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Beilage zum Mestmüener Tagdlatt.

Uo. 35. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 22. Januar.

50. Jahrgang. 1902.

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Wie es nur großen Dichtern austeht, von dichlerijchc» Freiheiten Gebrauch zu mache», so ist c« auch »nr an großen und berühmten Geistern erträglich, wenn sic einen Freibrief gegen den allgemeinen Brauch beanspruchen.

Montaigne.

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(1. Fortsetzung.) (Nachdruck verkoken.)

Das Wunder der Kiebe.

Roman von Kugo Akphonse Reuet.

Oft schwimmt man hinaus ins Meer; man muß in üie kühlende Fluth tauchen, um den Körper zu erfrischen, Kräfte zu sammeln. Gedcmkerflos, — spielend greifen wir nach den bunten rosigen Quallen, die um uns wiegen und wogen; sie zerrinnen in der Hand, die blühende Farbe weicht einen: erbleicheirden Opal. Wir greifen abermals nach einer; die vorige hat uns sa nichts gethan. Doch diese wirft die Polypenarme um uns und zieht uns hirrab, hinab in das sumpfige Gewühl der Weichthiere, irr eine ewige Dämmerung, aus welcher sich der Geist »immer entnachtet.

„Hab' ich gesündigt, Jungfrau, daß ich ihn nahm, wie er sich mir gab? Danials am Wannsee, in Moorlake. Zauberischer Tag! Auf dem Rade kam er herüber« aus Potsdanr, in leichtern Dreß, einfach und schlicht. Er setzte sich an meinen Tisch und sprach vorn Wasser, von den Schwänen« vom Abendlicht, vom Sport. Ich wußte nichts davon. Er erklärte es mir. Sein Auge war so strahlend, seine Wange so geröthet, gesund wie die Natur. Was warst du so schön, o Natur! Lasse nicht einer: Vorwurf daraus werden! Ich rvar durch dich höher gestimmt, machtvoller. — mein Herz that sich auf, empfänglicher für alles Schöne als sonst, da ich rastlos in meinem kleinen Giebelstübchen arbeite:: muß. Niemandem z:rm .Genoß als die zwitschernden Schwalben, meine Blumen und das Wildweingerank. Und er war schön. Und er war lieb. Und er war gut. Neues Leben kam über mich. Von der Stunde an war ich nicht mehr allein. Sein Bild weilte bei mir. War's unrecht, an ihn zu denken, warum trübtest du mir nicht sein Bild, auf daß es verschwand? Du thatest es nicht. Was nahmst du mir den Gatten, um den ich mit ihm gebrochen, — der mir Schutz hätte sein sollen fürs Leben — der mich vor jener Alles ver­zehrenden Liebe hätte feie» sollen — durch den mein .Herz einschlummern sollte, um es in der Lllltäglichkeit zu ver­träumen? — Was mußtest du, ehe des Gatten Glieder noch erstarrt waren, de:: Geliebten, mir in den Weg führen, und die kaum vernarbteWunde wieder mstreißen? Du thatest noch mehr. Du schicktest ihn mir hier herauf. Warum gabst du, Geschick, die stärkere von uns beiden, mir nicht die Kraft, ihm die Thüre zu weisen, ihm zu zürnen? Was gabst du ihm so liebe, gute Augen, ein sa treues, weich-inniges Herz, das mich lähmte? Und öfters führtest du ihn mir her, immer öfter, schließlich alle

Tage. Die Erinnerung forderte ein neues Erwachen. Die Erinnerung an ferne:: einigen Abend! Im Wein war's draußen so still, der Himmel so blau, die Luft so mild, die Schwalben zwitscherten so heimlich und schaden­froh, die Sonne sank so goldig hinter das purpurne

Dächermeer — und da-— da kam sein erster Kuß!

— War's Verbrechen, Maria, Jungfrau du? Wem nahm ich etwas? Wem that ich was zu Leide ? Im Gegen- theil. Ihm schuf ich Wonne und mir, — namenlose, ver­wirrende Küsse. Ich hatte meine Sonne, meinen Mond, meine Sterne, meiner: Himmel. Ich war ja noch nicht vermählt. War's besser, die jugendfrischm Lippen, die dir in Schönheit geschaffen, welkten dahin, unbrauchbar für mich, ohne Glück zu spenden einem Andern? Nicht vielen — nein! Nur Einem, ihm, dem Einzigen: der Gatte war ja todt. Und war's vorbei, und werde ich alt, dann wenigstens kann ich doch sagen: Ich gab Wonne und ich hatte Seligkeit! Dann bleibt mir wenigstens die Er­innerung. War's Verbrechen? — Ave Maria!"

Sie sank still in die Kniee und blickte auf das Bild. Mild lächelte die Madonna.

Und lächelnd stand auch das Menschenkind auf, wie von einen: Alp befreit, von der Frage erleichtert, ob es Verbrechen war gegen den so früh Verstorbenen — jene Frage, die so oft wieder kam und noch so oft wieder­kehren würde. Mrckhiger ging sie wieder an die Arbeit und summte ein Liedchen, so einfach, wie Alles um sie, doch innig in seiner Einfachheit.

Draußen Sommerabendgold!

