Wiksdsitmr Tagblstt.
50. Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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Jtö. 20. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Montag, den 13. Januar.
VerlagS-FcrnsPrccher 3to. 2266.
1903.
Abend-Ausgabe.
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Me MMkllWBcit der Zeuzeii-Aiiss«!«.
Jeder große Kriminalprozeß zeigt bekanntlich mehr oder minder dasselbe Bild, das Vorüberdefiliren eines Heeres von Zengen, deren Aussagen sich oft diametral gegenüberstehen,, und voll denen Jeder bereit ist, seine Aussage mit einem Eide zu bekräftigen, und die Ver- urtheilung stützt sich oft ans das vagste Belastungsmaterial derartiger Zeugenaussagen.
Angesichts dieses furchtbaren Eides- und Jndizicn- unwesens ist es verdienstlich, daß einzelne Kriminalisten sich jetzt bemühen, den zwingenden experimentellen Nachweis zu führen, daß kein Durchschnittsmensch im Stande ist, Wahrnehmungen mehr oder minder komplizirter, schnell sich abspiclender Vorgänge objektiv völlig genau wiederzugeben.
Der Breslauer Privatdozent der Philosophie I)r. Ztern hat unlängst mit Studenten derartige Versuche an- gestellt, deren wichtige Ergebnisse er in. einem demnächst erscheinenden Vortrag der breiteren Qesfentlichkeit bekannt gab. Dadurch angeregt, hat der Berliner straf- rechtslehrer v. Liszt ähnliche Experimente unternommen, die kürzlich, wie der „Vorwärts" mittheilt, im kriminalistischen Seminar zu einem sehr bemerkenswerthen „Zwischenfall" führten.
Im Seminar, unter dessen Theilnehmern sich unter Anderen auch ein Landgerichtsrath befand, war ein Vortrag über Tarde soeben beendigt worden. Unmittelbar nach den letzten Worten oes Referats griff Professor v. Liszt nach dem Hut und entschuldigte sich, er müsse jetzt fort — infolge einer zwingenden Verabredung —, die Diskussion über den Vortrag müsse aus das nächste Mal verschoben werden. Da begehrt einer der Theil- nehmer zu wissen, in welchem Verhältniß Tarde zum Christenthum stünde.
„Das fehlte uns noch gerade," bemerkte auf diese Aeußerung bin frech und laut ein anderer Herr.
„Sie haben gar nichts zu sagen," erwiderte der Erste scharf.
„Unverschämtheit!" ruft der Zweite.
Wüthend springt der erste Herr auf, stürzt sich auf den Anderen, packt ihn, ein Revolver wird sichtbar . . .
Erschreckt erheben sich die Theiluehmer, es entsteht eine große Aufregung, die unerhörte Scene wird tumultuarisch — aa ertönt mitten in dem Wirrwarr die Stimme des Professors v. Liszt:
„Meine Herren, Sie haben den Vorfall, der soeben sich abspielte, Alle gesehen. Schreiten wir also — zur Vernehmung der Zeugen."
Herr v. Liszt hatte die hübsche Scene mit seinen berden Helfershelfern in allen Einzelheiten sorgfältig vorbereitet, die
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Frei für die Ehre!
Ein Roman aus dem Passeier von M. v. Oertzcn.
Die blonde Frau wiegte sich in den Hüften.
„Im Hundstehlen und Hiahnermausen war keiner geschickter, als wie derselbe brave Toner!. Aber ja — so zeht's — zum Fressen giebt's sür die Frau Prügel und die armen Würmer schlucken Luft, während der Vater mit'n Wagen in der Welt herumfahrt!
„Zwoa Würst' magst in den Rauch hängen. Teixcl!
Was is dös?" . ^
Wie der Blitz legte sich die ^rau mit dem Oberkörper über den Tisch, mit ausgebreiteten Armen angstvoll nach ücr Thür starrend.
Der Mann erhob sich hastig. r ,
Ein Bursch in Bauerntracht mit bestaubten stiefeln stand wie vom Himmel gefallen aus der ausgetretenen
Schwelle. .
Er bewegte die Lippen — ohne em Wort hervor-
zubringen. „ .
