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«cttc a. io. Januar i»«ä.

Wiesbadener Tagvlatt (Morgen-Ausgave). Beriag: «anggasie 37.

der Zusammensetzung hatten, angefallen. Es fielen ver­schiedene Fraueir und Kinder unter den Kugeln ihrer Landsleute. Im Lazareth van Pictersburg wurde eine Frau Bierman, die Gattin eines Feldkornetts, verpflegt, die drei Schüsse bekommen hatte, und Fräulein Page, die ihren Wunden erlag. Als die Buren leider zu spät merkten, daß sich Frauen und Kinder in den Zügen befanden, gaben sie den Angriff auf und liehen alle fol­genden Züge passiren. Auf solche Weisv gelangten acht Züge voll Mannschaften, Proviant, Munition rc. unbe­helligt nach Pietersburg.

Wie Dcwct Taktik lernte, will ein Spezialbericht- rrstatter derPall Mall Gazette" von ihm selbst in Er­fahrung gebracht haben. Er sagt über diesen inter­essanten Punkt:Man nimmt in der Regel an, daß Dewet nach der alten Burenmanier kämpft und daß seine Taktik durch nichts Anderes als durch seinen gesunden Menschen­verstand diktirt werde. Nach seinen eigenen Angaben verdankt er seine Kenntnisse einem in den 70er Jahren erschienenen Werke über den Felddienst der Kavallerie, welches er eingehend studirte. Dieses Buch ist eine lleber- setzung des von Generalmajor von Mirus, einem Offi­zier der deutfchm Armee, geschriebenen Werkes. Dewet erzählt eine interessante Geschichte darüber, wie er in den Besitz des Buches kam, und wir er es studirte mit welchem Erfolg, das ist uns bekannt. Er ist offen­herzig genug, zu erklären, daß er sich nicht so lange habe halten können, wie dies leider der Fall war. wenn wir nach den Regeln dieses Buches Verfahren wären.besonders in Bezug auf den Anfklärungsdienst und den Sicherungs­dienst." Der Spezialkorrespondent derPall Mall Gazette" weiß offenbar nicht, daß dieses und andere deutsche militärische Werke von englischer! Offizieren zu Examcnvorbereitnngen durchstudirt werden, allerdings in den meisten Fällen wohl nur für die Examina selbst. Der gesunde Menschenverstand Dcwets hat doch wohl unbe­streitbar bei seinen Erfolgen mindestens ebenso viel mit- geredet, wie das Studium militärischer Werke.

Ins Stadl und Kand.

' Wiesbaden, 16. Januar.

Personal-Nachrichten. Dem Eisenbahn-Zugführer a. D. Ferdinand Henrich zu Wiesbaden, dem Eisenbahn- Haltestellen-Aufseher (Weichensteller erster Klasse) a. D. Rudolph Zerlett zu Erpel a. Rh. im Kreise Neuwied, bisher ßü Elz im Kreise Limburg, den, Eisenbahn-Packmeistcr a. D. Heinrich H o r st zu Mühlen im Kreise Limburg, bisher zu Limburg an der Lahn, dem Bahnwärter a. D. Kaspar G a u f zu Weiß- lirchen im Obertaunuskreise, Friedrich Nickel zu Schadeck im Oberlahnkreise, und den Holzhauermeistern Friedrich H a u b a ch zu Fleisbach im Dillkreise, Johann H e ß zu Bremthal, Wilhelm M ü l l e r Ir zu Hausen und Christian M nller 2r zu Panrod, sämmtlich im Unteriaunuskreisc, ist das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden.

