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Keilage Min Wiesbadener Tagblatt.
Mo. 40. Morgen-Ansgade.
Donnerstag, de« 30. Januar.
50. Jahrgang. 1908.
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Wer Erkenutniß fu*t, geht nackt und bloß, und es flieht nur ein Kleid, das ihn hüllt: die Wahrheit.
Bölsche.
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<&. Fortsetzung.) (Nachdruck verkoken.)
Das Mnnder der Krede.
Roman von Augo Akpkonke Acvek.
Holger sah, wie Malvine tief getroffen zusammenjuckte und die Augen zukniff, wie um auf die Verhaßte loszuspringen. Ehe sie noch darauf erwidern konnte, machte Holger ein Zeichen mit der Hand, Marie möge gehen. Wie ein Sklave, der die Peitsche sieht, neigte sie ihr Köpfchen und verließ mit langen:, Verzeihung erflehendem Blick, in dem eine Welt des Abschieds lag, das Gemach.
„Ah, die Person wird unverschämt", brach es bei Malvine los, die sich erregt in eine Konsense fallen ließ und chr Kind umschlang: „Komm her, mein Kind!" Sie drückte es an sich, als ob sie sich an dein Einzigen fest hallen wollte, das sie noch ungetheilt besaß.
Doch Paula, die den Onkel erregt, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, im Zimmer auf- und abschreiten sah, ritz sich von der Mntter los und eilte mit angstvollenr Kinderblick zu Holger: „Will bei Onkel bleiben."
Malviirc biß sich in die Unterlippe. Das war ftir sic der größte Schmerz. Also auch das Kind! Hatte sie wirklich solches Unrecht begangen, daß sie selbst ihr Kind verlor?
„Komnr, niein Lieb", sprach Holger zärtlich und setzte sich in die andere Ecke des Salons, während Paula ihr Köpfchen ivie hülfe- und schutzsuchend in seineni Schoß vergrub, mit beiden Aermchen seine Schenkel umklammernd.
„Sie haben das Mädchen dazu getrieben. Ihr Betragen war nichts weniger als vornehm", sagte Holger gelassen und kalt, des Kindes goldiges Haar sortivährend streichelnd.
„Sie vertheidigen sie noch! Natürlich!" ^höhnte Malvine. „Anstatt mich zu vertheidigen, kehren Sie den Spieß gegen niicl schutzloses Weib. Sehr edel!"
„Genau so, wie Sie es mit dem armen .Kind gethan. Sie haben Alles versucht, uts das Mädchen aufs Tiefste zu verletzen. Aus diesem Grunde beehren Sie mich auch zum erste.!: Male mit dem „Tu"-Wort."
„Sie hatten es ja anzunehmen vermieden."
„Gewiß; weil ich es sük unpassend halte, daß eine Näherin die Erste sein sollte, die davon erfährt, da es doch cnrch Ihr Wunsch war, es vor aller Welt geheim zu halten. Sie kannten ja das Mädchen nicht genauer und hätten von chr eine Indiskretion befürchten müssen. Eine „Person", wie Sie sich auszudrücken beliebten, macht man nicht zur Vertrauten."
„Traurig genug, daß Sie sie zur Vertrauten gemacht haben."
„Was wissen Sie davon?"
„Ich weiß es jetzt", stteß sie heftig hervor, während sie sich in heftigster Wallung erhob und an das Fenster trat, durch dessen Stores sie in das Grün des Zoologischen Gartens blickte.
„lind wenn sie es war. habe,: sie darüber nicht zu
richten. Meine Vergangenheit >var nicht in Ihr-
Programm ausgenommen. Ehe ich Sie kannte, war rch frei."
„Jetzt aber sind Sie es nicht mehr, und diese Vergangenheit ragt fürchterlich in die Gegenwart hinein " brach sie mit wilder Heftigkeit hervor. „Und ich will nicht die Rivalin dieser Person sein; ich will nicht!"
„Ich verbiete Ihnen, diesen Ausdruck zu gebrauchen, Malvine", rief er streng, mit gefurchter Stirn.
„Sie lieben sie noch immer?"
„Ich verweigere Jhnm die Antwort darauf. S:e wären heute nicht in der Verfassung, mich zu verstehen."
„Sie werden sie natürlich weiter besuchen, — die — die-Niemals! Nie!"
„Ich werde sie noch einmal aufsuchen, nm ihr zu sagen, daß es aus wäre zwischen ihr und mir." Seine Stimnre erbebte, als er dies sagte, und er fühlte etwas Heißes in seinen Augen. „Ick, weiß, was ich Ihnen schuldig bin und auch mir."
„Bis heute scheinen Sie es nicht gewußt zu haben; vorhin hatten Sie es nicht bewiesen."
„Durch Ihre «schuld."
„Dieser Vorwurf'ist feige!" Sie stieß das nüt solcher Heftigkeit hervor, mit ihrer ringscksillerndeuHand so heftig an den: Store zerrend, daß die etivas lose sitzende Gardinenstange niedersauste uird in ihren: Falle eine große Marmorvase zu Bodei: schmetterte.
Holgers erst wischender, dann gleichzeitig tief erschreckender Schrei: „Malvine!" wurde durch das Geräusch der mederstürzenden Gegenstände übertönt. Er wollte aufspringen und der Frau, welche keinen Schaden gelitten hatte, zur Hülfe eilen, jedoch das Kind h:elt sich krampfhaft an ihn: fest und hinderte ihn am Ausstichen. In demselben Augenblick brach die zu Tode erschrockene Kleine ii: ein furchtbares, herzerschütterndes Weinen aus, von nervösen Zuckungen befallen, welche bald in Schreien ausarteten.
