Wiesbadener TsMt
so. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bczugs-Prers: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
1H.OOO Abonnenten.
Anzeigen-Preis:
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg.. sür auswärtige Anzeige» 2o Pf«..— Reclamcn die Petitzcite sür Wiesbaden oO Pfg.» sür Auswärts 1 Mk.
Abend-Ausgabe,
Politisches aus England.
Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt:
Das parlamentarische Duell hat aufs Neue begonnen, und wir empfingen inzwischen bereits einen Vorgeschmack pon dem kommenden großen Kampfe. Im Unterhanse führten vornehmlich Sir William Harcourt und Sir Henri, Campbell Bauncrman energische Angriffe auf das Ministcrimn aus. Mr. Balfour, der Repräsentant desselben, gefiel sich lvie gewöhnlich m Haarspalterei, wie der Engländer sagt, und Mr. Ehamberlam erklärte, ob die Verhängung des Belagerungszustandes in der Kapkolonie gesetzlich wäre oder nicht, sei ihm ganz egal. Dieses Gefühl der Wurstigkeit ist aber keineswegs ein neues Snmptom an dein Kolonialministcr, denn cs zeigte sich ja schön gelegentlich des IaMeson'schen Einfalles in den Transvaal, sowie bei der sogenannten Untersuchung seiner Mitschuld au demselben und bei der Reinwaschnng des Rhodes im Hanse der Gemeinen. Die bisherigen Diskussionen bewirkten nur eine Erweiterung der Kluft zwischen der Politik-der Regierung und derjenigen der Opposition. Im Oberhanse nahm die erste große Rede des Premierministers natürlich das Hauptinteresse für sich in Anspruch, und wäre es auch wur darum gewesen, weil aus derselben hervorging, daß Salisbury in Bezug uns die Kriegssrage nach wie vor auf dem alten Standpunkt steht. Nichts könnte wohl bezeichnender für den letzteren sein als die Art und Weife, in der er bei jener -Gelegenheit von den Buren sprach, die er „jenes jämmerliche kleine Volk" nannte. Wie er behauptet, fordere eS die Sekbsterhaltungspflicht Englands, aus bed'ingnngs- lofem Ergeben der Gegner zu bestehen, da andernfalls m jenem Winkel des britischen Reiche-.' das Feuer de-.- Aufruhres weiter glinnncn und bei erster Gelegenheit aufs Neu cuslodern würde. Handelte es sich nicht um eine so ernste Sache, so wäre es geradezu spaßhaft, Englands leitenden Staatsmann erklären zu hören, um der eoicvei- hest des Reiches willen gäbe es keine Alternative als die Fortsetzung des gegenwärtigen Ausrottuugskrieges. Das Publikum aber, au daS er sich mit einer solchen Behaup- t>ma werrdcn darf, muß entweder sehr einfältig sein oder aber mit politischer Moral vollständig gebrochen haben. Voraussichtlich ist letzteres der Hall, denn nur dadurch läßt es sich erklären, daß der Premierminister soeben auch wieder auf der alten Mär hernmrecken mochte, der gemäß die Buren England durch Invasion seines Gebietes zwangen, den. Kriegspfad zu beschreiten. Idarum giebt man nicht der Wahrheit die Ehre und gesteht offen und
11. Fortsetzung. Nachdruck verboten
Frei sür die Ehre!
Ein Roman aus dem Passeier von M. v. Oertzen.
Warf sie den Brief in den Kasten, so war er binnen drei Tagen da, der Sohn. Warf sie ihn nicht
Ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf. . , ^
„Sßantni mußte sie ihn denn überhaupt werfen. ^Ler
sah's, wenn sie es unterließ?"
’ So schlimm daran war er ja nicht, der Alle, und sollte die Krankheit eine Wendung zuin Ernsten nehmen, nun, so konnte man das Schreiben immer noch aus die Post
8 Deii armen Bua wegeil einer Greisenlaune, wegen nichts und wieder nichts ans dem Studium reißen, das war' doch eine Narrheit und Grausamkeit!
So ließ die Amianraria den Brief tu ihre wasche gleiten und schloß ihii daheim in ihre Kleidertruhe.
8 „IS das Brief! b'sorgt?" fragte der Bauer aus dein
Halbdunkel seiner Osenecke heraus. .
„Natürli iS 's b'sorgt", gab sie kurz zur Antwort.
