so. Jahrgang.
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Aa. 27. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
IHorgen-flusgabe.
Es lebe die Negierung!
Unser Pariser ^-Korrespondent schreibt uns:
Den Reisen von Monarchen und anderen Staatsoberhäuptern wird heutzutage nicht mehr die Aufmert- samkeit von der Allgemeinheit gewidmet wie in früheren Zeiten. Dies liegt nicht allein daran, daß das Interesse für das sehr geschwundene, bei derartigen Gelegenheiten aufgebotene Gepränge erlahmt ist, sonderrr an den Absperrungsmaßregeln, zu welchen die hohen Reisenden mit Rücksicht aus ihre Person gezwungen werden. Das Volk sieht hinter den Spalier bildenden Soldatm und Tchutz- leutm herzlich wmig und von dm oberm Zehntausend wird gewöhnlich auch nur ent kleiner Bruchtheil zugelassen. Uebrigens sind die Machthaber und deren Minister durch die illustrirtm Zeitungm hinlänglich bekannt, als daß der Reiz für die Massen durch etwas Unbekanntes ausgestachelt werden könnte. In dem republikanischen Frankreich findet man weniger Entfaltung von Prunk bei dm Reisen des Präsidentm und der Minister als in den Monarchieen, weswegen sich auch das Volk nicht so stark zu derartigen festlichen Gelegenheiten hingezogen fühlt. Ueberall aber macht sich heute in unserm bewegten politischen Zeiten das Bedürfniß kund, die bei dm veranstalteten Banketten gehaltenen politischen Reden auf ihre Bedeutung hin zu prüfen, und so wurde auch ganz Frankreich wieder einmal aus Anlaß der Reise des Mi- nister-PräsidentM Waldeck-Rousseau und der Minister Andrch Decrais, de Lanessan und Millerand nach Laint- Etienne der Schauplatz der wechselndsten Gefühle. Es lebe die Regierung! so klang es dm Reismdm auf den Haltestationm, in dm von ihnen berührtm Stäütm, bei dm Gastmählern und Gala-Vorstellungen, kurz überall, wo sie sich öfsmtlich zeigtet!, entgegen, und dies bedeutet, daß sich die Situation für die Regierung iminer mehr klärt. Wieder wurde ein Triumph gefeiert, der umso- höher zu veranschlagen ist, als derselbe aus dem Centrum des französischen Socialistenherdes, Saint-Etimne, kam.
Aber woM hatte sich der in diplomatischen Kniffen so wohlbewanderte Waldeck-Rousseau mich verstehen müssm! Wir sehen ihn als Verwandlungskünstler auf- tretm, welcher sein Gewand, Mimenspiel, ja selbst die Sprache je nach der Gelegenheit wechselt. Ein hiesiges Blatt trmnt ihn in einen Waldeck und in einm Rousseau, in einm Republikaner und in einen Socialistm. Er hat es viel Wester gebracht, indem er sich als Protestant, Jude und Katholst zeigte. Ein altes Sprichwort sagt: „Allen Dlenschm recht gethan, ist eine Kunst, die Niemand kann." Dieses Wort ist bei Waldeck-Rousseau glänzend zu Schan-
Freitag, den 17. Januar.
dm geworden, denn was angeblich Keiner kann, ihm ist es gelungert, er hat alle die einander widerstrebenden Geister gebannt und sie zufriedengestellt.
Verfolgen wir einmal die Handlungen dieses Uni- versal-Gmies: In Rife-de-Gier, wo sich der heutige Minister-Präsident vor vier Jahren zum Smator wählen ließ und wo ihm ein Loblied des republikanischen Maires gesungen wurde, antwortete er in echt republikanischem Sinne. Als Republikaner dekorirte er einm Fabrikbesitzer, welcher dem Ausstande seiner revolutionären Arbeiter widerstanden. In Saint- Etimne hielt er es für klug, die Rolle dem Präsidenten des Gmeralraths des Loire-Departements, Audisfred, gegenüber weiterzuspielm, während er gleich darauf dem s o c i a l i st i s ch en Maire von Saint-Etimne auf dessen Anrede in der Präfektur erwiderte, daß er es sehr frühzeitig gelemt, zu erwägen, daßdersocialeFort- schritt das erhaben st e Endziel der Politik sei. Wenn es die Mmschm durch verschiedene Methoden (!) verfolgtm, so wäre dies ein Beweis von der von der Republik gewährten Freiheit, und die Fülle der Projekte, welche sie entwürfen, gereiche der Menschlichkeit ganz zur Ehre. Er erkmnt hiermit also klipp, und klar die „Methoden" recte .Kampfesweise der Socialdemokratie an, welcher er sich Zuletzt noch im Minmarbeiter- streik so feindselig gegenübergestellt. Aber auch früher hat er seine Abneigung gegen diese Partei gezeigt, indem er seine Wähler durch die Worte gewann, daß die Socia- listen die größte Gefahr für die Republik bedeuteten. Ein solcher Mangel an Folgerichtigkeit schadet aber einem Waldeck-Rousseau nicht. Gleich darauf begrüßt er nacheinander dm Präsidentm des Konsistoriums der refor- mirten Kirche und den Rabbiner, die er beide in einen Topf mit dem Katholizismus wirft. So geht es in bunter Reihenfolge, vom später -r Bankett der Bürgermeister angefangen, weiter, und wmn sich die oppositionellenBläüer auch dariiber erhitzen, Waldeck-Rousseau stand als Sieger auf dem Felde der Ehre.