ä.Hundert Jahre Luftschiffahrt" lautete das Thema, über das Herr Prof. K. Brock mann vorgestern Abend im Gewerbeverein" sprach, leider wie vorausgeschickt werden mag vor einer merkwürdig kleinen Zuhörerschaar, merk­würdig klein deshalb, weil sich, nach alter Erfahrung, sonst das Publikum in hellen Schaaren zu Lichtbildervorträgen zu drängen pflegt. Oder hatte man diesmal versäumt, bekannt zu machen, daß es sich um einen Projektionsvortrag handelte? Das Thema war angesichts der kürzlich aus Frankreich gekommenen Nachricht, daß das Problem des lenkbaren Luftschiffes gelöst sei, aktuell. Bon der ersten gelungenen Luftschiffahrt des Pilatra de Roziers am 21. Dezember 1783 bis zu de Santos-Dumonts jüngstem Glück führte der Herr Vortragende seinen Zuhörern die manchmal glückliche, aber viel häufiger unglückliche Aäro- nautik und ihre kühnen aufwärts und vorwärts strebenden An­hänger vor, und seine Ausführungen sowohl wie seine trefflichen Bilder wurden mit Interesse genossen. Es ist kein Zweifel, auch auf dem Gebiete der Luftschiffahrt ist die Technik wacker fort­geschritten, und die neuesten Leistungen stimmen die Optimisten fröhlich; sie glauben an den Tag, an dem Männlein und Weib­lein mit den'Kranichen in die Welt fliegen werden, an dem das

Fahrrad als ein übertrumpfter Standpunkt in die Rumpel­kammer wandert und an dem lein liebeglühender Jüngling mehr singen wird:War' ich ein Vögelein!" Denn er wird fliegen. Run, vor der Hand machen wir immer noch pedestisch oder velocipedisch oder elektrisch, und immer noch hübsch ans der Mutter Erde festem Rücken; fliegen thun wir allenfalls im Traum einmal. Herrn Professor Brockmann wurde reicher Danl seines Auditoriums zu Theil.

Der deutsche Schulderem zur Erhaltung ded DcutschthumS im Auslände hat im verflossenen Jahre, Dank der unermüdlichen Thätigkcit des Hauptvorstandes und der Orts­gruppen, wesentliche Erfolge zu verzeichnen. In Böhmen und Mähren wird mit Kraft und Zähigkeit der Kampf um die Er­haltung des Deutschthums in den hartbedrängten Grcnzdistrikten und Sprachinseln fortgesetzt und ist zu hoffen, daß dem aoeiterrn Bordringen der Tschechen Halt geboten werden kann. In Ungarn geht das Deutschthum nach langer, beklagcnswerther Unthätig- keit selbstbewußt und siegreich vorwärts. In Galizien und der Bukowina gewähren die deutsch-evangelischen Gemeinden ein er­freuliches Bild, die, mit wenig Ausnahmen, ihren Bestand nicht nur gewahrt, sondern deren Seelcnzahl sich auch stark vergrößert hat. In Südttrol heißt es wacker kämpfen gegen das Andrängen der Italiener, aber auch dort ist bei gehöriger Unterstützung der Kampf für das Deutschthum nicht aussichtslos. Die Sachsen in Siebenbürgen stehen fest und treu zur deutschen Sache. . In all diesen Ländern ist weitere Unterstützung durch die Reichs­deutschen dringlich: Nothwendigkeit, daher eine weitere Kräftigung des Deutschen Schulvereins mit allen Mitteln zu erstreben. Nicht weniger als sechs deutsche Fürsten, eine große Anzahl deutscher Städte bezeugen durch ihre Spenden die warme Anerkennung für die Thätigkeit des Vereins, der, ohne Rücksicht auf kon­fessionelle und politische Parteiungen, nur dem nationalen Ge­danken dient. In Wiesbaden ist die Zahl der Mitglieder der Männer- und Frauen-Ortsgruppc im ersreulichen Wachsthum begriffen, und trägt hierzu der alljährlich im Januar, diesmal am 18. d. Dt., abgehaltene Kommers am Deutschen Abend dazu bei, dem Verein neue Freunde zuzuführcn.

