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Uo. 19. Morgen Ausgabe.

Sonntag, de« 12. Januar.

SO. Jahrgang. 1902.

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Aufwallt der Zorn wie Feuersalnth, Die wird gelöscht durch Thräiicnfluth,

Und hinterher weiß der Verstand Nicht wo und wie es hat gebrannt.

C. Steiler.

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( 43 . Fortsetzung.) «Nachdruck verboten.)

Dornenkronen.

Roman von Ada Moy-Gd.

Sie bemerkte plötzlich am Gitter zwei Männer. Es waren Rodenbach und Inan, die von einander Abschied nahmen, darin lag nichts Auffälliges. Aber dann blieb Rodenbach noch stehen, als der Andere schon ins Haus gegangen war. Frau Hartmann fürchtete, daß die Straßenlaterne ihren Schein auf sie werfen tonne, und bog sich hinter die Gardine zuriick. Vielleicht will Juan ihm noch irgend erwas bringen, ein Buch oder dergleichen. Rodenbach stand unbeweglich und starrte hinauf. Was bedeutete das? Sah er wie ein verliebter Jüngling zu den Fenstern Ruths empor? Auch deren Schlafzimmer lag nach vorn, gerade über dem der Mutter, man hörte drüber ihren leichten Schritt. Sie war also da vorn im "Zimmer, sie sah vielleicht. — nein gewiß — den warten­den Mann . . . Frau Hartmann fühlte ihr Herz klopfen . . . wartet er etwa auf ein Zeichen von ihr? Hielten sie solchergestalt nächtliche stumme Zwiesprache? So stand Rodenbach wohl fünf Minuten, ehe er ging. „Nein — nein — nein!" schrie etwas in der Brust der Mutter. Sie legte sich zu Bett, schlaflos, in unerhörter Aufregung. Bald wallte große Liebe und großes Mitleid für Ruth in ihrem Herzen auf, bald ein ebenso großer Zorn gegen sie. Und immer wieder rief eine Stimme in ihr: .Mein — nein!" Was „nein"? Ruth dergleichen nicht zu- tvauen? Es ihr nicht gönnen? Die Schmach vom Sohne fernhalten? Die ganze dunkle, traurige Frage nicht be­rühren? Frau Hartmann wußte es nicht — sie wehrte sich nur gegen etwas, das nicht kommen sollte, nein, nicht sollte!

Und der andere Abend fand sie auf demselben Posten; was gestern Zufall gewesen, war heute Lauscherabsicht. Jedes Mal, wenn ein Schritt erklang, wurden ihre Hände feucht und kalt. Ihre Geduld wurde sehr geprüft, eine Stunde saß sie schon so und in ihre:: Schläfen pochte brennend nervöses Kopsweh, als Juan endlich heimkam, allein und. wie es schien, in rasender Erregung. Er ging nicht, er lief. Er trat nicht durch die Hausthüre ein, sondern benützte die Hintere Balkontreppe. Die Lauscherin erwog, ob es sich verlohne, noch sitzen zu bleiben, es war ihr plötzlich Wähler geworden und sie fühlte, daß sie müde sei und Sehnsucht nach dem Bett habe. Gerade wollte sie aufstehen, da flog ein Schatten an ihrem Fenster vor­bei. Unwillkürlich schrak sie zusammen. Es war Juan, der wieder forteiltc. Was bedeutet das nun? Ein kurzer Zorn über Juans unordentlichen Lebenswandel süeg in ihr auf; sie kämpfte ihn mit dem Beschluß nieder: „ Der Mensch muß mir aus dem Hause." Die unerträgliche Spannung ihrer Nerven, hervorgenrfen durch das Lauschen, fand nun eine Erleichterung in dem trotzigen Vorhaben, Juans Heimkehr wachend zu erwarten, und

sollte es helllichter Tag werden; dann konnte sic am anderen Morgen mit gutem Gewissen schelten, eine Scene machen und behairpten, sie sei um seinetwillen nicht aus den Kleidern gekommen. Schon legte sie sich bequemer in den Sessel zurück und faltete die Hände müde in den Schooß, als ein Wagen mit auffallender Langsamkeit die Straße entlang fuhr. Frau Hartmann bekan: Herzklopfen. Sie spähte durch die weiße Spitzengardine. Da fuhr die Droschke vorbei — ein blondbärtiges Gesicht drückte sich gegen das Wagenfcnster — die gefällige Laterne be­leuchtete es geriau. Frau Hartmann hielt den Athem an.

