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|lO, 19. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Sonntag, de» 12. Iannar.
BerlagS-Fernsprecher No. 2286. 1902 .
Morgen-Ausgabe.
Vollbelastung und Produktionskosten.
Der Staatssekretär Graf Posadowsky hat im Reichs- ag mitgetheitt, daß die deutschen, Zölle nur 9,4 pCt. des Gerthes der Einfuhr ausmachen. Es ist ihm dort bereits wwidert worden, daß die Hauptmasse unserer Einfuhr ms zollfreien industriellen Rohstoffen bestehe, daß daher die procentuale Zollbelastung der wirtlich steuerpflichtigen Artikel wesentlich höher sei.
Nach dem Statistischen J-ahrburch für das Deutschs Reich, S. 186, machte im Durchschnitt der Jahre 1894 bis 1899 der Zoll vom Werth der zollpflichtigen Einfuhr 18,48 PCt. aus, und zwar vom Werth der eingeführten Fabrikate nur ±5,1 pCt., von dem der eingeführten Nahrungs- und Genußmittel dagegen 22,24 pCt.; und bei denHauptprodukten deSGroßgrundbesitzes, beiRoggen und Weizen beträgt er durchschnittlich schon heut 34 pCt. bezw. 28 pCt. Kommen die regiermrgsseitig geplanten Mindestzölle zur Einführung, so wird durch den Zoll Roggen um ungefähr 60 pCt., Weizen um circa 42 pCt. des Werth es vertheuert.
Von dem Einkommen einer Arbeiterfamilie müssen m Deutschland durchschnittlich ungefähr 58 pCt. für Lebensmittel ausgegeben werden. Rechnet man deren Lertheuerung durch die heutigen Zölle auf nur 20 pCt., jo ergiebt sich daraus allein eine nothwendig werdende Erhöhung der Arbeitslöhne um 11 pCt. In Zukunft bürste dies gegenüber Freihandelsländern circa 15 bis 16 PCt. ausluachen. Run wird aber die industrielle Produktion nicht nur durch die Lebeirsmittelzölle und indirekten Steuern, sondern auch durch viele andere Zölle xrhöht; macht doch allein der jetzige Holzzoll sür den sberschlesischen Steinkohlenbergbau jährlich eine Sonderbelastung von % Millionen Mark aus. Mutz derselbe »och jährlich ca. 800 Pferde einführeir, für die nach dem neuen Zolltarifentwurf ungefähr 120,000 Mark zu zahlen sein werden, muß derselbe doch allein, wenn 5 Mark Zoll für Hafer erhoben werden, für den Verbrauch lediglich der Grubenpferde jährlich 380,000 Mk. mehr auswenden, als dies bei Zollfreiheit der Fall sein würde. Alle diese Mehrbelastungen sowohl der Arbeiterlöhne Wie der Materialien kommen aber natürlich im Preise des Produktes zum Ausdruck. — Der Werth einer Waare besteht eben fast ganz aus den Kosten der menschlichen Arbeit. Man wird es infolgedessen auch verständlich finden, daß weite Kreise der Industrie trotz ihrer hohen technischen Entwickelung auf Schutzzölle nicht verzichten zu können glauben. Werden doch ihre Produktionskosten durch alle Zölle ganz außerordentlich erhöht. Nun freilich ist die Industrie auch bei hohen Zöllen für ihre Erzeugnisse
immer benachtheiligt; denn selbst, wo es ihr möglich ist, die Inlandspreise durch Kartelliruug hochzuhalten, schränkt sie damit die Aufnahmefähigkeit des Jnlands- markts ein, und ist genöthigt, auf den auswärtigen Märkten zu Preisen zu offeriren, die theilweise unter ihre künstlich erhöhten Produktionskosten herunter gehen.
Je mehr die von dem Herrn Staatssekretär Grafen Posadowsky behauptete Vertiefung der wirthschaftlick)en Kenntnisse fortschreitet, um so mehr wird sich die Industrie darüber klar werden, daß sie durch 'nichts so schwer geschädigt wird, als durch eine Zollpolitik, welche die erhebliche Vertheuerung ihrer Produktion, die Schwächung, der Kaufkraft im Jnlande, die Gefährdung ihres Absatzes auf dem Auslandsmarkt zur Folge hat.
Eine beherzigensiverthe Predigt.
