1. Settage zum MesbaüeMr Tagblatt.
Uo. 31. Morgen-Ausgabe.
Sonntags de» 19. Januar.
50. Jahrgang. 190Ü.
Die Gerechtigkeit ist die Liebe der Weisen. Leibniz. *
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(Schluß.)
iNachdruck verboten.)
Dornenkronen.
Roman von Ada ZLoy-Hd.
In der Nacht nach diesem Tage saß Alfred Hartmann in seiner Wohnung vor dem Schreibtisch. Schon eine Stunde lang starrte er auf das weiße Papier und hatte nicht den Mtlth zu schreiben. Die eine große Wahrheit, welche in seinem Herzen einer läuternden Flamitte gleich brannte, diese mußte er verschweigen, denn er durfte Ruth nicht mehr sagen: „Alles was ich früher für Dich fühlte, war nur ärmliche, zaghafte, träumerische Zuneigung; erst jetzt liebe ich Dich, wie ein Mann nur lieben kann, selbstlos, muthig, bereit. Alles, Glück und Unglück, Ruhm und Schmach mit Dir zu theilen,"
Nein, das durfte Alfred nicht sagen. Er durfte Ruth nur noch Eins bieten: die Freiheft! „Ruth", schrieb er endlich, „ich bitte Dich, wenn Du kannst, zu vergeben, und wenn Du vermagst, zu vergessen, was Dir in meinem Hmise geschah. Ich bin bereft, mich allen Deinen Wiinschen zu fügen, welche Du in Bezug auf unsere Trennung haben solltest, und werde meinen Sachwalter beauftragen, in jede Bedingung einzugehen, die Du etwa stellst. Werde glücklich, Ruth, so glücklich, wie Menschen werden können, und wenn Du in dem Reichthum Deiner künftigen Lebensstunden einmal eine leere Minute findest, gönne sie einer milden Erinnerung an mich und vergieb! Alfred." Hans mußte wieder der Bote sein, diesen Brief zu überbringen. Da Melitta aber schon nahezu genesen war, durfte Mimi denVeklobten begleiten. Ruth empfand eine große Freude, das liebe Mädchen wiederzusehen, und da sie sich umarmten, flüsterte Minri auf eigene Verantwortung: „Ruth, Liebste, Alfred läßt Dich grüßen; o, wenn Du wüßtest, wie schmal und vergrämt er aussieht."
Natürlich war der Gruß Mimis Erfindung. Hans gab seinen Brief ab und verwickelte Mimi und Melitta in ein so heiteres Gespräch, daß Mimi bald laut lachte und sogar über Melittas weißes Gesicht ein müdes Lächeln schlich. Trotzdem fand er Zeit, Ruth zu beobachten, welche, nachdem sie den Brief gelesen, ihr Haupt an der Lehne des Sessels verbarg. Hans merkte wohl, daß ihr Körper von stillem Schluchzen bebte. Nachher, als sie voneinander Abschied nahmen, führte Hans Ruth ein ivenig bei Seite und sagte leise, indem er ihr kräftig die Hand drückte: „Ich weiß zwar nicht, ioas da im Briefe steht — aber, Ruth — wenn Sie vergeben wollen, denke ich, werden Sic's nie zu bereuen haben. Es frißt einem das Herz ab, wie der arme Mann sich gränft." Ruth sah ihn mit thränenfeuchten Augen lächelnd an und sprach: „Sie sind ein Prachtmensch, Hans." „Ich?" sagte er. „Ach nein, ich bin nur vorlaut und indiskret; ich mische mich fortwährend in eine delikate Angelegenheit. Aber wissen Sie, Ruth, es giebt Dinge, die aus lauter Diskretion ins Grab geschwiegen werden können, während inan sie mit ein paar offenen Worten zu gesundem Leben bringen kann."