Die kritische» Tage im Jahre 1903 nach Professor Falb. Als kritisch« Tage 1. Ordnung werden angegeben: 21. Januar, 22. Februar, 10. März, 8. April, 7. Mai, 6. Juni, 8. Juli, 8. August, 2. September, 17. Oktober, 18. November und 16. Dezember. Kritische Tage 2. Ordnung: 9. Januar, 8. Februar, 23. März, 22. April, 19. August und 31. Oktober. Kritische Tage 3. Ordnung: 22. Mai, 21. Juni, 20. Juli, 30. November und 29. Dezember. Die kritischen Tage 1. Ord­nung äußern sich, nach der Behauptung Falbs, durch Wirbel­sturm, Gewitter im Winter, Schneesälle im Sommer rc. Nach der für die erste Hälfte dieses Jahres gestellten Wetterprognose treten im Januar verhältnißmätzig selten Schneefälle ein. Der Monat ist als trocken zu bezeichnen. Nur in der Nähe der kritischen Tage nehmen die Regen an Stärke zu. Der Februar bringt ausgebreitete Schneefälle. Auch im März ist viel Schnee zu erwarten. Im April sind die Schneefälle unbedeutend. Da­für tritt stellenweise Gewitterneigung «in. Im Wonnemonat Mai verheißt uns Falb zahlreiche Niederschläge, die namentlich in der zweiten Hälfte von Gewittern stammen. Die Temperatur ist sehr veränderlich. Auch der Juni ist reich an Niederschlägen, namentlich in der ersten und dritten Woche. Die Gewitter sind ziemlich zahlreich.

Ucbersecfahrt. Der DampferKronprinz Wilhelm" (Nordd. Lloyd), welcher am 26. Februar von Bremen nach New-Uork fahren sollte, tritt nunmehr seine Fahrt schon am 16. Februar an mit Prinz Heinrich an Bord, welcher sich als Vertreter des Kaisers zu der Schiffstaufe nach Amerika begiebt.

vr. 1. Ständige Krankenzimmer in unseren Micths- »vohnnngen. Einen gesundheitlichen Vorschlag von höchster Wichtigkeit macht Geheimrath Roth in der neuen Berliner MonatsschriftDie Krankenpflege". Selbst in Familien, in denen alle gesundheitlichen Fragen sorgfältig beachtet werden, dürfte nur selten im Voraus eine Bestimmung darüber getroffen sein, in welchem Theil der Wohnung im Fall einer ansteckenden Erkrankung der Patient unterzubringen wäre, damit nicht nur er selbst die beste Pflege genießen kann, .sondern auch die übrigen Familienmitglieder vor einer Ansteckung möglichst geschützt bleiben. Je gründlicher die Absonderung des Kranken ist, desto sicherer ist unter sonst gleichen Verhältnissen auch der Schutz vor Ansteckung. Aus diesem Grunde werden solche Kranke häufig ins Krankenhaus gebracht, und eine derartige Maßnahme ist

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auch nur zu billigen, jedoch ist sie noch an verschiedene B-

