen will, setzt seine Untersuchungen nun fort. Sein Ergebniß faßt er folgendermaßen zusammen: „Die spanischen Zeitungen erzählen, daß Mme. de Thdbes nach Madrid gekommen ist, um die Hand einer sehr hoben Persönlichkeit zu prüfen. Sie selbst leugnet diese Thatsache nicht. In Madrid ist Jedermann davon riberzeugt, daß sie die Hand des Königs geprüft und sich zu dem Zweck ms Schloß begeben hat. Diese beiden Thatfachen leugnet Mme. de Thdbes energisch. Aber ein Schloßbeamter hat im Schloß eine Frau gesehen, deren Signalement ziemlich gut auf Mme. de Thdbes patzt. Diese Dame ist in die Privatgemächer geführt worden, wo sich die Königin-Regentin, der König, die Infantin und etwa fünfzehn Personen befanden. Der König wird demnächst mündig. Und jetzt mag Jeder den Schluß selbst ziehen ..."
Der Freiheitskrieg der Suren.
Von Ben Viljoens Kommando. Ein junger Holländer, der noch im September vorigen Jahres bei Ben Viljoens Kommando stand, macht, wie schon kurz gemeldet, über diesesCorps einige interessanteMittheilungen, die verschiedene holländische Blätter wiedergeben. Er versichert, daß man in diesem Kommando fester denn je entschlossen sei, durchzukämpfen, und daß sich wohl keine fünfundzwanzig Mann fänden, die einen Frieden auf anderer Grundlage als vollständiger Unabhängigkeit guthießen, „und wenn es noch fünfzehn Jahre dauern sollte".. Sie tragen ihr Elend mit Ergebung und Entschlossenheit und haben sich allmählich so abgehärtet, daß ihnen Wind und Wetter und die miserabelste Nahrung weder die Gesundheit noch den Muth verdirbt. Sie bepflanzen kleine Stückchen Land nnt einer Art Mais und Kaffernkorn und diese bebauten Fleckchen sind zu zahlreich, um von den Englcnrdern gefunden und verwüstet zu werden. Die letzte Ernte war gut und von dieser bescheidenen Nahrung haben sie in Fülle. Nur Salz fehlt und sie fühlten sich glücklich, wenn sie eine Hand voll auftreiben konnten. Auch an Munition war kein Mangel; man hat Lee-Metfords und noch vereinzelt Mauser. Ihre Kleider verschleißen und andere können sie nur von den Engländern nehmen. „Ich selbst", sagt er, „stak in der Uniform eines Kapitäns, als ich gefangen wurde. Viele Buren wollen wieder nichts wissen von englischen Uniformen, die voller Ungeziefer stecken. Nur selten dringt eine Nachricht von außen zu ihnen. Eine Zeitung war ein Ereignih, und man las sich mit Vergnügen die Notizen vor von zahlreichen Tobten, Gefangenen und ruheloser Flucht ihres eigenen Kommandos, wovon sie selbst oft genug nichts wußten. Da stets noch Nachschub kam aus der Kapkolonie, „die viel mehr in Aufruhr ist, als die englischenTelegramme vermuthen lassen", so erklärt sich die räthselhafte stetige Ergänzung desCorps trotz der übertrieben angegebenen Verluste. Franzosen, Deutsche und Holländer sind bei dem Corps, erstere führt ein Gras Jules Fernande und unter den Deutschen sei her Erfinder der Methode gewesen, Eisenbahnzüge mit geladenen Gewehrläufen in die Luft zu sprengen. Er wurde verwundet, gefangen und sofort erschossen. Eng schlössen sich die Deutschen aneinader an. Die Blockhäuser hätten bei Weitem nicht die Wirkung, die ihnen die Engländer geben. Will ein Kommando mit aller Kraft eine Blockhauslinie forciren, dann kommt es so, wie es auch die englischen Berichte nicht verschwiegen. Die Zinkdächer ließen eher: trotz der Sandlage die Kugeln durch. Zum Nachfolger Ben Viljoens werde wahrscheinlich der stellvertretende Kommandant De Jong, ein Holländer, ernannt, der das volle Vertrauen der Buren besäße. Ferner ist der Kapitän du Toit von der Staatsarsillerie einer der Izeroorragenderen Offiziere. Er wurde bei Nicholsonsnek am Bein verwundet und kann
daher jetzt nur noch schwer und meist mit fremder Hülfe aufs Pferd. Geregelte Arfillerie führte Viljoen keine mehr bei sich. Er begnügte sich damit, hier und da erbeutete Stücke auf ihre früheren Besitzer zu richten. Auch die Entgegnung Ben Viljoens auf die bekannte Kitchener- sche Proklamation veröffentlicht heute ein Blatt. Sie datirt vom 6. September 1901 und weist zurück, daß das Kommando nur schwache Kolonnen und kleine Posten anfalle. Die Thaten zu Lydenburg (Einnahme des Fort M. Tabu rc.) sprächen zur Genüge. Dann wird mit Bezug auf die Beschädigung, daß die Buren Koffern ermorden, sarkastisch bemerkt: „Ta aus den Berichten des Lord Kitchener hervorgeht, daß diese Räuberbanden englische Soldaten sind, so wollen wir sie denn forstan als solche behandeln." Nichts kommt in dieser Proklamation vor, das dm scharfen Maßnahmen entspräche, die Botha damals erließ. Sie ward zum großeir Aerger der Engländer mehrmals in den Konzentrationslagern zu Middelburg angeschlagen, ohne daß der Thäter zu erwischen war. Ergeben hat sich aber Niemand von Ben Viljoens Kommando trotz Kitcheners Erlaß.
