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Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Mo. 23. Morgen-Ausgabe. Mittwoch, den 13. Januar. 30. Jahrgang. 1902.

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Des Menschen Gehirn ist eine furchtbarere Waffe als die Klaue des Löwen. Schopenhauer.

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(45. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Dornenkronen.

Roman von Zda Moy-Hd.

Es giebt Dinge", sprach Frau Hartmann finster, wo der Schein ebenso vernichtende Folgen hat, wie die Wirklichkeit, und wenn wir Beide auch an Deine Unschuld glauben wollten, die Welt würde es nicht."Du hast Recht", antwortete Ruth,für Menschen, die sich an den Schein halten, genügen fünf Minuten, um das Leben einer Frau zu ruiniren. Ich begreife, daß das meine in diesem Augenblick verloren ist." Die Thür war aufge­gangen und zum tiefsten Erstaunen der Mutter und Alfreds erschien Mimis Verlobter, Hans Norden, im Zimmer. Er hatte draußen zu Mimi gesagt:Du. mein Kind, blechst hübsch drunten", er war eingetreten und hatte Rrfths letzte Worte vernommen.

Sie irren sich, liebe Ruth", sagte er,durch ein Mißverständnitz kann man leiden, aber nicht sterben. Und ohne Zweifel liegt hier ein ungeheures Mißverständ- niß vor."

Frau Hartmann sah den jungen Mann mit offenem Mund an.Woher weißt Du- und was giebt Dir das Recht. Dich hier einzumischen? Noch bist Du bloß Mimis Bräutigam?" stotterte sie bebend vor Zorn. Hans sprach mit größter Ehrerbietung:Meine theuere Manra. woher ich weiß, was vorgeht, thut ja nichts zur Sache. Und was mir das Recht giebt. nrich einzumischen? Nun. ich denke, die Pflicht jedes ehrlichen Mannes, einem schutz­losen Weibe beizustehen, das man beleidigt, lind soll das eine Drohung sein, daß ich bloß erst Mimis Bräuti­gam bin? O Mama, sie wissen es genau, daß Ihre kleine Tochter sich nicht mehr von mir trennen läßt, denn sie hat erkannt, daß ich der. Mann bin. an dessen Hand inan sicher durch das Leben geht." Frau Hartmann hatte schon lange eine tiefe Abneigung gegen Hans. In diesem Augenblick haßte sie ihn.Du willst also als Ritter für die verfolgte Unschuld auftreten. kannst Du Dich denn für diese Unschuld verbürgen?" fragte sie höhnend. Hans ergriff Ruths Hand und sah ihr ermuthigend in die dunk­len Augen, die wie träumend auf ihn gerichtet waren. Er drückte ihr fest die Hand.

Ich bin nicht gekommen, um peinliche Erörterungen zu Machen, noch zu hören: ich bin nur gekommen. Sie, iiebe Ruth, zu fragen, ob ich Ihnen dienen kann. Mein Wagen steht unten und wenn Sie den Wunsch haben, sich zu entfernen, ich biete Ihnen meine Begleitung und das Haus meines Baters und die Gesellschaft meiner Braut." Mimi, die durch die Zimmerreihe gegangen war und trotz Hans' Verbot nun nebenan bei der offenen Thür stand und Alles hörte, faltete entzückt die Hände. Sie hätte vor Ihrem Hans knieen können.

Ich danke Ihnen sehr", stammelte Ruth,ich habe kein Recht mehr hier zu sein es mir zu

fordern, verbietet mir mein Stolz. Ich gehe. Fichren Sie mich zu meiner Freundin Melitta, dort werde ich willkommen sein."Ruth", begann Alfred hier zögernd, man kann die Sache ja noch ruhig erwögen. Erkläre Dich näher. Es läßt sich vielleicht vertuschen, schwöre mir nur das Eine, daß Du Rodenbach nicht liebst."

Ruth wechselte die Farbe und drohte umzusinken. Sie raffte sich gewaltsam zusammen.Nein", sagte sie leise, die Würfel sind gefallen. Ich schweige und gehe." Mimi kam hervorgestürzt und fiel chr um den Hals. Ruth wehrte ihr sanft und ging mft festen Schritten auf Frau Hartmann zu.Du glaubtest Deinen Sohn beleidigt", sprach sie mild,und Du standest in Waffen auf. ihn zu vertheidigen. Ich zürne Dir nicht. Aber Deine Hand, die sich jetzt aufhob, gegen mich einen tödtlichen Streich zu führen, hat mich einst freundlich gestreichelt. Ich danke Dir für alles Gute, was Du mir einst gethan. Gott schenke Deinem Herzen Frieden." Und sie neigte sich und küßte die Hand. Die alte Frau wich zurück und sah mit großen, feindlichen und doch seltsam erstaunten Ailgen ill das weiße Gesicht, das sich eben von ihrer Hand wieder emporhob. Sie öffnete die Lippen, es war, als wollte ein Geständniß, ein Ausruf, ein hastiges Wort sich hervordrängen. Aber mit einem herben Ausdruck schloß sich der Mund stumm wieder und sie wandte das Haupt fort. Mimi lveinte und streichelte liebevoll die Wange von Hans, der ihr fast väterlich zunickte. Alfred war be­täubt. fassungslos. In seinem Kopf war fein klarer Gedanke mehr. Ein großer Schmerz wühlte in ihm. Jetzt stand Ruth vor ihm.

