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so. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PrriS. durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

18,000 Abo,menten.

Anzeigen-Preisr Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg.. siir auswärtige Anzeigen 25 Pfg.,— Rcclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 1 Mk.

C* für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr Mittags, für die Morgen-AnSgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingercichtcr Anzeigen zur

©V**2*10*11" ^lluQJJlU* nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ...

U«. 44. 7 , 52 . Montag, itu 27, Januar.R>. 22 ««.1902.

Abend-Ausgabe.

gfitr gtcßruar unö März

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

zu abonniren, findet sich Gelegenheit

im Vertag Langgasse 37, bei den Ausgabestellen, den Zweig - Expeditione»

der Nachbarorte,

und bei fämmttichrn deutschen Reichspostanstalte».

Geld wie Heu!

Wo käme es wohl int praktischen Leben bor, daß Jemand zu einen: guten Freunde sagte: „Pumpe nur 'mal zwei Mark" und dieser ihm antwortete: „Zwei Mark nicht, aber hundert mit Vergnügen!" Deut Deutschen Reiche und dem preußischen Staate ist es so ergangen; sie wollten dreihundert Millionen geborgt haben und es werden ihnen fünfzehn Milliarden offerirt. Circa fünfzig Mal sind mithin die neuen Anleihen überzeichnet worden. Wir sind ja von den letzten Anleihen her bereits eine zweiundzwanzigfache und eine vierzehnundcinhalb- fache Ueberzeichtmng gewöhnt, aber der diesmalige Rekord steht unerreicht da.

In optimistischen Betrachtungen werden, insbesondere natürlich Seitens der der Börse nahestehende:: Presse, aus dieser phänomenalen Ueberzeichnung unserer An­leihen vielfach die kühnsten und weitgehenden Schlüsse ge­zogen. Diese Ueberzeichnung wird als Beweis ange­sehen nicht nur für die Höhe des nationaleir Kredits, sondern auch für die des nationalen Reichthums, nicht nur für den starkeir Begehr des Publikums itach sicheren Rentenpapieren, sondern auch dafiir, daß die wirlhschaft- liche Depression, unter der wir leiden, nninnehr zu weichen beginne und einem treuen starken Aufschwung Platz mache.

Das sind zum Theil durchaus unberechtigte Schluß­folgerungen. Zweifellos ist die starke Ueberzeichnung der Anleihen und besonders die Bcthciligung des^Auslandes an den Zeichnungen eiir Beweis siir die Stärke des Kredites, den das Deutsche Reich genießt. Aber für die Größe des Nationalvermögens bietet die Ueberzeichtmng der Anleihen keinen zuverlässigen Gradmesser. So weit nicht ungefähr sestgestellt werden kann, wie viel von den fünfzehn Milliarden auf die „Konzertzeichner" kommen, denen es nur auf den Coursgewinn von 0,70 pCt. an­

kommt, und welche ihre Anleihen nach estrigen Wochen oder Monaten wieder auf den Markt werfen, so weit läßt die Ueberzeichnung überhaupt keinen Schluß auf den Be­gehr der Reichs- und Staatsanleihen zu. Aber auch ab­gesehen von diesen Konzertzeichnerm ist es ja ganz bekaimt. daß die Reflektanten heute derartige begehrte Anleihen zehn bis fünfzehn Mal zu überzeichnen pflegen, da sie aus Erfahrung wissen, daß doch mir der eittsprechende Thest- betrag auf sie entfällt. In Berücksichtigung dieses Um­standes kann mithin emsthaft nicht votr einer funfzrg- fachen, soirdern nur von einer drei- bis vierfache:: Ueber- zeichiumg der Anleiben gesprochen werden, wobei noch die Masse derjenigen Zeichner abgeht, denen es nicht uin die Anleihen, sondern um deir Coursgewinn zu thun ist.

