Wiesbadener Tagblatt.
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Jjtll, 21. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 14. Januar.
Berlags-Fernsprccher No. 2266. 1902.
Morgen-Ausgabe.
Britische Brichssorgen.
Unser Londoner u.-Korrespondenl schreibt:
Zu den Rerchssorgen John Bulls haben sich, seitdem die miperialisüsche Regung einsetzte, auch noch die ums Geld gesellt. Einstmals war er scher solche stets erhaben, aber die neue Rolle, die er sich durch Mr. Chamberlain, resp. die Herren Rhodes, Beit, Wernher, Eckstein und die andern „britischen Patrioten" ausnothigen ließ, erfordert eben einen ganz besonderen Aufwand. Wie dieser im neuen Wirthschaftsjahre bestritten werden soll, dürfte mrs der Schatzkanzler ja in einigen Wochen erzählen, doch da er sich selbstredend bis zu einem gewissen Grade durch das leiten läßt, lvas bewährte Autoritäten auf wirth- schastlichmn Gebiete empfehlen, so verdienen die neuerlichen Auslassungen Sir Robert Gissens, des vornmligen Oberhauptes der statistischen Abtheilung des Handels- Mites, entschieden Beachtung. Gissen geht bei seinen Erwägungen davon aus, daß England, vom Kriege ganz abgesehen, einen beständig wachsenden Aufwand macht, und zwar vornehmlich auf dem Gebiete der Rüstungen. Er betrachtet diese letzteren indes als ganz unerläßlich, und zwar, weil England stets bereit sein müßte, mit den es umgebenden Brächten unr seine Existenz zu ringen. Wie er sagt, bereitet sich ein Wettkampf ans Leben und Tod unter den Nationen vor, desgleichen die Geschichte noch nie gekannt. Nach alledem sollte inan annehmen, Sir Robert Gissen würde neue Einnahmequellen empfehlen. Das thut er aber nicht, sondern er leistet dem Schatzkanzler gewissermaßen nur Weichenstellerdienste, sodaß dieser seinen Zoll- und Steuerzug in ein neues Gleis ohne zuviel Schwierigkeiten überführeir könne. Gissen besitzt ein fühlendes Herz für den armen reichen Mann, und so empfiehlt er zunächst eine Herabsetzung der Einkommensteuer aus ungefähr ein Drittel des jetzt erhobenen Betrages. Dadurch würden die Revenuen um etwa 20,000,000 Lstr. geschmälert, und wenn die Möglichkeit eines Defizits von 10,000,000 Lstr. in Betracht gezogen wird, so gilt es also auf irgend eine Weise Ersatz für ein recht nettes Sümmchen zu schaffen. L-ir Roberts ist aber auch mit entsprechender: Vorschlägen bei der tliand Er will den Einfuhrzoll auf Thee um drei Pence, den auf Zucker um y 2 Dollar, den auf Petroleum ^mi 1 Dollar und die Biersteuer um 3 Schilling auf das Faß erhöhen, aus Getreide und Holz aber nun auch noch einen Zoll einführen. Wir sehen, wie England ans diese Weise langsam für eine Schutzzollpolitik exogen wird, und der kühne Traum Mr. Chamberlains vom großer: britischen iollverbande seiner Verwirklichung inimer näher rückt. Die gegenwärtige Regierung müßte sich aber sehr sicher
fühlen, wenn sie glaubte, die Einkommensteuer, die nur Leute mit mehr als 160 Lstr. (3200 Mark) jährlichen Einkommen trifft, angesichts des immer wachsenden Staatsaufwandes ermäßigen zu können. Verdankt sie doch einen großen Theil ihrer Popu^ larität bei den Massen gerade dem Umstande, daß es der Schatzkanzler langte, das Gleichgewicht zweier auf einander folgender Budgets dadurch herzustellen, daß er die Reichen ganz unbarmherzig schröpfte. Diese sind in der Regel die duldsamsten im Staate, und waren es während der letzten Jahre ganz besonders, weil man es als ihre patriotische Pflicht auslegte, mit ihrem Gelds das glorreiche Ende des erbärmlichen Krieges herbeiführen zu helfen. Neuerdings fangen sie freflich an un- geberdig zu werden. Wenigstens geht das aus allen hiesigen Börsenzeitungen hervor, unter denen die unge- stümste, wie gewöhnlich, die deutsch-jüdische, aber auch britisch-patriotische Financial Nervs ist. Dieselbe plaidirt zu dein schon längst für die Einführung von Schutzzöllen, rricht nur zum Besten der englischen Industrien, sondern auch um gelegenüich einmal unliebsame ausländische Kritiker und dergleichen Leute bestrafen zu können.