Am Dienstag wurde die Leiche des im Duell gefallenen Studenten Held von Jena nqch Sangerhausen überführt, wo die Beerdigung stattfand. Die nächsten Angehörigen, der Prorektor und viele andere Glieder des akademischen Lehrkörpers, die drei Burschenschaften mst ihren Fahnen, auch das Offizier - Corps mit dem Kommandeur gaben das Geleit von der Leichenhalle nach dem Bahnhofe. Die Burschenschaft „Germania" vollzählig, die anderen durch Abgesandte vertreten, begleiteten den Sarg nach Sangerhausen. Hier leitete der Jenaer Universitäts-Prediger Professor T h ü m m e l die kirchliche Feier auf dem Gottesacker. Seine Grabrede hatte, wie berichtet wird, etwa folgenden Wortlaut:
Wir sammeln unsere Gedanken um das Wort aus Jesu Munde, das Joh. 5, 44 geschrieben stehet: Wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmet? und die Ehre, die von Gott allein ist, suchet ihr nicht. — Jedesmal, wenn ich die Erzählung vom Jüngling zu Nain lese, empfinde ich die schlichten Worte: „sie trugen einen Todten hinaus, der ein einziger Sohn war seiner Mutter", als eine ergreifende Schilderung. Welches Herzeleid ist von den Worten umschlossen: der ein einziger Sohn war seiner Mutter! Der, dessen Leib von diesem Sarge umschlossen ist, war auch ein einziger Sohn seiner Mutter. Zu ihr wandern in dieser schweren Stunde zuerst und immer wieder unsere Gedanken, zu der Mutter, die mit der ganzen Kraft ihrer Mutterliebe an dem einzigen Sohn« gehangen hat, und die jetzt am liebsten mit ihm in die Grube fahren möchte. Und Sie, der tiefgebeugte Vater, der Sie in dem Kriege, der uns unser deutsches Vaterland neu erstehen ließ, in mancher Schlacht dem Tode ins Angesicht geschaut und in einem arbeitsreichen Leben manche Sorgenstunde haben überwinden müssen, das Gewicht dieser Stunde wird von nun an Ihnen doch am schwersten dünken, da Sie die Hoffnung Ihres Alters, die Ihnen manche Entsagung auferlcgte, in das Grab senken müssen. Und Euch, den Schwestern, schneidet in dieser Stunde des Scheidens Weh
durch die Seele hindurch. Und Euch, meine Kommilitonen, mögen jetzt, da der, der mit Euch der Jugend Lust und Freude genossen hat, in ein frühes Grab gesenkt wird, Ewigkeitsgedanken vor der Seele stehen, ernster und dringlicher, als es sonst Euren Jahren und Gewohnheiten eignet.
In solchen Augenblicken seufzt unsere Seel« noch Gott, und selbst der Sinn, der seit Jahren Gott ferne gewesen ist, fragt nach dem Glauben, nach dem Glauben, der an Gräbern einen Trost hat, nicht in Worten, sondern in der Gewißheit: es giebt ein Wiedersehen, ein Sichwiederhaben. Wohnte dieser Glaube in uns, dann hätten wir Trost, auch des Scheidens Bitterkeit zu versüßen.
Aber wie? Spricht nicht der Herr in diesem Wort denen, die in den menschlichen Ehrbegriffen gefangen sind, die Möglichkeit ab, Glauben in ihr Herz zu fassen? „Wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmet?" Diese Worte sagt Jesus zu den Juden, deren Seele gesättigt war von nationalem Stolz, deren Sinn gefangen war von nationalen Vorurtheilcn. Ist aber nicht auch dieses Todes Veranlassung ein in unserem Volke überkommener Ehrbegriff? Ein nationales Vorurtheil? Wie kann ich da hoffen, daß Gedanken des Glaubens uns bei diesem Tode Trost gewähren? Wie reimt sich das zusammen?
Es fürchte Niemand, daß ich jetzt schwächliche Lamentationen über die bösen Sitten dieser verderbten Zeit anhübe, oder gar, daß ich einen Stein Wersen wollte auf irgend einen der bei diesem Handel Betheiligten. Das ist nicht die Aufgabe des Amtes, dessen ich hier walte. Sondern diese gerade jetzt häufig und stark beklagten Vorkommnisse sind die bösen Folgen von Anschauungen, unter denen wir Alle gefangen sind, deren Sklaven in hohen und höchsten Kreisen h e i m l i ch s e u s z e n. Zwar — das soll nicht unausgesprochen sein — stehen die Vertreter dieses gesteigerten äußerlichen Ehrbegriffs thurmhoch über den Propheten der schalen Nützlichkeit, die nur fragen: was habe ich davon! Mancher glaubt tugendhaft zu sein, der doch nur vorsichtig ist! Aber die klare Wahrheit darf anderseits nicht verdunkelt werden, daß die Anschauungen, aus denen diese Vorkommnisschervorgehen, mit dem Christen- thum nirgend wie und in keinem Punkte vereinbar sind. Mim säge nicht: So gut, wie die Nation nichtswürdig ist, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre, soll auch der Einzelne bereit sein, für seine Ehre um hohen Tod zu werben! Oder: Men wir uns eine Jugend wünschen, di« nnr im Wortkampf und Wortschwall gegen einander steht, statt einer, die auch das blanke Schwert zur Hand nimmt? Oder: Wird nicht dadurch erst das Leben wahrhaft gewonnen, wenn ich auch bereit bin, es einzusetzen? Einzusetzen namentlich für ein so hohes Gut, wie es doch die Ehre ist?
