so. Jahrgang.
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Uv. 30. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Slimstag, dkN 18. IttNUar. Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902.
Abend- Ausga be.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 17. Januar.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt der bayrische Generalmajor v. E n d r e s in Zurückweisung einer gestrigen Anfrage des Abg. Heim (Centr.), in der bayrischen Abgeordnetenkammer habe der bayrische Kriegsminister auf eine Anfrage aus dem Hause über die Lage der bayrischen Kriegs- Invaliden von 1870/71 die Erklärung abgegeben, er könne eine Antwort darauf nicht ertheilen, da die Sache zur Kompetenz des Ministeriums des Innern gehöre. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Vorlage, betreffend Verlegung der deutsch- dänischen Grenze an der Norderau und der Kjaermühlenau. Die Vorlage wird in erster und zweiter Lesung debattelos erledigt. Es folgt die Interpellation Albrecht und Genossen (Soc.), betreffend Maßregeln gegen die Arbeitslosigkeit. — Staatssekretär Posadowsky erklärt sich zur sofortigen Beantwortung bereit. — Abg. Zübeil (Soc.) weist auf die Ursachen der gegenwärtigen Krisis hin, hauptsächlich die Bankbrüche, dazu der chinesische Krieg und der Transvaalkrieg. Um der Arbeitslosigkeit abzuhelfen, sei vor Weihnachten so gut wie gar nichts geschehen und auch jetzt warte man vergeblich auf ernstere Maßnahmen, obwohl der Nothstand ein täglich steigender sei. Redner geht dann auf die Erhebungen ein, die zur Feststellung des Noth- standes von den Ober- und Regierungspräsidenten veranlaßt worden seien und auf die in Frankfurt a. M. stattgehabten Umzüge von Arbeitslosen. Bei den letzteren sei, trotzdem nicht das geringste Anzeichen eines Krawalles zu beobachten gewesen sei, die Polizei in einer Weise vorgegangen, die selbst in den dortigen bürgerlichen Kreisen lebhafteste Entrüstung hervorgerufen hätte. Wer in Berlin die Ansammlungen vor gewissen Zeitungs- Expeditionen sehe, der wisse, daß es sich dabei nicht um Pennbrüder und dergleichen, wie der Oberbürgermeister von Halle behauptet hätte, handele, sondern um Familienväter, die ernsthaft Arbeit suchten. Leider hätten sich nicht alle Arbeiter den Organisationen angcschlossen, weshalb letztere nicht im Stande seien, ein ganz vollkommenes Bild des herrschenden Elends zu geben. Hier thue die Regierung nichts. Wenn es sich aber um Nothstand von Landwirthen und Groß-Industriellen handle, dann bekunde die Regierung mehr Eile und Eifer. Seine Partei verlange an dauernden Maßnahmen vor Allem ein Arbeits- Ministerium, ferner ein Arbeitsamt zum Zwecke einer fort- vauernden Arbeitsstatistik, weiter einen zehnstündigen Marimal- Arbeitstag, Verbot der Kinderarbeit unter 14 Jahren, gesetzliche Regelung des Arbeitsnachweises. — Staatssekretär Posadowsky erwidert, eine Zusammenstellung aller bei ihm eingegangenen Berichte über die Lage der Arbeits-Verhältnisse lasse zwar erkennen, daß eine geschäftliche Depression vorhanden sei, aber doch kein eigentlicher Nothstand. Auch überwiegc di:
10. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Frei für die Ehre!
Ein Roman aus dem Passeier von M. v. Oerhen.
Sein Vater gab ihm das Geleit bis zum Ausgang des Dorfes.
Tort schüttelten die Männer sich die Hände, daß ihre beiden kräftigen Gestalten wankten.
„Ich dank' dem Vater für Alles Gute", sagte der Paule nach einem ringenden Athemzuge.
„Mein lieber Bua!"
Der Alte schluckte ein paar Mal.
,,EH' Du gehst, mein Bua — Du warst mir halt immer a rechte Freud' — sorg', daß es so bleib'!"
Die braunen Wangen des Burschen nahmen eine dunklere Färbung an.
„Behüat Enk Gott, Vater."
„Behüat di Gott, mein Bua. Als ein Briefl magst schon schreib'n! An den Klausenhofbauer Josef Leonhard in St. Martin im Passeier, bei Meran, im Tirolischen, Oesterreich. Das langt aus für die Ädress'n."
