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nachsterschemenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ' " M 8
|t<>. 15. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Freitag» den 10. Januar.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
ISO».
Morgen -Ausgabe.
Frankreich im Jahre 1901.
II.
Unser Pariser w-Korrespondent schreibt uns:
Die Kolonisationsthätigkeit der Franzosen war im vergangenen Jahre wie auch in den srüheren von nur recht schwachen Erfolgen begleitet gewesen, ja theilweise gab es sogar Mißerfolge, welche das Ansehen der Republik in den Kolonieen auf das Schwerste schädigten. Die Härte und Willkür des General-Gouverneurs von Indo-China, Doumer, regte die Eingeborenen in hohem Grade auf und wenn es nicht zu blutigen Aufständen wie in Algerien kam, so war dies hauptsächlich dem friedfertigen Sinne der Eingeborenen zuzufchreiben. Alan sollte doch annehmen, daß es die Fraitzoseir in den langen Jahren ihres Besitzes von Algerien fertig gebracht haben müßten, sich die Einwohner desLandes geneigt zu machen. Aber weit gefehlt. Die Bevölkerung, welche an die größte Freiheit gewöhnt ist, läßt sich durch strenge, diese einschränkende Gesetze nicht zügeln, und da der Islam die Christen immer als seine größten Feinde zu betrachten gewohnt ist, so läßt sich der Widerstand gegen die Maßnahmen der Regierung nur zu leicht verstehen. Den größten Fehler, welchen die Franzosen aber bei ihrer Thütig- keit in den Kolonieen begangen, besteht darin, daß sie die Eingeborenen durch Gesetze regieren wollen, die wohl für ein kultivirtes, aber nicht für ein der Kultur zu erschließendes Land berechnet sind. Der blutige Aufstand in Margueritte öffnete den in Vorurtheilen befangenen Franzosen die Augen in etwas unliebsamer Weise und nun erhob sich in der Kammer ein viertägiger Sturm, durch welchen das Regime des damaligen General-Gouverneurs von Algerien, Jonnart, in das rechte Licht gerückt wurde. Die Regierung hatte den Vertheidigern der Eingeborenen gegenüber einen schweren Stand und es bedurfte der ganzen Geschicklichkeit Waldeck-Rousseaus, >nn die Sache auf ungefährliche Weise aus der Welt zu schassen. Ilm ein erträglicheres Einvernehmen mit den Eingeborene!: herbeizuführen, kain man zu dem sehr richtige,: Resultat, diese mehr in den Verwaltungsdienst hinüberzuziehen. Wenn diese ihre Landsleute auch naturgeinäß so viel als möglich einer hohe,: Besteuerung zu entziehen suchen werden, so ist der dadurch angerichtete Schaden doch immer nicht so groß, als wenn kostspielige 'Garnisonen zur Unterdrückung der Bevölkerung unterhalten werden müssen. Ob sich die Lage in Algerien unter den: Nachfolger Jonnarts, dem srüheren Minister in Tanger, Rövoil, günstiger gestalten wird, muß abgewartet werden, die Hoffnung darauf ist nach den bisherigen Maßnahmen nur recht schwach.
Wenn man den Franzosen ein Kompliment machen möchte, so wäre dies wohl in der Verfolgung ihrer afrikanischen Äusdehnungspolitik angebracht. Das zielbewusste Vorgehen Frankreichs in Nord-Afrika läßt aus einen
festen Plan schließen, der wohl dahin geht, Marokko in die Tasche zu stecken. Trotzdem besonders England, ferner Italien, Spanien, und auch Deutschland dort Interessen zu vertreten haben, so läßt Frankreich sich doch hierdurch nicht abschrecken. Das Liebärigeln mit Italien hat seinen triftigen Grund und nach den bisherigen Erfolgen, welche die französische Politik jenseits der Alpen davongetragen, darf eine Einigung der beiden Mächte in dieser Frage als nicht so schwer angesehen werden. Das Liebeswerben John Bulls um die Gunst Italiens ist bisher ohne Erfolg geblieben und es ist offenkundig, daß die beiden Schwesternationen mehr zu einander Hinneigen. Mit Spanien glaubt man hier leicht fertig zu lverüen, wäh- rendDeutschlands Interessen, die sich hauptsächlich auf den Handel beziehe», später von sranzösischerSeite das weiteste Entgegenkommen finden sollen. So wäre denn Alles in schönster Ordnung bis auf den Erbfeind; daß dieser sich die Meerenge sichern will, weiß man hier so gut wie anderswo, und das ist eben der wunde Punkt. An eine gütliche Einigung mit England glaubt man hier nicht, weshalb Marokkos wegen eines Tages wohl die Waffen sprechen werden.