In drohender Haltung näherte sich ihm derMann und hielt dem Eindringling eine Faust unter die Nase.
„Was schaffst dahier? Schau, daß d' wellerkimmst!" „Mit Verlaub — bist Du der Tonerl?"
„Hm — ja", bestätigte der Andere mißtrauisch, indem er zugleich suchte den Jüngeren hinauszuschieben. „Willst was? Is das a Art, den Leut'n wie's Donnerwetter m's
Haus zu sall'n?" . .. . . s
Der Bursch blickte verlegen aus die kmeenden Kinder — feurige Röthe färbte seine Stirn — er sah den Tisch und die Vorräthe an Eßwaaren unter dem alten Eisen — „Die Wasserfall' anschauen möcht ich", stammelte er endlich. „Und Tu bist wirkli der Tonerl?"
Der Andere ließ krachend die Faust auf dm -risch
^Has geht's Dich an, ob ich der Toner! bin oder nit? Dös aber mirr Dir: Hat Dich Einer hier au^er g'schickt, allerhand auszukundschait'n mit der heilenHaut kimmt
nit hoam!"
nun auf die anderen Uneingeweihten als sensationelle Heber- raschung wirkte. Einige „Zeugen" wurden sofort vernommen, die anderen im Laufe der nächsten Tage. Die Aussagen wurden protokollirt. Das Ergebniß war verblüffend. Nur ein einziger „Zeuge" (der aber nicht der Landgerichtsrath war) erstattete einen iorretten Bericht, die anderen waren sämmtlich voll von Jrrthümern, zum Theil gröbster Art. So hatten zum Beispiel einige statt des Revolvers einen Stock „gesehen" und waren natürlich bereit, die Wahrheit ihrer Aussage zu beschwören. . . .
Mit Recht führt Professor v. Liszt in der „Deutschen Juristen-Zeitung" in einer Abhandlung über Strafrecht und Psychologie aus, es sei nach diesen Experimenten „wohl manchem von unserm kriminalistischen Praktikern die bangeFrage ausgetaucht: Was soll aus unserer ganzen Strafrechtspflege werden, wenn ihre sicherste Grundlage, die Aussage unverdächtiger Thatzeugen, durch exakte wissenschaftliche Forschung erschüttert, wenn der Glaube au die Zuverlässigkeit unseres werthvollsten Beweismaterials untergraben wird? . . . Wissenschaft reißt nicht nieder, sie bmü auf. Sie zerstört den blinden Glauben, aber sie setzt ein Besseres an die Stelle. Unsere Strafrechtspflege kann nur gewinnen, nie verlieren, wenn die aus Tbatsachenbcobachtnng gestützte Forschung die kriminalistischen Probleme unter die kritische Lupe nimmt. ... Es scheint mir heute schon zweifellos, daß durch solche planmäßig unternommene und fortgesetzte Untersüchungm eine Reihe von Erfahrungssätzen gewonnen werden wird, die es dem von Sachverständigen unterstützten Richter möglich machen werden, den Werth einer Aussage ungleich sicherer zu beurtheilen, als das heute möglich ist. Tie Psychologie wird sich auch in dieser Frage als der werthvollste und zuverlässigste Bundesgenosse der Strafrechtspflege erweisen."
Deutscher Reichstag.
Berlin, 11. Januar.
Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt. Abg. Sattler (nat.-lib.) äußert seine Verwunderung darüber, daß der Abg. Oertel sich gestern so ablehnend verhalten habe gegen eine Reform des Börsengesetzes. Alsdann wendet er sich gegen die Aeuße- rungen des Abg. v. Dziembowski zur Polenfrage und gegen diejenigen des Abg. v. Liebermann über Chamberlain und die englische Armee. ^Das sei unerhört gewesen und nicht einmal mit den gesellschaftlichen Gepflogenheiten verträglich. Die vom Abg. v. Dziembowski erhobenen Beschwerden seien im Wesentlichen haltlos. Was die postalischen Uebersetzungs-Büreaus für polnische Adressen anlange, so plädire er für Aufhebung derselben. Die Briefe mit polnischen Adressen müßten einfach den Absendern zurückgegeben werden. Redner geht nunmehr auf den Fall Spahn ein. Eine reine Freude an diesem werde wohl Rie- mand' gehabt haben, weder der alte noch der junge Herr Spahn,
„Ich denk, kann's schon mit Dir ausnehmen, wissen, wie ich heiß: Paule heiß ich!"