Wenn also das Resultat auch immerhin noch ganz stattlich ist, so berechtigt es doch keineswegs zu so kühnen Schlüssen, ivie wir sie am Anfang erwähnt haben, vor Allem nicht zu dem Schluß, daß die Ueberzeichirung der Anleihen das Ende der wirthschaftlichen Krisis ankundrge. Ja man könnte fast mit mehr Recht behaupten^ daß hier­durch das GegeMheil, das Fortbestehen der Krisis be- wiesen werde. Denn der starke Begehr nach sicheren Rentenpapieren ist doch nur ein Beweis dafür, daß in der Mehrzahl des Geld besitzenden Publikums die Abneigung gegen die vielversprechenden, aber oft weniger haltenden Jndustriepapiere fortdaucrt. Und an dieser Thatsache wird auch dadurch nichts geändert, daß die ungeheuer ge- sunkmen Course der Spekulationspapiere in den letzten Monaten vielfach zu Käufen anreizten, deren Folge natur­gemäß ein Steigen der über Gebühr gesimkenen Course war.

Wenn wir übrigens heute über die Coursschwankun­gen der Jndustriepapiere klagen, so dürfen wir nicht ver­gessen, daß sogar unsere erstklassigen Reichs- und L-taats- aüleihen verhältniß.näßig starken Schwankungen unter­worfen sind. Im Jahre 1890 wurden die dreiprocentigen Anleihen zu 87 v. H. aufgelegt, 1891 zu 84,40; 1892 sogar zu 88,60. 1895 erreichten sie ihren höchsten Stand mit 100,30 bezw. 100,40, um dann langsam, aber sicher zu fallen, bis sie im Oktober 1900 ihren Tiefstand mit 84,80 erreichten, während sie heute bereits wieder auf 91,10 gestiegen sind.

Das sind immerhin ganz respektable Schwankungen, welche durch die Spekulationszeichnungen, wie wir sie jetzt erlebt haben, bedenklich gefördert werden. Die Finanzverwaltung nimmt deshalb auch für die künftigen Anleihen die Bevorzugung derjenigen Zeichner in Aus­sicht, welche für ihre Stücke eine Sperrverpflichtung ein- gchen, oder sie in das Staatsschuldbuch eintragen lassen,, eine Maßnahme, welche Wir mit Befriedigung begrüßen würden. Unseres Erachtens sollte freilich aus der starken Ueberzeichnung der Anleihen noch eine andere Schluß­

folgemng gezogen werden, nämlich die Rückkehr zu dem

1891 befolgten Modus, die Schuldverschreibungen mit Uebergehung der Banken unmittelbar für Rechnung des Reiches auszugeben, um die Summen, welche heute die Banken an Vermittlergewinn einstecken, der Reichs-, bezw. Staatskasse zu Gute kommen zu lassen. Aber wir wissen freilich, daß die Finanzverwaltungen, welche das Wohl­wollen der Banken nicht entbehren zu können meinen, füL diese Taktik nicht mehr zu haben sind.

UsWMrchi Md seine mrülWn Konsequenzen.