Die Verhältnisse in Madagaskar liegen für Frankreich noch am günstigsten. Ist die Ausfuhr wegen des Mangels einer ausgedehnten Industrie auch nur eine recht bescheideire, so ist doch die fast ganz in französischen Händen ruhende Einfuhr eine recht bedeutende geworden; sie nimmt von Jahr zu Jahr größere Dimensionen an, was Zeugniß von der Kaufkraft des Landes ablegt. Wenn Frankreich dort wirkliche Erfolge zu verzeichnen hat, so kann es diesen Umstand in erster Reihe dem Gouverneur, General Galliöni, danken, welcher unermüdlich thätig ist, den Wohlstand des Landes zu heben. Es ist als ein Glück zu betrachten, daß Gaftidni.nicht nur,Soldat ist, sondern einen offenen Blick für die Bedürfnisse des Landes besitzt. Sein Bestreben geht dahin, Handwerker und kleine Industrielle aus dem Mutterlands herbeizuziehen und der fremden Konkurrenz durch hohe Einfuhrzölle die Ader zu unterbinden. Daher rührt denn auch der geringe englische Einfluß, welcher sich nur auf dem Stoffmarkt in leichten Geweben bemerkbar macht.
Was die äußere Politik Frankreichs während des letzten Jahres betrifft, .so ist auch hier mancher Fortschritt zu verzeichnen, und es ist nur 31 t bedauern, daß sich die Verhältnisse 3 » Deutschland nicht in dein Maße gebessert, daß hier von einem thatsächlichen Fortschritt gesprochen werden kann. Die gegenseitige!: Höflichkeitsbezeigungen dürfen als nichts Weiteres, als was sie in der That nur waren, betrachtet werden. An Ausfällen der französischen Presse gegen Deutschland hat es nicht gefehlt, und ivenn sich selbst Blätter wie der „Temps", „Matin" und das „Journal des Dpbats" daran betheiligten, so giebt dies zu denken. Das Verhältniß der beiden Länder zu einander ist dasselbe höflich-kühle wie früher geblieben, und wenn Frankreich an sich hält, so wird es hierzu von der geheimen Furcht eines Bündnisses zwischen England und Deutschland bewogen. Die französischen Politiker, welche einer Trippel-Allianz Rußland, Frankreich, England das
Wort redeten, haben mit ihrer Idee kläglich Schiffbruch gelitten, da sie in nicht mißzuverstehender Weise auf die Gegensätze zwischen Rußland und England im Orient und namentlich in: äußersten Osten aufmerksam gemacht wurden, ohne die sich kreuzenden Interessen Frankreichs mit England zu erwähnen. Wenn die Verbrüderungsbe- strebungen mit Italien auch nicht den gehofften Erfolg gefunden, so ist doch eine größere Annäherung nicht zu leugnen. Was für Frankreich aber von größtem' Interesse auf dem Gebiete der äußeren Politik blieb, war sein Verhältniß zu Rußland. Werfen toir einen Blick auf die letzten Jahre, so fällt es auf, daß jedes Ministerium, welcher Parteirichtung es auch immer angehören mochte, einen Anschluß an Rußland zu erreichen suchte. Als der große Wurf glücklich gelungen, glaubte Frankreich die Zeit der Abrechnung mit Deutschland gekommen. In St. Petersburg blieb man taub. Dies war die erste Enttäuschung und Jahr für Jahr fügte dieser ersten neue hinzu. Die kleberzeugung mußte sich endlich in Frankreich Bahn brechen, daß dieses Bündnitz nur geschlossen sei, um ein Gleichgewicht zu dem Dreibunds zu bilden, und damit mußte man sich mdlich zufrieden geben. Es ist bereits so oft untersucht worden, ob eine Verbindung mit Rußland für Frankreich überhaupt vortheilhast war, daß ich darauf wohl nicht von Neilem einzugehen brauche. Im vergangenen Jahre lebten die Hoffnungen hier wieder auf, daß Rußland seine mächtige Stimme zu Gunsten der Rep:chlik in den orientalischen Fragen, weger: Marokko's und Neu-Fundland, ja sogar wegen Egyptens erheben würde. Vergebens! Nicksts erfüllte sich. Um seine Bundesgenossen nur bei guter Laune zu erhalten und seinem Lande günstige Anleihen zu sichern, unternahm der Czar seine denkwürdige Reise. Einen wirklichen Nutzen wird Frankreich aus dieser Verbindung schwerlich jemals haben. Durch das demonstrative Vor- gehei: gegen die Türkei aber hat sich Frankreich eine neue Thür verschlossen, was auf den Handel, nach dem Orient noch lähmender einwirken wird, als dies bereits in den letzten Jahren der Fall war. So überaus glücklich hat sich DelcasM Hand in mancher Beziehung nicht erwiesen.