Ansland.
* Italien. Aus Rom wird dem „N. W. T." geschrieben: Am 20. Februar 1903 werden es f ü n f u n d - zwanzig Jahre, da ßLeo XIII. zum Papst erwählt wurde. Für dieses Jubiläum, das mit dem erdenklichsten Glanze gefeiert werden soll, lverden jetzt schon Vorbereitungen getroffen. Die englischer: Katholiken haben beschlossen, dem Papst eine diarnantengeschmückte Tiara im Werthe von 1% Mill. Lire zu schenken. Die Katholiken der Vereinigten Staaten planen ein Geldgeschenk in der Höhe von 500,000 Dollars.
* Frankreich. Der französische Ministerpräsident Waldeck-Ronsseau hielt ans den: ihm zu Ehren von der Geographischen Gesellschaft in St. Etienne gegebenen Festmahl eine Rede, in der er darlegte, in welcher Weise die koloniale Ausdehnung Frankreichs Fortschritte ge- inacht Habe. Waldeck-Rousseau zeigte, daß der Kolonialbesitz Frankreichs, der im Jahre 1871 800,000 Quadratkilometer nicht überstieg, im Jahre 1900 mehr als 10 Mill. Quadratkilometer betrug, ungerechnet Algier und Tunis. Der Werth der Einfuhr und Ausfuhr, welcher sich im Jahre 1871 auf 222 Millionen belief, habe im Jahre 1900 mehr als 780 Millionen betragen. Redner legt sodann dar, welchen Fortschritt die Kolonisation in Madagaskar gemacht habe und verliest einen Brief Galieni's, in dem ihm mitgethetlt wird, daß bei der Enthüllung des Denkmals in Madagaskar die englischen Schulen unter Führung ihrer englischen Lehrer an dem Denkmal vorübergezogen sind und Widmungen aus
schließlich in französischer Sprache niedergelegt hätten Zur Zeit hätten alle englischen Schuten und Missionen französische Lehrer. Diese Ergebnisse seien einer sorg-? sättigen und durchdachten Politik zu verdanken und müßten Vertrauen einflößen. Zum Schluß trank dev Mnisterpräsident auf das Wohl der französischen Forscher und Ansiedler.
* Spanien. Man schreibt aus Madrid: In dem Maße, wie man sich den: 17. Ma:, den: Tage der Mündig- keitserklärung Alfons' XIII., nähert, nimmt das Publikum ein stets wachsendes Interesse an Allem, was im Schloß geschieht, und beschäftigt sich immer mehr mit den Veränderungen, die die Thronbesteigung des jungen Herrschers am spanischem Hofe hervorzubringen berufen ist. Es scheint, daß Madrid anläßlich der Krönung des Königs der Versammlungsort vieler erlauchter Persön- lichkeiten fein wird. Die Unterbringung derselben in ihren würdigen Räumen ist ein ziemlich schwieriges Problem. Da es sich um Fürstlichkeiten handelt, :nüssen sie im Schloß selbst wohnen. Die Infantin Jsabella hat deshalb, um Platz zu machen, die von ihr im Schloß bewohnten Gemächer verlassen und sich in einer reizenden kleinen Villa in nächster Nähe einquartirt. Ein Heer von Tapezierern, Malern und anderen Handwerkern ist jetzt dabei, die etwas verblaßte Pracht der für die königlichen Gäste bestimmten Gemächer aufzufrischen. Aehnliche Vorbereitungen werden in den königlichen Schlössern in Aranjuez, in: Escorial, in La Granja, Castillejo de In Cuesta, El Pardo, Sevilla rc. getroffen. Es scheint, daß der König beabsichtigt, diese Krorrbesitzungen zu besuchen, theils vor, theils sogleich nach der Krönung. Man sagt, daß der Herzog von Almodovar, der jetzt Minister des Auswärtigen ist, Großureister des königlichen Hauses wird; aber die Nachricht ist noch ungewiß, denn die beiden Regierungsparteien, Liberale und Konservative, arbeiten und intrigüiren gegen einander, um ihre Kandidaten i» die einflußreichen Stellungen des neuen Hofes zu bringen. Dieser sich im Stillen abspielende Kampf verspricht sogar, in Kurzem ziemlich interessant zu weröem Für den Monat Mai bereitet auch der Magistrat der Stadt Madrid anläßlich der Krönung des Königs glänzende Feste vor.