Früh pflegte er schlafen zu gehen. Sie saß daiin noch einsam in der Küche und nähte oder spann.
Von heut' au hatte sie daS Jener ojfeir und flüsterte
in den Hof hinunter. . ^. r . . ~ .
Nach drei Tagen brauchte sie nicht mehr m den Hof zu flüstern, ihr Besucher saß in der warmeni Kuchl und forschte sie nach dem Besitze des Alten aus. Wte Mel Feld und Wiese, wie hoch die Schulden, wie hoch die Versicherungen und so weiter. . , .
Daß sie verging vor Sehnsucht nach einem einzigen guten Wörtl, nach einer Zärtlichkeit, er sah rs nicht oder wollte es nicht sehen. Warm halten freilich, das tonnte nicht schaden, denn wer weiß, wie es mit dem Testamente
Kam auch nur die Nutznießung in Betracht, Nutznießung war auch etwas Schönes.
Am vierten Tage ließ der Bauer semen Stuh. an ei« ,anderes Fenster bringen, von wo er die Straße ubersehen
ehrlich, daß Alles., was dem kleinen Burenvölkchen vorgeworfen werden kann, darin besteht, daß cs nicht ruhig innerhalb seiner Greiizen wartete, bis die Eligländer voll- tändig schlagbereit waren? Die Regierung rechnet übrigens darauf. das Parlament auch während der dics- maligeii.Sessimi wieder vollauf mit dem Kriege beschäftigt zu sehcii, und plant daher auch keinerlei ernstliche Gesetzgebung. Nur anstandshalber, wenn inan so sagen dars, erwähnte das Kabinett in der sogenannten Thronrede ein paar angebliche Absichten auf dein Gebiete der Gesetzgebung. ' Tie eine bezieht sich auf gewisse, schon oft angc- strebte, und niemals beivirkte Rcfornieii un Zusammenhänge mit der Ausbeutung der Bewohner Londons durch die Wasserhebewerke, und eine andere auf den Verlaus geistiger Getränke. In beiden Fällen ist aber Nnrkuche Abhülfe bestehender Uebelstände nicht zu erwaiten. sstameicklich die Brauer iind Schnapsbrenner, die n>l Parlamente so stark vertreten sind, baden mm einer ‘iJ'iti't nichts zu fürchte», die bei jeder Geuerallvahl ihre -Pahi- büreans mit Vorliebe in deii Bier- und Schnapspalasten einrichtet Was aber gar das allgekündigte sogenannte Landgesetz sür Irland anbetrifft, so werden die Tories schon für eine harrnlose Maßregel sorgen.
Deutscher Deichstug.
Berlin, 18. Januar.
Fortsetzung der Besprechung der Interpellation, betreffend Maßregeln gcaen die Arbeitslosigkeit. Abg. Graf Ä a n t g (kons.) stellt' zunächst fest, daß die Lage speciell in der Eisen- Industrie keine günstige sei. Für ein vom Abg. ^ubeil gewünschtes Arbeitsamt kann sich Redner nichts versprechen. Eine zuverlässige Arbeitslosenstatistik sei hauptsächlich dadurch erschwert, daß sich unter den Arbeitslosen stets auch mehr oder weniger Streikende und Vagabunden befinden, die überhaupt niemals arbeiten wollten, selbst, wenn sich ihnen dazu Gelegenheit böte Insoweit wirklich für die Industriearbeiter ein Arberts manael bestehe, könne er selbst auch eine Verpflichtung von Staat und Reich, abzuhelfen, nicht anerkennen. Sache der Gemeinden sei es nach Möglichkeit Hülfe zu schaffen. Die Lag- des Marktes könne er nicht als ungünstig ansehen. Er tonne es auch nicht billigen, daß so viel deutsches Geld in Unternehmungen im. Auslande angelegt werde, und daß sogar der deutsche Botschafter in Konstantinopel veranlaßt werde, seinen Einfluß dort zu Gunsten einer Beschleunigung der Konzession für den Bau der anatolischen Bahn geltend zu machen. Verschärft sei die Arbeitslosigkeit besonders auch durch das Kohlensyndikat und dessen übertriebene Preiserhöhungen. Redner beleuchtet dann auch die Thütiokeit des Roheisen-Syndikats, das zu außerordentlich niedrigen Preisen mach dem Ausland geliefert habe, wahrend unsere eigenen Werte zu hohen Preisen ihren Bedarf zu decken gezwungen gewesen seien. Gegen die Ausgestaltung de Arbeitsnachweises wolle er nichts einwenden, aber einer zu großen