So recht geheuerlich hätte die Sistration in Saint- Etienne aber doch nicht werden können. Waldeck-Rousseau spielte mit dem Feuerbrand, dm er aber in seiner geschickten Weise anzuwenden wußte. Die Haltung der Municipalität wegen der Theilnahme an dm Festlich- keitm war eine schwankende. Sie hielt es für gut, um sich dm Rücken zu deckm, zuerst dm Comitss der vier socialistischen Kantone eine Benachrichtigung zugehen zu lassen. Mit gutem Gewissm aber konnten sie sich dem Siegeszuge anschließm, da auch die heftigen Gegner der Regierung, nämlich eine ganze Anzahl melinistischer Anhänger, nicht fehlten. „La Rspublique" des Herrn M6- line aber wettert gewaltig. Sie zeihtWaldeck-Rousseau des Blendwerks, welchem bald die tiefste Finsterniß folgm wird.
Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902»
Hr foHon-iSoiii-iitmtpp in ftantaid).
Man schreibt uns: Die römische Kirche erleidet in Frankreich Niederlage um Niederlage. In dm Provinzen Charente, Correze, Dordogne, Lot greife der Ab- fall weiter um sich. Nun hat in dm letztm Wochen der Protestantismus in dem bis jetzt als streng klerikal bekannten Departemmt Gers (Südfrankreich) festm Fuß gefaßt. Am 1. November (Allerheiligentag) verkündigte in der Gemeinde Fleurance-Ptechac der Priester Bonnet den zur Messe versammelten Gläubigen seinm Ueber- tritt zur evangelischen Kirche von der Kanzel aus! Seitdem durchzieht er, durch zahlreiche Bittschriften aus der bäuerlichm Bevölkerung veranlaßt, mit zwei anderm übergetretmm Priestern die Gegend, um öffentlich Rechmschaft von seinem Verhalten abzulegen und die Leute mit dm Grundzügen der evangelischen Lehre bekannt zu machen. Vom 30. Oktober bis 5. Dezember hielten diese Konvertiten nicht weniger als 34 apologetische Vorträge und evangelische Predigten. Die Zcchl der Zuhörer betrug 8137. Die Bevölkerung kommt dm Expriestern mit freudiger Theilnahme entgegen. Der Erzbischof von Auch richtet Sühnemissionen ein. Trotzdem auf dm römischen Kanzeln und in den Beichtstühlen Alles geschieht, um die Katholiken vom Besuch der protestantischen Vorträge abzuhaltm, kommt eine Petttion um die andere. In FImrance ist bis jetzt die Zahl der Protestanten von 40 auf 120 gestiegen, in Roquefort beträgt die Zahl der Uebertritte 30 bis 40, in Prechac 20 bis 30. Viele nehmen noch eine zuwartende Haltmrg ein, weil sie fürchten, ohne regelmäßigm evangelischen Gottesdienst bleiben zu müssen. Doch hat die „Soci6t6 Centrale d'Evangelisation" die Bestellung eines Pfarrers für dieses Uebertrsttsgebiet beschlossen.