Noch ein Händedruck . . . dann ging der Junge in strammen, gleichmäßigen Schritten nach links, der Alte in inüden, schweren, gedankenvollen schritten nach rechts.
Der Tag der Abreise des Sohnes bedeutete für die Bäuerin Erlösung und Befreiung.
Ihre Nerven hatten den Schrecken jener Mondnacht nicht verwinden können, überall und immer wähnte sie sich belauscht, und ihre ganze Natur bäumte sich auf gegen den Zwang.
Die unbequemen Augen des eigenen Kindes aus dem Hause — sah sie eine neue, bessere Zeit für sich erblühen.
Mitten in ihren Plänen, ihrenr Frohlocken und Hoffen traf sie ein harter Schlag.
Der Bauer war ein Anderer geworden.
Er paßte ihr sozusagen auf die Finger.
Nur im äußersten Falle ging er ohne sie aus dem Haus, nie am Abend und selten am Tage.
„Ich bin alt", sagte er ruhig, „und kann mir zwei Knechte halten. Die schwere Arbeit setzt mir zu, Als,
Auffassung, baß in der geschäftlichen Lage der Tiefstand erreicht sei. Der Niedergang habe sich überhaupt nicht auf die gesammte Industrie erstreckt, sondern nur auf einzelne Branchen. In Sachsen, Baden, Sachsen-Weimar, Württemberg werde das Vorhandensein eines allgemeinen Nothstandes verneint. In einem Theile Bayerns, in Unterfranken, Oberbayern und der Pfalz seien erhebliche Entlassungen erfolgt. In den übrigen Theilen Bayerns sei das bis jetzt nicht nothwendig geworden. Die Stadt Frankfurt a. M. habe sich noch nicht zu Nothstandsarbeiten veranlaßt gesehen, weil bei den Centralarbeitsnachweis-Büreaus immer noch der Nachweis von Arbeitsgelegenheit möglich gewesen sei. Auch seien die von der Stadt für Arbeitslose eingerichteten Werkstätten nicht in vollem Umfange benutzt worden. Es sei also stark übertrieben worden mit der Schilderung eines Nothstandes. In zahlreichen Branchen liege die Sache gar nicht so schlimm. (Wiederholte Unterbrechung und Zurufe von links.) Da sich aber die Dinge jeder Zeit ändern könnten, habe er sich mit verschiedenen Reichsämtern in Verbindung gesetzt. Das Reichspostamt habe die. Oberpostdirektionen angewiesen, mit den begonnenen Bauten möglichst ohne Unterbrechung fortzufahrcn. Auch die preußische Eisenbahnverwaltung und das Reichsmarineamt hätten ähnliche Weisungen ergehen lassen. Der Staatssekretär weist dann noch hin auf die neue arbeitsstatistische Abtheilung des statistischen Amtes. Für richtig halte er es, daß die Arbeitslosen-Zählung nicht unter Hinzuziehung der Polizei erfolge (Rufe links: hört, hört!), der ohnehin schon viel zu viel zugemuthet werde, sondern nur unter Mitwirkung von Arbeitern und Arbeitgebern. Man hätte seine Weltanschauung oft eine agrarische genannt wegen seiner Thätigkeit für den neuen Zolltarif, aber daraus mache er keinen Hehl: Auf das platte Land wieder hinaus bringen könne man die Arbeiter nicht. Jeden Versuch, die Freizügigkeit mittelbar oder unmittelbar zu beschränken, halte er, Redner, für vollkommen utopisch. Es gebe da nur ein Mittel. Man müsse die Landwirthschaft so stellen, daß sie im Stande sei, ihre Leute genügend zu bezahlen und dadurch auf dem Lande festzuhalten. Der Staatssekretär wendet, sich dann noch gegen eine Arbeitslosen-Versicherung, die nur nützlich und scgenbringend sein würde, wenn die Gelverkschaften ihre Mitglieder gegen Arbeitslosigkeit versichern würden. Das Reich könne jetzt jedenfalls nicht mehr thun, als die Arbeiten, die es selbst zu vergeben habe, sofort zu vergeben und die Kommunen und Einzelstaaten müßten das Gleiche thun. — Abg. Hitze (Centr.) erklärt, daß seine Partei eine solche Interpellation eingebracht haben würde, wenn dies nicht schon von socialdemokratischer Seite geschehen wäre. Dem Herrn Staatssekretär könne man nur dankbar sein für seine eingehende und sachgemäße Antwort. Unverkennbar sei, daß die Arbeitgeber heutzutage rücksichtsvoller vorgingen als früher. Die Zähl der Arbeitslosen sei aber trotzdem sehr groß. Es sei angezcigt, daß Reich und Staat Arbeit vergeben, soviel sie nur könnten. Sehr erfreulich sei, daß von keiner Seite ein Versuch gemacht werde, die Krise auf die Socialreform zurückzuführen. Dazu würde auch gar kein Anlaß vorhanden sein. Man müsse vielmehr froh
amal mein' ich, am Herzen hätt' ich's! Der Dampf wär's!"