Er hielt inne, mit athemloser Spannung die Wirkung seiner Worte aus den Toner! beobachtend. Ein über- strömendes Gefühl von Mitleid und Sehnsucht trieb ihm das Wasser in die trotzigeil Augen.
Doch der Toner! veränderte keine Miene.
„Heiß, wie D' ,nagst. Und — hast mich vorher wohl verstand'n? Für Polizeispitzl ist in meinem Haus kein Platz."
Dem Paule war, als zerrisse etwas in seiner Brust, — als stürze eine schöne Hoffnung in ihm zusammen, auf die er eine ganze Zukunft gebaut.
Die Hoffnung war, seinen armen Vater einmal nur „Vater" zu nennen —
Das Wort wollte ihm nicht über die Lippen,
Vielleicht, wenn er's gesagt hätte . . .
Das Bild des Klausenhosbauern stieg so lebendig vor ihm auf. „Du wirst schon lloch cinschen, wer Dein Vater ist!" hatte er gesprochen.
Ach, du lieber Gott!
Der Paule fuhr sich mit der Haild über die Augen.
Der stiere, lauernde Blick der blonden Frau beunruhigte ihn mehr, als die Drohungen des verwilderten
Menschen. ^ ^ .
Und dann gedachte er mit peinigender Angst der drei
kleinen, schmutzigen Kinder.
Seine Geschwister!
Instinktiv griff er in die Tasche und reichte jedem der Kinder ein Kronenstück.
Was er an Geld besaß, hatte et ja sür seinen armen Vater mitgenommen.
Kaum hatten die Eltern das Geld erschaut, als sie einen raschen Blick wechselten. .
Die Frau begann, ihm über das Woher und Wohin auszuforschen; der Mann räumte schweigend seine Vorräthe in den Sack und stellte eine Kürbisflasche mit
Branntwein auf. , m
„Bist schon da", knurrte er. „Thu Dir den Magen , wärmen: sakriich kalt war's auf die Nacht. Bist von j Mailing?"
weder Herr Althoff noch der Vertreter von Elsaß-Lothringen, weder das Centrum noch andere Parteien. Der Kernpunkt der Frage Spahn sei, daß es bei der Art seiner Ernennung den Anschein gewinne, als müsse neben einem protestantischen Historiker ein katholischer sitzen, als gebe es also eine katholische und eine protestantische Geschichtswissenschaft und deshalb müsse dieser Fall in der deutschen Volksvertretung zur Sprache gebracht werden. Bei seiner Kritik des Post-Etats meint Redner, und zwar unter Hinweisung auf die geplante Deckung ordentlicher Ausgaben durch Anleihe, die bisherige Finanzpolitik habe vollständig bankerott gemacht, nicht nur in den Ziffern, sondern auch in ihren Grundsätzen. Unter allen Umständen müsse die Position des Reichsschatzsckretärs gestärkt werden gegenüber allen anderen Ressorts mit Ausnahme des Reichskanzlers. — Staatssekretär v. Köller glaubt nicht, daß die Erregung über den Fall Spahn so weite Kreise ergriffen habe. Auch brauche Niemand zu glauben, daß die Regierung in Elsaß-Lothringen irgend welche Schritte thun werde, um Deutschland nach Konfessionen auseinanderzureißen. Im elsaß-lothringischen Landtage sei schon seit Jahren wiederholt beklagt worden, daß die Katholiten bei Besetzung von Professuren zurückgestellt würden und es sei namentlich verlangt worden, daß eine Geschichts- Professur doch auch einem Katholiken übertragen werde. Diesem im Landesausschuß eingebrachten Wunsche entsprechend habe die Regierung jetzt endlich die Bedürfnißfrage geprüft. Die Erregung über diese Sache sei nur künstlich von der Presse geschürt worden, während sie in Wirklichkeit ganz ungerechtfertigt sei. Er hoffe, daß diese ungerechtfertigte Aufregung über den Fall Spahn hiermit im Lande