Beilage zum Wiesbadener Tagklatt.
Uo. 29. Morgen Ans gake.
Samstag, den 18. Januar.
Viele Wege geh'n bnrdi beit Wald,
Wer ltidU Beichetd weiß, verirrt sich bald.
Viele Wege auch durchs Lebe» gen'n —
Mußt immer dcu Dir auserjeh'n.
Ob mancher auch sonst Dich locken möchte,
Von dem das Herz sagt: Das ist der rechte!
Joh. Trojan.
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(48. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Dornenkronen.
Roman von Ida ZSoy-Hd.
„Hans!" sagte Alfred heiser. Sie verstand seinen Wunsch, und eilte hinab in ihre Wohnung, wo Hans nnd Mimi in ernsten Gesprächen zusammen waren. „Er will Dich sprechen", rief sie; „o, Hans, rede ihm gut zu. Er ist wie von Sinnen!" Hans brummte etwas von „recht geschehen" und „schöne Suppe eingedruckt" und stieg sehr gemächlich die Treppe hinan. Oben jedoch hatte er Blühe, seinen Schreck zil bemeistern, als er in das veränderte Antlitz seines Schwagers blickte. „Dtt wünschest wohl zu wissen, wohin ich Ruth geführt und wie ich sie verlassend" Alfred nickte, keines Wortes inächtig.
Hans begann seineir Bericht, nnd leider muß gesagt werden, daß er die an und für sich schon so erschütternde Wahrheit noch in seinem Vortrag durch die dunkelste Färbung tragischer machte, daß er, vollständig mitleidslos mit Alfred, diesem die herbsten Sachen sagte, Rodenbach hingegen als energischen, besonnenen nnd edlen Mann darstellte nnd schließlich über Ruths ZukunftS- pläne höchst beunruhigende Andeutungen machte, obschon '.v: nicht das Mindeste davon wußte. . Selbst der Umstand, daß Melitta infolge vieler Erregungen von einem Nerven- iieber befallen sei, wurde von ihm auSgebeutet, indenl er die Befürchtung aussprach, daß Ruth ein gleiches Unglück haben könne. Wenn etwa noch eine Faser an Alfred verhärtet gewesen sein sollte, Hans machte sic mürbe, ivenn das sonst so ruhige Blilt noch nicht in allen Adern kochte, Hans brachte es ins Sieden. Und anstatt Beruhigung gab ihm diese Unterredung nur noch neue Qual. Er bat zum Schluß den jungen Mann mit bebender Stimme, jeden Tag nach Ruth zu sehen nnd Alles, was diese etwa wünschen möge, gleich einem Befehl zu achten. Hans versprach es mit einem kräftigen Händedruck und ging wieder fort, um nachher seiner Braut ins Ohr zu flüstern: „Kleine, üi nur getrost! Dein Bruder ist int Begriff, sich zu entpuppen, und meiner Treu, es kommt was Rechtes heraus." - Tu kannst immer noch scherzen!" sagte Miini vorwurfsvoll.
Die Saat, welche Hans in Alfreds Herz gesät, ging sofort auf. Tie Verzweiflung, lvclche in sein Gemüth gekommen, wuchs und wuchs. Gewiß, Ruth kehrte nie wieder, sie war zu schwer beleidigt. Sie würde sich gesetzlich von ihm trennen, und dann — dann — nein, das konnte er nicht ausdenken! Und welche Demüthigung: sie mußte von der Gnade Melittas leben, denn daß sie von ihm keinen Heller annehmeu werde, hatte Hans schnöde genug erklärt. Sie befand sich neben Melitta in Gefahr, sie konnte selbst erkranken, schwer leiden, und er durfte sie nicht Pflegen, sie konnte — sterben, und er durste nicht ihren letzten Seufzer bewachen! Aber nein, so grausam wollte das Schicksal gewiß nicht sein. Sie würde leben. Aber welches Leben. Ein mühsames, voll Arbeit.
Vielleicht, daß es ihr glückte, ihr großes Talent zu ver- wcrtheu — — Hier stockte der Gedankengang des gefolterten Mannes. Wie? Als es ihm für die Bequemlichkeit seines Lebens vortheilhaster schien, hatte er dies ihr Talent verleugnet nnd hatte es gewaltsam begraben wollen? Nun aber, da es ein bequemer Trostgedanke war, daß Ruth durch Arbeit Lebensfreude und Verdienst haben könne, nun war für ihn mit einem Male ihr Talent wieder da? Und in der Einsamkeit seines von der Abenddämmerung schon verschütteten Zimmers erröthete der Mann und legte die Hand über die Augen, als fürchte er, daß dennoch Jemand diese Röthe erspähen könne. Seine Mutter, die in dieser Nacht nicht schlief, hörte bis gegen Morgen über ihrem Haupt den Schritt des Sohnes rastlos das Zimmer durchmessen. Dann wurde es still, Nur ihr Ohr, nicht ihr Auge hatte ihn zu bewachen vermocht, sonst hätte sie gesehen, daß Alfred, anstatt sein Lager aufzusuchen, sich auf den Rand von Ruths Bett setzte, die Hände auf ihrem Kopfkissen faltete und feine Stirn hernieder auf die Hände beugte. Ihm war's, als halte er Trauerwacht an einem Bett, daraus man eben eine thenere Leiche getragen.