Gewiß, das ist höchstes sittliches Thun, das Leben einzusetzen, aber wofür? Für Deine Ehre und für die äußerliche Art, in der Du sie beschlossen siehst? In Eurem Hause, liebe Kommilitonen, steht der schöne Spruch: De coelo et de patria uunquam est desperandum. De patria! Für's Vaterland sollt Ihr Euer Leben einsetzen, und die kommenden Mannesjahre werden Euch Gelegenheit genug bieten, im Dienste des Vaterlandes Euer Leben sich verzehren zu lassen. Aber für Deine Ehre und dafür, wie Menschen sie halten oder zerbrechen wollen,
Feuilleton.
- Nachdruck verboten.
Gm Minorist der Romantiker.
Zum hundertjährigen Geburtstage Eduard v. Bauernfelds.
1802 — 13. Januar — 1902.
Von Ludwig Nessel.
Erst kürzlich hatte die litterarische und mit ihr die das Lustspiel liebende Welt Gelegenheit, eine Säkularfeier zu begehen. Am 7. Dezember waren 100 Jahre seit dem Geburtstage Johann Nestroys vergangen: heute begehen wir die Säkular- scicr für Eduard v. Bauernfeld.
Bauernfeld und Nestroy haben beide etwas Gemeinsames. Beide sind Altersgenossen, beide sind Oesterreicher, beide sind Lustspieldichter und beide gehören schließlich der vormärzlichen Zeit an.
Bauernfeld und Nestroy sind die Lustspieldichter der Romantik. Nur ist der eine etwas roher, klobiger, demokratischer als der ander«. Nestroy ist der Dichter der Posse, der Burleske, während sein Zeitgenosse Bauernfeld mehr das Lustspiel mit der Pointe kultivirt. Nestroy ist im täglichen Umgänge mürrisch und selten gut gelaunt; Bauernfeld hingegen ist stets, mögen ihn die Sorgen auch noch so plagen, der elegante Gesellschafter, der Mann von Welt. Alles das äußert sich auch in seiner Schreibweise, seinem Styl, seinen Stücken.
Eduard v. Bauernfeld wurde am 13. Januar 1802 in Men geboren. Seine Eltern starben ihm früh, sodaß sich Verwandte seiner annahmen und ihm eine gute Erziehung angedeihen ließen. Der begabte junge Mann, in dem sich schon früh der Dichter und Spötter regte, widmete sich dem Studium der Rechte, das er erfolgreich absolvirte, was ihm eine Position bei der niederösterreichischen Regierung und später eine Stellung bei der Lotteviedirektion einbrachte.
Trotz seiner Beamtenstellung aber stand Bauernfeld, als die Stürme des Jahres 1848 heranbrausten, auf Seiten der Opposition. Er nahin offen Partei gegen Metternich und suchte um Erleichterung der Censurschwierigkeiten nach. Allein seine Bemühungen brachten ihm wenig Erfolg.
Einer seiner wenigen, doch schönsten Erfolge war cs, daß
er am 13. März 1848 das schriftliche Versprechen einer Konstitution aus der Hofburg dem Volke überbringen konnte.
An der revolutionären Bewegung selbst hat Bauernfeld nicht Theil genommen. Bald nach den Stürmen des Jahres 1848 gab er sein Amt auf und lebte ganz seiner Muse. Am 9. August 1890 starb er in Wien. Sein litterarischer Nachlaß wird im Wiener Staatsarchiv aufbewahrt; nur ein Theil seiner unveröffentlichten dramatischen Versuche ist bisher von Ferd. v. Saar herausgegeben worden; vieles harrt noch der Veröffentlichung.
Bauernfeld war eine durchaus heitere und lebensfrohe Natur, der sich — und mochte es noch so schlimm kommen —• niemals als zu lange oder gar auf die Dauer vom Schicksal ducken ließ. Kleine Züge, die wir von dem liebenswürdigen Dichter im Folgenden geben werden, werden dies am besten erläutern.