Armer Mann", sagte sie leise,was Dll für mich empfunden, war wohl keine Liebe. Ehe Du mich an Dein Herz nahmst, hießest Du mich einen Theil meines eigenen Achs verleugnen, und in der ersten Prüfuilg verließ Dich der Glaube. Du denkst, ich sei auch Deines Namens nicht werth nimm ihn zurück, ob das Gesetz es mir gestattet oder nicht, ich lverde ihn nicht mehr führen." Es kam doch eine ftese, tiefe Bitterkeit in ihre Stimme. Sie wandte sich zu dem jungen Paare.Ihr Lieben, wollt Ihr meinem Ausgang den Fluch nehmen, wollt Ihr nüch begleiten: So kommt?" Alfred Hartmann sank stöhnend in einen Sessel, seine Mutter trat zu ihm und legte ihre Hand auf sein Haupt. Sie wagte nicht, ihre Tochter zurückzurufen, die, an Ruth geschmiegt, hinaus­schritt. In den Augen ihres jliilgen Schwiegersohnes lag etwas, das ihr Halt gebot. Sie hatte an ihm den Mann gefunden, der stärker war als sie. llnd mit cineln tiesen Seufzer dachte sie:Glückliches Kind!" und blieb allein bei ihrem Sohn und dachte weiter:Wenn der ihm gliche!"

Ruch aber schritt aus deiil Hause und neben ihr gingeil Hans und Mimi.Nehmen Sic das wie ein Symbol, theure Ruth", sagte Hans tief bewegt,die Unschuld und der Muth geleiten Sie."Ja", sprach Mimi schluchzeild,Dir kanil nichts llebles begegneil. Wer Hans zum Freunde hat. ist geborgen." Ruth drückte ihnen schweigend die Hand, sie fand kein Dankes- wort und die Beiden erwarteten auch keines. Aber der einzige Larit, der endlich über ihre Lippeil kam. sprach I dasselbe aus. was oben die alte Frau gedacht:Glück­

liches Kind!"Wohl bin ich glücklich!" rief Mimi, sich dem Verlobten in die Arnre werfend,mein Hans, ist ein ganzer Mann. Ach Ruth, ich bin beschämt, daß ich so glücklich bin. Ulld Du . . ." Ruth sah aus dem Wagen-, senster auf die Straße.Ich ich werde arbeiten und vergessen!" Und plötzlich brach die Fassung und ein großer, wilder, nanienloser Jammer zerriß ihr Herz. Verloren", schrie sie auf.verloren Alles! Ehre, Heimath, Glück und ... O zu viel, zu viel! Gott, laß mich sterben!"

20. K a p i t e l.

Ich bm ein Narr", sagte sichRodcnbach und schüttelte den Kops. Er hantirte mit seinem Diener wefter in der Beschäftigung, seine Sachen zur Abreise zu ordnen, apec immer kam ihm wieder jenes verzerrte, todtenmeickie Frauenantlitz ins Gedächtniß. das er gestern üveird hinter den Scheiben hatte lauern sehen, und immer hielt er wieder in seiner Arbeit inne. stand und sann, bls er abermals kopfschüttelnd sagte:Ich bin ein Narr was geht mich die alte Fmu an, und was . geht es me alte Frau an, wenn ich einen Freund in jenem Hause suche und nicht finde." Aber den schweren Druck, der mft seinem Gemüth lag. ward er mit allem Kopfschütteln doch nicht los.Es rst die peinlichste Stunde, die mir lwr Melitta bevorsteht", sagte er sich endlich,ich mag nrcht daran denken." Mehrmals befragte er seine Uhr; aber er meinte immer, es sei Wohl noch zu früh, denn Melftta stand spät auf und war ja ohnedies leidend. Aber all der Zeiger gegen 11 Uhr rückte, konnte er keinen Vorwand mehr finden, den traurigen Weg hinauszuschieben. Seufzend nahm er seinen Hut und schleuderte die ganz«! langen Straßen zu Fuß dahin, als gäbe es lveder Dampf­schiffe noch Pferdebahnen noch Droschken in der Welt.

Dies ist der Punkt, wo der feige Mann muthrg und der Muthige feig wird, wenn man einem armen Werbe eine Todeswunde beibringen soll", flüsterte er vor sich bin, als er endlich Melittas Schwelle überschritt.Welche Grausamkeit", rief Melitta ihm entgegen,Sre lassen mich eine Ewigkeit umsonst auf Botschaft warten!" Aber Sie stehen doch immer erst so spät auf", sagte Rodenbach kleinlaut.Und Sie konnten denken, daß rch mft der Qual der Ungewißheit zu ruhen vermöchte! Denken, daß ich schlafe, wo ich nicht weiß, ob mein Verlobter lebend oder todt, gesund oder krank ist?" Melitta ging rastlos im Zimmer auf und ab: da aber Rodenbach nun lange schwieg, blieb sie mit gerungenen Händen vor ihm stehen. Wie Ihr Männer Einen foltern könnt", rief sie m nervöser Ungeduld; so sprechen Sie doch um Gottes Willen ein Wort, erzählen Sie: wie fanden Sie Juan? Was sagte er? Wo ist er? Wann kommt er? Weshalb ist er nicht jetzt bei Ihnen?" Er wich den fieberhaft glühen­den Augen aus.Ich. ich habe Juan gestern Zlbend nicht getroffen", sagte er zögernd. Melitta stieß einen Schrei aus.Und dann und heute?" stammelte sie. Rodenbach schwieg verzweifelt. Das Wort wollte nimmer von seinen Lippen.Das ganze Gftt auf ein­mal nur heraus mft der Wahrheit, nur heraus! sprach sie rarih.Juan hat Sie für immer verlassen. Er ist geflohen und sagte nicht, wohin."

(Fortsetzung folgt.)

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