* Bereinigte Staaten. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten beläuft sich jetzt auf 84,233,069! Seelen' Davon entfallen auf die Vereinigten Staaten im engeren Sinne 76 Mill., auf die Philippinen 6,961,000, auf Portorico 953,000, ans Hawai 154,000 und aus Alaska 63,690.
* China. Der europäische Feldzug gegen China hat unter Anderem auch Gelegenheit gegeben, einer: tieferen Einblick in die staatlichen Einrichtungen und im Besonderen in die Finanzwirthschaft des chinesischen Reichs zu thun. Der „Mouvement Gsographique" verössent-
FemUeton.
Nachdruck verboten.
Mil den Buren gegen Mion.
(Erlebnisse aus dem Transvaalkriege.l Von Ernst Frhrn. v. Wränget.
XIV.
Unter weißer Flagge zum Feinde. — Rückzug der ganzen Botha- Kommandos bis zu den Höhen östlich Belfast. — Lagerleden zwischen Belfast und Machadodorp.
Noch am selben Tage erschien einige Stunden später eine andere weiße Flagge vor unserer Stellung. ^zch ritt dieser entgegen und fand einen feindlichen Arzt in Begleüung emrs Sergeanten. Derselbe hatte einen Brief von den: englifchen General Hutton an unseren kommandirenden General Botha. In demselben, so erfuhr ich vom Arzt, sei das Verlangen des Generals ausgedrückt, den von den Buren gefangenen Doktor anszuliefern. Er theilte mir mit, er hätte Befehl von seinem General, hier an der Stelle so lange zu warten, bis er eme Antwort vom General Botha in Händen hätte. Dieser letztere befand sich mindestens einige Meilen hinter dem Hauptkommanvo der Buren, aber nicht bei einem solch kleinen, wie das unselige. Ich ertheilte dem Arzt daher meinen Rath, nicht warten zu wollen, er solle ruhig zu den Seinen zurückkehren, ich wurde, sobald die Antwort eingetroffen sei, seinem General die Nachrich. übermitteln. Hierauf wollte der englische Doktor mcht^ ein- gehm. Ich war daher gezwungen, mit diesem Herrn deutsch zu sprechen obgleich ich auch in Englisch mich mit ihm verständigte. Ich gab ihm, nach meiner Uhr sehend, 10 Minuten Zeit und theilte ihm gleichzeitig mit, daß ich ihn nach Ablauf dieser Zen, sollte er es nicht vorziehen, sich zu seinem Kommando zuruck- zubegeben, als Gesungenen behandeln würde. Meine feste Ansicht nämlich war, daß dieser Arzt irgend welche Instruktion batte, sich über unsere 1000 Yards entfernte Stellung zu unterrichten. Ich ersuchte diesen Herrn höflich, aber bestimmt, unserer Stellung dm Rückm zuznwenden, was er, wenn auch nicht gern, that. Nachdem die gestellte Frist abgelaufen war, bestieg der Engländer mit seinem Sergeanten die Pferde und ritten von bannen. Im Davonreiten murmelte der Arzt einige knapp zu
verstehende Worte. Verstanden habe ich nur: You will hear from me later! Ich antwortete garnichts. Das Richtigste, was ich thun konnte. Eine Stunde später lief bei uns die Antwort des Generals Botha ein. — Vom kommandirendm General war der Befehl gegeben worden, ich sollte die Nachricht an den feindlichen General persönlich abgeben. Also ich mußte als Parlamentair handeln. — Karabiner und Revolver und Vando- lter wurden abgelegt, der frühere schwere bayrische Reiter Weinel bemächtigte sich eines nicht so ganz reinen Handtuchs und eines Forkenstiels, aus diesm beiden wurde umgehend eme weiße Flagge hergestellt. Fünf Minutm später ritt eine weiße Flagge durch die Burenlinie in Richtung auf den Feind, dessen Vorposten höchstens 2000 Yards von den unserigen entfernt waren. Auf 700 Yards konnten wir bereits die feindlichen Posten erkennen. Ich hielt, ließ den Weinel mit der Flagge hin- und herwedeln. Mit dem Glase konnte ich erkennen, daß ein Engländer mit seinem Taschentuch winkte. Man hatte uns also verstanden. Wir ritten weiter. Beim ersten Posten angekommen, hieß es: „What do you want, who are you?" „I want to see the commanding general,“ war meine kurze Antwort. Nach einigen Worten mit dem Offizier der Feldwache wurde mir ein Sergeant beigegeben und man hieß mich die Augen verbinden. Gott Lob hatte ich noch ein leidlich reines Taschentuch. Die Angen waren verbunden, ich bestieg mein Pferd wiederum, und los ging es nach dem General. Weinel blieb bei den Vorposten. Nach einem Ritt von 20 Minuten wurde mir mitgetheilt, ich sei nun vor dem General. Aus meiner Brusttasche nahm ich den Brief des Generals Botha an den General Hntton. In demselben waren die Namen der englischen Todten aufgefllhrt, ebenfalls wie die der Gefangenen. — Meine Aufgabe war die, wegen Auslieferung von Gefangenen zu sprechen; denn auf beiden Seiten waren am Tage vorher solche gemacht worden. Als Vorbedingung wurde mir von feindlicher Seite die Auslieferung des englischen Doktors, der verwundet war, gemacht.