Der Wagen hielt ein wenig weiter hin, ohne an den Bürgersteig anzufahren; das geschärfte Ohr erhorchte es genau und vernahm auch, daß der Wagenschlag zufiel und daß die Droschke dann schnell weiterfuhr. Ein Schritt — eine Männergestalt am Gitter — die Frau sah sekundenlang nichts, ihr ward schwarz vor Augen, dann ging es an ihrem Fenster vorbei — dann sah sie, sie sah es wie eineHallucination, daß es hinten die Treppe hinanfging. Er hatte, am Gitter stehend, in die Hände geklatscht — darauf war ihm offenbar von oben ein Zeichen als Antwort geworden und auf dies Zeichen hin wagte er es nun, das Haus zu betreten, das der Bruder eben verlassen. Frau Hartmann erhob sich und ging in das nächste Zimmer, welches unter dem Juans lag. Sie konnte nicht stehen, ihre Füße trugen sie nicht, sie setzte sich auch dort und, das Haupt emporgerichtet, lauschte sie mit offenem Mund. Droben klang ein Männerschritt — dann Stille — dann ein anderer, leichter, so wohl- bekannter Schritt — dann das Geräusch, wie der dumpfe Fall eines kleinen, schweren Gegenstandes, und dann kein Laut mehr.

Die alternde Frau ließ das Haupt sinken. Sie horchte nicht mehr. Sie dachte nicht an das, was etwa da droben geschah oder was morgen geschehen müsse, sie dachte an ihr eigenes Leben zurück. Es erschien ihr merk­würdig lang und freudlos in diesem Augenblick. Sie durchlebte Alles noch einmal. Ihren Brautstand und wie sie sich damals dagegen aufgebäumt, einen Mann zu heirathen, der ihr nicht genüge, wie man ihr haarscharf bewiesen, welchen Skandal die Zurücknahme des über­eilt gegebenen Wortes in der Gesellschaft machen werde, wie doch Hartmann gut und gewiß gefügig sei, welche reichp, solide Partie, sie mache und wie sie dann endlich, halb im Zweifel, halb in Hoffnung nachgegeben. Ihre Ehe zog an ihr vorüber. Die Stunden der unbefriedigten Eitelkeit durchkostete sie noch einmal, wo ihr Mann ruhig allen Versuchen widerstanden, sich und sie auf einen be­merkbaren Posten zu erheben. Auf alle ihre Eigen­wünsche hatte sie allezeit verzichten müssen und erst seit er todt war, fühlte sie sich unbeengt. Ihr war niemals von ihm ein schlimmes Wort gesagt worden, ihr hatte keine Sorge je das Leben verdunkelt. Wie ein ebener friedlicher Strom warm ihre Tage dahingeflossen, aber der Himmel, der sich darüber spann, war erschreckend nüchtern und grau gewesen. Und die Frmi mit den: greisen Haar dachte in dieser Nacht daran, daß sie nie­mals ein volles, großes, weltvergessendes Liebesglück er­lebt hatte, daß es eine Stelle in ihren: Herzen gab, wo ein verdorrtes Samenkorn lag, und daß ihr Herz der Boden gewesen, wo das Samenkorn schön und machtvoll hätte aufgehen können. Als die greisen Haare noch braun gewesen, schmerzte das oft — aber der Herr war ihr

barmherzig, er führte sie nicht in Versuchung — täd Ihre Tugend war unantastbar, aber sie war ungepriifil Tie Ehre dieses Hauses, in dem sie auch nurGewohnheits- frieden, kein Götterglück gefunden, war von ihr nicht be­leidigt worden.

