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■:;=—rü Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, in :—d
Nr. 148.
Dienstag, 29. Juni.
1915.
(26. Fortsetzung.)
Um Me Beute.
Kriminalroman von Reinhold Ortman«.
^Nachdruck verboten.)
Hartmarin war noch nahe genug, um zu hören, was sie sprachen: aber bei dem Durcheinander aufgeregter Stimmen vermochte er zunächst den Ginn ihrer Rede nicht zu erfassen. So viel jsdoch wurde ihm bald^klar, daß die Leute Heinrich Wendriner, der sich wütend gegen seine Festnahme sträubte, für einen Verrückten hielten. Und in der Lat mußte er wenigstens in diesem Augenblick die Klarheit seines Verstandes etngebüßt haben, da er fortwährend nach dem Gelbe schrie, das niemand gehöre als ihm, und da er unaufhörlich versicherte, joden niöderzuschießen, der sich dem Grabe Nähern würde.
Natürlich lvar sein Widerstreben dieser Übermacht gegenüber eitel Torheit. Sie hatten ihn sehr bald wehrlos gemacht, und dar Totengräber sagte: „Wir werden ihn tu die Leichenkammer sperren, bis wir einen Gendarmen herbeigeschafst haben. Vorwärts also — und laßt ihn unterwegs nicht entwischen."
Aber einer der Knechte zögerte noch, dieser Weisung zu gehorchen. „Vielleicht ist aber doch was in dem Hügel versteckt", meinte er. „Es wär' doch nicht das «?ste Mal. So verrückt ist der Kerl am Ende nicht, daß nicht irgend etwas dahinter steckte. Scheu Sie nur, er hat den schweren Stein ganz allein umgeworfen und schon ein ganz tüchtiges Loch gchnddelt. Wie wär's, wenn wir den Hügel umschaufelten? Die ganze Gräber- veihe sollte ja doch im nächsten Frühling eingeebnet werden."
Es mochte für den Totengräber etwas Einleuchtendes in der Rede des Burschen sein.
„Schafft den Mann zunächst in die Leichenkammer", meinte er nach kurzem Überlegen, „und dann kommt mit Schaufeln zurück. Wir können uns ja immerhin überzeugen."
Die Knechte verschwanden mit ihrem Gefangenen, der jetzt plötzlich ganz apathisch geworden war und mehr geschleppt als geführt werden mußte, in der Dunkelheit. Bruno' Hartmann aber ging mit sich zu Rate, ob er sich dem am Grabe zurückgebliebenen Totengräber offenbaren sollte oder nicht. Es konnte ihm ja schließlich nicht viel geschehen, aber er sagte sich doch, baß e§ kaum möglich sein würde, diesen Leuten den Zusammenhang der Dinge klar zu machen, und daß er jedenfalls Gefahr lief, zunächst in Hast genommen zu werden. Das aber wollte er unter allen Umständen tzevmeiden. Denn wenn Wendriner sich in der Stelle, wo der Schatz versteckt war, dennoch geirrt haben sollte, oder wenn alles nur ein von Grevenberg im Ein- Verständnis nist Hanna ersonnener Betrug gewesen war, so war alles verloren, wenn er für einen oder mehrere Tage in seiner Bewsgungsfveiheit behindert wurde.
S eshalb hielt er es für geraten, in feinem Versteck eiben und sich mäuschenstill zu verhalten.
Er hatte keine Ursache, es zu bereuen: denn als Äne Wunde spMr die mit ihren Werkzeugen zurück- Wghrten Gehilfen des Totengräbers ihre Arbeit be
endet hatten, ohne daß in dem sorgfältig durchsuchten Erdreich des Hügels irgend etwas von Geld oder Geldeswert zum Vorschein gekommen wäre, dürfte er sich überzeugt halten, daß Wendriner das Opfer eines Irrtums oder eines Betruges geworden war.
Er wartete, bis die Leute mit ihren Laternen wieder im Innern des Totengräber-Hauses verschwunden waren, dann richtete er sich auf und verließ auf demselben Wege, den er gekommen war, unbehelligt den Friedhof.
Siebzehntes Kapitel.
In Doktor Nuthavdts Wartezimmer pflegten sich sonst die Patienten nicht gerade zu drängen, aber als Grevenberg am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Oberstleutnant das Haus betrat, -dessen Erdgeschoß der junge Arzt bewohnte, traf es sich doch, daß Rut- hardt eben mit einer zeitraubenden Untersuchung beschäftigt war, und daß der neue Ankömmling deshalb von der Haushälterin anfgefordert wurde, sich ein wenig zu gedulden.
Grevenberg sah heute erschreckend abgespannt und elend aus. Die müde Haltung, in der er auf seinem Stuhle saß, und die bläulichen Schatten unter seinen Augen ließen vermuten, daß er in der Nacht nur wenig Schlummer gefunden habe, und von Zeit zu Zeit er- schütterte ein trockener, kraftloser Husten seine Brust.
Trotzdem musterte er seine Umgebung mit gespanntem Interesse, und nachdem er die schr bescheidene Einrichtung des Wartezimmers bis in die kleinsten Einzelheiten studiert hatte, stand er auf und trat an das Fenster, das nach der Hinterseite des Hauses hin- ausgiiig und den Ausblick in einen kleinen, schon herbstlich kahlen Garten gewährte.
Das Fenster mochte wohl mannshoch über dem schmalen Rasenstreifen liegen, der sich längs der Hausmauer danh inzog, aber die Latten eines Obstspaliers, bas den unteren Teil der Mauer. bedeckte, hätten es einem leidlich geivandteu Turner nicht allzu schwer gemacht, vom Garten aus die Brüstung zu gewinnen.
Paul Grevenberg lauschte nach dem anstoßenden Sprechzimmer hin, und da er aus dem Tonfall Der sonoren Männerstimme, die da drinnen laut wurde, den Schluß zog, daß der Arzt noch immer mit der Be- fragung seines Patienten beschäftigt sei, öffnete er so geräuschlos wie möglich einen der beiden Fensterflügel. Nun konnte er, sich hinauslchnend, das Terrain da draußen noch besser überblicken. Er sah, daß sich zwischen den: Garten uNd dem Nachbargrundftück ein nur durch niedrige Holzgitter eingefriedibter Gang hinzog, der offenbar die Bestimmung batte, ein weiter rückwärts glegenes, schuppenartiges Gebäude mit der Straße zu verbinden. Andere bemerkenswerte Ent- deckungen waren nicht zu machen. Man hätte deyn die ans einM angrenzenden Hofe im Winde flatternde Wäsche dahin rechnen wollen, oder eine Schar zanke der Spatzen, die in lebhaftöM MeinMgsaw