So lautete das Thema oes Vortrags, den am Samstag Abend Herr Oberlehrer Professor vr. S t a u d i n g e r - Darm­stadt in der „E t h i s ch e n K u l t u r" hielt. Wenn man hört: ein Vortrag über das Wahlrecht und seine moralischen Konse­quenzen, so verspricht man sich nicht viel Unterhaltsames, ja, noch nicht einmal viel Belehrendes, denn nicht Jedermanns Gaul trabt gerne in das Gebiet der hohen Politik, um dort in die Schule zu gehen. Und doch! Man kann sich täuschen, und schon oft haben wir es erlebt, daß hinter einem schwülstigen Titel leeres Stroh lag, während einer trockenen Ueberschrift goldener Weizen folgte. So war cs auch vorgestern Abend. — Von welcher Bedeutung die Regelung des Außenlebens auf die Entwickelung, den Zustand des Innenlebens ist, und wie ohne Regelung des Außenlebens noch nicht einmal die Begriffe von Recht und Unrecht Gestalt ge­winnen können, zeigte uns z. B. die biblische Geschichte von Kain und Abel. Hier der Ackerbauer, dort der Hirte. Jeder erblickte in dem anderen seinen natürlichen Feind und die Frage, wer von beiden Recht hatte, ließ sich, so lange die äußeren Verhält- niffe nicht geregelt waren, nicht anders entscheiden, als durch die brutale Gewalt: Kain schlug den Abel todt. Jeder mußte seine Lebensführung für die rechte halten und nur die Gewalt konnte entscheiden und ein Recht schaffen. Ein ähnliches Beispiel bietet uns die griechische Sage von Laios und Oedipus, die sich in einem Hohlweg begegneten. Wer sollte dem Anderen ausweichen? Jeder hielt sich gleichberechtigt mit dem Anderen, und auch hier mußte der Streit durch die Gewalt entschieden werden. Was hier in alten Sagen der Fall ist, dct» ftnven chrir auch heute noch, wo die Regelung der äußeren Verhältniffe noch nicht bestimmend auf di; Handlungsweise einwirkt. Zum Beispiel ein Geschäftsmann er­findet eine neue Einrichtung, durch die er die Waare bedeutend billiger Herstellen kann. Er weiß ganz genau, nütze ich die von mir erfundene Verbesserung aus, dann richte ich so und so viele Arbeitgeber und Arbeiter zu Grunde. Trotzdem wird er sich keinen Augenblick besinnen, die Vortheile, die ihm geboten sind, für sich auszunützen. Er wird sich sagen, bei der mangelhaften Regelung des Konkurrenzkampfes wird morgen mein Konkurrent thun, was ich heute aus Mitleid mit ihm und seinen Arbeitern unterlasse. Hier würden ethische Mahnungen vollständig in den Wind gesprochen sein. Ebenso würde einem Fabrikanten, der unter der schlechten Konjunktur des Geschäftslebens zu leiden hat, nichts Anderes übrig bleiben, als seine Arbeiter oder einen Theil derselben zu entlassen, wissend, daß er die Armen damit ins Un-

17. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Frei für üie Ehre!

Ein Roman aus dem Passeier von M. v. Oertzen.

Der Knecht schaffte die bnnte Truhe auf das Wägelein, der Paule nahm den Hut vom Nagel.

Und nun standen sie und blickten einander an.

„Ja . . . dann . . ." stieß der junge Bauer endlich

hervor.

Fast grünlich schien das Gesicht der Cenz.

„Kommt", sprach die Schwester in immer demselben unbewegten^, gleichgültig freundlichen Ton, indem sie ver­suchte, die Bäuerin um die Hüfte zu fassen. „Kommt, Bäuerin, wir fahren."

Die Annamaria schnellte auf. Mit dem Blick eines gereizten Thieres sprang sie zur Seite.

„Ich fahr'nit. Nie nit! Geh'!"

„Die Sonn' scheint. Hört Ihr den Passerstrom? Traurig ist's im Haus. Drautz' singen die Vögel!"

„Muatter", sagte abgewandt der Sohn, „es ist für Ihr Bestes —"

Nur die Cenz schwieg. Mit gerunzelten Brauen, steif wie ein Stock stand sie an: Fenster und schien sich^nicht im Mindesten um das zu kümmern, was in der Stube vorging.

Wie die Sonne spielte über den Bergen — wie blau der Duft die Alpenfirneit umwogte.

Fein dort Freiheit, Wahrheit, und Licht. Und hier!

„Bäuerin", sprach dringender die Schwester, „jetzt folgt Ihr mir! Sonst kommt der Knecht und tragt Euch außer. Na, na — Ihr werdet mich doch nit kratzen wollen?"

„Laßt mich! Ich fürcht' mich! O Ändert, Ander! Ihr wollt mich da — da — zum Fenster außerwersen — Paule!" Mit veränderter Sftmme fuhr sie fort: „Durch das Fenster —"

Jede Farbe, alles Blut wich aus seinem Gesicht.

Er trat hinter sie, legte eine Hand auf ihre Schulter und schob sie so vorwärts, bis zur Thür.

Dort warf sie sich hin — auf die Schwelle und that

einen entsetzlichen Schrei, eineir Schrei, der den Anderen durch Mark und Bein ging.

Der Schwester riefelte es kalt den Rücken herab..

„Es bleibt nichts Anderes übrig", flüsterte sie, ihr Zittern bemeisternd, „Ihr müßt sie in den Wagen tragen. Und dann fort."

Der Paule beugte sich nieder zu ihr. Er glich emem Gespenste in feiner fahlen Blässe.

Im Nu hatte er den widerstrebenden Körper um­fangen und gehoben.