Centralisirung des Arbeitsnachweises müsse er doch widersprechen, ebenso einer Arbeitslosigkeit-Versicherung, da die socialm Versicherungslasten dadurch noch mehr gesteigert wurden. Das Schwergewicht lege er jedenfalls auf den neuen Zolltarif, da derselbe unsere Industrie und damit auch unsere Arbeiter gegen die ausländische Konkurrenz schütze. (Widerspruch.) Das Fortbestehen des alten Zolltarifs würde ein Unglück sein. (Widerspruch und Beifall.) — Abg. H o f f m a n n - Dillenburg (nat.- lib.) hält die Arbeitslosigkeit sür etwas größer, als der Vorredner. Eine Versicherung gegen Arbeitslosigkeit halte er für durchführbar, und zwar auf Grund der Berufsgenossenschaften. — Sächsischer Bevollmächtigter Graf Hohenthal erwidert auf die gestrigen Äußerungen Zubeils, daß die sächsische Staatsbahnverwaltung Arbeiter entlassen lnit der Verlesung eines Telegramms des Inhalts: „Ständig beschäftigte Arbeiter stnd überhaupt nicht entlassen worden, vielmehr nur eine Anzahl sol- chcr Hülfsarbeiter, denen gleich bei ihrer Aufnahme gesagt wurde, daß sie nur vorübergehend beschäftigt werden können, und diesen Arbeitern ist angesichts der Lage Arbeit auf städtischen Bauten theils scboii gegeben, theils zugesichert worden, so weit sich Arbeitsgelegenheit bietet." Redner bemerkt weiter, daß auch der sächsischen Maschincnbauanstalt Hartmann, die im Begriff stand, eine Anzahl Arbeiter zu entlassen, eine große Anzahl Lokomo- tiven in Auftrag gegeben worden sei, damit der Betrieb nicht eingeschränkt zu werden brauche. (Beifall.) — Abg- Gamp (Reichsp.) glaubt, daß es angesichts der Arbeitslosigkeit doch Sache der Regierung gewesen sei, planmäßig vorzugehen. Die Arbkitsloscn-Demonstrationen in-Frankfurt a. M. halte er für begrenlich, wenn auch nicht für entschuldbar. Die Gemeindeverwaltung in Frankfurt a. M. hätte unbedingt für Abhulfe der Arbeitsnoih sorgen müssen. Redner verbreitet sich noch über die vom Abg. Zubeil gemachten Vorschläge, ^zn der Abkürzung der täglichen Arbeitszeit sehe er kein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit. Bei der Landwirthschaft würden die Arbeiter im Falle von Arbeitslosigkeit nicht entlassen. Da trage der Arbeitgeber das Risiko der Konjunktur. — Staatssekretär Graf Posa- dowsky wendet sich gegen den Vorredner, der der Reichs- regierung Vorwürfe gemacht habe. Eine Reform der Armen- Gesetzgebung, wie sie Herr Gamp verlange, sei in die Wege geleitet. Im preußischen Ministerium des Innern würde ein solches Reformgesetz behandelt. Dasselbe lönnte aber in dieser überlasteten Session nicht mehr vorgelcgt werden.— Abg. Lenz mann (sreis. Volksp.) bemerkt, daß auch infolge des Zick-Zack-Kurses das Vertrauen geschwunden sei. Der Kanal sei an dem Widerstande der Fronde gescheitert. Anstatt diese zu brechen und an das Volk zu appelliren, habe man sie mit Glacehandschuhen angefaßt. Rothwendig sei vor Allem, die Rückkehr zu einer verständigen Handelspolitik, die unseren Arbeitern nicht die Arbeitsgelegenheit raubt und ihnen auch nicht das Brod vertheuere. — Abg. Hahn (srattionslos) versichert, daß ohne die Bismarck'sche Wirthschafts- poliiik ein großer Th-il unserer Arbeiterschaft überhaupt ohne Existenz sein würde. Redner wendet sich dann gegen den Abg. Lenzmann. Eine sichere Arbeitsgelegenheit werde den Arbeitern nur gewährleistet werden können, wenn Deutschland sich durch -ine Wirthschafts- und Handelspolitik, wie seine, Redners,
Nimmt mich doch Wunder, daß der Bua, noch nir j kt ist", sagte er zögernd. i
„O mei! Die weite Reis'!" '
„Js nit so viel weit mit der Bahn."