Aus Stadl und Kand.
Wiesbaden, 13. Februar.
j. Eisenbahn-Personalien. Dem Weichensteller erster Klaffe Walter zu Limburg wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen. — Versetzt wurden: ,Betriebssekretär Koppe von Frankfurt nach Limburg, Statioiks-Assistent Dörhös er von Höchst behufs Verwaltung der Station nach Soden, Stations-Assistent Letzing von Betzdorf nach Höchst, Stations- Assistent Schmitt von St. Goarshausen als Stations-Verwalter nach Kestert, Stations-Verwalter Heerdt von Dotzheim nach Frankfurt und Stations-Verwalter Hoffmann von Kestert nach Dotzheim. — Ernannt wurden: Stations-Verwalter Heerdt zum Kgl. Güter-Expedienten, Stationsdiätar Petri in Schierstein zum Stations-Assistenten. — Stations- Aspirant Kröcker in Braubach hat die Prüfung zum Eisenbahn- Assistenten bestanden. — Stations-Assistent Flügge hier ist pensionirt worden.
— Der Yö, Geburtstag war am 11. Februar Herrn Rentner Friedrich Seher, dem langjährigen verdienstvollen Direktor des „Allgemeinen Vorschuß- und Sparkassen-Vereins, E. G. m. b. H." Hierselbst beschieden. In geistiger und körperlicher Frisch« war es dem Geburtstagskind vergönnt, zahlreiche Glückwünsche aus Freundes- und Bekanntenkreisen entgegenzunehmen. Daß unter den Gratulanten auch Vorstand und Aufsichtsrath des obengenannten Vereins nicht fehlten, ist selbstredend. Auch wir möchten uns denselben noch nachträglich anschließen.
— Berücksichtigung der Individualität in der Erziehung. Im 3. Gesang des bürgerlichen Epos „Hermann und Dorothea" ist der Löwenwirth über seinen Sohn Hermann zornig, der sich so schwer in die Ansichten seines Vaters fügt und nach der Meinung des Vaters niemals die Pflichten eines echten Stadtbürgers Nachkommen wird. Die stille, sinnende Weise, in der sich der Sohn bisher gezeigt, sagt ihm nicht zu. Er hätte es gern gesehen, wenn er in die Fußtapfen seines Vaters treten würde und das vom Vater Ererbte weiter vervollkommnet hätte. Dem Zorn des Vaters tritt die Mutter entgegen mit den Worten: „Wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht
formen; so, wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, sie erziehen aufs Beste und Jeglichen lassen gewähren. Denn der Eine hat die, die Anderen andere Gaben; Jeder braucht sie, und Jeder ist doch nur auf eigene Weise gut und glücklich." Damit hat die Mutter das Richtige getroffen, wenn sie auf die individuelle Seite der Erziehung weist. Gar häufig begegnet man solchen Bemühungen, die darauf zielen, das Kind in Bahnen ei-nzulenken, die der Eigenart desselben gar nicht entsprechen. Sie werden in Verhältnisse geschoben, zu denen sie keine Neigung haben, in denen ihre angeborenen Kräfte verkümmern. „Mein Sohn muß studiren; denn ich habe das Geld dazu." So sagt wohl mancher begüterte Vater in seinem Stolz. Nun gut, wenn Kräfte und Neigung vorhanden sind, dann ist hiergegen nichts einzuwenden. Wenn aber die geisügen Anlagen nicht ausreichen und der Sohn wird durch allerlei Lockmittel an
getrieben, dann wird die Erreichung des Zieles sehr fraglich erscheinen; jedenfalls ist von Arbeitsfreudigkeit keine Rede. Wie ganz anders strebt der Mensch einem Ziele zu, wenn das ganze Sinnen und Trachten darauf gerichtet ist. Entsprechend den verschiedenen Gaben, wie sie die Kinder zeigen, müssen die Lebensaufgaben ausgewählt fein. Ein Knabe, der einen praktischen Sinn hat, soll auch einem praktischen Berufe zugeführt werden. Der ideal angelegte Knabe findet Raum zur Bethä- tigung in idealen Berufssphären. Wenn so jedes Kind seiner Eigenart gemäß bedacht wird, schreibt der „Prakt. Wegweiser", Würzburg, so dürfte ein großer Theil Unzufriedenheit mit dem Schicksal verschwinden.