Zugleich mit der ausführlichen an den Erzbischof vott Auch gerichteten Austrittserklärung des Priesters Normet veröffentlicht die Dezembernummer des „Pretre converti" die Demissionen des Vikars Charles Cayla (im Departement Carstal) und des Militärpfarrers Jacques Jolivalt. Der erstere schreibt u. A.: „Ich habe gethan, was ich konnte, uni Priester zu bleiben. Aber es fft Alles umsonst gewesen; ich mußte mir gestehen, daß ich nicht mehr an die Lehren einer Kirche glaube, deren Priester zu sein einst mein Glück und mein Stolz war . . . Nun werde ich Protestant. Glauben Sie mir, Herr Bischof, daß ich diesen Schritt nicht im Leichffinn thue. In meinem Gewissen sicher und fröhlichen Herzens ttete ich zur evangelischen Kirche über, die mir die Wahrhest bietet und nichts als die Wahrhest, weil sie das Evangelium von Jesu Christo in meine Hände legt und nichts als das Evangelium." Exabbs Cayla wird sich zum Studium der evangelischen Theologie nach Montauban begeben. Der
FemUeton.
- Nachdruck verboten.
Ml üen Buren gegen Mion.
(Erlebnisse aus dem Transvaalkriege.)
Von Ernst Frhrn. v. Wrangel.
XVI.
Rückzug auf Machadodorp. — lieber Lydenburg nach Nelspruit an der Eisenbahn Machadodorp-Comati-Poort.
Auf den Straßen nach Osten, über die Berge und in den Schluchten sah man Wagen, bespannt mit Ochsen, auf denen die verschiedenen Kriegsgeräthschaften lagen, leichte Cabs mit Maulthieren davor, und einzelne Reiter, sowie ganze Trupps derselben sich fortbewegen. Es war General Botha mit seinem Kommando, das vor dem Feinde seine letzte große Stellung aufgegeben hatte und zum letzten Mal in offener Schlacht dem Feinde gegenüberstand. — Die Richtung war Machadodorp. Um 1 Uhr Mittags hatte die Johannesburg-Police und das deutsche Kommando ihre Stellungen aufgegeben, 4 Uhr Nachmittags ritten vir in Machadodorp ein. Es sollte hier zunächst geruht werden. Dieser Ort ist vielleicht 2 bis 3 Meilen von der Gefechtsknie entfernt gelegen. — Vom Markt aus konnte man mit bloßem Auge die einzelnen Reiter erkennen, auch ganze Trupps sah man auf den staubigen Straßen einherkommen. — Aller Ziel war Machadodorp. Auf dem Bahnhofe war ein reges Leben. Ein Zug nach dem anderen wurde Richtung Osten abgelaffen. Der Präsident Krüger verließ mit seinem Stabe und den Goldwagen den Ort, um seine Regierung mehr nach Osten hin an der Eisenbahn aufzuschlagen. Der Bahnhof wurde immer leerer. Der letzte Zug von Dalmamta-Station kam soeben an, der hinterste Wagen war durch einen Granatschuß beschädigt. Dieser Zug war nämlich der, in welchem sich am Tage vorher die ganze Vkunition für Geschütz und Gewehr befunden hatte, er hatte von 7 Uhr Abends bis 12 Uhr Mittags in Dalmamta auf dem Bahnhof gestanden.
Die Artillerie hatte den Befehl erhalten, sich während der Nacht von diesem Bahnhof aus mit Munition für den nächsten Tag zu versehen. Der Befehl war gegeben worden. Unverständlicher Weise war kein Wagen auf der Station erschienen, um in der Nacht die Munition, die am Tag« vorher zu Ende ge
gangen war, zu verladen. Daher war es auch zu erklären, daß wir am 27. August 30 englischen Geschützen vollkommen hülflos gegenüberlagen. Es war ein harter Tag für uns, das Härteste aber war, daß wir keine Unterstützung durch die eigene Artillerie erhielten. — Wessen Schuld es war, hat nichts zu sagen. That- sache, die Munition stand während dem Gefecht auf dem Bahnhof Dalmamta, obgleich Befehl gegeben worden war, sie solle zu den Geschützen gefahren werden. Skandalös. Bald war nun endlich der ganze Bahnhof in Machadodorp von den Wagen freigemacht worden, nur eine Maschine und einige Wagen sollten noch warten. Nach einigen Stunden ließen sich die englischen Schiffskanonen bereits deutlicher hören, man hatte also beim Feind die Artillerie mehr nach vorn gezogen. — Auch Gewehr- fcuer beim Feinde war bald zu vernehmen. Die Kommandos durchzogen den Ort, indem eine vollkommene Auflösung Platz gegriffen hatte. Hatte man doch bestimmt angenommen, dem Feinde hier Halt zu gebieten, und nun stand er eben