Abends fragte Alfred wieder: „Was hat sie gesagt?" Hans antwortete abermals gleichgültig: „Nichts." „O", rief Mimi, „sie hat geweint!" „Sie hat geweint", wieder
holte Alfred sich unaufhörlich und setzte für sich hinzu: „Thränen über ihre verlorene Jugend! Thränen der Angst vor dm Kämpfen, die nun beginnen werdeir und — vielleicht — ach, vielleicht Thränen des Mitleids über den Mann, der ihr Gatte war und nun einem einsamen Leben entgegengeht." Diese Thränen waren ja Antwort genug. Sie achtete ihn gewiß nicht mehr so viel, um ihn auch nur eines geschriebenen Wortes zu würdigm.
Er saß allein in seinem Zimmer, Hans und Mimi hatten ihn gleich wieder verlassen. Das leise Ticktack der Uhr war der einzige Laut, den man hörte. Der dunkle Sommerabend ward durch keinen Stern erhellt, kein Blättchen regte sich in den schwarzen Baumgipseln. Lautlos huschten allerlei Insekten zum offenen Fenster herein und verfingen sich flatternd in der Lampenkugel. So allein, so stumm sollte Alfred nun seine Feierstunden verbringen. Und sein Herz sehnte sich nach einem guten, freundlichen Wort, nach dem Klang einer lieben Stimme, ihrer Stimme. Ein leiser knarrender Ton machte ihn zu- sammenschrecken. „Ich bin nervös", dachte er. Aber ein Geräusch, wie das Schreiten eines leichten Fußes über einen Estrich, folgte jenem Ton. Ein Frösteln lief durch Alfreds Adern. Gingen Geister in seinem Hause um? Es schien, als wandte dort Jemand durch die Zimmerreihe, und er wußte bestimmt, daß die Magd ihren freien Abend hatte und noch nicht heimgekehrt sei. Er wollte aufstehen, er schien wie gelähmt. Nun klang es schon nebenan. Er erhob sich mühsam. Die Thüre ging auf, eine schlanke, dunkle Gestalt erschien auf der Schwelle, ein weißes Gesicht sah geisterhaft herüber. Alfred schrie auf:
„Mein Weib!" Er taumelte zurück. Aber schon war sie bei ihm und ihn mit beiden Armen umschlingend, rief sie: „Ja, Dein Weib, unlöslich Dein Weib!" „Ist es wahr, Ruth", stammelte er, „Du kommst — Du bist da — Ruth weißt Du, daß ich jetzt erst liebe, daß ich einst nicht wußte, ivas Liebe ist?" „Ich weiß es", sprach sie unter Thränen, „und ich hoffe. Deiner Liebe immer werth zu sein." Er riß sie an sein Herz und küßte sie lange und voll Leidenschaft. Doch sie entzog sich ihm sanft und sprach: „Nicht Du allein hast um Vergebung zu bitten. Auch ich — ja, auch ich! Aber von nun an wollen wir wieder bei einander stehen und nicht bei jeder Anfechtung die Waffen sttecken, sondern uns tapfer. Einer an den Anderen gelehnt, vertheidigen. Daß wir angefochten werden können, ist das Menschliche,, daß wir uns vertheidigen und obsiegen können, ist das Göttliche in uns. Laß mich zu Dir sprechen von Allem, ivas in meiner Seele war." Alfred nahm sie in seine Arme. „Nein", flüsterte er, „schweige! Erst jetzt, erst von heute ab sind wir Mann und West, sind wir Eins geworden. Und in die Stunde des Glücks soll nicht der Schatten der Vergangenheit fallen."
Und unten im Hause erzählte das blonde Mädchen es unter Thränen lachend seiner Mutter, daß eben füll die junge Frau die Treppen hinaufgehuscht und oben das Glück eingekehrt sei. Die alte Frau fiihlte, wie bei dieser Kunde ihr Herz klopfte, denn sie wußte, daß von nun an ihre Stärke die Zurückhaltung sein müsse. Wer doch stieg aus ihrem heftigen Herzen ein ehrlicher Wunsch fiir ihren Sohn und sein Weib empor.
