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so. Jahrgang.

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US. 22. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Dienstag, dkN 14. JaNUttk. Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1802.

Abend-Ausgabe.

Französische Wahlmanöver.

Unser Pariser v-Korrespondent schreibt uns: Das politische Parteigetriebe in Frankreich nimmt, je näher der Mai nrit seinen Wahlen rückt, immer groteskere Formen an. Daß ja diesmal der Kanrpf erbitterter sein würde als je zuvor, war vorauszusehen, denn welche von den reaktionären Parteien konnte es Waldeck-Rousseau wohl vergessen, daß derselbe ihnen eine Niederlage nach der anderen veigebrachl. Ueberraschen darf es daher nrchr, wenn sich Parteigruppen zusammenschließen, deren Inter­essen durchaus nichtsGemeinfchaftliches besitzen und die sich bisher auf das Hartnäckigste bekämpften. Jede von ihnen spielt sich als die Erhalterin der republikanischen Frei­heiten aus. und lvenn selbst die aus Monarchisten und Klerikalen zusammengesetzten Nationalisten dieses Vor­recht in Anspruch nehmen, weswegen sollte Herr Msline hiervon eine Ausnahme machen? —

Bei den Wahlen wird es sich sür die fortschrittsfeind- lichen Parteien in erster Reihe darum handeln, alle Kandidaten, welche gegen das Vereinsgesetz gestimmt, unmöglich zu machen, und alle die. welche sich in diesem Punkte der Regierung feindselig gegenübergcstellt, zum siege zu verhelfen. Die Kreuz-Presse und der klerikale „Univers" haben denn auch im Verein mit den nationa­listischen Organen den Kampf gegen ihre Gegner in einer Weife vegonnen, der wrrklra) das -schlimmste er­warten läßt. Die Gefahr liegt weniger in der Propa­ganda für die Kandidaten dieser Parteien, als vielmehr in der Art, soviel Bundesgenossen als möglich von den anderen zu sich hinüberzuziehen. Und schon haben die Gegner der Regierung einen Erfolg zu verzeichnen, der nicht unterschätzt werden darf: der wandelbare Meline ist mit seinem ganzen Anhang mit fliegenden Fahnen in das Lager dieser Oppositionellen übergegangen! Der Grund hierfür mag in erster Reihe beit Lockungen des „Univers" zuzuschreiben sein, welcher schon vor einigen Monaten und anch jetzt wieder die bindende Erklärung abgab, daß er die fortschrittlichen republikanischen Deputirten im Wahlkampfe unterstützen würde. Aber nicht nur Möline allein ließ sich voir diesen Versprechun­gen ködern. Paul de Cassagnac und Robert Mitchell er­hoben in der „Autorits" und im „Gaulois" ihre Stimmen für die fortschrittlichen oder republikanischen Abgeordneten. Ihre Absicht, gegen die Regierung zu manifestiren, geht hieraus klar hervor, denn diese zeigten sich inr Verein mit den Monarchisten und Royalisten der Staatsgewalt während des Regimes Waldeck-Ronsscaus überaus feindlich gesinnt.

In welchem Lichte aber MÄine in der ganzen Ange­legenheit steht, beweist die Thatsache, daß derselbe seit einer Reihe von Jahren von dem „Univers", vom „Gaulois" und von der „Autoritö" nicht gerade kamerad­schaftlich behandelt wurde; und jetzt auf einmal die brüderliche Liebe! Man könnte darüber lächeln, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Die Thatsache aber beweist, in wie hohem. Grade das Selbstbewußtsein eines Poli­tikers in Frankreich sich von dem Ehrgeize Niederdrücken läßt. Alle Demüthigungen, aller angethane Schimpf sind vergessen, und friedlich wandern Angreifer und Ange­griffene ihre Bahnen, um sich auf Kosten der bestehenden Ordnung der Gewalt zu bemächtigen. Aus dieser Ver­einigung geht aber noch ferner hervor, was die Partei­führer in Frankreich ihren Wählern bieten können. Heute wird zur Bekämpfung aufgefordert und morgen zurWahl der Bekämpften gerathen. Wahrlich, ein treffliches Bild vom französischen Parteiwesen! Ob sich in diesem Falle die Wähler aber so leicht willfährig zeigen werden, das ist eine andere Frage,; anzunehmen ist es schon, da die Nationalisten bei ihrer lvenn auch stark zusammenge- schnwlzenen Gefolgschaft noch immer in Ehren stehen, und die Wähler sich sagen müssen, daß die verloren ge­gangene Größe der Partei nur durch Zusammenschluß nüt andern wieder erreicht werden kann.