— Nachträgliches von der Sprudelreise. Bei der
neulichen Damensitzung des „Sprudels" ist es leider dem Vice- präsidenten Herrn Hupfeld nicht möglich gewesen, in seinen: Bericht über die Sprudelreise bei der Fülle des Stoffes aller bemerkenswerthen Eingänge Erwähnung zu thun. Es befinden sich unter letzteren noch folgende, welche hervorgehoben zu werden verdienen. Herr Postdirektor Tamm schickte launige Verse, welche lauten:
Ihr habt mir Kapp' und Stern bcscheereß Gestempelt mich zur Sprudlerschaars Ich fühl' mich dadurch hoch geehret Und bringe meinen Dank Euch dar.
Ihr wißt: ich halt' etwas auf Stempel.
Sie sollen klar und deutlich sein!
Nur bei dem großen Neujahrskrempel Steh' ich nicht immer dafür ein.
Mit Stolz will ich den Stempel tragen.
Der mich den Sprudlern angereiht;
Stell' gerne, wenn sie wieder tagen,
In ihre Dienste meine Zeit.
Für dies Jahr muß ich drauf verzichten,
Der Stempel kam zu spät! ei, ei!
Die Schuld trifft Euch nicht, ei, mit nichtent Die Post ist schuld! 'ne Bummelei!
Beschwerde giebt's nicht! Ungeschoren Bleibt diesmal unsere arme Post,
Der Chef ist selber bei den Thoren;
Schweigt, wcnn's auch Ueberwindung kost't!
Zum 40-jährigen Sprudelfeste Hab' einen Stempel Euch bestellt.
Nun stempelt mit ihm feste, feste!
Ein jeder Schlag bringt Schillergeld!
Tamm, Post-Sprudler.
Herr Bürgermeister H e ß hatte sein Fehlen bei der Sprudel- reife mit Humor also entschuldigt:
Wiesbcv d e n, im Bett am ersten Tage der Sprudelweiltreije.
Die „liebe Karte" zog zwar bei) mir ein,
Doch fand sie mich mit einem wehen Bein;
Denn grad vor Vizes Haus kam ich zu Fall!
Vorbei nun ist die Freude, das Vergnügen all Und die Genüsse von der Sprudelreis',
Doch All' von Herzen ich willkommen heiß',
Die heut' und morgen füll'n die Sprudelsäle.
Ich bin bei Euch von Herzen und mit ganzer Seele!
Johannes Heß.