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Einige Monate ungetrübten, stillen Glücks waren für Ruth und ihren Gatten vergangen. Alfred hatte nicht geglaubt, daß seine neue Ansicht iiber Ruths Begabung
noch einer Bestätigung bedürfe oder eine Steigerung erfahren könne, allein als ein bekannter süddeutscher Kuoßd- mäcen auf seiner Durchreise Ruths Bild für einen hohe« Preis erwarb, war er doch sehr glücklich und merkte, dich es leichter und freudiger sti, ein anerkanntes als ei n ver- kanntes Genie zu fördern, obschon das Genie in beid« Fällen an sich dasselbe ist. Auch die ganze Famiüe schwenkte plötzlich um, und sogar Erna sprach mit Dvv- liebe von ihrer „talentvollen Schwägerin". An einem Spätherbstabend, als das jüngste Ehepaar der Familie, Hans und Mimi, bei ihr zu Gast war, holte Ruch einen Brief aus ihrer Tasche und sagte: „Wollt Ihr von unserer armen Melitta etwas hören?" „Hat sie endlich geschrieben?" fragte Alfred, „so lies es uns vor, wenn wir das Recht haben, ihre Mittheilungen kennen zu lernen."
„Sie sind sehr karg", versetzte Ruth schwernrüchiig. „Melitta schreibt: „Du beklagst Dich, Liebe, daß ich lange Wochen hingehen lasse, ohne Dir Nachrichten zu geben. Aber was soll ich Dir sagen? In mein Leben wirft nur eine einzige Sonne ihre Strahlen, die Kunst. Und wie hell mir diese scheint, kannst Du ja aus den Zeitungen besser lesen, als aus meinen eigenen Berichten. Ich glaube, ich habe erreicht, was man mit Fleiß und Begabung nur erreichen kann; daß ich aber mein Publikum jetzt mehr hinreiße und bewege als früher, mag ^ wohl davon kommen, weil ich Schwerter im eigenen Herzen fühle. Gönne mir mein Schweigen. Denn daß ich Dich unendlich liebe, weißt Du ja für immer. Bisher war's mir zuweilen eine sanfte Freude, mit Rodenbach zusammen zu sein; wir verstanden uns allezeit so gut. Aber ihm ist Europa zu eng, sagt er, und er geht, um eine Studienreise nach Indien zu machen. So bleibe ich denn ganz allein. Hab' ich deshalb zu klagen? Die Loose fallen verschieden: es giebt Menschen, die nehmen, und Menschen, die geben müssen. Ich soll geben — ich verlange nichts mehr für mich, denn vielleicht ist es ein größerer, wenn auch schmerzlicherer Reichthum, geben zu können. Dir aber, Ruth, möge das Schicksal gönnen, an beiden Tafeln zu speisen. Und Deinen Lieben möge es alle Freuden schenken. Melitta.""
Alfred drückte seinem Weib bewegt die Hand. Hans flüsterte Mimi zu: ..Beneidest Du noch die genialen, berühmten Frauen? Was ist Melittas Leben? Eine Wüste, über welcher heiß und brennend die Ruhmessonne strahlt. Und wie theüer hat Ruth ihren Frieden erkauft!" „Nein", mftwortete Mimi, sich an ihn schmiegend, laut, „ich beneide Memand und bin seelenftob, daß ich gar kein Genie habe." „O", rief Hans, sein junges Weibchen an sich drückend, „Du hast das Genie. Deinen Gatten unaussprechlich glücklich zu machen." „Und das", fügte Ruth tief bewegt hinzu, „ist das wundervollste Genie, das ein Weib haben kann, einen Mann ganz und gar zu be> glücken." Alfred schwieg, aber in seinen Blicken, die voll heißer Dankbarkeit auf ihrem Antlitz ruhten, las man, daß er wisse, auch sie besitze jenes wundervolle Gerne.
Und die Zeit mit ihrem wechselnden Inhalt zog dahin, und immer fand sie die Gatten als tteue, liebevolle Ge/ führten fest bei einander stehen. Manchmal aber, wen» in weichen Frühlingstagen der Wind vom Garten he« den süßen Duft weißer Narzissen ins Fenster führte, daß er Ruth leise das Antlitz umschmeichelte, dann zog ein Schauer durch ihre Seele, sie drängte sich fest an der Gatten und sah ihn mit großen, bittenden, demüthigen Augen an. Er verstand sein Weib und seine Arme umschlossen sie tröstend, haltend und innig.
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