Charakteristisch für das ganze Wesen Bauernfelds sind einzelne kleine intime Züge, die in die „Bummeljahre des Genies" fallen. Damals waren seine besten Freunde der Maler Moriz v. Schwind und der Komponist Franz Schubert. Namentlich mit ersterem verbrach Bauernfeld manche „Jugendeselei". Dr. Emil Hoomer erzählt davon in seiner kürzlich bei Seemann in Leipzig erschienenen Biographie Bauernfelds. Es heißt da u. A.: „Sein alter ego und womöglich noch lebenslustigerer
Kamerad als er selbst war Moriz v. Schwind, mit dem ihn die selbstloseste Freundschaft verband. Gleiche Neigungen und künstlerische Ziele verliehen ihrem Freundschaftsverhältnisse Festigkeit und Dauer für Jahrzehnte hinweg.
Schwind hat mit Bauernfeld den romantischen, nur freilich bedeutend stärker accentuirten Zug gemein, sah mit den nämlichen kindlich-lebhaften Sinnen die Welt in ihren frischen Farbentönen, war auch ein Gradheraus, kein Ducker." Gemeinsam ließen sich beide auch von der musikalische Wuth fortreißen, die sich des damaligen Wien bemächtigt hatte. Bauernfelds leicht bewegliches Gemllth war wie Wachs in den künstlerischen Händen großer Tondichter, und Schwind übertrumpfte ihn noch in dieser seinem Stamme eigenen Empfänglichkeit. Von ihm rührt das kernige Sprüchlein her: „Einen Mund voll Musik muß Jeder täglich haben." Wenn Schwind mit Ingrimm mitunter von seinen drei Gemahlinnen sprach: der Akademie, den Forderungen der Welt und dem Erwerb, so huldigten die beiden anderen (Bauernfeld und Schubert, der sich den beiden eng an
geschlossen hatte) aus der gleichen Abneigung gegen jeglichen Zwang der Devise, sich selber zu leben. Sie verloren ihr besseres Selbst darum noch lange nicht, wenn sie bisweilen im Wirths- haus bis zum grauenden Morgen zechten.
Sie thaten wohl daran, aus der dumpfen Stadtatmosphär« aufs flache Land oder ins Gebirge gelegentlich zu entfliehen und ließen sie alljährlich in Atzenbrugg bei dem drei Tage währenden Feste, das Schuberts Oheim (ein gemeinsamer Bekannter der Freunde) veranstaltete, ihrem Uebermuthe die Zügel schießen, so verhalfen sie nur der Jugend zu ihrem Rechte im Sinne d« Bauernfeld'schen Lebensregel:
Die Früchte, die Dir im Frühling sprießen Du darfst und sollst sie im Frühling genießen.
Selbst die Teilnahmen Bauernfelds und Schwinds an den orgienartigen Bällen im unheiligen Hause des Steindruckers Trentsensky, deren einer, sage und schreibe, vierundzwanzig Stunden dauerte, sollte als Faschingstribut nicht gar zu tragisch genommen werden.
Auch fiel bei der Ausschmückung oder nachträglichen Verherrlichung der Festivität in der Regel eine artige Kleinigkeit für die Kunst ab, sei es in der Gestalt einer dramatischen Parodie, sei es in der urplötzlichen Form einer Schwind'schen Schnellzeichnung.
Noch viele kleine intime Züge in allen möglichen Lebenslagen und Altersstufen giebt uns der genannte Biograph mit köstlich humoristischer Darstellungsweise.
Bauernfeld hat viel geschrieben, ohne jedoch deshalb ein Vielschreiber genannt werden zu müssen. Zwar hat unsere Zeit kein rechtes Verständniß mehr sür seinen vormärzlichen Witz, der ihm zu Lebzeiten so große Erfolge eintrug. Bekannt sind seine Wiener Einfälle und Ausfälle."
Seine zahlreichen Lustspiele, die sich stets in höheren Gesellschaftsschichten bewegen, stechen besonders durch ihren glänzenden Dialog hervor. Ich erinnere nur an „Bürgerlich und Romantisch" und „Der kategorische Imperativ."
Bauernfeld ist einer der charakteristischsten österreichischen Dichter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur Oesterreich allein aber, sondern das gesammte Deutschland, soweit die deutsche Zunge reicht, hat Grund und Anlaß, die hundertste Wiederkehr des Geburtstages Eduard v. Bauernfelds dankbar und das Andenken des Todten ehrend, festlich zu begehen.