Wie schon gemeldet, war der finanzielle Erfolg der „Sprudel- reife um die Welt" ein über Erwarten günstiger, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß das Comitv und der Elferrath, wie die Sprudler überhaupt und deren Angehörige, den Löwen- antheil selbst gestiftet haben dürften. Hat sonach die Bürgerschaft Wiesbadens wieder ihren Opfersinn in hohem Maße be- thätigt, so ist leider von anderen, wohlsituirten Kreisen die Theil- nahme nur in beschränktem Maße kundgegeben worden. In Anbetracht dessen fließen von dieser Seite denn auch jetzt noch nachträglich die Spenden für das neu« Schiller-Denkmal dem Comitü der Sprudelreise, z. H. dessen Vorsitzenden, Herrn Josef Hupfeld, Bahnhofstraße 2, in erfreulicher Weise zu. So haben, wie schon gemeldet, Frau v. Oppenheim 300 Mk. und Herr Kammerherr v. Hülsen 100 Mk. gestiftet, und ihnen schlossen sich an Herr E. Bartling mit 100 Mk., Freifrau v. Knoop mit 50 Mk., Herr W. Erich mit 30 Mk., Ungenannt mit 20 Mk. und Frau H. mit 6 Mk. Hoffentlich verstärkt sich die Reche dieser edlen Spender noch. Besonders dem Comito für das Schiller-Denkmal, soweit dessen Mitglieder der „Sprudelreise" nicht an
der gelassene Sohn Albions, so dürfte es New-Aork in Bezug auf äußerlich großstädtisches Leben und Weben wohl mit allen Städten der Welt aufnehmen.
Freilich kommt in solchen Dingen ja auch das geistige Leben in Betracht. Und in Bezug auf Kunst und Wissenschaft und andere intellektuelle Genüsse und selbst auf die Architektur der Stadt darf man trotz mancher schönen und stattlichen Bauten eben allerdings nicht zu viel von einer so neuen Stadt erwarten, die vor hundert Jahren nur ungefähr 50,000 Einwohner zählte.
Wie so viele der rasch emporgeschossenen amerikanischen Städte ist auch New-Aork, abgesehen von den älteren Stadt- theilen, dem eigentlichen Geschäftsquartier, sehr regelmäßig gebaut. Die Straßen kreuzen sich überall rechtwinkelig und sind alle nur mit Zahlen benannt. Die von Osten nach Westen laufenden heißen streets — von der ersten bis zur 225 stroot — und die sie kreuzenden Straßen führen alle die Bezeichnung avenue, aber auch wieder keinen Namen, sondern statt solcher auch nur Zahlen. Das ganze System mag etwas nüchtern erscheinen, aber es ist doch äußerst praktisch zu gleicher Zeit. Wie übersichtlich wird da sofort das ganze Straßennetz, wie leicht kann man nach irgend einem Punkt der Stadt seinen Weg finden.
New-Nvrk ist eine sehr kosmopolitische Stadt, in der auch nahezu eine Viertelmillion Deutsche lebt, oder doch Menschen, die es einmal gewesm. Ach, mit dem Deutschthum in Amerika überhaupt ist es ein eigen Ding. In der zweiten Generation geht es mit seltenen Ausnahmen schon ganz verloren. Sehr häufig dagegen ist dieselbe schon amerikanischer als die Amerikaner selbst. Manche gerade unter den gebildeten und achtungs- werthesten Einwanderern haben sich gewiß eine erfreuliche Anhänglichkeit an das alte Vaterland bewahrt, die große Masse aber geizt nach nichts mehr als danach, für Vollblut-Amerikaner zu gelten. Wie diese Leute es eilig haben, das amerikanische Bürgerrecht zu erwerben. Engländer und Franzosen nehmen sich dabei viel mehr Zeit, macht es doch auch absolut keinen Unterschied, als daß dadurch das Stimmrecht erlangt wird.
Indessen gegen die Eile in der Erlangung des Bürgerrechts an sich mag noch nicht einmal etwas einzuwenden sein. Wer nnmal in einem Lande ansässig zu bleiben gedenkt, mag sich auch jn aller Form damit identificiren wollen. Das Peinliche bei
der Sache ist aber, daß die Leute nicht einsehen können, daß man eine Nationalität nicht so ohne Weiteres wie einen Anzug mit einem anderen vertauschen kann. Der Stempel der Naturalisation ist gewiß gesetzlich, aber echt ist er deshalb doch noch nicht. Die Menschen bleiben Deutsche im Aussehen, in ihrem ganzen Wesen und Auftreten, sprechen zwar Englisch — je weniger sie wissen, desto lieber! — aber mit wie fremdem Accent! Denn wie selten erlangt irgend Jemand die richtige Aussprache eines fremden Landes, wenn er nicht ganz jung hineinkam! Dabei reden die Leute aber dann besonders gern als „We Americans". Kann man sich wundern, wenn die wirklichen Amerikaner darüber die Nase rümpfen!