Mölme aber schleicht in der „Republique" über die ihm zur Last zu legendeWillfährigkeit seinen alten Neben­buhlern gegenüber glatt hinweg. Das Blatt faselt wieder voir den wahren Erhalter,l der Republik, die ihre Leiden­schaften den gesammten Interessen unterzuordnen wissen (natürlich um dabei im Trüben fischen zu können; eigene Anmerkung), und welche die Liebe zum Lande über ihre politischen Gehässigkeiten setzen. Das wäre so iibel nicht, wenn es sich nur in der That so verhielte. Wer aber Mölme und Genossen kennt, lvird wissen, was derartige schöne Worte sagen, und daß sie nur zum Deckmantel der eigeneil ehrgeizigen Pläne dienen. Die neugebackene Brüderschaft aber wird nach Beendigung der Wahlen ge­wiß wieder in die Briiche gehen. Um dies Voraussagen zu können, braucht man kein Prophet zu sein.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 13. Januar.

Fortsetzung der ersten Lesung des Etats. Abg. Stock- mann (Reichsp.) spricht seine Genugthuung aus über die verdiente Abfertigung, welche der Abg. Bebel vom Reichskanzler erhalten wegen seiner Aeußerungen über die deutsche Kriegs­führung 1870/71. Die Aufregung über die Berufung Spahns nach Straßburg könne er nicht theilen, dagegen plädire er sür Fortsetzung der Kolonialpolitik, namentlich für Eisenbahn­bauten'in Ostafrika. — Abg. Werner (Antis.) spricht sein

Bedauern darüber aus, daß auf die Beschwerde Liebermanns, wegen Verletzung der Neutralität leine Antwort Seitens des Relchskanzlers erfolgt sei. Dringend wünsche er, daß ein neuer Zolltarif zu Stande komme, denn der Nothstand auf dem platten Lande sei Thatsache. — Bayrischer Bevollmächtigter v. Stengel nimmt Anlaß, auf die neulichen Ausführungen des Abg. Richter über die Finanzfrage und das Finanzverhält- niß von Reichstag und Einzelstaaten zurückzukommen. Da» Reich habe für sich wichtige Einnahmequellen Vorbehalten. Auch Bayern befinde sich mit aus diesem Grunde in einer Lage derart, daß es viele sehr wünschenswerthe und dringende Aufgaben zurückgestellt und damit warten müsse, bis die Einnahmen wieder reichlicher fließen. Auch für Bayern würde deshalb eine erhöhte Steigerung der Matrikularbeiträge über die Ueberweisungen hinaus sehr empfindlich und schwer zu tragen sein. Wie der Abg. Richter sagen könne, das ganze Dichten und Trachten der. Einzelstaatcn gehe nur darauf hinaus, etwas vom Reiche heraus­zubekommen, sei unerfindlich. — Abg. Stöcker (fraktionslos) wünscht- eine Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit und geht dann auf den Burenkrieg ein. Die Zustände in Süd­afrika und in den Burenlagern seien über alle Maßen hinaus schmählich. Ein Missionar berichte über Plünderungen fchlimmster Art und alledem sähen die Großmächte mit ver- fchränkten Armen zu. Unerhört sei es, daß im deutschen Parla­ment ein Mann, der Abg. Bebel, sich so, wie er es gethan, über die deutschen Truppen habe äußern können. Das sei das größte Elend, daß in Deutschland eine solche Partei existire, die so die Achtung vor dem eigenen Vaterlande untergrabe. (Beifall.) — Staatssekretär Freiherr v. Richthofen stellt fest, daß die Reichsregierung in Südafrika Alles gethan habe, um das Interesse der deutschen Missionen und Missionare zu schützen. Zur Vertretung der Interessen der dort ausgewiesenen Missio­nare sei der Rechtsanwalt Sieveking in Hamburg ausdrücklich' in die Kommission in London abgeordnet worden. — Abg. Hasse (nat.-lib.) hält es für unumgänglich nothwendig, daß sich der Reichstag entschieden auf die Seite des Reichskanzlers stelle, zumal jetzt, wo Chamberlain in seiner neuesten Rede Alles, früher von ihm Gesagte ausdrücklich aufrecht erhalten hat. Was. die Zustände in Südafrika anlange, so müsse jedenfalls für die. Schäden, welche englifcherseits so vielen im Kaplande befind­lichen deutschen Bürgern zugefügt seien, voller Ersatz gefordert, werden. Redner bespricht alsdann eine im vorigen Jahre vom. ungarischen Ministerpräsidenten Szell gehaltene Rede über den Dreibund. — Abg. Hahn (Bund der Landw.) meint, es habe im deutschen Volke doch etwas Beunruhigung hervorgemfen^ daß der Dreibund heute für nicht mehr so nothwendig be< zeichnet werde. Redner macht dann der Regierung, den Vorwurf,) daß sie es nicht wage, der haute-finance Gesetze vorzuschreiben.' Auch habe die Regierung nichts gethan, um die Ueberproduktion herabzumindern. Banken und Börsen müßten unter schärfere Kontrolle kommen. Nothwendig seien auch obligatorische Pensions-Vorschriften für Bankangestellte. — Abg. ArendS (Reichsp.) meint, die einzige gebührende Antwort auf eine etwaige Obstruktion gegen den Zolltarif würde die Kündigung der Handelsverträge sein, und dieses Mittel rathe er der Regie-:

6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Frei für die Ehre!

Ein Roman aus dem Passeier von M. v. Oerhen.

Unwillkürlich kam cs ihm in den Sinn: Den alten Bergen bin ich gleich, mein Sohn ist gleich dem jungen Strom. ,

Das Bild blieb in ihm, bis er beim Avölauten vor seine Thür trat.

Ringsum in den Gehöften war es füll. Nur der Schall eintönig betender Stimmen drang aus diesem oder jenem Fenster.

Nachdem das Läuten beendet, wollte er scme Thur zur Nacht schließen. .

Da raschelte etwas in den Büsche,: am Zaun und eine wohlbekannte, wenn auch jetzt ein wenig zitternde Stimme sägte:

„Wenn der Vater mich noch aufnehmen thut — ich wär' da." _

Dem Allen entfiel der Schlüssel.

„Mein Bua!" brachte er hervor, „mein Bua!"

Ter Paule wandte in lödtlicher Verwirrung den Hut in den Händen. Der Schweiß stand auf seiner Stirn, die kurzen Locken klebten an den Schläfen.

„Jetzt kimm nur dm", sprach der Leonhard. „Die Mutter hat noch Wichtiges im Dorf zu besorgen. Wer es is noch Suppen anf'm Herd, mein Bua."

Einer war verlegner als der Andere, da sie nun in dre halbdunkle Stube kamen.

Der Paule wartete auf die Fragen, die der Bauer an ihn richten werde. Doch der Bauer fragte nichts.

Langsam löffelte der Bursche seine Suppe, mit nieder- aeschlagenen Augen. So konnte er die unendliche Zärt­lichkeit nicht sehen, mit der sdn Vater ihn betrachtete, die Liebe in dem wetterharten Bauerngesicht.

Es war offenbar — dem Paule, war widerfahren, was der Bauer für ihn gefürchtet — statt des Vaters hatte er einen verkommenen Fremden gefunden.

Er wischte seinen Löffel ab und Hub mit sichtlicher

Anstrengung zu reden an.

„Eh' die Mutter kommt — wann der Vater mrch Horen möcht'" —

„Wic's Dir ums Herz ist, mein Bua. Schweig oder sprich."