Der Pfingstmorgen brach an. Sonnenschein floß durch die Fenster und wärmte den vonFiebersrösten durchschauerten Mann. Er richtete sich auf und sah mit schmerzenden, müden Augen hinaus. Es war die erste Nacht seines Lebens, die er in schwerem Gram durchwacht. Die fröhliche Schönheit des festlichen Morgens, die er früher nie empfunden hatte, regte wehmüthige und schmerzliche Vergleiche in ihm, an, sein eigenes Unglück schien ihm schattenvoller, je sonniger draußen diePfingsten tagten. Ihm war's, als müsse er vor dem Sonnenschein fliehen. Er ging durch das nächste Zimmer, da lag mic ein goldener Teppich der Sonnenschein ans dem Estrich; er öffnete die folgende Thür nnd derSonnenschein slnthete sogleich auf dem neuen Wege weiter und spann sich gerade bis auf das Bild, welches von jener Nacht her noch unverhüllt auf der Staffelei stand.
Alfred Hartmann erschrak so, daß er sich an den Thürvsosten halten niußte. Ihm war's, als stände er vor einen: lebendigen Erscheinung. Das war ihr Werk, das hatte sie heimlich geschaffen, seine Augen umflorten sich. Er war außer Stande, auf dieser Leinwand irgend etwas zu erkennen, als ein Gemisch bunter Farben, die vor seinen Blicken chaotisch durcheinander wogten. Hastig trat er mit einem Mal darauf zu, hob das Tuch vom Boden ans, verhüllte das Bild, schloß die Thüren ob und steckte die Schlüssel in die Tasche. Tann athmete er etwas erleichtert auf; ihm schim, als habe er nun einen Schatz vor Räuberhänden verwahrt. Als seine Mutter kam, fand sie ilnt wohl erschreckend bleich und ernst, aber doch zugänglich, Auch Hans erschien schon in oller Friihe und war bereits bei Melitta gewesen, um sich nach deren Befinden zu erkundigen. Die Anne log bewußtlos ini Fieber. Hans bemerkte auch, daß man Ruth wohl ihre Habseligkeiten hinsenden müsse. Das geschah denn auch, nnd Frau Hartmann erzählte Jedermann, daß ihre Schwiegertochter ans einige Wochen ganz zu dem Fräulein Allenstein gegangen wäre, um dasselbe während seiner Krankheit zu pflegen. .
Ruth sah, daß man ihr bis zum letzten Schuhband Alles gesandt, was ihr persönliches Eigenthum gewesen, nur Eins fehlte: das Bild, ihr Ikarus. Aber eines schönen Tages sagte der treue Hans, der täglich mindestens einmal bei Ruth vorsprach: „Wenn Sie .nicht bald ein
50. Jahrgang. 1902.
bischen an Ihre Gesundheit denken, »oerden Sie auch noch krank, lieb er lassen Sie Melitta dann und wem« ein Stündchen der Wärterin und gehen Sie spaztren. Promeniren Sie zum Beispiel einmal amMagazin meines Schwagers Alfred vorbei. Da hängt ein neues, sehr schönes Bild, aber Alfred verlangt auch ein Heidengeld dafür." „Von wem?" fragte Ruth aus Höflichkeit. Hans legte sich bequein in den Lehnstuhl zurück, besah sein« Fingernägel nnd sagte mit der größten Unbefangenheit? „Ikarus, von Ruth Hartmann, wie die Inschrift im Barockrahmen sagt — übrigens eine geschmacklose Mode —breite, schwarze Bilderränder, das wäre so , . . ja, aber um des Himmels willen, Ruth", unterbrach er sich, „ein Unglück ist es doch nicht!" Ruth war, tief erglühend, so zusammengefahren, daß Hans mindestens dachte, sie werde in Ohnmacht fallen. Aber sie faßte sich sogleich und ging, ohne eine Silbe ans die Mittheilung zu erwidern, zu einem gleichgültigen Gespräch über. „Was hat sie gesagt?" fragte Alfred Abends seinen Schwager. „Nichts", antwortete dieser kalt, Und mit einem schweren Seufzer wandte Alfred sich ab. Seine Familie sah ihn wenig, er schien angestrengt in seinem Geschäft thätig zu sein. Die sorgenvollen Augen seiner Mutter sahen aber, ivie er kummervoll dreinschaute, mie er abmagerte, ihr schwaches Ohr hörte, daß er oft Nachts spät aufblieb. Und sein verändertes Wesen flößte ihr so viel Scheu ein, daß sie nicht einmal mehr mit einer Frage wagte, sich in den Zustand seiner Seele zu mischen.