beseitigt sein werde. — Abg. Bachem (Centr.) wundert sich, daß keiner der elsässischen Abgeordneten hier sei, um zu dieser Angelegenheit Stellung zu nehmen. Was sich in Straßburg jetzt ereignet habe, sei längst in Breslau und anderwärts Thatsache. Nicht die Ernennung Spahns reiße die Bevölkerung auseinander, vielmehr sei in Elsaß-Lothringen die Bevölkerung auseinandergerissen worden dadurch, daß an der Straßburger Universität nur protestantische Geschichtsprofefforen gewesen seien. Die katholischen Studenten hatten deshalb aus dem Lande gemußt. Nachdem Redner sich noch gegen eine Bemerkung des Abg. Sattler gewendet, nimmt das Wort Abg. Bebel (Soc.). Er geht zunächst ebenfalls auf den Fall Spahn ein und erinnert dabei an den Fall Arons. Es geschehe eben im Allgemeinen nur, was die Regierung wünsche. Ein Mann, der bisher wissenschaftlich ganz unbekannt gewesen sei, sei von der Regierung zum Professor gemacht worden. Ein Mann, dessen einziges Verdienst darin bestehe, daß er ein ganz byzantinisches Buch über den großen Kurfürsten geschrieben habe. Redner wendet sich dann zum Etat und zur gegenwärtigen Krise. Zur Verschärfung der letzteren habe wesentlich das Kohlensyndikat beigetragen, welches durch seine hohen Inland- und niedrigen Auslandpreise die Konkurrenzfähigkeit des Auslandes erheblich gestärkt habe. Nothwendig sei es daher, den Kohlenbergbau zu verstaatlichen. Um der Arbeitslosigkeit abzuhelfen, sollte das Reich den Mittellandkanal bauen. (Lachen rechts.) Es sei Zeit, endlich einmal wenigstens einen 10-stündigen Normal-Arbeits-
Tcr Paule verneinte. Er nahm einen Schluck, um die Leute nicht wider sich aufzubringen. Von Minute zu Almute wurde es ihm unbehaglicher, wünschte er sich brennender hinweg.
„Bist von Algund oder Grätsch?"
„Na!"
„No, irgend wo mußt doch her sein!"
„Vom Passeier bin ich her", stotterte der Paule. Die Augen der Frau waren so unheimlich ans seine Tasche geheftet.
„Trink nur", inahnte sie dabei und lachte ein wenig; „Qitt i£ !"
„Vom Passeier?" Ter Toner! setzte die Flasche an und sprach dann: „Wenn 'd wieder hoam kimmst, die Passeier thu' mir schön griassen! Ha, ha!"
„lliid Tu — magst nit einmal gegen den Jausen?
Ich —“ . ..
Der Paule verstummte vor der furchtbaren Veränderung, die in deii Zügen des Toiierl vorging. Dabei fühlte er neben der Furcht eine seltsame Müdigkeit, einen Druck auf dem Kopf, eine Lähmung der ganzen Wirbelsäule — und diese Müdigkeit überwältigte ihn, je mehr die blonde Frau lächelte, je regloser diese blauen, glänzenden Augäpfel auf ihn gerichtet waren.
Mit einer letzten Anstrengung sprang er vom Stuhle.
Ten Branntwein war er nicht gewöhnt, und nun hatte er nach dem langen Marsch aus nüchternen Magen zwei- mal aus der Kürbisflasche getrunken.
„Gelt Tu, von St. Leonhard bist? Oder von St. Martin?" rannte die rauhe stimme des Toner! an seinem Ohr.
Er wollte lügen und konnte nicht. Wider seinen Willen formten seine Lippen ein lallendes „Ja".
Von Angesicht zu Angesicht standen sich iiun d:e beiden Männer gegenüber.
Erdfahl wurden die braunen Backen des Aelteren.
„So!" Kieß er hervor. „Von St. Martin. So! .
Der Paule sah nicht den Blick des Erkcnnens — er sah nur das Lächeln der blonden Frau, die ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte und ihii am Rocke zog, daß er sich wieder setzen solle . , «