„Es ist nur — der Vater hat mir amal g'sagt, ich sollt' mich nie an einem Menschen vergrdfen — lieber ein' Schwur thun."

„Ja", entgegnete der Bauer überrascht, während eine plötzliche Furcht seinen Athem beschleunigte — „ja, sell Hab' ich g'sagt —"

„Und wenn man anfangt, nimmt's kein End' mehr. Im Zuchthaus wenn man einmal war —"

Er hielt inne und rieb mit bebender Hand die Tropfen von der Stirn. ___

Jetzt wußte der Alte, wo sein Sohn hinauswollte. Er neigte sich vor.

„Weiter, mein Bua!"

„Und oft ist's in mir, wie eine Wuth gegen Jemand. Und — und — da möcht' ich gezwungen sdn, nit zuzu­schlagen. Denn sonst kömtt' ich mich vergessen —"

Die ganze Seelenangst vor dem furchtbaren Erbtheil des Jähzorns stand in seinen Zügen geschrieben. Tie jungen Augen hatten einen dunklen, gequälten Blick.

„. . . Und aus mir wird — was aus ihm geworden ist", schloß er kaum hörbar.

„An das mußt nit denken", flüsterte der Bauer. „Es hat mancher fein Thdl Sünd' im Blut und wird doch Herr drüber. Du bist in einer guten Luft groß ge­worden, mein Bua; das gilt auch!"

„Aber zwungen will :ch sdn. Weiß der Vater — wann ich's thät schwören auf den Rosenkranz — und das Kreuzt dort — nachher thät's schon die ewige Selig­keit kosten, wann ich den Eid wollt' brechen. Und nach­her thät' mir leicht die heilige Jungfrau helfen, wann die Versuchung kommt."

Der Alte erhob sich und stand hoch aufgerichtet vor dem, Sohne.

„Ucberleg' Dir's wohl", sprach er beinahe mitHärte.

„Ein solcher Schwur ist kein Kinderspiel nit. Bedenkst Alles -— bedenk', wie das Raufen um a siede Sach'n Sitte ist, bedenk', wann Dich einer beleidigen thut — und Du mußt die Hand im Hosensack halt'n. Ueberleg' Dir's wohl." *

„Es ist überlegt", sagte heiser der Bursche. „Ich muß schwören, sonst schlag ich noch Einen tobt . .

Der Bauer zuckte. Seine alten Wangen schimmerten bleich.

„Gott thu' uns bewahren", murmelte'er. Und laut!, „Kannst beschwören, daß Du niemalen einen anderen Menschen im Zorn anrühren willst, bei keiner Rauferei mitmach'n, die Hand wider niemand erheben?"

„Ja", antwortete der Paule fest.

Auch sein Gesicht ward von jedem Blutstropfen ver­lassen. als nun der Bauer in den Herrgottswinkel ging, die Wachskerze holte und brennend auf den Tisch stellte. Das Crucifir und den Rosenkranz nahm er von der Wand und reichte sie dem Burschen, der die rechte Hand darmrs legen mußte.

Fderlich still war es geworden — das gelbe Licht flackerte im Anfang, bis es eine reglose Flamme empor­sandte.

„So schwör' bei dem heiligen Blut, wie wir vorher gesprochen."

Und der Paule that den Schwur.

Sein Vater löschte die Kerze und trug mit ehrerbietiger Vorsicht das Crucifix an seinen Platz zurück.

Er machte sich noch ver,chiedentlich zu schaffen, um den Sohn nicht zu stören.

Ter athmere den Durst ein, der von dem brennenden Wachs geblieben. Er fühlte sich viel älter geworden. Die Bubenjahre lagen hinter ihm.

Die Bäuerin, die endlich in der Küche erschien, hob prüfend die Nase.

„Was schmeckt a so nach Wachskerzen? — Und —. mein Gott —. der Paule! No, wo hast Du Dich herum- trieben, das möcht' ich wissen!"

„Grüatz Gott, Mutter", sagte der Paule.