Ich hatte hierüber keine Ordres, außerdem war es That- sache, daß dieser Arzt des Feindes nicht als ein solcher verwundet war' sondern mit dem Gewehr in der Hand betroffen wurde. Er war also nicht als ein Arzt, sondern als ein Offizier der feindlichen Truppe zu behandeln. Infolge dessen zerschlugen sich die Verhandlungen mit dem englischen Kommandeur, und meinen
Auftrag als erfüllt ansehend, begab ich mich, dem General salu- tirend, auf meinen Heimweg. Ich wurde von einigen Offizieren begleitet. — Einer dieser Feldsoldaten richtete eine sehr lächerliche Frage an mich. Er fragte mich nämlich, von welchem Theil unserer Stellung ich käme. Bevor ich ihm die einzig richtige Antwort gab, stellte ich folgende Frage an diesen: How old are you, sir? — Ich erhielt, wie ich erwartet, keine Antwort, jedoch bemerkte ich, tote sich das Gesicht meines Feindes röthete. Er fühlte also, wie thöricht, wie kindlich seine Frage gewesen sein mußte. Um aber nicht für ganz unhöflich von meinen Feinden gehalten zu werden, ertheilte ich diesem den Rath, selber an die Burenstellung heranzureiten und sich zu erkundigen, welcher Theil der feindlichen Stellung es sei. — Hierauf stockte die Unterhaltung. Bei den Vorposten angekommen, wurde nochmals eine wichtige Frage an mich gestellt: „What would you say, if we would keep you as a prisoner?" Für die ersten Sekunden war ich sprachlos. Ich glaubte zuerst, nicht richtig gehört zu haben. Ich bat um Wiederholung der Frage. Nachdem ich mich vergewissert hatte, daß ich richtig verstanden, sagte ich nur: „It would be a very heroic action for a force of about 2000 men to take to prisoners men unarmed as they are and carrying a white flag." Hiermit war meine Unterhaltung mit den Offizieren. der so vornehm fechtenden englischen Armee beendet. Ich salutirte und ritt mit Weinel heim. Hätte man auf eine gewisse Entfernung auf uns geschossen, ich hätte mich nicht gewundert. Im Gegen- theil, ich war erstaunt, daß man uns unbehelligt hatte ziehen lassen. Ja, das sind die Engländer, ein civilisirtes, weißes Volk, — von dem die Schwarzen in Afrika lernen sollen. Die armen Schwarzen. Diese mögen einen schönen Begriff von den europäischen Nationen haben. — Mit Dunkelheit passirten wir unsere Vorposten, die uns schon seit Langem erwarteten. In den Steinen wurde über Nacht geblieben. Am anderen Morgen ritt ich mit Weinel heim, um meinen Bericht an General Botha zu machen. Als ich diesem meldete, der englische General wollte zunächst den ungerecht gefangen gehaltenen Doktor zurückhaben, lächelte er und sagte, sie sollen ihn haben, aber wann? Sie werden warten müssen. Die Kommandos wurden in den darauffolgenden Tagen zurückgezogen und durch andere ersetzt, das Krügersdorper und deutsche' Kommando hatte nämlich Befehl erhalten, nach Krügersdorp, westlich Johannesburg, zu marschiren. Am Lager