Und wieder schrie sie — stemmte sich mit aller Gewalt gegen ihn — und verfiel in ein Jammern.

„Fort! Auf die Straße:: werf'n! Thu's nit —- thu's nit — is nit g'enug an Einem?"

„Die Frau kriegt Ihr nie und nimmer aus den vier Wänden", erklärte die Schwester kategorisch. „Entweder Ihr bindet sie, oder Ihr behaltet sie da . . ."

Fast etwas wie Mitleid schimmerte in den gleich­gültigen Augen, aus denen eine immerwährende Ab- tödtung das Herz gelöscht.

„Sie hängt an ihrer Heimath, der arm' Hascher. Es ist auch hart, so von Haus und Hof!"

Plötzlich stand die Cenz zwischen ihnen.

„Paule! Es ist Deine Muatter! Fürchtest Du nit die Straf'n? Tein Vater hat sie hier eing'setzt, und Du willst sie mit Gewalt 'nausjagen? Nit für ihr, sondern für Tein Gutes?"

»Ich jag' sie nit", keuchte der Paule. ^„Mag's kommen, wie's will — ich kann nit. Schick die Schwester fort — wir müssen halt jetzt bleiben ans dem Hof — wie ang'nagelt — das ganze Leben."

Die Annamaria. befreit von den Händen ihres Sohnes, warf diesem einen Blick zu, den die Cenz nie vergaß — den Blick eines sterbenden Wildes, einen Blick, der mit vollem Bewußtsein, trotz der Nacht des Wahn­sinns, in Klarheit das anklagende Wort fand: „Ich bin Deine Mutter, ich bin hilflos, Hab' Niemand als wie Dich, und Du willst mir Böses zufügen?"

Die Schwester verabschiedete sich unter einem Schwall frommer Wünsche undRedensarten und beeilte sich, diesem unheimlichen Hause den Rücken zu kehren.

Die Schreie der armen Irren, die der eigene Sohn

vom Hof schaffen wollte — die Undankbarkeit der Kinder, ein traurig Bild, das sich ihr schon hundertmal geboten — da war's besser, ins Kloster zu gehen und weder Mann noch .Kinder zu haben und sein bischen Liebe schmerzlos an Tausende zu vertheilen. Es war doch immer derselbe Jammer.

Inzwischen gelang es der Cenz. die Anna.maria zu beruhigen, indem sie den völlig vernichteten Paule ent­fernte und sie sanft mit ihren braunen Händen streichelte.

„Wer bist?" fragte die Bäuerin endlich.

,sDie Cenz, Deine Tochter", erwiderte die Junge, mit den Thränen kämpfend.

„Die Cenz! Die Maultasch'n!"

Erstaunt und peinlich berührt, ließ die Cenz ab von ihr.

Sie war so hoffnungslos! Was sie begann, schlug ihr zum Schlimmen aus.

Und nun noch gar der einzige Hoffnungsstrahl er­blaßt, daß der Paule in einer anderen Umgebung Heilung finde von seinen Qualen. Nun waren sie frei­lich hier festgenagelt.

Ihr Muth sank so sehr, daß sie eine Kälte spürte gegen ihr Schicksal, gegen den Paule sogar, gegen Alles und Jedes. Ihre leidenschaftliche Liebe zu dem unglück­lichen Menschen bedeckte sich wie mit einer Schicht von Eis. Sie grollte ihm. Sie warf ihm vor, daß er nicht überwand.

In dieser Stimmung bereitete sie die Morgensuppe, that sie ihre Arbeit und richtete sie das Mittagsmahl.

Ter Paule, mit dem eine schreckliche Veränderuirg vorgegangen war, fand heute zum ersten Male feindselig verschlossene Menen. Gerade heute. Ein Wort von ihr hätte ihn heute vielleicht getröstet; aber es wollte ihr nicht über die Lippen, und hätte sie ihn damit vom Tode er­retten können.

Schweigend stellte sie die Schüsseln vor ihn, lauter, derber, als nöthig, so daß er zuckte.

Nach dem Essen folgte er ihr in den Hof hinunter, wo sie schwanke Weidenzweige für die Reben auslas und in den Röhrbrunnen legte, damit sie gesckMeidig wurden.