Malvine stiirzte auf ihr Kind, doch es wollte von chr nichts wissen und hielt sich krampfhaft an Holger fest, der es zärtlich in die Arme :uchm und mit Küssen :md Streicheln zu beschwichtigen suchte.
Doch sobald es seine Mutter sah, begann es von Neuem zu schreien, und in Zuckungen zu verfallen, bis es Holger ohnmächtig und bleich in den Armen hielt; nur der kleine Körper zuckte oft heftig empor, indes die kleinen Augen geschlossen blieben. Kälte und Fieberhitze wechselten auf der kleinen blassen Stirn.
„Großer Gott, mein Kind, mein Geliebtes, — Goldkind! Sag'! WaS fehlt Dir? Großer Gott, — es stirbt. Holger, es stirbt." Die verzweifelte Mutter warf sich über den kleinen zuckenden Körper.
„Fassung, Malvine! Es ist nur der Schreck. Ich will gleich zum Arzt eilen!"
Er stürmte ab, selbst aufs Höchste erregt, nachdem er der Kammerfrau zweimal geklingelt.
III.
Wie sie nach Haus gekommen war? Sie wußte es nicht mehr. In die Pferdebahn hatte sie sich gesetzt, sie, die sonst stets solche Ausgaben vermied, und dann fuhr sic dahin. Wohin wußte sie nicht. Plötzlich machte sie der Schaffner aufmerksam, daß ihr Billet abgefahren sei.
Sie entschuldigte sich und stieg aus. 6§ ttMOTÖäjt weit bis zu ihrer Wohnung, doch der Weg schien endlich. Ihre Füße trugen sie kaum mehr, »>d f« fühlte, daß sie. so sehr sie sich auch in Gegenwart Mer Frau hatte zusammennehmen können, fetzt nicht mchr «e .Kraft hatte.
Die Passanten hielten sie wohl für krank und manch« mitleidige Blick streifte das hübsche blasse Mädchen, d^ kaum weiterschreiten konnte. Ein roher Patron soollie diesen apathischen Zustand ausnützen und sprach sie an, ihr seine Begleitung anbietend. Sie hörte ihn nicht um» ließ ihn reden, bis es ihm zu di:mm wurde und er sie mit einem „dumme Trum" verließ.
Endlich zu Haus! Me vier Treppen schienen ihr von nie geahnter Höhe und auf jedem Absatz mußte sie eme längere Pause machen. Als sie endlich auf ihrem Zimmer war, sank sie thränenlos auf das Sopha, kreuzte die Arme über dem Tisch und legte ihren Kopf darauf. S:e schlief ein, matt zum Tode.
Als sie erwachte, war es schon Abend; das L:cht vor der Madonna begann deutlicher zu glühen.
Was war vorgeganqen? Sie erinnerte sich imedcr. Also Holger war verlobt. Da war das Drohende, das Unbekannte. Sie hatte es ja kommen gefühlt. Sie zürnte ihn: nicht. Wußte sie doch, daß er nur allem sie liebte. Also, wenn er diesen Schritt gethan. dann hatten ihn jedenfalls pekuniäre Gründe hierzu gezwungen, hatte es ihm nur selbst wehe gethan. Glücklich zu sein schien er nicht. Sie selbst hätte ihn wohl glücklicher geinacht.
„Oh. allewige Gerechtigkeit! Was hast Du mich so schlecht bedacht, mich und ihn!"
Er würde zu ihr kommen, unbedingt; ohne Aussprache ging er nicht von ihr. Aber wozu diese Aussprache noch? Lieben dursten sie sich ja nicht mehr. Er wollte vielleicht Erholung bei ihr suchen, Ruhe, Frieden! Aermster! M:rfte sie ihm diese reichen? Er war ja nicht mehr frei. Sie mutzte die Kliigere sein, wenn ihn die Leidenschaft übermannte. Sie durfte ihm die Ruhe Nicht mehr geben.
Sie fühlte sich elend. Sterbensmatt und -müde.
Was ihr fehlte, wußte sie isicht. Es _ mochte wohl auch die viele und angestrengte Arbest sein. Doch sie mußte wieder arbeften, doppelt so fleißig, um die tausend Mark wieder einzubringen. Jahre würde es wohl wieder dauern. Doch sie bereute es nicht, auch jetzt nicht; konnte sie ihm doch zeigen, ohne daß er es ahnte, wie lieb sie:hn hatte.
Doch wenn er davon erführe? Das durfte er me. Denn wie sollte er jetzt davon kommen, jetzt, nachdem Alles, Alles aus war, der schöne selige Traum vorbei war und Verweht, nach ihrem Gelde zu frästen? Früher wohl, da war er ihr Bankier gewesen. An jedein Erstei: hatte sie ihm vorgerechnet, wie viel sie in diesen: Monat verdient, wieviel sie ausgegeben, wie viel sie erspart hatte Wie oft hatte er ihr Sparkassenbüchlein irachgesehen, wr: oft ihr angeboten, das Geld für sie in die Sparkasse zu tragen. Einmal hatte sie es ihn thun lassen: da?- Buck- lein hatte um hundert Mark mehr gebucht, als sw chm anveistraut hatte. Seitdem gab sie ihm das Buch nie mehr und gab eher nicht nach, bis sie ihm Alles aus Heller und Pfennig hatte zurückerstatten diirfen.
(Fortsetzung folgt.)
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