Annamaria bewegte sich geräuschvoll in der Stube.
Sie zerbrach Schüsseln und Gläser, schlug die Thüren, warf das Zinngeschirr umher — um nur ihrem Unmuch Luft zu machen.
Den Alten da ewig am Schürzenbändel, das war schon ein Kreuz!
Sie war aus dem Regen in die Traufe gekommen. Sollte der Bua am End' —
Ter Ändert seinerseits stürzte sich nicht in Gefahr um sie.
Kein Lebenszeichen, kein Briefl, keine Botschaft!
Der Paule hingegen schrieb dem Vater jeden Monat einen Brief, irr dem er sich mit feinem Schicksal zufrieden erklärte, und wenn es dem Vater recht wäre, wolle er ein paar Jahre fort bleiben. Ein freundlicher Herr, Professor an der Universität, unterrichte ihn noch in anderen Fächern und leihe ihm manch' gutes, belehrendes Buch. In den Wissenschaften vergäße man wohl zuerst, was man gern vergessen wolle.
Der Bauer nickte beim Lesen dieser Zeilen.
„Laß' ihn nur", sprach er zu sich selber. „Besser, er sieht's niemalen, was er für a Mutter hat."
Der „Dampf" quälte ihn mehr und mehr, und sein Weib machte ihn behandeln, wie einen richtigen Kranken.
Sie that es mit fest zusammengepreßten Lippen, meist stumm, und mußte in dem Winter, der nun folgte. Tag für Tag in der Stube bei ihm sitzen.
Der Schnee isolirte den Hof von den anderen Häusern des Dorfes und reichte bis an die Holzgallerie hinan.
Blickte sie durch die erblindeten Fenster, so verschwamm ihr Alles weiß vor den trockenen, glühenden Augen. Me Starrheit der Bergwelt im Dezembereis, der Schlaf der Natur, das stille wache Träumen des alten, kranken Mannes am Ofen —- das. Alles wirkte zusammen, sie dem Tiefsinn entgegen zu treiben.
Es mußte, mußte anders werden.
Sie selbst sehnte jetzt den Sohn herbei, um sie aus der täglichen Gefangenschaft zu retten.
Auch litt ja die Arbeit, das Wohlergehen des ganzen Hauses unter, diesem Zustand l
sein, daß die Jahre des Aufschwunges die Socialreform ermöglicht hätten. Gerade diese sichere auf die Dauer den Weltmarkt. Redner plädirt noch für die Errichtung von Arbeitskammern. — Abg. Gothein (freist Ver.) findet, daß der Staatssekretär die Lage doch zu optimistisch aufgefaßt habe. Selbst gut fundirte und sonst gut gehende Werke, wie die Laurahütte, hätten sich zu Lohnherabsetzungen gezwungen gesehen. Zu der Verschlechterung der Verhältnisse in der Eisen-Industrie habe viel beigetragen, daß die Kohlen-Jndustrie ihre Preise so lange als möglich übermäßig hoch gehalten habe. Gleichwohl müsse er dem Verlangen Bebels nach Verstaatlichung der Kohlengruben widersprechen. Krisen werde es immer geben, auch in dem socia- llstischen Zukunftsstaate werde man Produktion und Konsumtion nie ganz in Einklang bringen können. Irrende Menschen werde es auch in diesem Zukunftsstaate geben. Hätten wir jetzt die Kanalvorlage, so würde es an Arbeitsgelegenheit nicht fehlen. Nothstandsarbeiten könne man überhaupt nicht auf lange Jahre durchführen, denn sonst käme Alles in eine ungesunde Richtung. Es bleibe nur rin Mittel übrig: dem Handel und der Industrie müsse das Vertrauen wieder zurückgegeben werden, indem di: Wege des neuen Zolltarifs verlassen und wieder zu einer gesunden Handelsvertragspolitik zurückgekchrt werde. Hierauf erfolgt Vertagung. Morgen 1 Uhr: Fortsetzung. Der Präsident theilt noch mit, voraussichtlich werde diese Interpellation das Haus auch noch an: Montag beschäftigen. Auf die Tag»wrdnung vom Dienstag beabsichtige er alsdann Wahlprüfungen zu setzen. Schluß 6}4 Uhr.