dingungen gelnüpst, besonders daran, daß sich überhaupt ein Krankenhaus in der Nähe befindet, wo der Patient Aufnahme finden kann. In sehr vielen Fällen muß daher die Noth- wendigleit vorliegen, den Kranken in dem am besten dazu ge­eigneten Raum der Privatwohnung unterzubringen. Das er­fordert meist, namentlich bei linderreichen Familien, eine voll­ständige Umordnung der Wohnräume. Das Krankenzimmer muß möglichst weit von den Wohn- und Schlafzimmern der übrigen Familienmitglieder entfernt liegen; cs darf keine staub­fangenden Stoffe (Teppiche, Gardinen rc.) enthalten; es muß ein Nebenraum vorhanden sein, in dem Arzt und Pflegepersonal die Ucberkleider oblegen und die erforderlichen Reinigungen vornehmen können, auch haben darin alle mit dem Kranken in Berührung kommenden Gegenstände Aufnahme zu finden, und besonders wichtig ist dieser N-benraum als Aufenthaltsort des Kranken bei der täglichen Lüftung des Krankenzimmers) end­lich ist die unmittelbare Nähe einer Ladeeinrichtung erwünscht. Es ist nun eine einfache Thatsache, daß ein solches den noth- wendigsten Forderungen der Krankenpflege entsprechendes Zimmer nur selten zur Verfügung steht. _ Auf Grund dieser Erwägungen tritt Geheimrath Roth dafür ein, daß in größeren Miethswobnungen ein Zimmer gleich beim Bau des Hauses so eingerichtet werden sollte, daß es den Bedürfnissen eines Kranken zimmers genügen kann. Es läßt sich erwarten, daß diesem Verlangen in ähnlichem Maße entsprochen werde,! kann, wie es mit der Badeeinrichtung der Fall gewesen ist, die früher auch mehr als ein Luxus betrachtet wurde und jetzt auch in den mittleren Wohnungen zu einem unentbehrlichen Zubehör ge­worden ist. Besonders wichtig sind hie Angaben des Hygieimkers für eine möglichst wenig kostspielige Erfüllung dieser berech­tigten Forderung. Selbstverständlich kann das Zimmer, wenn kein Kranker vorhanden ist, eine andere Verwendung finden, und es wäre sogar besonders vortheilhaft, Kinder in einem solchen hygieinisch einwandfreien Raum wenigstens schlafen zu lassen. Auch für die Einzelheiten der Bauart und Ausstattung des Raumes giebt Professor Roth werthvolle Fingerzeige. Die Wände sollen bis auf 2 Meter Höhe einen abwaschbaren An­strich erhalten, der Fußboden soll fugendicht hergestellt und leicht zu reinigen sein; die Ecken sind etwas abgerundet zu bauen, die Fenster sollen möglichst groß und mit Lüftungsvorrichtungen an den oberen Flügeln versehen sein, das Mohiliar soll eine leicht zu reinigende glatte Oberfläche besitzen. Bor Allem ist es aber von Bedeutung, daß die Fenster des Zimmers keinesfalls nach der Nordseite gelegen sind, da die reichste Zufuhr von Licht und Luft für die Gesundung eines Menschen die unerläßlichste Bedingung ist. Kann der Krankenraum mit einer Loggia oder Veranda verbunden werden, so ist auch dieses von Vortheil. Das Zimmer braucht nicht größer als 60 bis 60 cbm zu sein, uttb für den Nebenraum genügen 30 cdm. Solche Haussanatorien" wären nicht einmal eine vollkommene Neuheit, da es zur Zeit des römischen Kaiserreichs auf den Landgütern der Reichen derartige Einrichtungen gab, die freilich aus eigennützigem Grunde für die erkrankten Sklaven bestimmt waren, aber sachlich jedenfalls denselben Zweck hatten, der auch hier verfolgt werden soll. Die Beachtung der weiteren Angaben Roths für die Ausübung der Krankenpflege im Hause kann nicht warm genug empfohlen werden, ganz besonders unseren Frauen, die zur Krankenpflege innerhalb der Familie in erster Linie berufen sind.

Amerikanische Erbschaft. Wir berichteten im vorigen Sommer über eine amerikanische Erbschaft, die an eine große Anzahl Verwandte eines vor vielen Jahren nach Amerika aus- gewanderten Weber fallen soll. Unsere damaligen- theilungen haben sich vollauf bestätigt. Heute können wer noch aus zuverlässiger Quelle mittheilen, daß die Interessenten der Weber'schen Erbschaftsangelegenheit ihre Sache mit Hülfe eines Rechtsanwaltes weiter verfolgen. Doch hat dieselbe ihre großen Schwierigkeiten. Es ist immer noch nicht gelungen, die Ver­wandtschaft mit jenem ausgewanderten Weber nachznweisen. Bedauert wird von den Verwandten, daß ein in Bechtheim vor mehreren Jahren verstorbener älterer Mann Namens Weber, der genau Auskunft über den ausgewanderten Weber hätte geben können, zu frühe gestorben ist. Eine Thatsache ist bis jetzt nur festgestellt, nämlich das Vorhandensein jener 200 Millionen Mark, die irgendwo in Holland lagern. Möchten die Erb­berechtigten jener Millionen den Zauberstab finden, der die Hebung derselben bewirkt. Die vor einigen Wochen gebrachte Nachricht, daß die hier erwähnte Erbschaft nach Heisterbach bei Diez gekommen sei, scheint sich nicht zu bestätigen.

