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Beilage jum Wiesdadener Tagblatt.

Uo. 47. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 29. Jamrar.

50. Jahrgang. 1V0L.

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Jjl Er wächst die Kraft mit den Gewalten, ^

Die feindlich ihr eiitgeaenstehn,

Z Gleichwie die Wipfel sich entfalten, n c . n ..

« Wenn über sie die Stürme gehn. Josef Laust.

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(7. Fortsetzung.) (Nachdruck verkoken.)

Das Wunder der Liebe.

Roman von Kugo Alphonse Aevrt.

„Da höre ich wieder meinen Holger", sagte sie stolz und innig, den Druck seiner Hand herzhaft erwidernd. „Schatze, weirn man so viel thun mochte, — auch in der Lage ist, es thun zu können, und darf es nicht." Sie blickte ihn vorwurfsvoll an.

„Sie thun ohnedies mehr, als ich verantworten kann", erwiderte Holger, deni das Blut jäh seine Wangen röthete. Tr dachte an die so vornehm geregelte Spielschuld, ob­zwar er sich nicht erklären konnte, woher sie von dieser Geschichte Kenntniß haben konnte. Verinuthlich hatte er­den Mahnbrief hier verloren, denn zu Hause konnte er ihn nicht finden. Gott sei Dank, kannte sie ihn doch schon so gut, daß sie nicht etwa glauben konnte, er hätte den Brief absichtlich liegen gelassen.

„Ich hätte etwas fiir Sie gethan?" Sie lachte kurz aus. „Bei Gott! Sie sind bescheiden, kleine Aufmerk­samkeiten so hoch anzuschlagen. Ich danke Ihnen!" Sie driickte abermals seine Hand und lvendete sich rasch ab, „Parrla! Komm her, gieb dem Onkel einen Kuß von Deiner Mama. Sage, sie schickt ihm diesen."

Die Kleine ließ sich das nicht zweimal sagen und küßte begeistert ihren schönen Onkel ab. „Einen, für Mama, einen für mich — fürMama — für mich — fürMama —"

„Halt, halt, Mädel! Du drückst mich ja todt."

Sie verlangt auf seinem Knie zu reiten, welchem Wunsch er auch willfahrte.

Der Diener hatte unterdeß Malvine etwas leise mitge- theilt, worauf diese erwiderte: „Ja, ja, lassen Sie sie nur herein. Ich hatte sie schon gestern erwartet."

Unmitelbar darauf trat Marie in das Zimmer, ohne Holger zu bemerken, der in der etwas dunkleren Ecke des Zimmers saß.

Holger war zu Muth, als schwanden chm die Smne. Wenn er nur hätte fort können! Hier Marien entgegen- ireten! Obzwar — er konnte ja nur hier zu Besuch sein. Doch, warum hatte er damals verschwiegen, daß er Frau Evers kannte, als ihm Marie von ihr erzählte? — Er drückte das Kürd krampfhaft an die Brust, als wollte er es verhindern, einen Laut von sich zu geben.

„Du Papa, Du thust mich weh!" rief Paul«, sich aus seinen Armen loswindend.

„Wie oft soll ich Dir wiederholen, Paula, daß Du den Onkel vor Fremden noch nicht Papa zu nennen hast", ries Malvine ärgerlich, und fuhr dann freundlicher zu Marie gewendet fort: „Vor dem Fräulein allerdings

varfst Du es sagen, denn es stickt ja unsere Namen. Und Einer muß ja denn doch Dein Papa werden, wenn Mama nochmals heirathet."

Marie wandte ihren Blick nach dem Kinde und über dasselbe hinweg auf den Offizier, der sich langsam erhob.

I ohne ein Wort zu sagen, automatenhast. Sie wankte ' leise, doch verlor sie keinen Augenblick ihre Selbstbe­herrschung. Sie fühlte, daß sie in Ohnmacht fallen wollte, doch mit aller Willenskraft hielt sie sich aufrecht. Ihr Gedanke fragte weder nach Aufklärung, noch nach dem möglichen Grund, weshalb Holger hier sein konnte, sondern erkannte nur die furchtbare Thatsache, die sich nie­mals hinwegleugnen ließ. Sie hörte durch das fort­währende Summen im Ohr stets nur des Kindes Anrede: „Papa!" Mt welchem Recht nannte es ihn Vater, wah­rend er doch -

Sie meisterte bald ihre augenblickliche Verwirrung, fühlte sich aber so schwach, daß sie das Packet mit Taschcn- tücherii nicht mehr halteii konnte und zu Boden fallen ließ. Sie bückte sich mühsam und hob eiiis nach dem andern auf, wie mechanisch. « _

Malvine war der leichenhaft starre Ausdruck beider nicht entgangen. An dieser plötzlichen, jähen Verände­rung der Züge Holgers erkannte sie, daß sie den Maiin ganz falsch beurtheilt hatte, daß er doch großer Leiden­schaften fähig sein konnte, sie selbst aber niemals Gegen­stand derselben werden würde. Welchen Zusammenhang zwischen der Näherin und ihrem Bräutigam bestand, wußte sie nicht; für eine bereits gelöste, fitr immer be­endigte Liaison war ihr die Erregung beider eine zn heftige.