in einigen Stunden vor den Thoren. Einige ausländische Offiziere quartirten sich im Hotel ein, um doch noch wenigstens einmal in einem Bett zu schlafen und an einem gedeckten Tisch zu sitzen. — Mit Sonnenuntergang verstummte das Feuer, die Nacht forderte ihre Rechte. Stille lag über dem Orte. Im Speisesaal saßen Buren, Deutsche, Franzosen, Italiener, Generale, Offiziere und Mannschaften, alles bunt durcheinander. Herr Behrens, ein Deutscher, der Besitzer des Hotels, that sein Bestes, um es seinen Gästen, den Deutschen vor allen Dingen, recht zu machen. An 50 Menschen haben wohl an dem Abend im Hotel gegessen, von Niemanden hat er auch nur einen Cent verlangt. Ein erfreuliches Gegenstück zu dem deutschen Hotelier in Bloemfontein, in dessen Wohnung am Abend noch das Bild des Präsidenten hing, am anderen Morgen jedoch statt dessen das behäbige Conterfei der Queen of England. Uebrigens sei bei dieser Gelegenheit bemerkt, daß der betreffende gesinnungstüchtige Hotelier nicht, wie bei einer früheren Gelegenheit irr- thümlich bemerkt, der Besitzer des Freistaat-Hotels war, der, wie uns versichert wurde, niemals während seines langen Aufenthalts in Südafr.ka zu einem Schleppenträger John Bulls herabsank. Gott Lob war dem guten Behrens der Whisky noch nicht ganz ausgegangen, wenigstens ließ sich noch eine Flasche aus reinem Zufall bei ihm finden. Mit dieser zogen wir hinaus, um unsere Zimmer aufzusuchcn. Die Pferde wurden dicht am Fenster angebunden, und abwechselnd
wachten wir bei unseren Thieren. Wir wollten nämlich nicht am nächsten Tage den sehr anstrengenden Rückzug aus Schusters Rappen zurücklegen. Endlich kam der Morgen. Um 7 Uhr 30 Minuten kamen die ersten Granaten, wenn sie auch nicht im Orte niederfielen, so sausten sie doch schon bedenklich nahe heran. Schnell wurde dem ungeachtet unter dieser Musik das Breakfast gegessen, und dann ging es mit einigen Andenken an den guten Behrens, wie Cigarren und einigen Flaschen, hinaus aus dem Städtchen, denn lange konnte es nicht dauern, so mußten die feindlichen Granaten den Ort erreichen. Auf einer Hauptstraße drängte sich jetzt Alles zusammen, die Longtoms waren die ganze Nacht in Bewegung gewesen. Glücklicher Weise hatte keine Granate unter den Zugochsen Schaden angerichtet. Die Sonne stteg immer höher, es wurde immer unerträglicher. Der Schweiß triefte nur so. Immer weiter mußten wir. Wenigstens unsere Artillerie und die Ambulanzwagen. Nach einem 2-stündigen Marsche endlich gelangten wir auf eine Hochebene, auf dieser lag eine Farm mit dem Namen Helvetia. Hier wurde !m Schatten mächtiger Bäume ausgespannt, es sollte gekocht werden. Einige Hämmel mußten in aller Eile daran glauben, und kauni hatten wir uns ans Feuer gesetzt, um gemüth- lich etwas für unser Stiefkind, den Magen, zu thun, so kamen auch schon die ersten Shrapnelle von Machadodorp herübergeflogen. Sie krepirten gerade über einem Kommando, welches einige Minuten vorher abgesattelt hatte. Schleunigst mußten die Leute sich von dieser Stelle entfernen, nur einen Verwundeten hatten sie gehabt. Bald vermehrten sich die Shrapnelle, bald wurde die ganze Fläche von Shrapnellen gerade zugedeckt. Wir wurden thatsächlich gezwungen, eiligst einzuspannen und unseren Marsch fortzusetzen. Die Wege trennten sich hier, eine Hauptstraße führte geradeaus, eine andere zweigte sich ab nach Süden, Richtung Waterfallonder. Da Niemand wußte, wohin die Kommandos sich zurückzogen, so kam es, daß die einen den Weg, die anderen den anderen Weg nahmen. — Wir ritten weiter, einer dem anderen folgend, bis die Sonne auch diesem Tage ein Ziel setzte. Es ging einen hohen, steilen Berg hinab. Unten angc-- kommen, erfuhren wir, bereits schon in der Dunkelheit, daß der Weg hier ein Ende habe. Eine angenehme Ueberraschung. Wso am nächsten Morgen mußten wir wieder den Berg hinauf. Schon früh am Morgen hörten wir viele Reiter passiren. Nach vieler Mühe und Anstrengung gelang cs uns endlich, oben wieder anzukommen. Wir nahmen den alten Weg zurück. Unterwegs