Stammgäste zu einem und mehreren Aperitifs oder Digestifs ein, vertheidigt oder schimpft über den Nationalismus, sagt, was er Alles im Gemeinderath oder der Kammer thun und rcorganisiren würde, wenn er erst einmal darinnen wäre, und empfiehlt sich schließlich bestens für die Wahl. Der Schankwirth macht mit dem splendiden Gaste gemeinsame Sache, und so fundirt sich eine Kandidatur auf dem Alkohol.

Bsringer, der sittenverbesternde Senator, hat des Uebels Wurzel erkannt; er findet ein vortreffliches Mittel zur Be­kämpfung des Alkoholismus in der planmäßigen Entziehung der Schankkonzessionen. Stirbt ein Schankwirth, oder will er seine Wirtbschaft verkaufen, dann soll die Konzession nur im wirklichen Bedarfsfälle erneuert werden, so besagt sein Gesetz­entwurf. Je weniger Branntweinstuben, je weniger Trinker. Thatsache ist, daß jeder Wirth und charbonnier ein halbes Dutzend Freunde hat, die so oft und lang wie möglich sich bei ihm zu einer ArtKaffeeklatsch" vereinigen; die Würfel rollen, das Gläschen kreist und die Politik- und Stadtereigniffe werden beleuchtet".

Wenn der Franzose seine Dosis Alkohol im Magen hat, dann fühlt er Etwas von traditionellem Esprit, der sich in einer oft recht gutmüthigen Beredtsamkeit kundgiebt. Man kann es hin und wieder erleben, daß sich in einem der PariserDons" ein eleganter Herr mit einem Kutscher in eine witzige Diskussion rinläßt, die aus dem Hundertsten ins Tausendste übergeht, bald ernst zu werden droht, bald.in einem kleinen Feuerwerk gegen­seitiger Sticheleien besteht und sich bis auf di- Straße fort­pflanzt; dort diskutirt man weiter, während sich haufenweise Neugierige ringsum ansammeln, die sich an dem Wortstreit be­theiligen, meist aber gar keine Ahnung haben, um was es sich handelt. Derartige amüsante Klabastereien zwischen Oben und Unten enden meist damit, daß ein Schutzmann mit Notiren droht, wenn die Verkehrsstörung weiter fortdauert.

Angeheiterte und Betrunkene sind leine Seltenheit in Paris, häufiger zu sehen, als vielleicht in irgend einer anderen Haupt­stadt der Erde; thatsächlich aber sind sie meist harmloser als durch­schnittlich sonst wo. Der Pariser, wenn ihm der Alkohol in den Kopf gestiegen, ist zum Scherzen aufgelegt, ob er zu denoberen Zehntausend" gehört oder zu den unteren Millionen. In einem feinen Restaurant am Bois de Boulogne kann man wohl hin und

wieder einen kleinenbon vivant" sehen, der ein reiches Erbe durchzubringen sucht und nach reichlichem Champagnergenusse mit gehaltvollen Likörs dem Kopfe den nöthigen Geist zuführt, der mit tänzelnden Schritten sich durch den Garten balancirt, dem Zigeunerkapcllmeister mit dem Spazierstock taktvoll Kon- lurrenz macht und die Gesellschaft mit seinen Spaßen amüsirt. Endlich hinauskomplimentirt, küßt er das Pferd seines Wagens, und wenn er im Abfahren die Stiefel durch die klirrende Vorder­scheibe seines Coupes streckt, ist das allgemeine Vergnügen auf dem Gipfel. Der stark angeheiterte Arbeiter umarmt Männer, Frauen und Laternenpfähle gleicher Weise, während betrunkene Weiber in Paris fehlt es auch hieran nicht eine merkwürdige Lust zeigen, sich auf offener Straße völlig zu entkleiden, und di-s oft mitten im Winter. Die Sicherheitsagent-n, die im Allge­meinen für die schwankenden Gestalten ein mildes Auge haben, verhindern meist rechtzeitig die Enthüllung der wenig klassischen Statuen. Natürlich giebt es auch Trunkenbolde der gefährlichsten Sorte, deren Hcldenthaten die Schlachtfeldecke der Zeitungen füllen.