Mit großer Sorgfalt studirte Alfred Hartmann jeden Morgen alle Blätter der Stadt. In jedem fand er fast täglich irgend eine Notiz über Melitta Allenstein. Selbstverständlich sprach man auch von ihrer lreüen Pflegerin, und kaum, daß Ruths Bild ausgestellt war, bemächtigte sich die Reportergeschwätzigkeit auch dieses Umstandes und warf mit den großen Worten nur so um sich und feierte die Freundschaft zwischen zwei so genialen Frauen, vergaß auch nicht die Selbstlosigkeit des Gatten der talentvollen Malerin. des bekannten Kunsthändlers Alfred Hartmann, zu preisen, der seiner Frau gestatte, sich ganz der Freundin zu widmen. Nun war das da für ihn und sein Weib,, was er früher so bang geflohen: das Interesse der Oeffcntlichkeit für sie. Er bemerkte mit Erstaunen, wie gleichgültig ihn das ließ, denn Alles, Ivas da gedruckt stand, war Besseres und weniger, als der Klatsch in allen Kreisen der Bevölkerung wohl verbreiten mochte. Er sah, daß die gedruckten Zeitungen milder und höflicher seien, als die Zungenzeitungen. Aber er begriff auch, daß, wenn die Zeitung erst Melittas Genesung berichten würde, die Sümden der letzten Entscheidung zwischen ihm und Ruth geschlagen haben. Eines Morgens — fünf Wochen waren inzwischen vergangen las er denn auch, daß Fräulein Allenstein so weit wieder hergestellt sei, um vor Beginn der Ferien noch einmal anf- treten zu können, indeß beabsichtige das Fräulein, ihr Rollenfach zu wechseln, von der jugendlichen Liebhaberin zur Heroine überzugehen, und sei. es ihr gelungen, ihren hiesigen Kontrakt zu lösen und einen anderen, äußerst vortheilhaften für München zu schließen. Alfreds Herz klovfte wild. Melitta ging fort, notürlich begleitete Ruth die Freundin. Sie gingen nach München, natürlich sorgte Rodenbach dort eifrig für das Fortkommen seiner jungen Werkgenojsin. Kein Zweifel, Ruth ging ihrem Glück nnd dem Ruhme entgegen.
(Schluß folgt.)
liaii -Verein.
Heute Abend 8'/s Uhr:
Versammlung
im Vereinslokal, Hotel Nonueuhof. Der Vorstand. F405
Das wunder in der vinmenwett.
Saiiroinntum venosam oder: Amin coriiMtum blüht ohne Wasser und Erde und erregt überall das größte Aufsehen. Man legt die plattrnnde Knolle ins geheizte Zimmer auf Tisch, Console oder Schrank, ohne dieselbe in Erde zu pflanzen oder anzufeuchten entwickelt sich aus den in der Knolle anfgespeichcrteu Nährsäften eine h Dieter lange Blume, die an Formenscbön- heit und Farbenpracht ihres Gleichen sucht.
Die Blüthenscheide hat die Form einer riesigen Callavlüthe, ist auf ihrem oberen Zipfel prächtig roth und gelb wie eine buntschillernde Eidechse gefleckt, während der untere tassenförmige Theit innen in herrlichem Orangeroth und Sammetcarmin- prangt. Einige Tage nach dem Abwclken der Blume treibt die Knolle von frischem, wird dann in einen Topf gepflanzt, reich begossen und hat man so »ach einem Monat eine erst- classige, sehr interessante Blattpflanze. Ende September welken die Blätter und kann dieselbe Knolle jahrelang immer wieder trocken zum Blühen gebracht werden.
Herr Königlicher Garteninspector I.inde- miitii in Berlin hat in einer Frauen- zeitung („Mode und Haus") dieses Knollengewächs näher beschrieben und sagt in seinem Aufsatz wörtlich: „Jeder Pflanzenfreund wird überrascht sein und große Freude empfinden über die seltsame Blume."
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