Die PersorzW der inahtiurn Wim.
Vor wenigen Wochen ging durch die deutsche Presse die Nachricht, daß in jüngster Zeit zur Versorgung inaktiver Offiziere eine Reche neuer, sehr geeigneter Civil- stellen geschaffen sei. Diese irreführende Mittheilrmg wurde sogar von ausländischen Blättern, so von dem in der österreichisch - ungarischen Armee vielgclesenen „Armeeblatt" vertrauensvoll übeimommen. Zur Aufklärung weitester Kreise, besonders meiner nothteidendei: Kameraden, möchte ich, so schreibt ein pensionirter Offizier, Herr W. Stavenhagen in der „Franks. Ztg.", zunächst feststellen, daß es sich um nichts anderes handelt, als um einige subalterne; Stellen, besonders im Eisenbahndienst, die bereits unter dem 25. März (!) v. I. in dm: bekannten „Nachrichten" des Kriegsministeriums ver-
Leuillelon.
Sarüou über seine Inscenirnngskunst.
Eine Frage, die für die Entwickelung des niodernen Theaters von allgemeinem Interesse ist, behandelt Vic- torien Sardou in einem Artikel, der in: „Gaulois" veröffentlicht wird. Man hat in der letzten Zeit öfter gegen die immer stärker werdende Sucht, in: Theater durch verschwenderische Prachtausstattungen zu wirken, schwere Bedenken erhoben, weil sie die Aufmerksamkeit' von den: geistigen Gehalt des Dramas ablenke, und Sardou hat solche Vorwürfe besonders oft zu hören bekommen. Er nimmt in dein erwähnten Artikel, der die Ueberschrist „Wie ich die Jmscenirung verstehe" trägt, diese Angriffe ans und vertheidigt sich in seiner temperamentvollen Art. Er geht dabei aus von Bemerkungen,, die der unlängst verstorbene Kriffker Fouquier am Tage nach der Erstaufführung der „Thdodora", von der in Paris jetzt so viel die Rede ist, gemacht hatte. „Wir sind", schrieb Fouquier, „ein halbes Dutzend Eigensinnige in der Pariser Kritik, die seit Jahren gegen das Uebermaß der Jnscenirung protestiren und wie die Prediger in der Wüste wieder- > holen: Das eine wird das andere tödten. Das eine ist das Bild, die Dekorationen fürs Auge! . . . Das andere die Leidenschaft, die Charaktere, die Situationen, die Poesie" . . . „Wenn Fouquier und seine Freunde", wirft nun Sardou ein, „nur gegen das Uebermaß protesfiren, dort, ivo die Ausstattung nur für die Augen, wo Leidenschaft, Charaktere, Handlung, Alles ihr geopfert ist! ... er hätte hundert Mal Recht. Ist das aber der Fall mit meinem Stück? Ist die Ausstattung nur für das Auge? Richtet sie sich durch die Wiederherstellung einer geschichtlichen, fernen, vergessenen, fast unbekannten
Zeit nicht auch an dm Geist? Habe ich etwa der Schönheit der Jnscenirung das Interesse meines Dramas geopfert? Und kann man ihm das beabsichtigte Fehlen von Charakteren, Leidensämstei: und tragischen Situationen voriverfen? . . ." Nachdem Sardou aus die Alten hingewiesen hat, die alle Hülfsmittel der Jnscenirung in Anspruch genonnnen hätten, fährt er fort: „Der Rahmei: darf das Gemälde nicht erdrücken, aber wenn er sich mit ihm in tveisem Maße vereint, verleiht er ihm mehr Werth. Alle Künste unterstützen sich gegenseitig, und in geschickter Vereinigung schaden sie sich nicht nur, sondern stärken einander. Wenn der Dramatiker, der