Die Aerzte in Frankreich haben viel mehr ihr Augenmerk auf den Alkoholismus zu richten, wie ihre ausländischen Kollegen, nicht nur auf die Folge-Erscheinungen des Uebels, Epilepsie, Geisteskrankhäten rc., sondern auf die Heilung der Trunksucht selbst. Es giebt zahlreiche Fälle, in denen ein Patient sich frei­willig beim Arzte stellt, um sich ein Mittel zur Bekämpfung seiner Leidenschaft zu erbitten. Neuerdings haben französische Aerzte eine neue Methode, wie sie sagen, mit sehr gutem Erfolge probirt, das Impfen. Sie alkoholisirten ein Pferd oder Kalb und entzogen ihm Lymphe. Es wird behauptet, daß sich beim zu starken Genuss- der Gifte Alkohol, Nikotin, Opium -c. im Körper Gegengifte entwickeln, die gewissermaßen den Kampf mit dem schädlick>:n Eindringling aufnehmcn. Die den alkoholi­sirten Thieren entzogene Lymphe soll nun die Gegengifte in starker Dosis enthalten und, in den Körper des Patienten cinge- führt, di- Organe im Kampfe gegen den Alkohol unterstützen, was sich äußerlich in erhöhtem Widerwillen gegen alkoholreiche Getränke kundgebe. Die betreffenden Aerzte versprechen sich viel von dieser Methode, die nach den Ermittelungen des Melbourner Arztes vr. Crivally indessen ziemlich aussichtslos sein soll; man muh weitere Versuche abwarten. Radikaler jedenfalls ist die

Hundekur", die russische Aerzte mit Trunkenbolden vornehmen;

sie flößen den Patienten gewaltsam den Geifer alkoholisirter Hunde ein. ... Der daraus folgende Widerwillen wird wohl so groß sein, daß die Klienten schleunigst nach einem Cognac verlangen!

Die einzige Hoffnung auf Besserung der französischen Zu­stände kann nur ein planmäßiges Vorgehen aller Einsichtsvollen aeb:n, die durchVereine gegen den Alkohol" im Volke aufklärend über die Schädlichkeit der Spiritusgetränke wirken müssen, ferner durch systematische Vertheuerung der Schnäpse, Einschränkung der Schankerlaubniß, Verbot in militärischen Kantinen rc. rc. Vor Allem muß der Jugend Abscheu vor dem Branntwein bei­gebracht werden, damit es nicht mehr vorkommt, daß in Frank­reich Knaben in der Unterrichtspause zur Würze des Frühstücks die wohlgefüllte kleine Schnapsflasche hervorziehen!

Ans Kunst und Leben.

= Londoner Moden 1903. Man berichtet aus London: Selten hat ein neues Jahr die Mode so vernunft­gemäß, frei von Uebertreibungen, so entzückend in den Farben und vor Allem so individuell gesehen. Jede Frau wird durch das jetzige Regime ermuthigt, sich einen persönlichen Stil zu suchen und das nur Modische zurückzuweisen, wenn sie es ihren Bedürfnissen nicht anpassen kann. Die Londoner Saison wird früh beginnen. Man erwartet, daß die Eröffnung des Parla­ments durch den König und die ministeriellen Diners sie mit Glanz einweihcn werden, der im starken Gegensatz zu dem trau­rigen Dunkel des letzten Jahres steht. Der Befehl, daß Pairs- damen im Oberhaus nicht mehr Trauer zu tragen brauchen, ist ein sicheres Anzeichen, daß der König wünscht, das kommende Jahr möge ein heiteres Jahr werden. Die Königin und ihre Töchter tragen wieder malvenfarbene, graue und schwarze und weiße Kleider. Die königlichen Damen haben ihre Haarfrisur noch nicht geändert und tragen den Knoten weiter auf dem ge­kräuselten Lorderlopf und nicht im Genick, aber der Ausputz des Haares ist geändert worden. Eine lange Zeit trug Königin Alexandra im Hause während der tiefen Trauer eine spitze Maria Stuartkappe und Schleier, sodaß ihr Haar fast verborgen war,