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Berlin, 17. Januar. Di« Zolltarif-Kommission des Reichstags setzte heute ihre Berathungen bei § 5 fort, welcher die Gegenstände bezeichnet, die vom Zolle befreit sein sollen. Der Paragraph zerfällt in die Nummern 1 bis 6. Hierzu lag eine Reihe socialistischer Anträge vor, die jedoch, soweit sie sich auf die Positionen 1 bis 5 bezogen, sämmt- lich abgelehnt wurden. Eine redaktionelle Abänderung des Punktes 6, die von den Socialdemokraten beantragt und von dem Regierungsvertreter bewilligt war, wurde in der beantragte« Fassung angenommen. Darauf wurde die Sitzung auf Dienstag vertagt.
Die Wahlprüfungs-Ko m Mission des Reichstags beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit der Wahl des an Stelle des verstorbenen Freiherrn v. Stumm im 6. Trier- scheu Wahlkreise gewählten Oberbergrath Priotzc. Ein Beschluß wurde noch nicht gefaßt.
Die Geschäftsordnungs-Kommission des Reichstags hat heute einen dem Reichstage von gerichtlicher Seite unterbreiteten Antrag, die Genehmigung zur Vorladung des Abg. Konrad Haußmann (südd. Volksp.) zu ertheilen, abgelehnt.
In der Budget-Kommission des Reichstags wurde heute die Berathung des Militär-Etats fortgesetzt. Von den 10 geforderten Compagnieen Fuß-Artillerie wurden nur vier und die dazu gehörigen drei Stabs-Offiziere bewilligt; ferner sieben neue Maschinengewehr-Abtheilungen, sowie noch
Aber der Bauer verbot ihr, dem Sohne zu schreiben.
Verließ sie die Stube, so fragte er: „Wohin?"
Kam sie zurück, empfing er sie mit einein seiner furchtbaren, lauernden Blicke, die ihr wie Messer ins Fleisch schnitten.
Es war wie ein steter, erbitterter Kampf, mit unsichtbaren Waffen geführt. Einer mußte auf dem Platze bleiben.
Der Wurm des Mißtrauens, der am Leben des Mannes fraß, vernichtete seine Kraft in der Wurzel.
Und doch mußte er wachen — wachen über seine Ehre! Ueber die Ehre seines Weibes und seines Hauses.
Ehe der Frühling seine Lahnen zu Thal sandte, glich der Alte einer Hülle ohne Fleisch und Bein, erfüllt von einer Seele, die schon alles Irdische abgestreift hat.
Tie ersten, sonnigen Tage trafen ihn lächelnd, unfähig zu gehen, am Fenster fitzend.
Sein Weib trafen sie abgemagert und bleich, schöner als früher, von einer einzigen Sehnsucht getragen . . . sie mochte sie sich nicht eingestehen. Und doch trat sie jeden Morgen mit klopfendem Herzen an das Lager des Alten: Lebt er — oder ist er erlöst?
Grundgütiger Gott! Wie sollte sie 's noch ertragen!
Einmal saß er so füll da, die Hände gefallet. Er athmete nicht. Der Kopf war leicht auf eine Seite geneigt.
Zwischen Tag und Abend war 's.
Sie schlich näher aus den Zehenspitzen. Sie stierte ihn an, wie eine Katze, mit phosphorescircnder Pupille. Dann beugte sie sich dicht über ihn und befühlte seine Stirn, ob sie kalt sei.
„Ich leb' noch, Annamaria."
Sie prallte zurück. Mit offenen Augen sah er sie ruhig an.
Ja, fast war 's Mitleid, was in der Tiefe schlummerte.
Der Schrecken raubte ihr die letzte Kraft. Sie brach in nüldeS Schluchzen aus, in Thränen des Zornes und der Verzweiflung. Eine Fluth anklagender Worte stürmte über ihre Lippen, sie schonte nicht inehr des Kranken . .
Und dann lief sie, wie sie da war, aus dem Hause in die frische Luft.
Der Erste, der ihr begegnete, war der.Ändert,