Denken wir uns, eine Masse Ausländer liehe sich in Deutschland naturalisiren und redete nur noch „Deutsch" und suchte auf alle Fälle ihr Deutschthum herauszukehren! Es würde vielleicht unserer Eitelkeit schmeicheln, aber würden wir die Menschen nicht höher achten, wenn sie dabei mit etwas mehr Diskretion zu Werke gingen, etwas mehr an ihrer angestammten Nationalität festhielten?
Und wie gern der Deutsche bereit ist, seinen Namen in eine andere Sprache zu übertragen, mindestens den Vornamen. An seinem Namen sollte man doch nicht so leicht drehen und deuteln und herum übersetzen. Aber selbst auf Briefen, die ich hier aus der lieben Heimath empfangen, ist mein Vorname übersetzt. Ja. das ist so beinahe allgemein deutsche Art. Aus Herrn Karl Schulze wird da sofort Mr. Charles Schulze. Aber würden diese Uebersetzer dementsprechend aus Mr. John Robinson in Deutschland auch ebenso schnell Herr Johann Robinson machen? Keineswegs! Wenn der Deutsche von Schiller Englisch redete, so würde er ihn sicherlich Frederick Schiller nennen. Aber würde er deutschredend je von Wilhelm Shakespeare sprechen? Ein Deutscher, der in Amerika lebt, wird selbst in Deutschland ein „Deutsch-Amerikaner". Aber giebt es umgekehrt so etwas wie einen Amerikaner-Deutschen? Ich selbst habe zwanzig Jahre in England gelebt, aber ich möchte es mir doch verbitten, daß mich Jemand einen Deutsch-Engländer oder ein anderes Unding der Art nennen würde. Auch stimme ich unserem großen Landsmann Professor Max Müller darin unbedingt bei, daß die Engländer Denjenigen viel höher schätzen, der an seiner Nationalität festhält, als den, der für etwas Anderes gelten
möchte. Das ist selbstverständlich. Und wie in England, so gilt es überall.
Ich glaube auch, die Deutschen im Allgemeinen sind heute ganz gute Patrioten. Ja, wirft man uns im Auslande doch jetzt vielfach vor, „wir seien bereits die ärgsten Chauvinisten im international-politischen Leben, nach Emporkömmlingsart immer auf der Lauer liegend, ob man uns auch für voll ansehe". Nun, solche Vorwürfe können wir wohl noch recht ruhig über uns ergehen lassen. Ich fühle mich auch durch die voraufgehenden Hinweise durchaus frei von der Schuld, einem engherzigen Nationalgefllhl irgendwie das Wort geredet zu haben. Es handelt sich Hier nicht um Engherzigkeit, sondern um Selbstachtung. Aber die Manie für das Ausländische bleibt bei den Deutschen auch heute noch eine große Schwäche, — selbst bei Leuten, die sonst recht gute Patrioten sind — in Deutschland selbst wie vornehmlich aber in der Fremde.
Ich war Zeuge einer rein deutschen Feier in New-Aork. Einer der hervorragendsten und verdienstvollsten Männer der deutschen Kolonie in New-Dork wollte eine Reise nach Deutschland unternehmen, und aus Anlaß dieses Ereignisses brachten ihm die vereinigten deutschen Klubs in New-Aork in einer der ganz besonderen Heimstätten deutschen Lebens dieses Landes, im Arion - Klub, einen Fackelzug. Hier hatte ich nun wohl die Deutschesten unter den Deutschen Amerikas vor mir, und der ganze Charakter der Feier war unbedingt deutsch. Aber selbst bei dresem Anlaß marschirtcn die Vereine unter amerikanischer Flagge vorüber. Lei einzelnen derselben trug sogar ein Jeder sein besonderes stur opangsisct banncr, aber für die alte Flagge des Landes, wohin der Gestierte sich zu begeben im Begriff stand, woher sie Alle einmal gekommen, war kein Platz.
Im Klub selbst ging indessen Alles umso deutscher zu. Amerikanisch war dabei wohl nur seine Großartigkeit. Wenigstens habe ich in Deutschland selbst nie ein so stattliches Klubgebäude zu Gesicht bekommen. Der „Arion" hat über l000 Mitglieder, meistens Dichter. So schien mir's wenigstens, lvenn ich nach den paar Dutzenden lieber Männer, die ich dort kennen gelernt habe, urtheilen darf, und so steht es ja auch wohl zu erwarten von einem Verein, der sich nach dem Sänger von Lesbos benennt