Am fünften Tage schwieg er zu Allem, was »m ihn her geschah, und obwohl seine Blicke unablässig me Ferne gerichtet waren, mit ihrem letzten Feuer und einer Kraft, die wie magnetisch wirkte, äußerte er keine Klage ittclir.
Noch eine Seele schaute mit Ungeduld nach dem Sohn des Klauscnhofbauern aus — mit Angst und Neugier. Diese Seele gehörte der Cenz.
„Ob er nit kommt, wenn er weiß, der Vater ist krank? Ob er' so schlecht ist, daß er den Alten, sterben laßt, ohne ihin Vergelt'sgott für Alles zti säg'n? Pah — was geht s mich an!" . ..
Jede Stunde erinnerte sie sich daran, daß es sic nichts, garnichts anginge. Und jede Stunde ward ihr bänger ums Herz.
Herrgott, am End wußte er's nicht!
Von Nachbarir vernahm sie, daß der Alte znsammcn- siirke wie eine welke Pflanze und stetig auf die Straße starre mit glasigen Augen. Tic Bäuerin aber rede nie voii dem Sohn, und auf dem Postamt sei auch fern Brief abgegeben worden.
' Das Diandl zog sich in seine Kammer zurück und öffnete eine „Truhen". Daraus nahm es den Kürbis- kopf und betrachtete ihn Imtge — beinahe mit Zärtlich- beib
' Hat er dem Ander! die Leiter wcg'zogen aus Lieb' zu mir, kann ich ihm a schreib'», sein Vater liegt iin
Sterb'n." r .
Einmal schon hatte )tc sich m lerne Angelegenheiten aemischt und es gm gemeint — bös' war es ausgefallen. Nun wollte sie's in GottesNamen noch einmal probiren.
Sie setzte sich ans Fenster und schrieb imSchweiß ihre" Angesichts den ersten Brief in ihrem Leben.
Eine rosige Zungenspitze schimmert dabei zwilcheil den
„Lieber Paule!
Ich ergreife die Feder, weil es sonst vielleicht Nie- mand gethan hat und doch Tein Vater krank ist. Lieber Paule, er schaut immer auf die Straße. Ick, mein', ivegeii Deiner. Aber mir ist's eins, ob Du kommst oder nicht.
Deine Dich liebende
Crescenz Mair."
Tie Adresse hatte sie bereits früher zufällig in der Wirthsslube erfahren, und so konnte sie den wichtigen Brief anstandslos befördern.
Schwül und einsam lag die Nacht in der Küche; das Herdfeuer verglimmte, die geschwärzte Decke nahin einen dnmpfröthlichen Ton an in dem sterbenden Schein.
In den Städten freilich nannten sie's noch Abend, ein neues Leben entspann sich geheimnißvoll und webte sich fort bon Straße zu Straße.
Und in den dnnkleir Ebenen, durch Strecken, die von Menschen und Heimstätten leer waren, schlängelteir sich die Eisenbahnzüge, laut rasselnd, Echo weckend an den großartig finsteren Felsenwänden.
Funken stoben aus den Schloten der keuchenden Maschineir, Funken der Rastlosigkeit, die sich alsbald verloren tat irgend einem Moorgewässer, einem schweigenden Wald
Ter Bauer voin Klausenhof konnte es nicht vernehmen in seinem weltfernen Thale.
Vielleicht träumte er davon; lag er doch rm Bette
und schlief. .. , .. at . r , .
^as Fenster hatte sein We>b osfeiigelasten. Als der
Mond über der Mafulschlucht stand, siel ein schräger Schein über des Alten Bett und aus seine geschlosseiwn
Er fühlte daS Bewußtsein wiederkehren und erwachte. Schnee, Eis und Mond leuchteten ihn an.
Jessas das Diandl im Schnee!" murmelte er. „Ich sieh's deutlich — und Hab' doch so lange Jahren g'mcint,
cs sei derfror'n!" , . . A!T . .
> fs-r rirfitrie lieft aus und tftttt druckte, lerne ©Iicbci