Sachte begann es zu dunkeln. Marie nahm die Wasserkaraffe von ihrem kleinen durch den Kleiderschrank verdeckte:: Waschtisch und begoß die Blume::, die ihre Köpfchen ganz bedenklich hängen ließen; namentlich die kleine Myrthe. — Sie beugte sich aus dem Fenster; Alles war rrchig; von fern her vernahm man das Klingeln der Pferdebahn und unten im kleinen Hof-Dreieck hämmerte ein Schmiedemeister einzelne abgerissene, verirrteSchläge. Eine kleine Spinne ließ sich lautlos und mit sicherer Ruhe auf dem wilden Wein nieder und verschwand unter dein vorstehenden Blatte eines der Geranientöpfe.

Im Zimmer war es schon ganz dunkel, nur das rothe Licht brannte vor dem Bilde der Mutter Gottes. Beim Fenster jedoch konnte man noch ganz gut sehen. Der Himmel leuchtete noch wie ein weißgelber Streifen. Marie öffnete ihren Nähtisch und entnahn: ihm einPacket Briefe, seine Briefe, die sie mit beinahe verklärtem Gesichtchen wieder durchlas. Sie batte sie, als sie Gattin wurde, nicht verbrennen können. Begraben — ja; doch nicht vernichten.

Sie hatten nämlich ausgemacht, sich gegenseitig ihre Briefe zürückzugcben; Holger wünschte es so. And was that sie nicht ihm zu Liebe! Blieb es sich doch auch gleich. Wenn sie dann einen ihrer eigenen Briefe las, entsann sie sich sofort wieder seiner Antwort, die sie fast immer aus­wendig wußte, Wort für Wart. .—

Sie lachte auf. Was man doch für tolles Zeug als ' Verliebte zusammenschreibt. Früher hätte sie vielleicht

ein solches Mädchen verurtheflt, wer weiß! Sie war nie in der Lage. Sie kannte ja nichts von der Welt da draußen. Wenn sie früher auch öfter nach ihr Verlangen trug, jetzt war's vorbei; jetzt liebte sie ihre Einsamkeit, sie wußte, tveshalb sie arbeitete um zu leben; und sie wußte, wofür sie lebte: für ihn. Hier war ihr Glück, ihr Para­dies, ihr Sonnenschein! Für den Gatten hätte sie ja auch gearbeitet: aus Pflichtgefühl; doch ohne Sonne, — in einen: Nebelthal.

SW! Das war der Klopfer draußen, mit seinem heiser erstickten Ton. Zweimal mußte er fallen. Da, — noch einmal! — Er!

Sie stürmte hinaus, öffnete und lag in feinen Armen. Seinen rechten um ihre Schulter gelegt, den lleberzieher über den linken geworfen, den weichen Filzhut noch auf dem Kopfe, der sich zum Küssen niederbeugte, sah man die Silhouetten beider in das Zimmer treten, immer noch küssend. In weicher Linie schmiegte sich ihre zarte Gestchlt vollkommen hingebend an seine kraftvolle.

Da riß sie sich los, nahm ihm — was ihr bei ihrem Manne nie eingefalle:: wäre — Hut, Mantel und Hand­schuhe ab, legte'sie auf ihr Bett und kauerte sich zu seinen Füßen, da er bereits seinen Stammplatz im Rohrstuhl — den: einzigen Erbstück Mütterchens — neben dem zweiten Fenster Platz genommen hatte, gerade ihrem Nähtischchen gegenüber. Sie küßte zärtlich seine schlanken Finger, mit seinem großen, schwarzgrünen Siegelring spielend, beffen Wappen sie immer bewunderte. Er wollte chr seine Hand entziehen.

„Laß, Kind, Du weißt, ich mag das nicht", sagte er mit zärtlichem Vorwurf.

„Laß doch, laß", schmeichelte sie glücklich. „Ich liebe Deine Hand, ich thue Dir ja nichts. Brutales Werkzeug, hast Du sie genannt. Diese Hand! Diese zarte, weiße Hand! — Oh, Du — Du mein-"

Und von Neuem preßte sie ihre Lippen darauf, bis er die Geliebte emporhob und an seine Seite niederzog. Er verbarg sein Gesicht an ihrem Halse, daß es ihre Haare streifte und verblieb lange in der Stellung. Er athmete heiß und ungleichmäßig. , .

Marie entzog sich seiner Umarmung, nahm sem Ge­sicht zwischen ihre beiden Handflächen und versuchte ihm aus nächster Nähe in die Augen zu sehen. Er hatte etwas, — mußte etwas haben. — Sie konnte wegen der Dunkele heit seine Züge nicht mehr erkennen. Aber sie fühlte, daß ihn etwas drückte. -

Sie sprang auf und wollte die Lampe anstecken, ©tfi mußte ihn sehen. Die Angst trieb ihr das Blut zum Herzen. Er folgte ihr und hinderte sie daran. — „Laß das. Lieb! Bleiben wir so! So ist es viel schöner. Was brauchen wir denn Licht. Wir haben uns ja."

Er zog sie auf das Sopha nieder und barg wieder sein Gesicht in ihren Haaren. Ihr Ohr fühlte den h eißen Athem des Geliebten. Ihre zarte Haut fühlte, daß s ek« Züge ernst waren und nicht lächelnd wie sonst. Sie legte seinen Kopf auf die Rücklehne des Sophas und streicheÜe ihm die Schläfen, angstvoll und besorgt. (Forts, folgt.)

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