Und dies junge Wech, welches Alles ebenso litt und ebenso trug, wie sie es getragen, dies Weib wollte sich gegen das Schicksal auflehnen, sich heimlich trösten, heim­lich glücklich sein? Nein — nein — nein! Ihr Sohn fiel ihr ein. Sie dachte kalt und klar an ihn. „Ich hätte ihn mir nicht erwählt zum Gatten. Aber sein Werth als guter geachteter Ehrenmann, als pflichttreuer Arbeiter, als ehrlicher Verwalter der Habe seiner Geschwister, als gehorsamer Sohn, als selbstloser Gatte, der nach dem Herzen, nicht nach Gold gewählt — und solch ein Mann, wie immer sein Wesen auch eine Frau Niederdrücken mußte, solch' ein Mann sollte beleidigt werden, gerade von Der, die ihm Dank schuldete? Me eigene Mutter sollte das sehen und dazu schweigen?" Nein — nein!

Wer sagte ihr, daß das, was hier geschah, nur ihren Augen offenbar geworden, daß nicht gegenüber, rechts und links hinter dunklen Fenstern Augen gleich den ihren wachten? Morgen ging dann die Kunde flüsternd von Bkund zu Mund und bald erzählen es sich die Spatzen auf den Dächern, daß die junge Frau Hartmann nächt­licher Weile mit dem Maler Rodenbach Unterhaltungen habe. Der Name würde in die Mäuler aller Leute kommen! Und sie — sie sollte den Namen ungestört weiter tragen, ungestört im Besitze des Wohllebens bleiben, das mit diesem Namen verkniipft war? Nein — nein!

Den Namen konnte ihr kein Gesetz mehr rauben, aber Alles, was ihr sonst aus diesem Hause gekommen war, sollte ihr genommen werden, Alles! Kein Verschweigen, keine Milde! Für alle Träume, die im Leben von Marie Hartmann unerfüllt geblieben waren, erstand in dieser Nacht in ihrer Brust die Rachelust: Grausamkeit gegen Ruth! Jene sollte in ihrer Seele kein reicheres Leben haben, als sie es gehabt! Die Frau hörte, daß Jemand fortging — durch den Garten schritt; sie stand am Fenster — sie sah ihn. Kalt und Hönisch. „Alfred soll nicht der Betrogene sein und Ruth nicht anders leben, als ich ge­lebt habe", dachte sie noch einmal, Dann suchte sie ihr Lager auf. Sie ruhte füll im Bett und hatte die Auge:: geschlossen. Lange schien es, als schlafe sie. Aber es dränge:: einzelne Tropfen durch ihre Wimpern und rannen salzig über ihre Wangen und schneller flössen sie und reichlicher, bis Marie Hartmann sich jäh herumwarf und ihr Angesicht in das Kissen barg und schluchzte, wie Wohl eine junge leidenschaftliche Frau weint.

Es war noch früh am Morgen, als Mimi von der Mutter aus dem Schlaf gerüttelt ward, und mit Entsetzen sah das junge Mädchen in die nervösen, bleichen, ge­alterten Züge der Mrllter. „Um Gottes willen, Mama, bist Du krank?" „Nein", sagte sie hart, „ich bin ganz wohl. Steh' rasch auf, gehe zu Bevers und bitte Beide, herzukommen, noch ehe Rudolf ins Comptoir geht. Sage, daß ich Wichtiges mit ihnen zu reden hätte, ehe Alfred heimkommt; wir erwarten ihn gegen Mittag." Mimi kleidete sich schnell an, es war etwas in dem Gesicht der Mutter, das selbst die Neugier im Zaun hielt und in bange Scheu verwandelte.

(Fortsetzung folgt.)

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