sich an die so verwickelte Arbeit des historischen Schauspiels wagt, so treu wie möglich die Thatsächen, Charaktere und Sitten der Vergangenheit, die er auflebei: läßt, wieder herstellt, wenn er in den: Kampf der Charaktere und den: Spiel der Leidenschaften alle dramatischen Situationeil gesucht hat, die der Gegenstand ihn: zuzulasscn scheint, und sein ganzes inneres Gefühl, das ihm zu Gebote stehende Talent hineingelegt hat, wenn er seine doppelte Aufgabe als Geschichtschreiber und Dramatiker beendet hat, warum sollte er sich dann nicht bemühen, sein Werk dadurch zu vollenden, daß er auch das Milieu, in dem die Handlung sich bewegt, sich wieder herstellt? Wenn die Logik meiner Fabel in Uebereinstimmung mit der Geschichte mich vor die kaiserliche Loge führt, die die Empörung des Jahres 532 ausbrechen jach warum soll ich sie dann nicht so genau darstellen, wie die verfügbaren Dokumerlle es erlariben? Ist denn diese Wirkung eines Schriftstellers unwürdig? Warum soll man sich nicht bemühen, gena:: zu sein, nachdem ma:: bestrebt war, wahr zu sein? Wird die Genauigkeit des Milieus der Strenge der Charaktere schaden? Ist Justinian weniger feige, bigott und grausam, iveni: er sich in echt byzantinischer Ausstattung bewegt? Ist Theodora weniger leidenschaft
lich und energisch, wenn sie sich in Uebereinstimmung mit ihren Sitten und ihrer Stellung kleidet? Ist es nicht in: Gegentheil offen, daß die Charaktere in ihrem natürlichen Milieu mehr Relief haben, daß die Handlung wahrscheinlicher, die Illusion lebhafter und infolgedessen das Jitteresse größer ist? Ich sehe nur, daß das Drama dabei gewinnt, ilicht verliert. Fouquier beklagt sich, in der Wüste zi: predigen. Natürlich — er will gegen die allgemeine Empfindung ankämpfen. Dieser Appell an alle Hülfsquellen der dekorativen Kunst zur genauen Wiederherstellung der Dinge von ehemals ivar unver- meidlich ::nd mußte sich n: einem Zeitalter aufdrängen, ii: dem alle inenschlichen Kenntnisse ihre wissenschaftliche Entwickelung erfahren. Auch das historische Drama muß diesen: Gesetz gehorche::, und ebenso wie es nicht mehr das Recht hat. Alles zu verkennen, was die modernen Untersuchungen und Neues über die großen Theten und Charaktere der Geschichte enthüllt haben, ist es ihm nicht mehr erlaubt, zu verachten, was die Archäologie uns an Dokumenten über die Oertlichkeiten, Gebäude, Kostüme und Sitten liefert . . . Mag auch diese der Vergangen heit Sie' und einige dramatische Puritaner kalt lassen, die von alten klassischen Vorurtheilen zu sehr voreingenommen sind. Aber verleidet es den andern nicht. Ihr seid nicht allein im Theater. "Es giebt Künstler, die diese dekorative Anmuth, zu der die Malerei, der Gesang, die Musik, alle Künste beitragen, zu würdigen wissen, und die sie für das Drama nicht schädlich oder überflüssig halten. Für diese arbeite ich . . . Ein Milchbart in meinem Stück, Euphratas, dem gegenüber man be- merkt, daß die Gegenwart von Frauen einen Zuschauerraum verschönere, ruft verächtlich: „Bah! Die
Frauen!... Man wird auch ohne sie fertig!" Er wird .ohne sie fertig! . . . Aber nicht die andern."