Wie jede Frau, die sich angesichts einer Rivalm zu befinden glaubt, erfaßte auch Malvine eine Art Haß gegeii das kleine, zarte Geschöpf, das verwirrt die Augen ineder- schlug; wie alle Frauen in solchen Fällen, selbst die edelsten, fühlte sie sich gezwungen der Schwächeren ihre Rechte als Stärkere fühlen zu lassen, mit einer gewissen wollüstigen Grausamkeit in einer eben entdeckten Wunde der Gegnerin zu wühlen und diese an ihrer Vernarbung zu verhindern. Vielleicht ersah sie auch daraus, wie die beiden noch mit einander ständen.

Eben faßte Paula den OnkÄ an der Hand und wollte mit ihm ins Nebenzimmer gehen, um ihm ihre Puppen zu zeigen. „Komm, Onkel, wir wollen spielen,, so schon

wie immer!" _ t

Marie hörte nur die Worte des Kindermundes „wie immer!" Also lange schon? Wie lange? —

Holger kam diese Aufforderung sehr gelegen, da er sich seiner Lage bis in das Innerste der Seele schämte. Er kam sich so feige, so jämmerlich, so elend vor, daß er Scham darüber empfand, den Osfiziersrock zu tragen, und heimlich Jene beneidete, die im Stande waren, solchen Situationen mit ertödteter Scham und mit der vollende­ten Pose des Salon-Schauspielers freche Stirn zu bieten.

Doch Malvine hielt ihn ruhig, jedoch sehr liebens­würdig zurück. „Ach, bitte, Holger, ich habe mein Porte­monnaie drüben gelassen. Willst Du so gut sein, die Kleine zu bezahlen?" ^ c r .. , r „

Es war das erste Mal. daß sie chn mit „Du an redete. Er verstand die Absicht. Was sollte er daraus antworten? Auf diese Komödie eingehen? Das ohne­dies todeswunde kleine Herz noch mehr verwunden? Wollte sie ihn verletzen und blosstellen, brauchte mich er auf seine Verlobte keine Rücksicht zu nehmen.

„Mit größtem Vergnügen, gnädige Frau", war seine ebenso lächelnd gesprochene Antwort.

Sie fühlte, daß er ihre Absicht durchschaut hatte, mck

bereute es, sich in Gegenwart dieser „Person" direkt bu*. gestellt zu haben. Er hatte sie empfindlicher getrosseq. als sie ihn, imd in seiner förmlichen Anred e lag e me gewisse Vertheidigung Derjenigen, die sie verwunde» wollte.

. „Wieviel bekommen Sie, liebes Kind?" f ragtt ffc Marie mit sehr liebenswürdiger Stimme, wahreud das Zucken ihrer Sttrn und das oft momentane Kneifen chres Auges die Stimme Lügen strafte.

„Sieben Mark fünfzig, gnädige Frau. Aber das hat ja keine Eile", entgegnete Marie mit fester Sttmme, ohM jedoch die Blicke von den Taschentüchern, die sie noch hrelch zu erheben.

.Ich liebe in Geschäften gmaue Rechnung", bemer^ die Hausfrau. „Uebrigcns finde ich das etwas sehr theuer. Ich erinnere mich gar nicht, daß wrr dresen Preis ausgemacht hätten."

„Ich hatte allerdings weniger verlangt, aber die gnädige Frau hat aus freien Stiicken den Lohn erhöht, wenn sich die gnädige Frau daran erinnern will , sagte Marie fest, aber bescheiden.

„So, so! Ja! Es war meine Schuld", bemerkte Malvine verletzend, obne den unwillkürlich empörten Blick Holgers zu bemerken. „Also, sieben Mark fünfzig, — bitte", wandte sie sich an Holger. „Jedenfalls fnwe ich das Machwerk bedeutend überzahlt. Die Proben, die Sie mir gaben, waren viel sorgfältiger gearbeitet.

Oh, wenn die gnädige Frau nicht zufrieden ist, lassen wir es bei den 5 Mark, die ich ursprünglich erbeten hatte Auf die zwei Mark fünfzig kommt Z mir Nicht an", preßte Marie mühsam hervor, unwillkürlich von Thronen erstickt, welche ihre süßen Augen verdunkelten.

„Meine Braut hat einmal das ausgemacht und dabei bleibt's", bestimmte Holger beinahe schroff. sodaß Malvine nichts dagegen sagen konnte. „Ev ist absolut nicht zu viel. Bitte, mein Fräulein/ Er reichte ihr das Geld, das sie annahm, ohne ihn anzusehen.

Sie scheinen sich darin ausziikennen Holger." be­merkte Malvine etwas scharf. „Solche '«achen beiirtheilt man meistens subjektiv."

Daß dies nicht zu viel ist, sagt Jedem das Ge­rechtigkeitsgefühl und der gesunde Menschenverstand wenn man bedenkt, welche Zeit iind vvlche Arbeit dieses auqenanstrengende Sticken bedingt. Mag sem, daß ich dies eben so subjektiv benrtheile wie Moralstat iind chv

Gegeittheil", sagte Holger kalt.

' Ich muß mich hier auf Ihr fachmännisches Urtherl Verlässen", lächelte ihm Malvine äußerst liebenswürdig zu „Es ist schon giit. Sie töuneii gehen . wandte sw sich kalt an Marie, welche bleich uud^erregt. regungslos in der Mitte des Zimmers stand Sre fnblte daß sie von dieser Frau verletzt werden sollte; da^ gleiche Gefühl reate sich auch in der Seele dieses sonst so duldsamen hm- gebenden Geschöpfes, iind sich hoch aufrichtend, mit fest« Stimme und Malvine kalt und offen in „die Augm blickend, fragte sie hart: „Verlangen die gnädige Frau eine quittirte Rechnung über den Betrag?

(Fortsetzung folgt.)

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